Recht auf Dummheit?

Lüneburg, 9. Februar 2018

Der Leuphana-Professor hat sich intensiv mit den Verbrechen der 110. Infanterie-Diviion beschäfgt, Ausstellung kuratiert.

Der Leuphana-Professor hat sich intensiv mit den Verbrechen der 110. Infanterie-Diviion beschäfgt, Ausstellung kuratiert.

Täuschen, wegschauen, verschweigen – das hat dazu geführt, dass die Kriegsverbrechen der 110. Infanterie-Division so lange in Lüneburg unbeachtet blieben, kritisiert Prof. Dr. Ulf Wuggenig von der Leuphana in seinem Blog-Beitrag vor dem Hintergrund der Video-Affäre des Bürgermeisters Scharf und der Gedenkkultur-Diskussion. Und Wuggenig holt auch kräftig gegen die Presse aus. 

„In Zusammenhang mit dem Kriegsverbrechen von Ozarichi 1944 ebenso wie der Entgleisung von Bürgermeister Dr. Scharf sind nicht nur die Tatbestände als solche von Interesse, sondern auch der spätere Umgang mit ihnen. Wie war es möglich, dass eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht an Zivilisten in Lüneburg trotz Beteiligung der hier 1940 aufgestellten 110. ID über so lange Zeit nahezu unbeachtet bleiben konnte?

Die Antworten wird man u.a. bei gelungenen Täuschungsmanövern des Veteranenverbandes, Versäumnissen der lokalen historischen Forschung sowie nicht zuletzt des lokalen Journalismus suchen müssen. Das journalistische Desinteresse blieb auch noch erhalten, als ab 2014 diese Verstrickung aus Kreisen der Zivilgesellschaft offengelegt wurde. Ab 2017 sorgten dann drei forschungsbasierte Ausstellungen zum Thema an der Universität („Hinterbühne I – III“) sowie eine Reihe von Vorträgen in der Stadt und in Hamburg über eine etwas breitere Wahrnehmung.

Allerdings wurden diese Ausstellungen nicht in der Presse besprochen. Erwähnenswert ist zudem, dass weder die Presse noch die Stadt auf ausdrückliche Einladungen zu öffentlichen Diskussionen dieses Themas mit u.a. den Historikern Prof. Dr. Rass von der Uni Osnabrück, Mitglied der Historischen Kommission Niedersachsen und Bremen, Dr. Aliaksandr Dalhouski von der Geschichtswerkstatt Minsk und Prof. Dr. Carlos Seidel (Uni Marburg), zugleich PEN Generalsekretär, an der Universität Vertreter entsenden konnten oder wollten. Zudem blieben insgesamt fünf Versuche, über Verhüllungen und Überklebungen des von der Stadt 1960 innerhalb ihrer Mauern in Obhut genommenen Ehrenmals für die 110. ID auf die Verdrängung dieses Massakers aufmerksam zu machen, ohne jegliche öffentliche mediale Resonanz.

Nachrichtenwert ergab sich erst über den Internethype des rechtsextremen Bloggers Nerling. Bei dem Versuch, kritische Aufmerksamkeit auf die sechste Intervention an dem bisweilen mit einem Grabmal verwechselten Wehrmachtsehrenmal bei seinen am rechten politischen Rand angesiedelten Bewunderern zu lenken, war er auf einen ebenso gesprächigen, wie in krasser Weise aus seiner Rolle fallenden Lüneburger Bürgermeister gestoßen. Mit der gewählten Pose des Biedermannes und der Ansprache seines Anhangs in einer Art kindgerechten Weise, erreichte der schreckliche Vereinfacher Nerling für das berüchtigte Bürgermeister-Interview nicht weniger als mittlerweile rd. 30 Tausend Aufrufe. Für die Agitation gegen das „System“ stellte der Blogger seit Januar nicht weniger als acht Videos her, die sich allesamt auf Lüneburg beziehen, u.a. auf den Bürgermeister und seine Kritiker, die Ratssitzung vom 1. Februar und den Libeskind Bau, für den die Aufrufe ihren Gipfel erzielten.

Die Gesamtzahl der Aufrufe dieser im Netz dauerhaft überlebenden Videos beläuft sich bereits auf rd. 180 Tausend. Die damit einhergehende Imagebildung haben Stadt und Bürger der verspäteten Reaktion ihres Bürgermeisters bzw. ihrer administrativen Führung zu verdanken. Diese nicht nachvollziehbaren Verzögerungen ermöglichten nicht nur den mehrwöchigen Aufbau des Bürgermeisters zu einem Kulturhelden des rechten Randes. Darüber hinaus konnte sich eine Blase von Diffamierungen und Gewaltandrohungen gegenüber Kritikern des aus der Rolle gefallenen Bürgermeisters herausbilden. Es bleibt zu hoffen, dass die Stadt solche Effekte für einen Teil ihrer Bürger – mangels Vertrautheit mit Gesetzmäßigkeiten der digitalen Welt – übersehen und nicht bewusst in Kauf genommen hat. Die Androhung von Gewalt“, schrieb Friedensforscher Galtung (1993) in einer berühmt gewordenen Definition von kultureller Gewalt, „ist ebenfalls Gewalt.“

Die überaus starke Zustimmung, welche der „tapfere Bürgermeister“ am rechten Rand erfuhr, hält auch nach dessen Erklärung vom 1. Februar an, wie im Kommentarbereich dieser Videos und an der sehr geringen Zahl negativer Clicks erkennbar. Unter der Regie des Bloggers Nerling wird der Bürgermeister als Person wahrgenommen, die sich „Systemdruck“ beugen musste, weniger als opportunistische Figur, welcher das Rückgrat fehlt.

Journalist Kai Biermann brachte kürzlich Mark Twains Gedanken vom „Recht auf Dummheit“ ins Spiel (im Blog.jj). Die Nutzung dieses „Rechts“ schrieb er sowohl dem Bürgermeister zu, als auch jener Mehrheit des Rates, die sich gegen den Rücktrittsantrag entschied: „Herr Dr. Scharf hat es am 2. Januar bis an die Grenzen der Belastbarkeit genutzt (…). Und zwanzig Mitglieder des Rates der Hansestadt Lüneburg haben dieses Recht auf Dummheit vor den Augen der ganzen Welt während der Sitzung am Spätnachmittag des 1. Februar ebenfalls in Anspruch genommen (…).“

Aus wissenschaftlicher Sicht könnte man mit Max Weber auch von „nicht rational bedingtem Handeln“ sprechen. Rational ist ein Handeln, das unabhängig von negativen Folgen planvoll an bestimmten Werten festhält. Oder aber eines, das neben Zwecken auch mittel- und langfristige Folgen bzw. Nebenfolgen von Entscheidungen bedenkt. Der ex-Botschafter in Minsk, Dr. Gebhardt Weiss, hat auf solche zu erwartenden (Neben)Folgen in der überregionalen Wahrnehmung bzw. in den Außenbeziehungen verwiesen.

Ein Testfall wird sich ergeben, wenn – wie schon 2017 – Überlebende des Massakers von Ozarichi im Jahre 2018 der Hansestadt erscheinen, eingeladen erneut von Vertretern der Zivilgesellschaft. Ein weiterer, wenn an der Leuphana Universität im Herbst die seit Mitte 2017 geplante große Ausstellung über Malyj Trostenez eröffnet. In diesem auf dem heutigen Stadtgebiet von Minsk gelegenen ehemals größten Vernichtungslager auf dem Gebiet der Sowjetunion, in dessen Nähe die 110. ID ihr Ende fand, wurden auch Lüneburger Bürger jüdischen Glaubens ermordet.

Es ist ernsthaft nicht vorstellbar, dass Bürgermeister Dr. Scharf zu den Begrüßungsrednern zählen oder nochmals einen Empfang von Ozarichi-Überlebenden übernehmen könnte. Bereits die Versöhnungsgeste, die er als Repräsentant der Täterseite beim Empfang im Rathaus vom 11. August beanspruchte, beruhte auf irrealen und irrationalen Voraussetzungen. Und in der Erklärung im Rat vom 1. Februar erfolgte wider Erwarten lediglich eine pauschale Entschuldigung für das Fehlverhalten. Auch im Anschluss kam es nicht zu einem auch individuellen Entschuldigungsversuch, wie u.a. von der Vertreterin des Dekanats Kulturwissenschaften, der Philosophin und ehemaligen Prodekanin Dr. Hobuss beim Empfang im Rathaus schriftlich erbeten und gefordert, was ich deshalb erneut ausdrücklich in meiner Funktion als Dekan beanstande. Die „sechs Damen aus Ozarichi“, denen der Bürgermeister fiktive Aussagen in den Mund gelegt hatte, wurden erst gar nicht in die „Entschuldigung“ einbezogen. Den geschichtsrevisionistischen Rehabilitierungsversuch der Wehrmacht – die kontrafaktische Attribution der Kriegsverbrechen auf „Freiwillige“ – nahm er nicht ausdrücklich zurück. Auch eine Anwendung des Hausrechts auf Ausschluss auf den bei der Ratssitzung anwesenden rechtsextremen Blogger im Sinne einer eindeutigen symbolischen Distanzierung erfolgte nicht.

Aus all diesen und noch weiteren Gründen bleibt nur die Hoffnung, dass Herr Dr. Scharf sich entschließt, das Amt der Repräsentation der Hanse- und Universitätsstadt Lüneburg und sein eigenes Ansehen als Person nicht weiter zu belasten und sich aus freien Stücken für einen Rücktritt entscheidet. Man vergleiche, was der verstorbene CDU Politiker Dr. Philipp Jenninger im November 1988 sagte und was ihn damals veranlasste, bereits einen Tag nach seinem „mißglückten Gedenken“ zurück zu treten, mit den Ausführungen von CDU Politiker Dr. Scharf am 11. August 2017 und am 2. Januar 2018. Liegen den eklatanten Divergenzen in den Sprechakten wie in ihren Konsequenzen tatsächlich lediglich Differenzen zwischen Zentrum und Provinz zugrunde?“

Prof. (apl.) Dr. Ulf Wuggenig

Dekan der Fakultät Kulturwissenschaften

Lüneburg 9.2.2018

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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37 Antworten zu Recht auf Dummheit?

  1. Marcel Feldmann schreibt:

    Sehr geehrter Herr Professor Wuggenig,

    darf ich noch mit einer Antwort von Ihnen rechnen? Oder gilt auch für den Scharf-Skandal und seine deprimierenden, viele lokal prominente Lüneburger Bekenntnis- und Betroffenheitsschwätzer aufs Peinlichste demaskierenden Begleitumstände: aus den Augen, aus dem Sinn?

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  2. Marcel Feldmann schreibt:

    Puuuhhhh, sehr geehrter Herr Professor Wuggenig,

    ich habe probiert, aus dem sehr langen und (nach meinem Empfinden) sehr umständlichen Schreiben von Prof. Dr. Cheryce von Xylander an Herrn Prof. Dr. Andreas Janowitz schlau zu werden, – aber, offen gestanden, es ist mir nicht gelungen. Meine Vermutung lautet: Frau Prof. von Xylander geht es darum, so etwas wie eine „Dialektik“ oder eine „Verschlingung von Mythos und Aufklärung“ (Habermas) in (oder verursacht aufgrund) der digitalen Sphäre zu skizzieren, die uns alle umschließt, gleichgültig ob wir das nun wahrhaben möchten oder nicht. Auch Horkheimer und Adorno meinten ja Anfang der 40er Jahre, einen Aufschwung der Mythologie bzw. die „Rückkehr der aufgeklärten Zivilisation zur Barbarei in der Wirklichkeit“ zu beobachten, welches beides sich in ihrer damals gegenwärtigen Gesellschaft auf vielfältige Weise manifestiert habe. Der Unterschied: Waren vor knapp achtzig Jahren „kapitalistische“ Imperative bestimmend, scheinen es heute eher „informationskapitalistische“ zu sein.

    Den Text von Frau Prof. von Xylander habe ich ein wenig entschlackt und auf neunzehn diesen nach meinem Dafürhalten ausmachende Thesen reduziert. Was mir nun noch fehlt, ist eine Synthese, ein plausibler argumentativer Zusammenhang: „Was wollte die Autorin uns sagen?“ Wissen Sie, was ein „Elevator Pitch“ ist, Herr Professor Wuggenig? Das ist die 30-Sekunden-Story, die Sie Ihrem CEO erzählen müssen, wenn Sie das Glück haben, ihn frühmorgens im Aufzug zu treffen und ihn, bevor er die Kabine wieder verlässt, für sich und Ihr Projekt einnehmen zu können, auf dass er Sie zu sich in den 75. Stock befördere und Ihnen ermögliche, fortan rahmengenähte Cordovan Oxfords aus der St. James’s Street in London zu tragen.

    Ich bin natürlich nicht Ihr CEO. Ich bin nur Ihr Leser. Aber darf ich Sie trotzdem bitten, mir (und all den anderen stillen, aber gewiss interessierten Blog-Liebhabern) aus der Not zu helfen und in fünf knappen Sätzen den Kern der Überlegung von Frau Prof.von Xylander für uns zu resümieren?

    Hier, wie ich glaube, das Gerüst der von Xylanderschen Ausführungen:

    a) Debatten über politische Verantwortung haben Bedeutung über lokale Grenzen hinaus.

    b) Die öffentliche Sphäre wird durch die digitale Transformation zunehmend verzerrt.

    c) Der „Schachtürke“ von 1769, obgleich ein Betrug, ist ein frühes Sinnbild einer „denkenden“ Maschine (künstlicher „Intelligenz“).

    d) Digitalisierung verändert die Bedingungen des Menschseins (erweitert die materiellen Möglichkeiten und limitiert die assoziativen Fähigkeiten unseres Geistes).

    e) Digitalisierung fördert falsche essentialistische Vorstellungen von Vernunft (Aber Vernunft ist kein erreichbarer Zustand, sondern immer nur Ergebnis eines Prozesses methodischen Aushandelns).

    f) Das Internet ist letztlich der „Schachtürke“ in globalem Maßstab (eine Maschine, durch die Menschen interagieren).

    g) Die aller Aufklärung innewohnende Spannung von theoretischen Unendlichkeiten und praktischer Endlichkeit kehrt in der digitalen Dimension wieder.

    h) Die Maschine schaltet sich in das zerbrechliche Gleichgewicht von unendlichen Zielen und endlichen Mitteln ein.

    i) Die Wirkmächtigkeit von automatisierter, bot-basierter online Hetz- und Schmährede ist eine unbestreitbare Tatsache.

    j) Mangelhaftes historisches Wissen durch maschinengesteuerte Desinformation zu erklären, führt aber in eine Sackgasse.

    k) Das Internet gibt jedem die Möglichkeit, Falschinformationen in schwindelerregendem Umfang zu streuen

    l) Aussagen die nicht opportun sind, werden im Netz oft kurzerhand als bösartiges Geschwätz von chat-bots abgetan, die von feindlichen Kräften gesteuert werden.

    m) Das Ergebnis ist offensichtlich: – Nicht wir sind das Problem, sondern die Bots.

    n) Dieses Argument zeigt das Ausmaß, in welchem die Aushöhlung des zivilgesellschaftlichen Diskurses bereits vorangeschritten ist. Technische Neuerungen dienen als Entschuldigung dafür, zurechenbare Verantwortlichkeit zu verwischen.

    o) Vernunft ist zwar keine Essenz, aber die unverzichtbare regulative Idee eines allen gemeinsamen und nur gemeinsam erreichbaren Bezugspunktes von Wissen und Wahrheit, ein gemeinsames Kapital, das vor dem Auszehren geschützt werden muss.

    p) Der „Schachtürke“ verkörperte das Unheimliche der aufklärerischen Denkmaschine. Orientalischen Flüchtlingen der Gegenwart geht es nicht anders: Im Grunde genommen werden Sie als Roboter wahrgenommen, die den Rest von uns „robotisieren“ (ihnen anverwandeln) möchten.

    q) Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen der vermeintlichen migrantischen Bedrohung und der Idee, dass gute Bürger von Bots manipuliert bzw. hinters Licht geführt werden.

    r) Das Ineinssetzen von Bots und „Fremden“ besagt letztlich: Es sind geistlose (nichtmenschliche) Akteure, welche die Schuld für mein anwachsendes (von mir gerne generalisiertes und „dem Volk“ insgesamt unterstelltes) Unbehagen tragen.

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    • Andreas Janowitz schreibt:

      Nur um das klar zu stellen: ich führe keine solchen Arbeitstitel. Als Bürger führe ich nur diesen einen. Ich echauffiere mich darüber, das sog. besorgte Bürger ebendiesen in den Dreck ziehen in dem Sie im eigentlichen Sinne nur ihre beschränkte grossmäulig vorgetragene Art anderen und damit auch mir aufnötigen. Sie erfinden unmündig, um diesen Faden aufzunehemen, Sündenböcke für ihre eigenen oft selbstverschuldeten Unzulänglichkeiten.

      Ich hatte im Übrigen nicht die Absicht bots als „Sündenböcke“ und damit endliche Lösung anzubieten. Sie sind mögliche unbekannte (vernachlässigte?) Variablen – etwa wie der Spieler im Automaten ihres Beispiels. Der „Kulturschock“ des Internets zeichnet sich doch dadurch aus, das jede noch so marginalisierte Meinung im globalen Massstab einen Markt findet. Was ich allerdings nicht als Bedrohung an sich empfinde, sondern eher als Chance. Eine Chance endlich die selbstverschuldete Unmündigkeit hinter sich zu lassen.
      Ich glaube das beinhaltet allerdings das Blendwerk der Arbeitstitel ebenso hinter sich zu lassen…

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    • jj schreibt:

      Cheryce von Xylander

      Antwort an Marcel Feldmann
      auf Ausführungen bzw. Fragen vom 21. 2. 2018

      kommentar zur rationalen rekonstruktion des essays „blame it on the bots!“

      sehr geehrter herr feldmann,

      sie haben sich die mühe gemacht, die kernthesen meines essays herauszuarbeiten. das finde ich hinreissend und für diese persönliche anteilnahme möchte ich ihnen von herzen danken. zum einen freue ich mich, dass sie mir einblick gegeben haben in ihre auslegung des textes. dies erlaubt mir einige punkte zu verdeutlichen, die in der kürze des essays nur anklingen konnten. es wird nicht nur ihnen so vorgekommen sein, dass der text für einen (informellen) blog-dialog ungewöhnlich förmlich gefasst ist. der schreibduktus hat betont idiosynkratischen charakter: er unterstreicht den menschlichen anteil einer maschinell-gestützen kommunikation. sie haben das auf intuitive Weise erfasst und mit ihrer übertragung in eigene worte die menschlichen anteile auf charmante weise noch mehr hervorgehoben. obwohl sie meinen bzw. schreiben, mich nicht verstanden zu haben, bezeugt ihr handeln, dass sie die bestehende problemlage instinktiv aufgegriffen haben und treffsicher zu reagieren wussten, nach ureigener art. so soll es sein!

      zum anderen baten sie um ein elevator-pitch. mir scheint die neue, verdoppelte tweet-länge ihrer vorstellung bzw. aufforderung zu entsprechen. hier also der essay in deutlich weniger als 280 zeichen: „Der Schachtürke steht für entfremdete menschliche Arbeit, die uns unheimlich erscheint, weil sie uns als digitales Gemüt einholt und zu anderen macht, die sich selbst nicht wiedererkennen.“ (siehe Cheryce von Xylander, „Digitales Gemüt“. In: Grenzgänge in der Philosophie. Denken darstellen. Herausgegeben von Alexander Fischer und Annett Wienmeister. Münster: Mentis-Verlag, 2018, in Kürze erscheinend.)

      ich nehme nun bezug auf ihre rekonstruktion meines essays in 19 Thesen von a) bis r) und antworte weiterhin in kleinen lettern:

      Marcel Feldmann: Hier, wie ich glaube, das Gerüst der von Xylanderschen Ausführungen:

      a) Debatten über politische Verantwortung haben Bedeutung über lokale Grenzen hinaus.

      und die gleiche digitale entwicklung zeitigt ganz unterschiedliche lokale transformationen!

      b) Die öffentliche Sphäre wird durch die digitale Transformation zunehmend verzerrt.

      verzerrt? das impliziert ein authentisches, gegebenes sosein der öffentlichen sphäre, einen „normalzustand“, welcher im zerrbild verfremdet erscheint. ich denke, die öffentliche sphäre, oder das gemeinschaftlich kommunale, beruht immer auf einem aushandlungsprozess innerhalb historisch gewachsener zusammenhänge. die digitalen bedingungen des aktuellen handelns – kollektiv wie individuell – führen zu neuen konfigurationen von kommunalität, die technomorphe gestalt annehmen.
      c) Der „Schachtürke“ von 1769, obgleich ein Betrug, ist ein frühes Sinnbild einer „denkenden“ Maschine (künstlicher „Intelligenz“).

      ja — aber mehr noch ein sinnbild für das mensch-maschine verhältnis im sinne eines kognitiven hybrids verstanden, als vereinigung von analogen und digitalen problemlösungsansätzen, die ohne einander nicht mehr auszukommen vermögen.

      d) Digitalisierung verändert die Bedingungen des Menschseins (erweitert die materiellen Möglichkeiten und limitiert die assoziativen Fähigkeiten unseres Geistes).

      limitiert? wer spricht von limitierung? unsere mentalen und körperlichen fähigkeiten und potentiale werden erweitert, überspannt. die rechner kompensieren unsere angeborenen schwächen, sie sind kompetenter als ihre urheber, spielen besser schach, werden nicht müde, verlangen keinen urlaub. diese leistungssteigerung muss absorbiert werden und zwar gesamtgesellschaftlich, während sie sich als in krasser form ungleichmässig – also nach power law – verteilt erweist.

      e) Digitalisierung fördert falsche essentialistische Vorstellungen von Vernunft (Aber Vernunft ist kein erreichbarer Zustand, sondern immer nur Ergebnis eines Prozesses methodischen Aushandelns).

      ja. „essentialistisch“ nicht nur im sinne von etwas starrem, begrifflich festem, sondern auch im sinne einer engführung von denkbewegungen auf solitär-individuelle, gehirn-basierte einzelleistungen. das individuum wird zum fetisch-objekt innerhalb intelligenzgesteuerter infrastrukturen, die gar nicht individual-subjektbezogen operieren. wir haben die rechner anthropomorphisiert, zu simulatoren von einzelakteuren gemacht, um sie überhaupt noch bedienen zu können. das ist eine menschliche anpassung und verklärung, eine antiquiertheit, die der obsolenz tradierter subjektivierungsfiguren entspricht. das subjekt wird in dem masse verdinglicht wie es in der smart-vernetzen wirklichkeit als überholtes beiwerk zunehmend auf ästhetische funktionen reduziert wird.

      f) Das Internet ist letztlich der „Schachtürke“ in globalem Maßstab (eine Maschine, durch die Menschen interagieren).

      das internet ist der „schachtürke“ in globalem maßstab, nicht weil die menschen vermittels der maschine interagieren, sondern weil mensch und maschine ein integriertes system bilden. der schachtürke repräsentiert mensch und maschine zugleich. das internet stellt ein fusioniertes mensch-maschine gebilde dar – die bedingung der möglichkeit des denkens steht zunehmend auf einem fundament hybrider betriebsamkeit. verstand ist verstoffwechseltes handeln, vernunft die einsicht in den mechanismus der verinnerlichung — und wann bzw. unter welchen bedingungen dieser gedeiht.

      g) Die aller Aufklärung innewohnende Spannung von theoretischen Unendlichkeiten und praktischer Endlichkeit kehrt in der digitalen Dimension wieder.

      sie kehrt nicht nur „wieder“, sondern sie war für die entwicklung der turing maschine maßgeblich — wie ich an anderer stelle nachweise (siehe meine habilitationsschrift) — und wird durch die digitale datenverarbeitung zunehmend aufgehoben. das gefüge von endlich erfasster unendlichkeit wird rechnerisch gesprengt. es steht eine kosmologische wende an.

      h) Die Maschine schaltet sich in das zerbrechliche Gleichgewicht von unendlichen Zielen und endlichen Mitteln ein.

      ja

      i) Die Wirkmächtigkeit von automatisierter, bot-basierter online Hetz- und Schmährede ist eine unbestreitbare Tatsache.

      ja
      j) Mangelhaftes historisches Wissen durch maschinengesteuerte Desinformation zu erklären, führt aber in eine Sackgasse.

      ja
      k) Das Internet gibt jedem die Möglichkeit, Falschinformationen in schwindelerregendem Umfang zu streuen

      ja

      l) Aussagen die nicht opportun sind, werden im Netz oft kurzerhand als bösartiges Geschwätz von chat-bots abgetan, die von feindlichen Kräften gesteuert werden.

      ja
      m) Das Ergebnis ist offensichtlich: – Nicht wir sind das Problem, sondern die Bots.

      ja

      n) Dieses Argument zeigt das Ausmaß, in welchem die Aushöhlung des zivilgesellschaftlichen Diskurses bereits vorangeschritten ist. Technische Neuerungen dienen als Entschuldigung dafür, zurechenbare Verantwortlichkeit zu verwischen.

      ja

      o) Vernunft ist zwar keine Essenz, aber die unverzichtbare regulative Idee eines allen gemeinsamen und nur gemeinsam erreichbaren Bezugspunktes von Wissen und Wahrheit, ein gemeinsames Kapital, das vor dem Auszehren geschützt werden muss.

      ja, das ist eine wunderbare fomulierung!

      p) Der „Schachtürke“ verkörperte das Unheimliche der aufklärerischen Denkmaschine. Orientalischen Flüchtlingen der Gegenwart geht es nicht anders: Im Grunde genommen werden Sie als Roboter wahrgenommen, die den Rest von uns „robotisieren“ (ihnen anverwandeln) möchten.

      ja — anverwandeln ist die passende wortwahl, danke!

      q) Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen der vermeintlichen migrantischen Bedrohung und der Idee, dass gute Bürger von Bots manipuliert bzw. hinters Licht geführt werden.

      ja

      r) Das Ineinssetzen von Bots und „Fremden“ besagt letztlich: Es sind geistlose (nichtmenschliche) Akteure, welche die Schuld für mein anwachsendes (von mir gerne generalisiertes und „dem Volk“ insgesamt unterstelltes) Unbehagen tragen.

      ja! es werden sündenböcke auserkoren, die vom eigentlichen geschehen ablenken, wie die attrappen-puppe des schachtürken, während die wirtschaftlichen verwertungslogiken und technowissenschaftlich vorangetriebenen fusionierungsmechanismen (die menschen und maschinen neu konstellieren – und durchaus befremdliche, zutiefst ungemütliche veränderungen mit sich bringen) stillschweigend übergangen werden. ein zu recht empfundenes unbehagen wird der falschen ursache zugeordnet.

      Ulf Wuggenig

      Antwort an Marcel Feldmann und Kevin Schnell
      auf Ausführungen bzw. Fragen vom 21. und 22. 2. 2018

      Über lesbare und über digressive Texte

      Sehr geehrter Herr Feldmann, sehr geehrter Herr Schnell,

      ihre Kommentare zum Beitrag von Wissenschaftshistorikerin Cheryce von Xylander werfen Fragen des Stils journalistischer wie wissenschaftlicher Kommunikation auf, darüber hinaus solche, welche Differenzen von Denk- und Schreibstilen betreffen, einschließlich der Gründe für deren Diversität. Erinnern würde ich zunächst gerne daran, dass ich den Beitrag von Frau von Xylander als Essay angekündigt hatte. Dies ist ein Format, welches literarische bzw. künstlerische (z. B. Film Essay) Spielarten ebenso kennt wie journalistische (insbes. im Feuilleton) und wissenschaftliche. In Wissenschaft und Philosophie kann dieser Typus von Text zu beträchtlichem Umfang aufwachsen. Dies wird erkennbar, wenn man auf die Resonanz mancher Arbeiten blickt, welche die Bezeichnung Essay in ihrem Titel tragen. Dazu gehört etwa Erving Goffmans Rahmenanalyse

      „Frame analysis. An essay on the organization of experience“, 1974
      https://books.google.de/books/about/Frame_analysis.html?id=XBpmAAAAIAAJ&redir_esc=y

      Dieser Essay diente als theoretischer Bezugsrahmen für die militärhistorischen und militärsoziologischen Ausstellungen des Jahres 2017, organisiert vom Kunstraum der Leuphana, kuratiert von Cornelia Kastelan und Ulf Wuggenig in wissenschaftlicher Kooperation u.a. mit Militärforscher und Spezialist für das Kriegsverbrechen von Ozarichi März 1944 Christoph Rass (Uni Osnabrück). Goffmans Essay wurden begriffliche Anleihen wie „Vorder- und Hinterbühne“, „gut- vs. böswillige Täuschung“ oder auch „Fauxpas“ und „Szene“ entnommen. Dieser Bezugsrahmen erscheint ohne weiteres anwendbar auch auf den Lüneburger Bürgermeister- und Wehrmachtsskandal, zu dem die letzten Worte noch lange nicht gesprochen sind, zumal mittlerweile auch Daniel Libeskind – weder ein Lüneburger nach Kriterien des ius sanguinis, noch einer nach ius soli oder terrae – am 3. März in dieser Angelegenheit in einer für ihn als sehr unüblich zu bezeichnenden Weise in einem für ihn, der zu den Superstars des globalen Feldes der Architektur zählt, ebenfalls sehr ungewöhnlichen medialen Format wie der „lünepost“ öffentlich das Wort ergriffen hat: „Lüneburg kann und darf nicht verbergen, dass die Nazis den zweiten Weltkrieg mit einer vorsätzlichen Strategie des Völkermordes begonnen hat.“ (Daniel Libeskind, lünepost vom 3. und 4. März 2018, S. 2)

      Um noch ein weiteres Beispiel für einen ebenso ausführlichen, wie für Aspekte unseres Themas höchst einschlägigen Essay anzuführen, wäre das Hauptwerk der teils ethnologisch, teils politikwissenschaftlich ausgerichteten “Cultural Theory” von Mary Douglas und Aaron Wildavsky aus dem Jahre 1983 zu nennen:

      Risk and culture: An essay on the selection of technological and environmental dangers

      Es handelt sich dabei um eine Studie zu Fragen in Zusammenhang mit Gefahren und Risiken, inkl. solcher auf Grundlage technologischer Veränderungen, denen sich an einem anderen Beispiel – der digitalen Transformation – Cheryce von Xylander gewidmet hat.
      In diesem Essay werden, wie in zahlreichen Arbeiten der Anthropologin Mary Douglas, vier Kulturen bzw. Denkstile unterschieden, und deren Implikationen für die – jeweils spezifische – Wahrnehmung (der Wahrscheinlichkeit) von Risiken aller Art (“cultural biases” im Sinne von kulturell bedingten Voreingenommenheiten) herausgearbeitet. Dieser Zugang erlaubt es auch, u. a. entrepreuneriale, hierarchische und dissidente Denkstile, aber auch Schreib- und Präsentationsweisen, sei es wissenschaftlicher oder journalistischer Art, zu unterscheiden. Bleibt noch zu ergänzen, dass der Begriff des Essays angesichts seiner Etymologie auch die Konnotation einer „versuchsweisen“ Annährung an ein Thema aufweist.

      Cheryce von Xylander: Der klassische Essay des Humanisten Michel de Montaigne ist in seiner Formvollendung unübertroffen. Seine Reflektionen sind zirkulär aufgebaut, ohne sich zu wiederholen. Sie verhandeln wissenschaftliche Themen wie tagespolitische Ereignisse mit einer Eindringlichkeit, die bis heute aktuell erscheint, trotz der historischen Distanz. Die nachhaltige Relevanz ergibt sich aus dem gleichzeitigen Aufspüren von psychologischen, philosophischen und ästhetischen Momenten in seinen Gedankengängen. Nicht nur diese drei Themenstränge für sich allein sondern die besondere Art wie sie verwoben werden, machen seine Äußerungen so zeitlos. Die Kunst der Komposition schafft transportfähige Inhalte.

      Vor Augen hatte ich, dass der Blog.jj als Journal einen bestimmten Untertitel – oder vielleicht sogar Titel – trägt: „Politik, Gesellschaft + Kultur“. Dies interpretierte ich nicht nur als politischen Anspruch des Blogs, sondern ebenso als kulturellen, weshalb ich ein Kurzessayformat für einen Beitrag grundsätzlich durchaus passend fand.

      Der Begriff der Kultur wird allerdings bekanntlich in notorisch vieldeutiger Weise gebraucht. In der heute im deutschsprachigen Raum gängigsten Typologie (nach Andreas Reckwitz, Transformation der Kulturtheorien. Weilersvist 2006) werden an verbreiteten Gebrauchsweisen dieses Konzepts zunächst solche a) anthropologischen Typs (etwa „ganze Lebensweise“, „Lebensstil“, „Mentalität“ o.ä., inkl. essentialistischer Kulturbegriffe, die als Substitute für den delegitimierten biologistischen Begriff der Rasse fungieren) und b) bedeutungstheoretischer Art unterschieden. Letztere beinhalten etwa ein Verständnis von Kultur als „signifizierende Praxis“ (gängig von Levi-Strauss bis zu den britischen Cultural Studies), oder simpler und mit stärker idealistischer Akzentuierung auch als „einem von Menschen erzeugten Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen, der sich in Symbolsystemen materialisiert”. Hinzu kommt die dem Alltagsverständnis nähere „normative Bedeutung“ von c) Kultur im Sinne eine Vorstellung von menschlicher Perfektion, somit dem Bestem, was je gedacht, geschrieben, gemalt oder produziert wurde – also „Hochkultur“ – und somit verdient, im kulturellen Gedächtnis verankert bzw. kanonisiert zu werden. Und schließlich dem Alltagsgebrauch gleichfalls nahe d) das Verständnis von Kultur differenzierungstheoretischer Art. Letzteres hat im Anschluss etwa an Autoren wie Luhmann oder Bourdieu Teilsysteme der sozial ausdifferenzierten modernen Gesellschaft im Blick, mithin die teilweise verselbständigte Produktion, Distribution und Rezeption etwa von Kunst, Musik, Literatur, Philosophie usw., Sphären also, die auf mehr oder weniger intellektuelle bzw. ästhetische Weltaneignungen und -deutungen spezialisiert sind, somit neben Hochkultur auch Populär- bzw. Massenkultur, Kulturindustrie etc. umfassen.

      Leser und Schreiber Marcel Feldmann charakterisiert den Essay von Cheryce von Xylander als „sehr lange“, Herr Schnell wiederum als „wortreich gestreckt“ – was vor dem Hintergrund der bislang im Blog.jj üblichen Art und Länge von Kommentaren und Stellungnahmen durchaus nachvollziehbar erscheint. Außerdem wurde ihr Text als „kryptisch“ und – in weniger netter Weise – als „sehr umständlich“ charakterisiert, zudem als eine Stellungnahme, aus der man nicht recht „schlau“ geworden sei bzw. die eine „Rätselhaftigkeit“ aufweise.

      Cheryce von Xylander: Rätselhaft… das verstehe ich als grßes Lob!

      Ulf Wuggenig: Marcel Feldmann scheint sich dezidiert nicht an so etwas wie der Vorstellung eines „offenen Textes“ zu orientieren, wie man in Anspielung auf die Idee des „opera aperta“ – ein Plädoyer auch für Polysemie – von Umberto Eco formulieren könnte. Während Kevin Schnell eine auf Tweet-Länge reduzierte „Kernbotschaft“ vermisst und eine solche aus der Feder von Blog-Meister Jenckel erbat – ein Anliegen, das bislang unerfüllt blieb, folgt Martin Feldmann seinem Bedürfnis, den Kurzessay von Cheryce von Xylander „zu entschlacken“. Dabei verweist er zugleich auf ein in den USA entwickeltes Prinzip der Komplexitätsreduktion, nämlich den „Elevator pitch“. Seine Art der Aneignung des von Xylander Textes – grundsätzlich verdienstvoll, auch wenn ich den einen oder anderen wesentlichen Gesichtspunkt vermisse und man auf den Spuren der eingeschlagenen Logik auch noch hätte ein stärker axiomatisches Prinzip (mit Ableitungen) zur Anwendung bringen können – ist in der Sprache von analytischer Philosophie und Wissenschaftstheorie als „rationale Rekonstruktion“ bekannt. In diesem Zusammenhang verstrickt Martin Feldmann, der eine durchaus beachtenswerte Rekonstruktion geleistet hat, sich meines Erachtens jedoch in einen performativen Widerspruch: einerseits „Elevator pitch“-artige Knappheit zu fordern, sich selbst bei nicht weniger als 19 aneinander gereihten Thesen jedoch nicht daran zu halten.

      Da mir von seiner Seite explizit die Frage nach Vertrautheit mit dieser Kommunikationstechnik gestellt wurde, kann ich zunächst anmerken, dass ich durchaus hinreichend lange in wirtschaftswissenschaftlich geprägten Kontexten verbracht habe – als Student zunächst an der heutigen Wirtschaftsuniversität Wien, später als Habilitand am heutigen Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Erlangen-Nürnberg – um gewisse Einblicke in Denk- und Präsentationsstile des ökonomischen Feldes zu gewinnen.

      Was den „Elevator pitch“ als Kommunikations- bzw. Präsentationsstil im speziellen betrifft, gängig insbesondere in Feldern wie Investment, Consulting und Werbung, kann ich insofern auf „Praxiserfahrung“ verweisen, als ich diesem Typ von pitch gleich über mehrere Jahre im Rahmen einer Realerfahrung mit einem CEO begegnet bin. Bei dieser Person handelt es sich um den vielleicht schwärzesten aller „Schwarzen Schwäne“ (Nicholas Taleb) der Leuphana, den ehemaligen hauptberuflichen Vizepräsidenten Holm Keller, zweifelsohne ein CEO reinen, wenn auch nicht unbedingt typischen Wassers. Einerseits als Komponist bei Avantgardemusiker Wolfgang Riehm in Karlsruhe und als Theaterwissenschaftler in Wien sozialisiert, andererseits als Absolvent eines Master of Public Administration in Harvard mit ökonomischen Denkstilen vertraut gemacht und später „im Feld“ noch bei Bertelsmann und McKinsey geschult, handelte es sich bei ihm um eine künstlerisch-unternehmerische Managerfigur des „neuen Geistes des Kapitalismus“ (Boltanski / Chiapello). Er repräsentierte deshalb nicht den Typus des „(Betriebs)Wirts“, und auch nicht den des volkswirtschaftlichen Modellplatonisten, sondern vielmehr den des „Entrepreneurs“ mit einer Dosis Künstlerhabitus, der sich an „kreativer Zerstörung“ im Sinne von Schumpeter orientiert. Für diesen CEO, der für Lüneburgs bislang überaus bodenständige Universitäts-, Projekt- und auch Architekturlandschaft eine genuine Differenz herstellte, galt eine ebenso offen wie klar artikulierte Erwartung gegenüber Menschen in seinem beruflichen Umfeld: Nämlich für das, was man zu übermitteln vorhat, nicht mehr als eine Minute – die legitime zeitliche Elevator pitch Spannweite reicht de facto von 30 Sekunden bis 2 Minuten – seiner Zeit zu beanspruchen. Dabei spielte es keine Rolle, ob er es mit Studierenden, Verwaltungsangestellten, wissenschaftlichen Mitarbeitenden oder Professoren zu tun hatte.

      Verspürt man als Wissenschaftler die Neigung, sich aus freien Stücken an einem Prinzip dieser Art zu orientieren? Der wissenschaftliche Kontext, in dem ich mich bewege, unterscheidet aus gutem Grund „Schnelles und langsames Denken“, wie der Titel eines Bandes des Psychologen und Nobelpreisträgers für Wirtschaft des Jahres 2002, Daniel Kahnemann, lautet. Dieser Kontext ist zwar durchaus mit dem Zusammenhang von Intelligenz und Geschwindigkeit des Denkens vertraut, kennt jedoch auch pejorative Begriffe wie „quick and dirty“ oder solche die –
      wie „kulturelles fast food“, oder „Medienintellektuelle“ – von Pierre Bourdieu mit polemischer Absicht ins Spiel gebracht wurden.

      Bevor ich auf die im letzten Absatz aufgeworfene Frage nochmals eingehe möchte ich die Kritik von Marcel Feldmann in einem etwas anderen Bezugsrahmen betrachten, nämlich dem von Theorie und Forschung zu wissenschaftlichen Stilen. Bis in die frühen 1980er Jahre war die Neigung verbreitet, die Wissenschaftskommunikation als eine universelle Angelegenheit zu betrachten. Als solche erschien sie zwar von individuellen Idiosynkrasien geprägt, jedoch weitgehend unabhängig von Rahmungen durch kulturelle Faktoren (im anthropologischen wie differenzierungstheoretischen Sinn). Diese Sichtweise begann sich jedoch zu verändern, nachdem Johan Galtung, nach seiner mathematischen, soziologischen und politikwissenschaftlichen Phase nunmehr Kulturtheoretiker nach eingehender Befassung mit Philosophie, Theologie und Psychoanalyse, einen Beitrag zum Thema lanciert hatte welcher sich als einflussreich erweisen sollte. Als Wissenschaftler war er nicht nur dafür bekannt, dass er seine Disziplin bewusst alle 10 Jahre wechselte, um an intra-individueller Interdisziplinarität zu gewinnen, sondern auch dafür, dass sich seine wissenschaftliche Tätigkeit auf die Einbindung in Wissenschaftsinstitutionen aller vier Ecken der Welt erstreckte, ein „globaler Intellektueller“ somit, wie man aus heutiger Sicht sagen würde. Auf diese Weise war er in der Lage, reichhaltige Erfahrungen mit Diversität von Wissenschaftskulturen bzw. interkultureller Kommunikation zu sammeln. Im Jahre 1981 publizierte er jenen Essay, der einen Wandel in der Betrachtung wissenschaftlicher Kommunikation herbei führen sollte, in der Zeitschrift Social Science Information: „Structure, culture, and intellectual style: An essay comparing saxonic, teutonic, gallic and nipponic approaches“. Bereits 1983 erschien dieser Beitrag, der Wissenschaftsstile systematisch voneinander abzuheben versuchte, auch in Deutsch (Leviathan, Jg. 11, No. 3, S. 303-338). Auf idealtypische Weise wurden digressive „teutonische“ Stile , lineare „sachsonische“, zirkuläre „nipponische“ und digressiv-elegante „gallische“ unterschieden, die nicht auf Deduktionen angewiesen sind, sondern über Konnotationen der gewählten Begriffe und Eleganz der Sprache überzeugend sein möchten.

      Auf dieser Grundlage entstanden weiterführende Arbeiten (u.a. Clyne 1993, Duszak 1997, Kozłowska 2007, Lehmann 2013 und Jopkiewicz 2014), auf die ich mich im folgenden stütze, ohne sie im Einzelnen zu zitieren. Dabei zielt das von Galtung übernommene attributive Adjektiv „teutonisch“ nicht bloß auf charakteristische deutschsprachige Zugänge, sondern auch auf russische, tschechische und polnische, wenngleich der deutsche Stil aus der Sicht dieser Autoren das Paradigma in größter Reinheit verkörpert. Der lineare sachsonische Stil erscheint wiederum am reinsten durch in den USA entwickelte Muster repräsentiert. Ich klammere den nipponischen und den gallischen Stil hier aus Gründen der Notwendigkeit der Begrenzung des Rahmens aus, obwohl ich weiß, dass Cheryce von Xylander und die Tradition der Wissenschaftsgeschichte, in welche sie eingebunden ist, sich durchaus auch an Montaigne orientieren. Die beiden zuerst angeführten Idealtypen erscheinen mir für die Einordnung des Beitrags von Cheryce von Xylander und der daran geübten Kritik ausreichend, was bereits meine in diesem Zusammenhang gewonnene Einschätzung voraus ahnen lässt.

      Eine der Dimensionen dieser Unterscheidungen, die hier nicht in voller Breite entfaltet werden können, ist das Maß der Leserorientierung von Texten. Der sachsonische Stil, so das Ergebnis entsprechender stichprobenbasierter Inhalts- und Diskursanalyen, orientiert sich an Vereinfachung und ist interaktiv bzw. dialogisch. Demgegenüber erscheint der teutonische Stil als kompliziert, seine argumentative Ausführung eher verwickelt. Er zeichnet sich durch eine relativ große Häufigkeit von Nominalisierungen aus, durch den Gebrauch von Schachtelsätzen wie durch die Heranziehung von Ellipsen. Als charakteristisch für den teutonischen Stil erscheint auch „Digressivität“, womit Rückverweise, Ergänzungen, nähere Bestimmungen und Wiederholungen gemeint sind. Das Konzept der Digressivität wurde als Antwort auf die von Linguist Michael Clyne aufgeworfene Frage nach der „Vektorialität“ von Texten verstanden, als Hinweis auf die „geometrische Richtung“, in welcher sich diese fort bewegen. Während Texte deutschsprachiger Wissenschaftler_innen die Tendenz zu mehrsträngiger Argumentation aufweisen, streben englischsprachige Texte nach Linearität. Zudem enthalten Texte aus dem deutschen Sprachraum eine größere Zahl von Exkursen bzw. ‘Abweichungen‘, ein Merkmal, welches in der sachsonischen Welt vielfach negativ bewertet wird. Exkurse ermöglichen den Autor_innen zusätzliche Inhalte einzuschieben, theoretische Perspektiven einzufügen, oder auch historische Bezüge herzustellen.

      Lineare Texte, wie sie in der angel-sächsischen Wissenschaftskultur verbreitet sind, können schneller rezipiert, Informationen rascher aufgefunden werden. Eine unmittelbare Hinwendung in Richtung von Lesern Rezipienten ist leicht zu erkennen. Die Texte des sachsonischen Stils sind somit in erster Linie empfängerorientiert, die des teutonischen Stils hingegen wissens- und wahrheitsorientiert bzw. konzentrieren sich auch in stärkerem Maße auf einen Autor selbst, welcher seine „Kreativität“ zeigen möchte. In der teutonisch geprägten Wissenschaftswelt trägt weitgehend der Leser selbst die Verantwortung, den Text zu verstehen. In der angelsächsischen Wissenschaftswelt bemühen der oder die Autorin sich, einen lesbaren Text herzustellen.

      Im sachsonischen Verständnis ist ein guter Text somit ein einfacher und – im Sinne der Linearität – klar strukturierter Text. Dafür werden, wie linguistische Analysen zeigen, etwa auch thematische Sätze am Anfang eines jeden Absatzes eingesetzt. Der teutonische Stil tendiert hingegen dazu, mehrere Gedankenstränge in mehreren Textabsätzen zugleich anzusprechen und miteinander zu verflechten. Dafür stehen etwa Brückensätze, die zumeist am Anfang eines neuen Absatzes stehen und Bezugsfunktionen erfüllen, Bezugnahmen auf vorangehende oder frühere Textabschnitte, am Ende von Absätzen auch auf den nachfolgenden Absatz.

      Meine These lautet wie folgt. Obwohl Cheryce von Xylander US-Amerikanerin ist, folgt sie als Autorin nicht dem linearen sachsonischen Modus, der sich auf „lesbare Texte“ im Sinne von Roland Barthes stützt, die wenig Mitarbeit bei der Konstituierung von Sinn verlangen und auch nicht viele Lesarten kennen, sondern dem digressiven teutonischen Paradigma.

      Cheryce von Xylander: Meine englischsprachigen Leser halten den englischen Text für klar und zugänglich. Rätselhaft ja, aber nicht in der Sprache. Sondern in den Gedanken selbst und dem unglaublichen historischen Befund, dass Kants berühmter Aufsatz mit unserer digitalen Lebenswelt aufs engste zusammen hängt. Das ist bizarr, verstörend und irgendwie märchenhaft. Man meint es sei erfunden, was ich da nur zusammengetragen habe. Das macht vielleicht auch die Schwierigkeit des Verstehens aus – dass die historische Wirklichkeit bei Kant so unwahrscheinlich zeitgemäß, ja geradezu prophetisch daher kommt.

      Ulf Wuggenig: Dies könnte ebenso mit Cheryce von Xylanders partieller Deutschstämmigkeit wie mit ihrer Tätigkeit an deutschen Universitäten (Philosophie an der TU Darmstadt, Kunstgeschichte an der HU Berlin) zu tun haben. Dies zeigt sich auch in ihrer starken Orientierung an Autoren aus der deutschen geisteswissenschaftlichen Tradition, seien dies nun ein Idealist wie Kant, oder ein Kulturmarxist wie Walter Benjamin, ein von ihr nach meiner Wahrnehmung gleichfalls in besonderem Maße geschätzter Autor.

      Cheryce von Xylander: Walter Benjamin zählt in der Tat zu meinen methodischen Vorbildern. Nicht nur die Form des Essays ist bei ihm zu studieren, sondern auch die Sprengkraft des konkreten historischen Beispiels, welches sich etablierten Denkgewohnheiten verweigert. Im übrigen hat auch ihn der Schachtürke beschäftigt – Benjamin deutet diese Figur als Sinnbild für das Verhältnis von Theologie zum Marxismus.

      Ulf Wuggenig: Ihre kritischen Anmerkungen bzw. Forderungen, verehrter Herr Feldmann, interpretiere ich als Kritik aus der Perspektive des angelsächsischen linearen Stils, mit der Orientierung am elevator pitch als einer der Erscheinungsformen des sachsonischen Modus in extremis.

      Cheryce von Xylander: Womöglich ist einiges an Klarheit in der Übersetzung verloren gegangen…

      Ulf Wuggenig: Auch die Forderungen nach Synthese bzw. einem plausiblen argumentativen Zusammenhang – „Was wollte die Autorin uns sagen?“ – deutet auf die Bevorzugung eines Denkens in diesem Stil und eine starke Vorliebe auf „lesbare“ Texte hin.

      Da ich Cheryce von Xylander gebeten hatte, noch selbst auf die geäußerte Kritik zu antworten, ggf. eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen zu liefern – was eingangs auch geschehen ist – möchte ich einen solchen Abstrakt – mir als Wissenschaftler bereits deshalb sympathischer als ein Elevator pitch, da im Wissenschaftsfeld und nicht in Feldern wie Werbung, Investment oder Consulting verwurzelt – ebenso wenig anbieten, wie Herr Jenckel bereit war, eine Extremreduktion des Essays auf eine Kernaussage im Twitter Format vorzunehmen.

      Cheryce von Xylander: Ich habe eher mit einem gewissen Witz bzw. ironisch als substantiell zu antworten versucht. Etwas mehr Substanz wird in der nächsten Version meines Essays enthalten sein, der neben Essays und Stellungnahmen u.a. der Philosophin Steffi Hobuss, den Historikern Christoph Rass und Gebhardt Weiss sowie dem Soziologen Ulf Wuggenig auf der Website des Kunstraum der Leuphana in der Rubrik “Hinterbühne IV” veröffentlicht werden wird. Dabei werde ich auch Bezug nehmen auf die neuere kulturwissenschaftliche Kritik an Kant, wie sie die Philosophin Ruth Sonderegger (Akademie der Bildenden Künste Wien) entfaltet hat.

      Ulf Wuggenig: Ich erlaube mir abschließend einen Hinweis auf einen Aspekt des Essays von Cheryce von Xylander, dessen Berücksichtigung ich in der einigermaßen umfangreichen rationalen Rekonstruktion von Marcel Feldmann gänzlich vermisste. Es ist dies das Fehlen jeglicher Referenz auf die starke Bezugnahme auf Kant, die sich bei von Xylander findet.

      Cheryce von Xylander: Sehr gut, dass Sie diesen Punkt betonen. Da Kant den Schachtürken thematisiert – und dieser auch als Inbegriff des Turing Tests verstanden werden kann – halte ich die kritische Philosophie für ausserordentlich zeitgemäß!

      Ulf Wuggenig: In Ankündigung des Essays von Cheryce von Xylander schrieb ich angesichts des bevorstehenden Transfers einer großen Sammlung von Objekten von und zu Kant auf Grund der Schließung eines Museums im Ruhrgebiet: „Dieser berücksichtigt zudem, dass Lüneburg vor dem Hintergrund einer großen Kant-Schenkung an das Ostpreußische Landesmuseum die Ambition zu haben scheint, sich zu einer „Kant-Stadt“ zu erheben, zumindest das vorhandene Museum mit einem Kant Schwerpunkt und einem entsprechenden, auf ein breiteres Publikum zielenden Ausstellungschwerpunkt auszubauen. Aus meiner Sicht wäre angesichts dieser Geistesgröße, die nicht zuletzt im Bereich der Menschenrechte ihresgleichen sucht, zu hoffen, dass dies auch vor dem Hintergrund von Veränderungen im Bereich der lokalen Erinnerungskultur und –politik geschehen kann. Sich mit gegebenem erinnerungskulturellen Hintergrund mit Kant schmücken zu wollen würde einmal mehr mit paradoxen Effekten enden.“

      Cheryce von Xylander: Ja, es wäre ein unguter Kompromiss, wenn sich Bildungsbürger und Rechtsbewegte auf Kant einigen könnten – und das Erbe auf zwei konträre Weisen ausgelegt wird, obwohl eine solche Schieflage vermutlich unvermeidbar ist. Auslegungen sind letztlich immer frei. Aber sehenden Auges beide politische Lager zu bedienen wäre zynisch. Die seit 2004 bestehende Kant Stiftung sieht ihren Zweck darin, „aufklärende, ethisch-politische Öffentlichkeitsarbeit“ zu belohnen und zwar mit dem „Kant-Weltbürger-Preis“. Dem gegenüber sieht sich Frauke Petry „in der Tradition eines Immanuel Kant“, wenn sie gegen Migrantinnen und Migranten wettert – „Die Angst vor dem Fremden ist ein natürlicher Überlebenstrieb“ – oder das Weltbürgertum als Bedrohung der deutschen Leitkultur auffasst (s.

      https://www.tagesspiegel.de/politik/machtkampf-in-der-afd-sie-sieht-sich-in-der-tradition-eines-immanuel-kant/13853764-3.htmlf).

      Eine der AfD nahe Stiftung meldete sie zunächst unter dem Namen Immanuel-Kant-Stiftung e.V. an. Mittlerweile nennt sie sich Immanuel-Kant-Verein und wird vermutlich den parteipolitischen Verwerfungen zum Opfer fallen. Ein Segen wäre es. Jeder Kant-Kenner muss diese Aneignung verurteilen. Es läuft auf eine feindliche Übernahme hinaus, um den philosophischen Kontrahenten auszuschalten.

      Ulf Wuggenig: Meine Sätze zu Kant und Lüneburg gelten heute noch mehr als an dem Tag, an dem sie geschrieben wurden (19.2.2018), in einer Stadt, in welcher nach langer Pflege der „Leidenschaft der ‚ignorance’ “ (Lacan) seit dem Jahre 2014 ein erinnerungskultureller, und damit meist zugleich auf Menschenrechtsfragen bezogener, Fauxpas auf den nächsten folgt.

      Man muss kein Prophet sein, um vorher zu sagen, dass nach der Intervention von Daniel Libeskind und den Äußerungen des OB der Hansestadt im NDR vom 21.2.2018, aus denen eine glokalisierte kommunale Version einer politischen Position spricht, die aus den rechten Regionen des globalen politischen Feldes gut vertraut ist („America first“, „Österreich zuerst“ etc.), die Aufmerksamkeit für die Diskurse um die Lüneburger Erinnerungskultur – die Einrichtung eines „Forums“ mit zahlreichen ungeklärten und letztlich wahrscheinlich sehr kontrovers ausgetragenen Verfahrensfragen steht bevor – bald auch eine überregionale Ebene bald erreichen wird.

      Die öffentlich breit, über drei Ausstrahlungen des NDR TV kommunizierte, dezidiert parochiale Haltung des Lüneburger OB erklärt ex-post wohl auch zumindest zum Teil die zunächst vielfach als rätselhaft gedeutete Nicht-Wahrnehmung der Einladung des Kunstraum der Leuphana durch einen Vertreter oder eine Vertreterin der Stadt Lüneburg. Die Einladung galt der Teilnahme an einer Podiumsdiskussion – mit überwiegend Nicht-Lüneburgern, wie Prof. Dr. Rass von der Universität Osnabrück bzw. der Historischen Kommission Niedersachsen und Bremen, Dr. Dalhourski von der Leonid Lewin Geschichtswerkstatt in Minsk, nicht zu vergessen ich selbst, der ich nur ein Lünebürger Bürger auf Zeit bin – zur 110. ID bei der Eröffnung der Ausstellung „Hinterbühne III“ im Hörsaal 5 der Leuphana am 14. 6. 2017. Eine der Fragestellungen von Hinterbühne III lautete: „Wie ist es im Rahmen eines multi-kausalen sozio-kulturellen Modells zu erklären, dass ein Kriegsverbrechen an Zivilist_innen in der Dimension von Ozarichi (Osaritischi) in einer norddeutschen Provinzhauptstadt jenes Landes, das sich seiner kritischen Erinnerungskultur rühmt, ungeachtet der maßgeblichen Tatbeteiligung einer mit ihrem Namen verbundenen Wehrmachtseinheit über einen Zeitraum von nicht weniger als 70 Jahren so gut wie nicht reflektiert bzw. öffentlich diskutiert wurde?“

      http://kunstraum.leuphana.de/veranstaltungen/hinterbuehne_3.html

      Es scheint weder als ein gutes Zeichen für die politische Kultur, noch für die Erinnerungskultur und –politik der Hansestadt zu sein, dass es nicht gelang, eine solche Frage auch mit Vertretern oder Vertreterinnen der Stadt Lüneburg öffentlich zu diskutieren. Hiltrud Lotze, die, das sei zu ihrer Ehre unterstrichen, der Einladung folgte, legte an diesem Tag Wert darauf zu betonen, als MdB und nicht als Vertreterin der Stadt am Podium präsent zu sein.

      „Lüneburg den Lüneburgern“- bzw. „Lüneburg zuerst“-Parolen – so deute ich den allgemeineren Rahmen der Antworten des OB im Kontext des NDR Interviews – erscheinen angesichts der traditionsreichen transnationalen Geschichte einer Hansestadt eher befremdlich. Die Haltung verwundert nicht weniger mit Bezug auf die Gegenwart angesichts der in überaus starkem Maße überregionalen Rekrutierung der Studierenden und Wissenschaftler der Universität einer Stadt, die sich nach Abzug der meisten Soldaten gerne als Universitätsstadt bezeichnet und auch ihre Abwendung von einem Selbstverständnis als Garnisonsstadt behauptet („Von der Garnisons- zur Universitätsstadt“).

      Überregional rekrutiert waren (und sind) zudem nicht nur die in der Stadt aufgestellten bzw. stationierten Bundeswehreinheiten, sondern selbst eine Institution wie die 110. Infanterie Division. Diese Wehrmachtseinheit rekrutierte sich – wie in Militärverbänden üblich – nicht mehrheitlich lokal, d.h. aus Stadt oder Landkreis Lüneburg, ganz zu schweigen von der Territorialität der Menschen, welche den barbarischen Praktiken jener Soldaten zum Opfer fielen, welche im Namen dieser Einheit agierten. Diese Soldaten und ihr institutioneller Rahmen wurden ausschließlich für den verbrecherischen Vernichtungskrieg gegen Rußland aufgestellt und unverständlicherweise noch 15 Jahre nach Kapitulation der Wehrmacht durch ein „Ehrenmal“ gewürdigt. Dieses nahm die Stadt Lüneburg nach einem Integrationsprozess, der sich über mehrere Jahre erstreckte, schließlich 1960 auf kommunalem Grund und Boden in Obhut. Dieser Prozeß wurde in einer in hohem Maße sichtbaren Weise unter politisch administrativer Führung der Kommune durch ex-Wehrmachtsoffiziere sowie ex-NSDAP Mitglieder und der von dieser getragenen Willkommenskultur – siehe die Bekundungen anlässlich der 1000-Jahr Feier der Stadt Lüneburg 1956 – gegenüber nicht bloß 300 Überlebenden des „Kessels von Minsk“ (diese Zahl wird auf den Tafeln des „Friedenspfades“ vor dem „Ehrenmal“ der 110. I.D. am Graalwall seit 2014 genannt) eingeleitet. Nach Angaben des Kameradschaftsverbandes der ex 110. I.D. und einem Aktenvermerk der Stadt Lüneburg vom 5.3. 1958, dem Jahr der Rede von ex-Kommandant Generalleutnant Martin Gilbert im Fürstensaal des Rathauses, in welcher er die 110. I.D. von jeder Beteiligung an Kriegsverbrechen freisprach – belief sich zu dieser Zeit die Zahl der ehemaligen soldatischen Mitglieder des Traditionsverbandes auf nicht weniger als noch 2700 Veteranen.

      Bis zum heutigen Tage trägt die Stadt Lüneburg Sorge für die Pflege dieses Ehrenmals. Da dies über der Diskussion des Epigramms meist übersehen oder in eher naiver Weise übergangen wird, möchte ich unterstreichen, dass dieses Ehrenmal versehen ist – und dies keineswegs in mehrdeutiger Weise – sowohl mit dem offiziellen taktischen Zeichen der Wehrmachtseinheit, einem Wikinger Symbol mit anti-slawischer Ausrichtung auf Alfred Rosenbergs Linie, als auch mit der wehrmachtsoffiziellen institutionellen Signatur – „110. I.D“ – der 110. Infanteriedivision. Zu den damit verbundenen Problemen u.a. rechtlicher Art mit Bezug auf das Verbot der Vorbereitung, Realisierung und Verherrlichung eines verbrecherischen Angriffs- bzw. Vernichtungskriegs durch Artikel 26 Grundgesetz liegt nun eine Expertise des deutschen ex-Botschafters in Belarus bzw. Minsk, in Kroatien und der Ukraine vor, des Historikers und Slawisten Dr. Gebhardt Weiss. Zeitweise war dieser ehemalige Diplomat auch Sonderbotschafter für die Verhandlungen zum KSE-Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa. Sein Text sollte neue Einblicke eröffnen und erinnerungskulturelle Diskussionen auslösen. Die „Gedanken zu einem Gedenkstein“ vom 3.3.2018 von Gebhardt Weiss werden in Kürze auch auf der Website des Kunstraum der Leuphana in der Rubrik „Hinterbühne IV“ – einer diskursiven Vorbereitungsplattform für eine weitere an der Universität organisierte Ausstellung zum Thema der Erinnerungskultur – zugänglich gemacht.

      Wenn man der Biographie der Träger jener Klage gegen die Hansestadt Lüneburg Aufmerksamkeit schenkt – Holocaust Nachfahren jüdischen Glaubens, darunter ein ungarischer Nebenkläger des Lüneburger Auschwitz Prozesses von 2015 – welche von journalistischer Seite erklärtermaßen Anlass für das in drei Varianten vom NDR am 21.2.2018 ausgestrahlte Interview mit dem OB vom 20.2.2018 war. Darüberhinaus die Intervention von Daniel Libeskind vom 3.3.2018 über die lünepost zugunsten einer erinnerungspolitischen Resolution der Grünen bedenkt. Außerdem noch die Mitte 2017 in Gang gesetzte Kooperation des Kunstraum der Leuphana mit den Trägern der vom Auswärtigen Amt mit rd. 500k geförderten Ausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ berücksichtigt, die im Oktober 2018 im Zentralgebäude der Leuphana eröffnet wird und die eine Zusammenarbeit impliziert u. a. mit externen Institutionen wie dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Johannes Rau (IBB) Dortmund, der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie der Geschichtswerkstatt Leonid Lewin in Minsk und die ein überregional rekrutiertes wissenschaftliches Begleitprogramm umfasst, dann lässt sich erahnen, dass etwas schwer aufrecht zu erhalten sein wird, nämlich Geist und Praxis einer Haltung wie der folgenden: „Ich führe die Diskussion mit den Lüneburgerinnen und Lüneburgern und lass mich nicht so sehr von außen beeinflussen“ (OB der Hanse- und Universitätsstadt Lüneburg, Ulrich Mädge am 21.3.2018 im NDR).

      Weder – so wage ich eine Prognose, was in geschlossenen Systemen gut gelingen kann, aber in offenen bekanntlich riskant ist – wird der endlich auf breiterer Basis in Gang gekommene Diskurs über Erinnerungskultur und –politik in und um Lüneburg sich angesichts der Ereignisse der jüngeren Zeit – der Skandal um Bürgermeister Dr. Scharf und der höchst unprofessionelle politische Umgang mit diesem, der Nerling-Aktivismus und die anhaltende Unterstützung des Bürgermeisters von immer deutlicher Holocaust relativierender rechtsextremer Seite, das wachsende Bewußtsein über eine lokale Verschleppung von Diskussionen nicht bloß über „Gräueltaten“, sondern über Kriegsverbrechen, die zu den schwerwiegendsten der Wehrmacht überhaupt zählen, über nicht weniger als 70+ Jahre – von Akteuren der mittleren und rechten oberen Zonen des lokalen Machtfeldes sich medial weiterhin auf die Reichweite von Kommune oder Region beschränken lassen. Noch wird sich eine auf Exklusion setzende parochiale Haltung, deren Legitimität so schwach erscheint, dass selbst ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz in Frage steht (siehe die erwähnte Stellungnahme von Gebhardt Weiss vom 3.3.2018), ohne weiteres mit Aussicht auf Erfolg verteidigen lassen.

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  3. Kevin Schnell schreibt:

    Lieber Herr Jenckel,

    Sie haben gestern eine weitere wichtige Expertise von Herrn Professor Wuggenig frei geschaltet, welche den gewaltigen fortdauernden Nachhall des Scharf-Skandals im digitalen Netz und damit natuerlich auch in den Koepfen vieler Tausender von Netz-Rezipienten beleuchtet: https://blog-jj.com/2018/02/09/recht-auf-dummheit/#comment-2231

    In diesem Beitrag verweist Herr Professor Wuggenig mehrmals auf die Uerbersetzung einer Antwort von Frau Prof. von Xylander an Herrn Janowitz. Koennen Sie mir sagen, wo ich diesen Text finde? Ist der vielleicht nur in der LZ-Printausgabe erschienen? Ich bin in den USA unterwegs und konnte das leider im Paper nicht verfolgen. Wuerden Sie die Stellungnahme dann auch hier hersetzen, wenn Prof. Wuggenig damit einverstanden ist?

    Herrn Feldmanns Idee, mit Wuggenig ein „11.30 Uhr“-Gespraech zu fuehren, finde ich sehr gut. Was sagen Sie? Da koennten Sie beide die niederschmetternd beschaemenden Lueneburger Vorgaenge mal so richtig knackig auf den Punkt bringen.

    Noch ein Hinweis:

    Heute Abend, am Mittwoch, 21. Februar 2018 sendet NDR Hallo Niedersachsen zwischen 19.30 und 20.00 Uhr einen Bericht zum Ehrenmal Am Graalwall Lueneburg mit Interviewbeiträgen von Herrn Prof. Dr. Wuggenig (Leuphana Universität Lueneburg), Herrn Oberbuergermeister Maedge (Lueneburg) und dem Ehepaar Gottschalk (Laatzen).

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    • jj schreibt:

      Bitte

      Cheryce von Xylander
      SCHULD TRAGEN DIE BOTS!
      Die städtischen Konflikte in Lüneburg erscheinen beispielhaft für ein globales Dilemma. Debatten über politische Verantwortung – und in der Konsequenz Meta-Debatten über das, was auf der online-Ebene als eine “echte” kulturelle Aktivität gelten kann – kommen in exemplarischer Weise Bedeutung über Grenzen von lokalen Erinnerungspraktiken und Lokalpolitik hinaus zu. Ein knapper historischer Exkurs scheint angebracht.
      Die öffentliche Sphäre wird durch die digitale Transformation zunehmend verzerrt. Da diese Sphäre sich auf kommunikativen sozialen Austausch stützt, geht mit dieser Verzerrung nichts anderes als die materielle Veränderung unserer anthropologischen Konstitution einher. Was heute erforderlich erscheint, ist eine Einspielung des Kategorischen Imperativs in zeitgemäßer Form. Kant dachte über die allgemeinen Grundlagen der Erkenntnis nach – und versuchte Grundlagen für die Abwehr jener essentialistischen Vorstellungen von Vernunft zu legen, deren Verbreitung wir auf dem neuen Territorium der intelligenten Technologie der Gegenwart erleben.
      Kant hatte einiges über die Kraft des mechanisierten Denkens und dessen Ort in menschlichen Beziehungen zu sagen. Bereits die Gelehrtenrepublik des 18. Jahrhunderts war sich darüber im Klaren, dass künstliche Intelligenz ein Problem darstellt, mit dem man zu rechnen hat. Denkende Maschinen stiegen mit dem Auftauchen jenes Schach-spielenden Automaten zu zweifelhaftem Ruhm auf, der als “Mechanischer Türke” bekannt wurde. Selbst nach Maßstäben des vielzitierten “Zeitalters des Spektakels”, handelte es sich um einen Publikumserfolg, der Aufregung über ganz Europa hinweg verbreitete und dessen Aktualität von einem Wissenschaftshistoriker aus Cambridge, Simon Schaffer, in überzeugender Weise nachgewiesen wurde. (vgl. 1999, Enlightened Automata:
      https://monoskop.org/images/2/2d/Schaffer_Simon_1999_Enlightened_Automata.pdf).
      Die technische Neuerung bediente sich einer menschlichen Attrappe, welche mit einem Turban auf dem Haupt hinter einem Tisch saß, der die Gestalt eines Kastens aufwies. Seine mechanischen Arme waren in der Lage, Schachfiguren über ein Schachbrett zu ziehen. Und das “Ding” verfügte zudem über eine außerordentliche Spielstärke, sodass es Herausforderer aus dem Publikum ohne weiteres schlagen konnte. Zeitgenössische Beobachter waren verwirrt von dem, was sie zu sehen bekamen: Eine hölzerne Puppe besaß die Fähigkeit zu selbstständigem, “autonomen” Handeln. Geschaffen war ein problemlösender Apparat, ein Schach-Roboter oder Schach-Bot, wie wir heute sagen würden.
      Automatisierte Vernunft
      Beim Mechanischen Türken handelte es sich um ein Fake. Ein kleinwüchsiger Spieler, der versteckt im Kasten saß, vollzog die Züge, die die Holzpuppe ausführte. Der Kasten war hinreichend ausgeklügelt konstruiert, sodass er den menschlichen Akteur im Verborgenen hielt. Und der Showmaster wiederum vermittelte dem Publikum auf gekonnte Weise den Eindruck, dass der Kasten leer sei.
      Der Trick, auf dem das Ganze beruhte, vermindert in keiner Weise den Wert des seriösen Kommentars, den er auslöste. Auch stellte die in der Art eines Türken gekleidete, ferngesteuerte Attrappe ein Wunderwerk der Technik dar. Hinzu kommt, dass die Inszenierung bewusst die Grenze zwischen natürlicher und mechanisierter Intelligenz verwischte. Die spektakuläre Prämisse dieser Show lud dazu ein, über eine mögliche Welt nachzudenken, eine Welt, in welcher Menschen gemeinsam mit künstlichen Wesen existieren, die nach ihrem eigenen Bild hergestellt wurden und zudem auch mit der Fähigkeit ausgestattet sind, eigenständig Entscheidungen zu treffen. Die anthropologische Herausforderung, welche dieses Szenario enthielt, war ebenso real wie tiefgreifend.
      Führende Gelehrte äußerten sich in der Angelegenheit. Eine hitzige Debatte entbrannte. Selbst Kants bahnbrechender Essay „Was ist Aufklärung?“ lässt sich als Intervention in diese historische Kontroverse über die Automatisierung des Geistes verstehen. Sein Text von 1784 erschien in der Berlinischen Monatsschrift, im gleichen Jahrgang mit anderen Beiträgen zu diesem Thema. Seine Mitautoren sahen in dem Phänomen nur einen Schwindel, während Kant darin eine tiefere Wahrheit entdeckte. Beim Mechanischen Türken handelte es sich um ein Medium intelligenter Aktivität: ein menschlicher Spieler, der in ein Stück hochentwickelter Maschinerie schlüpft. Als solcher nimmt er unsere digitale Landschaft der Gegenwart vorweg, welche sich aus Hardware (Maschinenteile) und „Wetware“ (menschliche Nutzer) zusammensetzt. Das Internet ist letztlich der Mechanische Türke im großem Maßstab.
      Kant scheint außerdem das mögliche Unheil vorher gesehen zu haben, das die Entfesselung intelligenter Technologie für die unvorbereitete menschliche Gesamtheit bedeutet. Zumindest entwickelte er eine angemessene Gegenmaßnahme – eine Maxime der Wechselseitigkeit, welche das Menschliche schlechthin betont, sei es mit Maschinen gepaart, oder nicht. Eine definierende Grundannahme von Kants kritischer Philosophie ist folgender produktive Widerspruch, den er voraus setzt: es ist dies jene Antinomie zwischen grenzenlosen Unendlichkeiten, die dauerhaft über die Vernunft bewältigt werden können, und der zerbrechlichen Endlichkeit der gewöhnlichen Sterblichen, die dies aktuell verfolgen. Jede Generation sieht sich vor die Aufgabe gestellt, diese existenzielle Zweiteilung auszuhandeln. Die intelligente Maschinerie schaltet sich in das zerbrechliche Gleichgewicht von unendlichen Zielen und endlichen Mitteln ein, in das definierende Merkmal der Menschheit, was letztlich unsere Schicksalsgemeinschaft bestimmt.
      Bei seinem Versuch, Voraussetzungen zu schaffen, um alle Arten von Unheil zu entschärfen, einschließlich der zerstörerischen Wirkungen, welche eine Automatisierung des Geistes in großem Maßstab nach sich zieht, bezog Kant einen revolutionären Standpunkt. Die Einzelheiten seiner Doktrin sind komplex. Ihre Kernaussage zu resümieren, ist jedoch in einer einfachen Form möglich. Kants Philosophie lässt sich als Gegengift gegen den toxischen Einfluss einer künstlichen Ausweitung und Vergrößerung der begrenzten Kapazitäten des sterblichen Geistes verstehen. Im speziellen stellt sie Grundlagen zur Entfaltung etwaiger Widerstandskräfte intellektueller Art bereit, deren Mobilisierung wir an der Schwelle jenes epochalen Wandels der menschlichen Existenzbedingungen benötigen, welchen wir in vollem Maße erleben.
      Nutzer der Welt vereinigt euch!
      Kompetenzen im Schachspiel bleiben ein vergleichender Bezugspunkt für intelligentes Handeln. Als der IBM Schachcomputer Deep Blue den führenden Russischen Großmeister Kasparow im Jahre 1996 schlug, bezeugte diese Niederlage jenen von Marx diagnostizierten “Seufzer der bedrängten Kreatur”. Ähnliche Gründe bewegten Kant in “Was ist Aufklärung?” zu dem Fazit: die Regierung habe die Aufgabe “den Menschen, der nun mehr als eine Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.” Kants Darlegungen zur fortschrittlichen Aufklärung könnten kaum zeitgemäßer sein. Gelesen als ein Manifest für “kommunikative Vernunft” (Habermas) im Computer-Zeitalter stellt es avancierte Lösungen für drängende Probleme der Gegenwart bereit. Der provokante Apparat, auf den Kant reagierte, hat sich in einen allgegenwärtigen Spuk verwandelt. “Amazon Mechanical Turk” ist der gesicherte Markenname eines auf massenhafter Beschaffung – crowdsourcing – beruhenden Internet Marktplatzes. Hier können sogenannte „hits“ („human intelligence tasks“, auf Deutsch “menschliche Intelligenz-Leistungen”) – wie die click-Zählung für politische Videos, online – gegen Gebühr erworben werden. Wikipedia (English) beschreibt diese Dienstleistung wie folgt:
      Der Name Mechanischer Türke war inspiriert durch „Der Türke“, einem Schach-spielenden Automaten im 18. Jahrhundert, entwickelt durch Wolfgang von Kempelen. Er tourte durch Europa, schlug sowohl Napoleon Bonaparte als auch Benjamin Franklin. Später wurde offen gelegt, dass es sich bei dieser Maschine überhaupt nicht um einen Automaten handelte. Tatsächlich saß ein menschlicher Schachmeister versteckt im Kasten unter dem Brett und kontrollierte die Bewegungen der humanoiden Attrappe. In ähnlicher Weise erlaubt die online-Dienstleistung des Mechanischen Türken, Menschen heute Maschinen dabei zu helfen, Aufgaben zu erfüllen, zu welchen sie selbst nicht in der Lage sind.
      (https://en.wikipedia.org/wiki/Amazon_Mechanical_Turk)

      Lokale Artikulation des Globalen
      Zurück zu Lüneburg und der Welt da draußen. Reaktionäre Kräfte befinden sich aus verschiedenen Gründen an verschiedenen Orten im Aufwind. Denken führt zu Handeln. Ob analog, digital oder gemischt – Denken, daran erinnert uns Kant, ist unausweichlich lokal, empirisch, körpergebunden und kontingent im Sinne der Vorherbestimmtheit durch bestehende Schranken.
      Angereichert durch die digitalen Werkzeuge unseres Zeitalters bleibt das Denken dennoch in Geschichte wie Ort eingebunden und dadurch begrenzt. Die digitale Transformation, deren Zeugen wir sind, mag durch globale Kräfte angetrieben sein. Diese unterliegen dennoch nach wie vor einer lokalen Formung. “Global denken, lokal handeln” ist eine eingängige, aber letztendlich auch irreführende Redeweise. Die kognitive Dynamik des Mechanischen Türken, die wir gemeinsam als logisches Muster verinnerlichen, hat nicht so sehr globalen, als vielmehr supra-regionalen Charakter.
      Die Wirkmächtigkeit von automatisierter, bot-basierter online Hetz- und Schmährede ist eine unbestreitbare Tatsache. Diese Gegebenheit lediglich zu benennen ist jedoch von begrenztem Erklärungswert. Mensch-Maschine Verbindungen haben die Herrschaft übernommen. Angesichts des verwirrten Zustands des öffentlichen Austausches auf jeder Ebene von sozialer Wechselwirkung, obliegt es uns, den menschlichen Gesichtspunkt zu berücksichtigen.
      Eine sachdienliche Enthüllung von grassierendem Gedächtnisschwund, der bis zum Zweiten Weltkrieg zurückreicht, auf Grundlage eines verallgemeinerten Verdachts auf maschinengesteuerte Desinformation zu de-legitimieren, führt in eine Sackgasse. Die Maschinen bestimmen den Ton. Es dürfte instruktiver sein, den Einwand selbst als Symptom einer ernsteren Malaise anzusehen – nämlich der Aushöhlung einer institutionalisierten Gemeinsamkeit. Künstliche Intelligenz hat das Potential, Falschinformationen in schwindelerregendem Umfang zu streuen, ihre Quellen sind oftmals verschleiert. Das haben wir nach dem Brexit-Votum und der Wahl von Trump wahrnehmen können. “Schuld tragen die bots”-Polemik wird im polarisierten Kontext der US-Debatten von beiden Seiten mobilisiert. In Abwesenheit von sicherem Wissen haben diese Anschuldigungen den Beigeschmack von radikalem Chauvinismus im Gegensatz zu nüchterner Abwägung von Fakten und Wahrscheinlichkeiten. Im Netz werden Assoziationen, die nicht opportun sind, kurzerhand als bösartiges Geschwätz von chat-bots abgetan, die von feindlichen Kräften angeheuert wurden. Das Ergebnis ist offensichtlich – wir sind nicht das Problem, es gibt keins. Niederträchtige Fremde bedrohen unsere Heimat.
      Obendrein, und um gemeinschaftliche Bindungen im Geiste Kants zu festigen, obliegt es uns, die Kehrseite solcher Argumente zu betrachten. Denn es handelt sich nicht um eine unbedeutende Angelegenheit. In einer Welt, in welcher menschliche Intelligenz und maschinelle Intelligenz kraft der Möglichkeiten einschlägigen Designs zunehmend ununterscheidbar werden, behaupten wir die skizzierte Position – die bots sind die Sündenböcke – ungeachtet unserer eigenen Gefährdung. Die Hybridität von Mensch-Maschinen ist die Luft, die wir atmen. Der ganze Sinn daten-getriebener Automatisierung medizinischer Gesundheitsfürsorge, läuft z. B. darauf hinaus, ein Niveau von Komfort für menschliche Geschöpfe und scheinbar personalisierter Aufmerksamkeit zu schaffen, die ausreichend für die Heilung von Krankheiten sind. Routinemäßig vertrauen wir auf die delegierten Dienstleistungen der Datenverarbeitungssysteme, doch selektiv soll genau diese Verstrickung als rhetorische Waffe eingesetzt werden.

      Über Migranten und Maschinen
      Ihr Gedankengang im Blog enthüllt das Ausmaß, in welchem die Aushöhlung des zivilgesellschaftlichen Diskurses bereits vorangeschritten ist. Roboter dienen als gute Entschuldigung dafür, Zurechnung von Verantwortlichkeit zu verwischen. Aber es bleibt die Frage – warum geht der Plumpsack überhaupt herum? US-amerikanische Politik ist nicht einfach auf die Verhältnisse in Lüneburg übertragbar. Die Gründungsrealität dieses Einwandererlandes war von Verrückten, Fanatikern und Phantasten getragen. Dies findet sich breit dokumentiert in der 500-Jahre Geschichte des Kulturjournalisten Kurt Andersen, der darstellte “wie Amerika drunter und drüber ging” (Fantasyland. How America went haywire. 2017).
      Große Teile der Bevölkerung haben sich freiwillig in künstlich erzeugte Dauerempörung versetzen lassen. Propaganda-Kanäle lenken die Volksmeinung von Küste-zu-Küste und sind über online Mediatheken rund um die Uhr abrufbar. Haßtiraden besetzen die Radiosender. Das große Geld hat diese Fehlentwicklung im Bereich öffentlicher Kultur seit Ende des Vietnam-Krieges befördert.
      Die isolationistische Bewegung in Deutschland hat eine andere Form von Nachwuchs hervorgebracht – und sie operiert in einer Umwelt, deren Ideengeschichte Gegenmittel bereitstellt. Kant widmet sich in spezifischer Weise dem Problem, welches die mechanisierte Vernunft für öffentliches Vertrauen aufwirft. Seine Lehre unterstützt das, was ich als „cognitive commons“, auf deutsch “kognitive Allmende”, bezeichne (Kant selbst greift auf das Wort “Gemüt” zurück, gepaart mit dem Begriff “transzendentales Subjekt”). Dies erfolgt bei ihm über das Angebot eines Verständnisses von Vernunft als gemeinsamem Kapital, an dem alle teilhaftig sind, weil es in menschlicher Anstrengung gründet. Es handelt sich um eine gemeinsame Ressource, die durchaus vergänglich ist. Seine kritische Philosophie, die mit klarem Blick auf das Beispiel von künstlicher Intelligenz formuliert wurde, legt dar, wie kostbar, aber auch wie verletzlich dieses gemeinschaftliche Eigentum ist. Und wichtiger noch, welche Anpassungen auf der Ebene von Einstellungen erforderlich wären, um dieses immaterielle Gut nachhaltig zu bewahren. Die „cognitive commons“, die mit einer von Maschinen gesteuerten Öffentlichkeit einhergeht, muss vor dem Auslaugen geschützt werden. Nicht umsonst heißt einer der berühmtesten Aufsätze der Ökologiebewegung “Tragik der Allmende” (vgl. Garrett Hardin, “The Tragedy of the Commons”, 1968). Auch die Vernunft kann, gleich einem Öko-System, gefährdet sein.
      Ein Nachsatz

      Beachtenswerter Weise handelt es sich bei dem Apparat, welcher das gegenwärtige Dilemma der digitalen Medien ankündigte, um einen „Türken“. Ein mechanischer Muselman verkörperte das Unheimliche dieser aufklärerischen Denkmaschine. Den orientalischen Asylanten der Gegenwart geht es nicht anders: Im Grunde genommen werden Sie als Roboter wahrgenommen, die den Rest von uns robotisieren möchten. Gleichzeitig lassen raffinierte Maschinen unschuldige Leute, die gar nicht reaktionär sind, reaktionär aussehen. Die vermutete Gefährdung ist eine ähnliche: die wahrgenommene migrantische Bedrohung selbst und die Idee, dass gute Bürger von Bots in ein schlechtes Licht gerückt werden. Geistlose Akteure tragen die Schuld für das anwachsende Unbehagen.

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    • Kevin Schnell schreibt:

      Vielen Dank, Herr Jenckel,

      ein kryptischer, in seiner Raetselhaftigkeit wortreich gestreckter Text. Honorieren Sie mit Zeilengeld? Waeren Sie so liebenswuerdig mir in Tweet-Laenge zu schreiben, wie fuer Sie die Kernbotschaft lautet?

      Jetzt geht’s zum Fruehstuecken.

      LG aus den bitterkalten (-12°) Twin Cities Saint Paul/Minneapolis,

      Kevin Schnell

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      • jj schreibt:

        Oh, bitte nicht.
        Kein Zeilengeld, keine Zeit.
        Ich muss heute Abend in der Uni über Populismus diskutieren.
        lg

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      • Kevin Schnell schreibt:

        Populismus ist der Versuch, Quantitaet an die Stelle von Qualitaet zu setzen, um voranzukommen. Das ist alles. Ein dem Spounschen „Studienmodell neuen Typs“ ebenso zugrunde liegendes Muster wie dem von Mansbergschen „Debatten“-Gequatsche oder der laustarken Minderheit, die sich für eine Alternative haelt (ohne zu wissen, was das Wort „Alternative“ ueberhaupt bedeutet) – also letztlich der gesamten Ranking-, Evaluierungs- und Umfrage-Industrie, die sich anschickt zu definieren, was Sie und ich fuer unser Leben halten sollen.

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      • jj schreibt:

        Cheryce von Xylander

        Antwort an Marcel Feldmann
        auf Ausführungen bzw. Fragen vom 21. 2. 2018

        kommentar zur rationalen rekonstruktion des essays „blame it on the bots!“

        sehr geehrter herr feldmann,

        sie haben sich die mühe gemacht, die kernthesen meines essays herauszuarbeiten. das finde ich hinreissend und für diese persönliche anteilnahme möchte ich ihnen von herzen danken. zum einen freue ich mich, dass sie mir einblick gegeben haben in ihre auslegung des textes. dies erlaubt mir einige punkte zu verdeutlichen, die in der kürze des essays nur anklingen konnten. es wird nicht nur ihnen so vorgekommen sein, dass der text für einen (informellen) blog-dialog ungewöhnlich förmlich gefasst ist. der schreibduktus hat betont idiosynkratischen charakter: er unterstreicht den menschlichen anteil einer maschinell-gestützen kommunikation. sie haben das auf intuitive Weise erfasst und mit ihrer übertragung in eigene worte die menschlichen anteile auf charmante weise noch mehr hervorgehoben. obwohl sie meinen bzw. schreiben, mich nicht verstanden zu haben, bezeugt ihr handeln, dass sie die bestehende problemlage instinktiv aufgegriffen haben und treffsicher zu reagieren wussten, nach ureigener art. so soll es sein!

        zum anderen baten sie um ein elevator-pitch. mir scheint die neue, verdoppelte tweet-länge ihrer vorstellung bzw. aufforderung zu entsprechen. hier also der essay in deutlich weniger als 280 zeichen: „Der Schachtürke steht für entfremdete menschliche Arbeit, die uns unheimlich erscheint, weil sie uns als digitales Gemüt einholt und zu anderen macht, die sich selbst nicht wiedererkennen.“ (siehe Cheryce von Xylander, „Digitales Gemüt“. In: Grenzgänge in der Philosophie. Denken darstellen. Herausgegeben von Alexander Fischer und Annett Wienmeister. Münster: Mentis-Verlag, 2018, in Kürze erscheinend.)

        ich nehme nun bezug auf ihre rekonstruktion meines essays in 19 Thesen von a) bis r) und antworte weiterhin in kleinen lettern:

        Marcel Feldmann: Hier, wie ich glaube, das Gerüst der von Xylanderschen Ausführungen:

        a) Debatten über politische Verantwortung haben Bedeutung über lokale Grenzen hinaus.

        und die gleiche digitale entwicklung zeitigt ganz unterschiedliche lokale transformationen!

        b) Die öffentliche Sphäre wird durch die digitale Transformation zunehmend verzerrt.

        verzerrt? das impliziert ein authentisches, gegebenes sosein der öffentlichen sphäre, einen „normalzustand“, welcher im zerrbild verfremdet erscheint. ich denke, die öffentliche sphäre, oder das gemeinschaftlich kommunale, beruht immer auf einem aushandlungsprozess innerhalb historisch gewachsener zusammenhänge. die digitalen bedingungen des aktuellen handelns – kollektiv wie individuell – führen zu neuen konfigurationen von kommunalität, die technomorphe gestalt annehmen.
        c) Der „Schachtürke“ von 1769, obgleich ein Betrug, ist ein frühes Sinnbild einer „denkenden“ Maschine (künstlicher „Intelligenz“).

        ja — aber mehr noch ein sinnbild für das mensch-maschine verhältnis im sinne eines kognitiven hybrids verstanden, als vereinigung von analogen und digitalen problemlösungsansätzen, die ohne einander nicht mehr auszukommen vermögen.

        d) Digitalisierung verändert die Bedingungen des Menschseins (erweitert die materiellen Möglichkeiten und limitiert die assoziativen Fähigkeiten unseres Geistes).

        limitiert? wer spricht von limitierung? unsere mentalen und körperlichen fähigkeiten und potentiale werden erweitert, überspannt. die rechner kompensieren unsere angeborenen schwächen, sie sind kompetenter als ihre urheber, spielen besser schach, werden nicht müde, verlangen keinen urlaub. diese leistungssteigerung muss absorbiert werden und zwar gesamtgesellschaftlich, während sie sich als in krasser form ungleichmässig – also nach power law – verteilt erweist.

        e) Digitalisierung fördert falsche essentialistische Vorstellungen von Vernunft (Aber Vernunft ist kein erreichbarer Zustand, sondern immer nur Ergebnis eines Prozesses methodischen Aushandelns).

        ja. „essentialistisch“ nicht nur im sinne von etwas starrem, begrifflich festem, sondern auch im sinne einer engführung von denkbewegungen auf solitär-individuelle, gehirn-basierte einzelleistungen. das individuum wird zum fetisch-objekt innerhalb intelligenzgesteuerter infrastrukturen, die gar nicht individual-subjektbezogen operieren. wir haben die rechner anthropomorphisiert, zu simulatoren von einzelakteuren gemacht, um sie überhaupt noch bedienen zu können. das ist eine menschliche anpassung und verklärung, eine antiquiertheit, die der obsolenz tradierter subjektivierungsfiguren entspricht. das subjekt wird in dem masse verdinglicht wie es in der smart-vernetzen wirklichkeit als überholtes beiwerk zunehmend auf ästhetische funktionen reduziert wird.

        f) Das Internet ist letztlich der „Schachtürke“ in globalem Maßstab (eine Maschine, durch die Menschen interagieren).

        das internet ist der „schachtürke“ in globalem maßstab, nicht weil die menschen vermittels der maschine interagieren, sondern weil mensch und maschine ein integriertes system bilden. der schachtürke repräsentiert mensch und maschine zugleich. das internet stellt ein fusioniertes mensch-maschine gebilde dar – die bedingung der möglichkeit des denkens steht zunehmend auf einem fundament hybrider betriebsamkeit. verstand ist verstoffwechseltes handeln, vernunft die einsicht in den mechanismus der verinnerlichung — und wann bzw. unter welchen bedingungen dieser gedeiht.

        g) Die aller Aufklärung innewohnende Spannung von theoretischen Unendlichkeiten und praktischer Endlichkeit kehrt in der digitalen Dimension wieder.

        sie kehrt nicht nur „wieder“, sondern sie war für die entwicklung der turing maschine maßgeblich — wie ich an anderer stelle nachweise (siehe meine habilitationsschrift) — und wird durch die digitale datenverarbeitung zunehmend aufgehoben. das gefüge von endlich erfasster unendlichkeit wird rechnerisch gesprengt. es steht eine kosmologische wende an.

        h) Die Maschine schaltet sich in das zerbrechliche Gleichgewicht von unendlichen Zielen und endlichen Mitteln ein.

        ja

        i) Die Wirkmächtigkeit von automatisierter, bot-basierter online Hetz- und Schmährede ist eine unbestreitbare Tatsache.

        ja
        j) Mangelhaftes historisches Wissen durch maschinengesteuerte Desinformation zu erklären, führt aber in eine Sackgasse.

        ja
        k) Das Internet gibt jedem die Möglichkeit, Falschinformationen in schwindelerregendem Umfang zu streuen

        ja

        l) Aussagen die nicht opportun sind, werden im Netz oft kurzerhand als bösartiges Geschwätz von chat-bots abgetan, die von feindlichen Kräften gesteuert werden.

        ja
        m) Das Ergebnis ist offensichtlich: – Nicht wir sind das Problem, sondern die Bots.

        ja

        n) Dieses Argument zeigt das Ausmaß, in welchem die Aushöhlung des zivilgesellschaftlichen Diskurses bereits vorangeschritten ist. Technische Neuerungen dienen als Entschuldigung dafür, zurechenbare Verantwortlichkeit zu verwischen.

        ja

        o) Vernunft ist zwar keine Essenz, aber die unverzichtbare regulative Idee eines allen gemeinsamen und nur gemeinsam erreichbaren Bezugspunktes von Wissen und Wahrheit, ein gemeinsames Kapital, das vor dem Auszehren geschützt werden muss.

        ja, das ist eine wunderbare fomulierung!

        p) Der „Schachtürke“ verkörperte das Unheimliche der aufklärerischen Denkmaschine. Orientalischen Flüchtlingen der Gegenwart geht es nicht anders: Im Grunde genommen werden Sie als Roboter wahrgenommen, die den Rest von uns „robotisieren“ (ihnen anverwandeln) möchten.

        ja — anverwandeln ist die passende wortwahl, danke!

        q) Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen der vermeintlichen migrantischen Bedrohung und der Idee, dass gute Bürger von Bots manipuliert bzw. hinters Licht geführt werden.

        ja

        r) Das Ineinssetzen von Bots und „Fremden“ besagt letztlich: Es sind geistlose (nichtmenschliche) Akteure, welche die Schuld für mein anwachsendes (von mir gerne generalisiertes und „dem Volk“ insgesamt unterstelltes) Unbehagen tragen.

        ja! es werden sündenböcke auserkoren, die vom eigentlichen geschehen ablenken, wie die attrappen-puppe des schachtürken, während die wirtschaftlichen verwertungslogiken und technowissenschaftlich vorangetriebenen fusionierungsmechanismen (die menschen und maschinen neu konstellieren – und durchaus befremdliche, zutiefst ungemütliche veränderungen mit sich bringen) stillschweigend übergangen werden. ein zu recht empfundenes unbehagen wird der falschen ursache zugeordnet.

        Ulf Wuggenig

        Antwort an Marcel Feldmann und Kevin Schnell
        auf Ausführungen bzw. Fragen vom 21. und 22. 2. 2018

        Über lesbare und über digressive Texte

        Sehr geehrter Herr Feldmann, sehr geehrter Herr Schnell,

        ihre Kommentare zum Beitrag von Wissenschaftshistorikerin Cheryce von Xylander werfen Fragen des Stils journalistischer wie wissenschaftlicher Kommunikation auf, darüber hinaus solche, welche Differenzen von Denk- und Schreibstilen betreffen, einschließlich der Gründe für deren Diversität. Erinnern würde ich zunächst gerne daran, dass ich den Beitrag von Frau von Xylander als Essay angekündigt hatte. Dies ist ein Format, welches literarische bzw. künstlerische (z. B. Film Essay) Spielarten ebenso kennt wie journalistische (insbes. im Feuilleton) und wissenschaftliche. In Wissenschaft und Philosophie kann dieser Typus von Text zu beträchtlichem Umfang aufwachsen. Dies wird erkennbar, wenn man auf die Resonanz mancher Arbeiten blickt, welche die Bezeichnung Essay in ihrem Titel tragen. Dazu gehört etwa Erving Goffmans Rahmenanalyse

        „Frame analysis. An essay on the organization of experience“, 1974
        https://books.google.de/books/about/Frame_analysis.html?id=XBpmAAAAIAAJ&redir_esc=y

        Dieser Essay diente als theoretischer Bezugsrahmen für die militärhistorischen und militärsoziologischen Ausstellungen des Jahres 2017, organisiert vom Kunstraum der Leuphana, kuratiert von Cornelia Kastelan und Ulf Wuggenig in wissenschaftlicher Kooperation u.a. mit Militärforscher und Spezialist für das Kriegsverbrechen von Ozarichi März 1944 Christoph Rass (Uni Osnabrück). Goffmans Essay wurden begriffliche Anleihen wie „Vorder- und Hinterbühne“, „gut- vs. böswillige Täuschung“ oder auch „Fauxpas“ und „Szene“ entnommen. Dieser Bezugsrahmen erscheint ohne weiteres anwendbar auch auf den Lüneburger Bürgermeister- und Wehrmachtsskandal, zu dem die letzten Worte noch lange nicht gesprochen sind, zumal mittlerweile auch Daniel Libeskind – weder ein Lüneburger nach Kriterien des ius sanguinis, noch einer nach ius soli oder terrae – am 3. März in dieser Angelegenheit in einer für ihn als sehr unüblich zu bezeichnenden Weise in einem für ihn, der zu den Superstars des globalen Feldes der Architektur zählt, ebenfalls sehr ungewöhnlichen medialen Format wie der „lünepost“ öffentlich das Wort ergriffen hat: „Lüneburg kann und darf nicht verbergen, dass die Nazis den zweiten Weltkrieg mit einer vorsätzlichen Strategie des Völkermordes begonnen hat.“ (Daniel Libeskind, lünepost vom 3. und 4. März 2018, S. 2)

        Um noch ein weiteres Beispiel für einen ebenso ausführlichen, wie für Aspekte unseres Themas höchst einschlägigen Essay anzuführen, wäre das Hauptwerk der teils ethnologisch, teils politikwissenschaftlich ausgerichteten “Cultural Theory” von Mary Douglas und Aaron Wildavsky aus dem Jahre 1983 zu nennen:

        Risk and culture: An essay on the selection of technological and environmental dangers

        Es handelt sich dabei um eine Studie zu Fragen in Zusammenhang mit Gefahren und Risiken, inkl. solcher auf Grundlage technologischer Veränderungen, denen sich an einem anderen Beispiel – der digitalen Transformation – Cheryce von Xylander gewidmet hat.
        In diesem Essay werden, wie in zahlreichen Arbeiten der Anthropologin Mary Douglas, vier Kulturen bzw. Denkstile unterschieden, und deren Implikationen für die – jeweils spezifische – Wahrnehmung (der Wahrscheinlichkeit) von Risiken aller Art (“cultural biases” im Sinne von kulturell bedingten Voreingenommenheiten) herausgearbeitet. Dieser Zugang erlaubt es auch, u. a. entrepreuneriale, hierarchische und dissidente Denkstile, aber auch Schreib- und Präsentationsweisen, sei es wissenschaftlicher oder journalistischer Art, zu unterscheiden. Bleibt noch zu ergänzen, dass der Begriff des Essays angesichts seiner Etymologie auch die Konnotation einer „versuchsweisen“ Annährung an ein Thema aufweist.

        Cheryce von Xylander: Der klassische Essay des Humanisten Michel de Montaigne ist in seiner Formvollendung unübertroffen. Seine Reflektionen sind zirkulär aufgebaut, ohne sich zu wiederholen. Sie verhandeln wissenschaftliche Themen wie tagespolitische Ereignisse mit einer Eindringlichkeit, die bis heute aktuell erscheint, trotz der historischen Distanz. Die nachhaltige Relevanz ergibt sich aus dem gleichzeitigen Aufspüren von psychologischen, philosophischen und ästhetischen Momenten in seinen Gedankengängen. Nicht nur diese drei Themenstränge für sich allein sondern die besondere Art wie sie verwoben werden, machen seine Äußerungen so zeitlos. Die Kunst der Komposition schafft transportfähige Inhalte.

        Ulf Wuggenig: Vor Augen hatte ich, dass der Blog.jj als Journal einen bestimmten Untertitel – oder vielleicht sogar Titel – trägt: „Politik, Gesellschaft + Kultur“. Dies interpretierte ich nicht nur als politischen Anspruch des Blogs, sondern ebenso als kulturellen, weshalb ich ein Kurzessayformat für einen Beitrag grundsätzlich durchaus passend fand.

        Der Begriff der Kultur wird allerdings bekanntlich in notorisch vieldeutiger Weise gebraucht. In der heute im deutschsprachigen Raum gängigsten Typologie (nach Andreas Reckwitz, Transformation der Kulturtheorien. Weilersvist 2006) werden an verbreiteten Gebrauchsweisen dieses Konzepts zunächst solche a) anthropologischen Typs (etwa „ganze Lebensweise“, „Lebensstil“, „Mentalität“ o.ä., inkl. essentialistischer Kulturbegriffe, die als Substitute für den delegitimierten biologistischen Begriff der Rasse fungieren) und b) bedeutungstheoretischer Art unterschieden. Letztere beinhalten etwa ein Verständnis von Kultur als „signifizierende Praxis“ (gängig von Levi-Strauss bis zu den britischen Cultural Studies), oder simpler und mit stärker idealistischer Akzentuierung auch als „einem von Menschen erzeugten Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen, der sich in Symbolsystemen materialisiert”. Hinzu kommt die dem Alltagsverständnis nähere „normative Bedeutung“ von c) Kultur im Sinne eine Vorstellung von menschlicher Perfektion, somit dem Bestem, was je gedacht, geschrieben, gemalt oder produziert wurde – also „Hochkultur“ – und somit verdient, im kulturellen Gedächtnis verankert bzw. kanonisiert zu werden. Und schließlich dem Alltagsgebrauch gleichfalls nahe d) das Verständnis von Kultur differenzierungstheoretischer Art. Letzteres hat im Anschluss etwa an Autoren wie Luhmann oder Bourdieu Teilsysteme der sozial ausdifferenzierten modernen Gesellschaft im Blick, mithin die teilweise verselbständigte Produktion, Distribution und Rezeption etwa von Kunst, Musik, Literatur, Philosophie usw., Sphären also, die auf mehr oder weniger intellektuelle bzw. ästhetische Weltaneignungen und -deutungen spezialisiert sind, somit neben Hochkultur auch Populär- bzw. Massenkultur, Kulturindustrie etc. umfassen.

        Leser und Schreiber Marcel Feldmann charakterisiert den Essay von Cheryce von Xylander als „sehr lange“, Herr Schnell wiederum als „wortreich gestreckt“ – was vor dem Hintergrund der bislang im Blog.jj üblichen Art und Länge von Kommentaren und Stellungnahmen durchaus nachvollziehbar erscheint. Außerdem wurde ihr Text als „kryptisch“ und – in weniger netter Weise – als „sehr umständlich“ charakterisiert, zudem als eine Stellungnahme, aus der man nicht recht „schlau“ geworden sei bzw. die eine „Rätselhaftigkeit“ aufweise.

        Cheryce von Xylander: Rätselhaft… das verstehe ich als großes Lob!

        Ulf Wuggenig: Marcel Feldmann scheint sich dezidiert nicht an so etwas wie der Vorstellung eines „offenen Textes“ zu orientieren, wie man in Anspielung auf die Idee des „opera aperta“ – ein Plädoyer auch für Polysemie – von Umberto Eco formulieren könnte. Während Kevin Schnell eine auf Tweet-Länge reduzierte „Kernbotschaft“ vermisst und eine solche aus der Feder von Blog-Meister Jenckel erbat – ein Anliegen, das bislang unerfüllt blieb, folgt Martin Feldmann seinem Bedürfnis, den Kurzessay von Cheryce von Xylander „zu entschlacken“. Dabei verweist er zugleich auf ein in den USA entwickeltes Prinzip der Komplexitätsreduktion, nämlich den „Elevator pitch“. Seine Art der Aneignung des von Xylander Textes – grundsätzlich verdienstvoll, auch wenn ich den einen oder anderen wesentlichen Gesichtspunkt vermisse und man auf den Spuren der eingeschlagenen Logik auch noch hätte ein stärker axiomatisches Prinzip (mit Ableitungen) zur Anwendung bringen können – ist in der Sprache von analytischer Philosophie und Wissenschaftstheorie als „rationale Rekonstruktion“ bekannt. In diesem Zusammenhang verstrickt Martin Feldmann, der eine durchaus beachtenswerte Rekonstruktion geleistet hat, sich meines Erachtens jedoch in einen performativen Widerspruch: einerseits „Elevator pitch“-artige Knappheit zu fordern, sich selbst bei nicht weniger als 19 aneinander gereihten Thesen jedoch nicht daran zu halten.

        Da mir von seiner Seite explizit die Frage nach Vertrautheit mit dieser Kommunikationstechnik gestellt wurde, kann ich zunächst anmerken, dass ich durchaus hinreichend lange in wirtschaftswissenschaftlich geprägten Kontexten verbracht habe – als Student zunächst an der heutigen Wirtschaftsuniversität Wien, später als Habilitand am heutigen Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Erlangen-Nürnberg – um gewisse Einblicke in Denk- und Präsentationsstile des ökonomischen Feldes zu gewinnen.

        Was den „Elevator pitch“ als Kommunikations- bzw. Präsentationsstil im speziellen betrifft, gängig insbesondere in Feldern wie Investment, Consulting und Werbung, kann ich insofern auf „Praxiserfahrung“ verweisen, als ich diesem Typ von pitch gleich über mehrere Jahre im Rahmen einer Realerfahrung mit einem CEO begegnet bin. Bei dieser Person handelt es sich um den vielleicht schwärzesten aller „Schwarzen Schwäne“ (Nicholas Taleb) der Leuphana, den ehemaligen hauptberuflichen Vizepräsidenten Holm Keller, zweifelsohne ein CEO reinen, wenn auch nicht unbedingt typischen Wassers. Einerseits als Komponist bei Avantgardemusiker Wolfgang Riehm in Karlsruhe und als Theaterwissenschaftler in Wien sozialisiert, andererseits als Absolvent eines Master of Public Administration in Harvard mit ökonomischen Denkstilen vertraut gemacht und später „im Feld“ noch bei Bertelsmann und McKinsey geschult, handelte es sich bei ihm um eine künstlerisch-unternehmerische Managerfigur des „neuen Geistes des Kapitalismus“ (Boltanski / Chiapello). Er repräsentierte deshalb nicht den Typus des „(Betriebs)Wirts“, und auch nicht den des volkswirtschaftlichen Modellplatonisten, sondern vielmehr den des „Entrepreneurs“ mit einer Dosis Künstlerhabitus, der sich an „kreativer Zerstörung“ im Sinne von Schumpeter orientiert. Für diesen CEO, der für Lüneburgs bislang überaus bodenständige Universitäts-, Projekt- und auch Architekturlandschaft eine genuine Differenz herstellte, galt eine ebenso offen wie klar artikulierte Erwartung gegenüber Menschen in seinem beruflichen Umfeld: Nämlich für das, was man zu übermitteln vorhat, nicht mehr als eine Minute – die legitime zeitliche Elevator pitch Spannweite reicht de facto von 30 Sekunden bis 2 Minuten – seiner Zeit zu beanspruchen. Dabei spielte es keine Rolle, ob er es mit Studierenden, Verwaltungsangestellten, wissenschaftlichen Mitarbeitenden oder Professoren zu tun hatte.

        Verspürt man als Wissenschaftler die Neigung, sich aus freien Stücken an einem Prinzip dieser Art zu orientieren? Der wissenschaftliche Kontext, in dem ich mich bewege, unterscheidet aus gutem Grund „Schnelles und langsames Denken“, wie der Titel eines Bandes des Psychologen und Nobelpreisträgers für Wirtschaft des Jahres 2002, Daniel Kahnemann, lautet. Dieser Kontext ist zwar durchaus mit dem Zusammenhang von Intelligenz und Geschwindigkeit des Denkens vertraut, kennt jedoch auch pejorative Begriffe wie „quick and dirty“ oder solche die –
        wie „kulturelles fast food“, oder „Medienintellektuelle“ – von Pierre Bourdieu mit polemischer Absicht ins Spiel gebracht wurden.

        Bevor ich auf die im letzten Absatz aufgeworfene Frage nochmals eingehe möchte ich die Kritik von Marcel Feldmann in einem etwas anderen Bezugsrahmen betrachten, nämlich dem von Theorie und Forschung zu wissenschaftlichen Stilen. Bis in die frühen 1980er Jahre war die Neigung verbreitet, die Wissenschaftskommunikation als eine universelle Angelegenheit zu betrachten. Als solche erschien sie zwar von individuellen Idiosynkrasien geprägt, jedoch weitgehend unabhängig von Rahmungen durch kulturelle Faktoren (im anthropologischen wie differenzierungstheoretischen Sinn). Diese Sichtweise begann sich jedoch zu verändern, nachdem Johan Galtung, nach seiner mathematischen, soziologischen und politikwissenschaftlichen Phase nunmehr Kulturtheoretiker nach eingehender Befassung mit Philosophie, Theologie und Psychoanalyse, einen Beitrag zum Thema lanciert hatte welcher sich als einflussreich erweisen sollte. Als Wissenschaftler war er nicht nur dafür bekannt, dass er seine Disziplin bewusst alle 10 Jahre wechselte, um an intra-individueller Interdisziplinarität zu gewinnen, sondern auch dafür, dass sich seine wissenschaftliche Tätigkeit auf die Einbindung in Wissenschaftsinstitutionen aller vier Ecken der Welt erstreckte, ein „globaler Intellektueller“ somit, wie man aus heutiger Sicht sagen würde. Auf diese Weise war er in der Lage, reichhaltige Erfahrungen mit Diversität von Wissenschaftskulturen bzw. interkultureller Kommunikation zu sammeln. Im Jahre 1981 publizierte er jenen Essay, der einen Wandel in der Betrachtung wissenschaftlicher Kommunikation herbei führen sollte, in der Zeitschrift Social Science Information: „Structure, culture, and intellectual style: An essay comparing saxonic, teutonic, gallic and nipponic approaches“. Bereits 1983 erschien dieser Beitrag, der Wissenschaftsstile systematisch voneinander abzuheben versuchte, auch in Deutsch (Leviathan, Jg. 11, No. 3, S. 303-338). Auf idealtypische Weise wurden digressive „teutonische“ Stile , lineare „sachsonische“, zirkuläre „nipponische“ und digressiv-elegante „gallische“ unterschieden, die nicht auf Deduktionen angewiesen sind, sondern über Konnotationen der gewählten Begriffe und Eleganz der Sprache überzeugend sein möchten.

        Auf dieser Grundlage entstanden weiterführende Arbeiten (u.a. Clyne 1993, Duszak 1997, Kozłowska 2007, Lehmann 2013 und Jopkiewicz 2014), auf die ich mich im folgenden stütze, ohne sie im Einzelnen zu zitieren. Dabei zielt das von Galtung übernommene attributive Adjektiv „teutonisch“ nicht bloß auf charakteristische deutschsprachige Zugänge, sondern auch auf russische, tschechische und polnische, wenngleich der deutsche Stil aus der Sicht dieser Autoren das Paradigma in größter Reinheit verkörpert. Der lineare sachsonische Stil erscheint wiederum am reinsten durch in den USA entwickelte Muster repräsentiert. Ich klammere den nipponischen und den gallischen Stil hier aus Gründen der Notwendigkeit der Begrenzung des Rahmens aus, obwohl ich weiß, dass Cheryce von Xylander und die Tradition der Wissenschaftsgeschichte, in welche sie eingebunden ist, sich durchaus auch an Montaigne orientieren. Die beiden zuerst angeführten Idealtypen erscheinen mir für die Einordnung des Beitrags von Cheryce von Xylander und der daran geübten Kritik ausreichend, was bereits meine in diesem Zusammenhang gewonnene Einschätzung voraus ahnen lässt.

        Eine der Dimensionen dieser Unterscheidungen, die hier nicht in voller Breite entfaltet werden können, ist das Maß der Leserorientierung von Texten. Der sachsonische Stil, so das Ergebnis entsprechender stichprobenbasierter Inhalts- und Diskursanalyen, orientiert sich an Vereinfachung und ist interaktiv bzw. dialogisch. Demgegenüber erscheint der teutonische Stil als kompliziert, seine argumentative Ausführung eher verwickelt. Er zeichnet sich durch eine relativ große Häufigkeit von Nominalisierungen aus, durch den Gebrauch von Schachtelsätzen wie durch die Heranziehung von Ellipsen. Als charakteristisch für den teutonischen Stil erscheint auch „Digressivität“, womit Rückverweise, Ergänzungen, nähere Bestimmungen und Wiederholungen gemeint sind. Das Konzept der Digressivität wurde als Antwort auf die von Linguist Michael Clyne aufgeworfene Frage nach der „Vektorialität“ von Texten verstanden, als Hinweis auf die „geometrische Richtung“, in welcher sich diese fort bewegen. Während Texte deutschsprachiger Wissenschaftler_innen die Tendenz zu mehrsträngiger Argumentation aufweisen, streben englischsprachige Texte nach Linearität. Zudem enthalten Texte aus dem deutschen Sprachraum eine größere Zahl von Exkursen bzw. ‘Abweichungen‘, ein Merkmal, welches in der sachsonischen Welt vielfach negativ bewertet wird. Exkurse ermöglichen den Autor_innen zusätzliche Inhalte einzuschieben, theoretische Perspektiven einzufügen, oder auch historische Bezüge herzustellen.

        Lineare Texte, wie sie in der angel-sächsischen Wissenschaftskultur verbreitet sind, können schneller rezipiert, Informationen rascher aufgefunden werden. Eine unmittelbare Hinwendung in Richtung von Lesern Rezipienten ist leicht zu erkennen. Die Texte des sachsonischen Stils sind somit in erster Linie empfängerorientiert, die des teutonischen Stils hingegen wissens- und wahrheitsorientiert bzw. konzentrieren sich auch in stärkerem Maße auf einen Autor selbst, welcher seine „Kreativität“ zeigen möchte. In der teutonisch geprägten Wissenschaftswelt trägt weitgehend der Leser selbst die Verantwortung, den Text zu verstehen. In der angelsächsischen Wissenschaftswelt bemühen der oder die Autorin sich, einen lesbaren Text herzustellen.

        Im sachsonischen Verständnis ist ein guter Text somit ein einfacher und – im Sinne der Linearität – klar strukturierter Text. Dafür werden, wie linguistische Analysen zeigen, etwa auch thematische Sätze am Anfang eines jeden Absatzes eingesetzt. Der teutonische Stil tendiert hingegen dazu, mehrere Gedankenstränge in mehreren Textabsätzen zugleich anzusprechen und miteinander zu verflechten. Dafür stehen etwa Brückensätze, die zumeist am Anfang eines neuen Absatzes stehen und Bezugsfunktionen erfüllen, Bezugnahmen auf vorangehende oder frühere Textabschnitte, am Ende von Absätzen auch auf den nachfolgenden Absatz.

        Meine These lautet wie folgt. Obwohl Cheryce von Xylander US-Amerikanerin ist, folgt sie als Autorin nicht dem linearen sachsonischen Modus, der sich auf „lesbare Texte“ im Sinne von Roland Barthes stützt, die wenig Mitarbeit bei der Konstituierung von Sinn verlangen und auch nicht viele Lesarten kennen, sondern dem digressiven teutonischen Paradigma.

        Cheryce von Xylander: Meine englischsprachigen Leser halten den englischen Text für klar und zugänglich. Rätselhaft ja, aber nicht in der Sprache. Sondern in den Gedanken selbst und dem unglaublichen historischen Befund, dass Kants berühmter Aufsatz mit unserer digitalen Lebenswelt aufs engste zusammen hängt. Das ist bizarr, verstörend und irgendwie märchenhaft. Man meint es sei erfunden, was ich da nur zusammengetragen habe. Das macht vielleicht auch die Schwierigkeit des Verstehens aus – dass die historische Wirklichkeit bei Kant so unwahrscheinlich zeitgemäß, ja geradezu prophetisch daher kommt.

        Ulf Wuggenig: Dies könnte ebenso mit Cheryce von Xylanders partieller Deutschstämmigkeit wie mit ihrer Tätigkeit an deutschen Universitäten (Philosophie an der TU Darmstadt, Kunstgeschichte an der HU Berlin) zu tun haben. Dies zeigt sich auch in ihrer starken Orientierung an Autoren aus der deutschen geisteswissenschaftlichen Tradition, seien dies nun ein Idealist wie Kant, oder ein Kulturmarxist wie Walter Benjamin, ein von ihr nach meiner Wahrnehmung gleichfalls in besonderem Maße geschätzter Autor.

        Cheryce von Xylander: Walter Benjamin zählt in der Tat zu meinen methodischen Vorbildern. Nicht nur die Form des Essays ist bei ihm zu studieren, sondern auch die Sprengkraft des konkreten historischen Beispiels, welches sich etablierten Denkgewohnheiten verweigert. Im übrigen hat auch ihn der Schachtürke beschäftigt – Benjamin deutet diese Figur als Sinnbild für das Verhältnis von Theologie zum Marxismus.

        Ulf Wuggenig: Ihre kritischen Anmerkungen bzw. Forderungen, verehrter Herr Feldmann, interpretiere ich als Kritik aus der Perspektive des angelsächsischen linearen Stils, mit der Orientierung am elevator pitch als einer der Erscheinungsformen des sachsonischen Modus in extremis.

        Cheryce von Xylander: Womöglich ist einiges an Klarheit in der Übersetzung verloren gegangen…

        Ulf Wuggenig: Auch die Forderungen nach Synthese bzw. einem plausiblen argumentativen Zusammenhang – „Was wollte die Autorin uns sagen?“ – deutet auf die Bevorzugung eines Denkens in diesem Stil und eine starke Vorliebe auf „lesbare“ Texte hin.

        Da ich Cheryce von Xylander gebeten hatte, noch selbst auf die geäußerte Kritik zu antworten, ggf. eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen zu liefern – was eingangs auch geschehen ist – möchte ich einen solchen Abstrakt – mir als Wissenschaftler bereits deshalb sympathischer als ein Elevator pitch, da im Wissenschaftsfeld und nicht in Feldern wie Werbung, Investment oder Consulting verwurzelt – ebenso wenig anbieten, wie Herr Jenckel bereit war, eine Extremreduktion des Essays auf eine Kernaussage im Twitter Format vorzunehmen.

        Cheryce von Xylander: Ich habe eher mit einem gewissen Witz bzw. ironisch als substantiell zu antworten versucht. Etwas mehr Substanz wird in der nächsten Version meines Essays enthalten sein, der neben Essays und Stellungnahmen u.a. der Philosophin Steffi Hobuss, den Historikern Christoph Rass und Gebhardt Weiss sowie dem Soziologen Ulf Wuggenig auf der Website des Kunstraum der Leuphana in der Rubrik “Hinterbühne IV” veröffentlicht werden wird. Dabei werde ich auch Bezug nehmen auf die neuere kulturwissenschaftliche Kritik an Kant, wie sie die Philosophin Ruth Sonderegger (Akademie der Bildenden Künste Wien) entfaltet hat.

        Ulf Wuggenig: Ich erlaube mir abschließend einen Hinweis auf einen Aspekt des Essays von Cheryce von Xylander, dessen Berücksichtigung ich in der einigermaßen umfangreichen rationalen Rekonstruktion von Marcel Feldmann gänzlich vermisste. Es ist dies das Fehlen jeglicher Referenz auf die starke Bezugnahme auf Kant, die sich bei von Xylander findet.

        Cheryce von Xylander: Sehr gut, dass Sie diesen Punkt betonen. Da Kant den Schachtürken thematisiert – und dieser auch als Inbegriff des Turing Tests verstanden werden kann – halte ich die kritische Philosophie für ausserordentlich zeitgemäß!

        Ulf Wuggenig: In Ankündigung des Essays von Cheryce von Xylander schrieb ich angesichts des bevorstehenden Transfers einer großen Sammlung von Objekten von und zu Kant auf Grund der Schließung eines Museums im Ruhrgebiet: „Dieser berücksichtigt zudem, dass Lüneburg vor dem Hintergrund einer großen Kant-Schenkung an das Ostpreußische Landesmuseum die Ambition zu haben scheint, sich zu einer „Kant-Stadt“ zu erheben, zumindest das vorhandene Museum mit einem Kant Schwerpunkt und einem entsprechenden, auf ein breiteres Publikum zielenden Ausstellungschwerpunkt auszubauen. Aus meiner Sicht wäre angesichts dieser Geistesgröße, die nicht zuletzt im Bereich der Menschenrechte ihresgleichen sucht, zu hoffen, dass dies auch vor dem Hintergrund von Veränderungen im Bereich der lokalen Erinnerungskultur und –politik geschehen kann. Sich mit gegebenem erinnerungskulturellen Hintergrund mit Kant schmücken zu wollen würde einmal mehr mit paradoxen Effekten enden.“

        Cheryce von Xylander: Ja, es wäre ein unguter Kompromiss, wenn sich Bildungsbürger und Rechtsbewegte auf Kant einigen könnten – und das Erbe auf zwei konträre Weisen ausgelegt wird, obwohl eine solche Schieflage vermutlich unvermeidbar ist. Auslegungen sind letztlich immer frei. Aber sehenden Auges beide politische Lager zu bedienen wäre zynisch. Die seit 2004 bestehende Kant Stiftung sieht ihren Zweck darin, „aufklärende, ethisch-politische Öffentlichkeitsarbeit“ zu belohnen und zwar mit dem „Kant-Weltbürger-Preis“. Dem gegenüber sieht sich Frauke Petry „in der Tradition eines Immanuel Kant“, wenn sie gegen Migrantinnen und Migranten wettert – „Die Angst vor dem Fremden ist ein natürlicher Überlebenstrieb“ – oder das Weltbürgertum als Bedrohung der deutschen Leitkultur auffasst (s.

        https://www.tagesspiegel.de/politik/machtkampf-in-der-afd-sie-sieht-sich-in-der-tradition-eines-immanuel-kant/13853764-3.htmlf).

        Eine der AfD nahe Stiftung meldete sie zunächst unter dem Namen Immanuel-Kant-Stiftung e.V. an. Mittlerweile nennt sie sich Immanuel-Kant-Verein und wird vermutlich den parteipolitischen Verwerfungen zum Opfer fallen. Ein Segen wäre es. Jeder Kant-Kenner muss diese Aneignung verurteilen. Es läuft auf eine feindliche Übernahme hinaus, um den philosophischen Kontrahenten auszuschalten.

        Ulf Wuggenig: Meine Sätze zu Kant und Lüneburg gelten heute noch mehr als an dem Tag, an dem sie geschrieben wurden (19.2.2018), in einer Stadt, in welcher nach langer Pflege der „Leidenschaft der ‚ignorance’ “ (Lacan) seit dem Jahre 2014 ein erinnerungskultureller, und damit meist zugleich auf Menschenrechtsfragen bezogener, Fauxpas auf den nächsten folgt.

        Man muss kein Prophet sein, um vorher zu sagen, dass nach der Intervention von Daniel Libeskind und den Äußerungen des OB der Hansestadt im NDR vom 21.2.2018, aus denen eine glokalisierte kommunale Version einer politischen Position spricht, die aus den rechten Regionen des globalen politischen Feldes gut vertraut ist („America first“, „Österreich zuerst“ etc.), die Aufmerksamkeit für die Diskurse um die Lüneburger Erinnerungskultur – die Einrichtung eines „Forums“ mit zahlreichen ungeklärten und letztlich wahrscheinlich sehr kontrovers ausgetragenen Verfahrensfragen steht bevor – bald auch eine überregionale Ebene bald erreichen wird.

        Die öffentlich breit, über drei Ausstrahlungen des NDR TV kommunizierte, dezidiert parochiale Haltung des Lüneburger OB erklärt ex-post wohl auch zumindest zum Teil die zunächst vielfach als rätselhaft gedeutete Nicht-Wahrnehmung der Einladung des Kunstraum der Leuphana durch einen Vertreter oder eine Vertreterin der Stadt Lüneburg. Die Einladung galt der Teilnahme an einer Podiumsdiskussion – mit überwiegend Nicht-Lüneburgern, wie Prof. Dr. Rass von der Universität Osnabrück bzw. der Historischen Kommission Niedersachsen und Bremen, Dr. Dalhourski von der Leonid Lewin Geschichtswerkstatt in Minsk, nicht zu vergessen ich selbst, der ich nur ein Lünebürger Bürger auf Zeit bin – zur 110. ID bei der Eröffnung der Ausstellung „Hinterbühne III“ im Hörsaal 5 der Leuphana am 14. 6. 2017. Eine der Fragestellungen von Hinterbühne III lautete: „Wie ist es im Rahmen eines multi-kausalen sozio-kulturellen Modells zu erklären, dass ein Kriegsverbrechen an Zivilist_innen in der Dimension von Ozarichi (Osaritischi) in einer norddeutschen Provinzhauptstadt jenes Landes, das sich seiner kritischen Erinnerungskultur rühmt, ungeachtet der maßgeblichen Tatbeteiligung einer mit ihrem Namen verbundenen Wehrmachtseinheit über einen Zeitraum von nicht weniger als 70 Jahren so gut wie nicht reflektiert bzw. öffentlich diskutiert wurde?“

        http://kunstraum.leuphana.de/veranstaltungen/hinterbuehne_3.html

        Es scheint weder als ein gutes Zeichen für die politische Kultur, noch für die Erinnerungskultur und –politik der Hansestadt zu sein, dass es nicht gelang, eine solche Frage auch mit Vertretern oder Vertreterinnen der Stadt Lüneburg öffentlich zu diskutieren. Hiltrud Lotze, die, das sei zu ihrer Ehre unterstrichen, der Einladung folgte, legte an diesem Tag Wert darauf zu betonen, als MdB und nicht als Vertreterin der Stadt am Podium präsent zu sein.

        „Lüneburg den Lüneburgern“- bzw. „Lüneburg zuerst“-Parolen – so deute ich den allgemeineren Rahmen der Antworten des OB im Kontext des NDR Interviews – erscheinen angesichts der traditionsreichen transnationalen Geschichte einer Hansestadt eher befremdlich. Die Haltung verwundert nicht weniger mit Bezug auf die Gegenwart angesichts der in überaus starkem Maße überregionalen Rekrutierung der Studierenden und Wissenschaftler der Universität einer Stadt, die sich nach Abzug der meisten Soldaten gerne als Universitätsstadt bezeichnet und auch ihre Abwendung von einem Selbstverständnis als Garnisonsstadt behauptet („Von der Garnisons- zur Universitätsstadt“).

        Überregional rekrutiert waren (und sind) zudem nicht nur die in der Stadt aufgestellten bzw. stationierten Bundeswehreinheiten, sondern selbst eine Institution wie die 110. Infanterie Division. Diese Wehrmachtseinheit rekrutierte sich – wie in Militärverbänden üblich – nicht mehrheitlich lokal, d.h. aus Stadt oder Landkreis Lüneburg, ganz zu schweigen von der Territorialität der Menschen, welche den barbarischen Praktiken jener Soldaten zum Opfer fielen, welche im Namen dieser Einheit agierten. Diese Soldaten und ihr institutioneller Rahmen wurden ausschließlich für den verbrecherischen Vernichtungskrieg gegen Rußland aufgestellt und unverständlicherweise noch 15 Jahre nach Kapitulation der Wehrmacht durch ein „Ehrenmal“ gewürdigt. Dieses nahm die Stadt Lüneburg nach einem Integrationsprozess, der sich über mehrere Jahre erstreckte, schließlich 1960 auf kommunalem Grund und Boden in Obhut. Dieser Prozeß wurde in einer in hohem Maße sichtbaren Weise unter politisch administrativer Führung der Kommune durch ex-Wehrmachtsoffiziere sowie ex-NSDAP Mitglieder und der von dieser getragenen Willkommenskultur – siehe die Bekundungen anlässlich der 1000-Jahr Feier der Stadt Lüneburg 1956 – gegenüber nicht bloß 300 Überlebenden des „Kessels von Minsk“ (diese Zahl wird auf den Tafeln des „Friedenspfades“ vor dem „Ehrenmal“ der 110. I.D. am Graalwall seit 2014 genannt) eingeleitet. Nach Angaben des Kameradschaftsverbandes der ex 110. I.D. und einem Aktenvermerk der Stadt Lüneburg vom 5.3. 1958, dem Jahr der Rede von ex-Kommandant Generalleutnant Martin Gilbert im Fürstensaal des Rathauses, in welcher er die 110. I.D. von jeder Beteiligung an Kriegsverbrechen freisprach – belief sich zu dieser Zeit die Zahl der ehemaligen soldatischen Mitglieder des Traditionsverbandes auf nicht weniger als noch 2700 Veteranen.

        Bis zum heutigen Tage trägt die Stadt Lüneburg Sorge für die Pflege dieses Ehrenmals. Da dies über der Diskussion des Epigramms meist übersehen oder in eher naiver Weise übergangen wird, möchte ich unterstreichen, dass dieses Ehrenmal versehen ist – und dies keineswegs in mehrdeutiger Weise – sowohl mit dem offiziellen taktischen Zeichen der Wehrmachtseinheit, einem Wikinger Symbol mit anti-slawischer Ausrichtung auf Alfred Rosenbergs Linie, als auch mit der wehrmachtsoffiziellen institutionellen Signatur – „110. I.D“ – der 110. Infanteriedivision. Zu den damit verbundenen Problemen u.a. rechtlicher Art mit Bezug auf das Verbot der Vorbereitung, Realisierung und Verherrlichung eines verbrecherischen Angriffs- bzw. Vernichtungskriegs durch Artikel 26 Grundgesetz liegt nun eine Expertise des deutschen ex-Botschafters in Belarus bzw. Minsk, in Kroatien und der Ukraine vor, des Historikers und Slawisten Dr. Gebhardt Weiss. Zeitweise war dieser ehemalige Diplomat auch Sonderbotschafter für die Verhandlungen zum KSE-Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa. Sein Text sollte neue Einblicke eröffnen und erinnerungskulturelle Diskussionen auslösen. Die „Gedanken zu einem Gedenkstein“ vom 3.3.2018 von Gebhardt Weiss werden in Kürze auch auf der Website des Kunstraum der Leuphana in der Rubrik „Hinterbühne IV“ – einer diskursiven Vorbereitungsplattform für eine weitere an der Universität organisierte Ausstellung zum Thema der Erinnerungskultur – zugänglich gemacht.

        Wenn man der Biographie der Träger jener Klage gegen die Hansestadt Lüneburg Aufmerksamkeit schenkt – Holocaust Nachfahren jüdischen Glaubens, darunter ein ungarischer Nebenkläger des Lüneburger Auschwitz Prozesses von 2015 – welche von journalistischer Seite erklärtermaßen Anlass für das in drei Varianten vom NDR am 21.2.2018 ausgestrahlte Interview mit dem OB vom 20.2.2018 war. Darüberhinaus die Intervention von Daniel Libeskind vom 3.3.2018 über die lünepost zugunsten einer erinnerungspolitischen Resolution der Grünen bedenkt. Außerdem noch die Mitte 2017 in Gang gesetzte Kooperation des Kunstraum der Leuphana mit den Trägern der vom Auswärtigen Amt mit rd. 500k geförderten Ausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ berücksichtigt, die im Oktober 2018 im Zentralgebäude der Leuphana eröffnet wird und die eine Zusammenarbeit impliziert u. a. mit externen Institutionen wie dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Johannes Rau (IBB) Dortmund, der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie der Geschichtswerkstatt Leonid Lewin in Minsk und die ein überregional rekrutiertes wissenschaftliches Begleitprogramm umfasst, dann lässt sich erahnen, dass etwas schwer aufrecht zu erhalten sein wird, nämlich Geist und Praxis einer Haltung wie der folgenden: „Ich führe die Diskussion mit den Lüneburgerinnen und Lüneburgern und lass mich nicht so sehr von außen beeinflussen“ (OB der Hanse- und Universitätsstadt Lüneburg, Ulrich Mädge am 21.3.2018 im NDR).

        Weder – so wage ich eine Prognose, was in geschlossenen Systemen gut gelingen kann, aber in offenen bekanntlich riskant ist – wird der endlich auf breiterer Basis in Gang gekommene Diskurs über Erinnerungskultur und –politik in und um Lüneburg sich angesichts der Ereignisse der jüngeren Zeit – der Skandal um Bürgermeister Dr. Scharf und der höchst unprofessionelle politische Umgang mit diesem, der Nerling-Aktivismus und die anhaltende Unterstützung des Bürgermeisters von immer deutlicher Holocaust relativierender rechtsextremer Seite, das wachsende Bewußtsein über eine lokale Verschleppung von Diskussionen nicht bloß über „Gräueltaten“, sondern über Kriegsverbrechen, die zu den schwerwiegendsten der Wehrmacht überhaupt zählen, über nicht weniger als 70+ Jahre – von Akteuren der mittleren und rechten oberen Zonen des lokalen Machtfeldes sich medial weiterhin auf die Reichweite von Kommune oder Region beschränken lassen. Noch wird sich eine auf Exklusion setzende parochiale Haltung, deren Legitimität so schwach erscheint, dass selbst ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz in Frage steht (siehe die erwähnte Stellungnahme von Gebhardt Weiss vom 3.3.2018), ohne weiteres mit Aussicht auf Erfolg verteidigen lassen.

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      • jj schreibt:

        Cheryce von Xylander

        Antwort an Marcel Feldmann
        auf Ausführungen bzw. Fragen vom 21. 2. 2018

        kommentar zur rationalen rekonstruktion des essays „blame it on the bots!“

        sehr geehrter herr feldmann,

        sie haben sich die mühe gemacht, die kernthesen meines essays herauszuarbeiten. das finde ich hinreissend und für diese persönliche anteilnahme möchte ich ihnen von herzen danken. zum einen freue ich mich, dass sie mir einblick gegeben haben in ihre auslegung des textes. dies erlaubt mir einige punkte zu verdeutlichen, die in der kürze des essays nur anklingen konnten. es wird nicht nur ihnen so vorgekommen sein, dass der text für einen (informellen) blog-dialog ungewöhnlich förmlich gefasst ist. der schreibduktus hat betont idiosynkratischen charakter: er unterstreicht den menschlichen anteil einer maschinell-gestützen kommunikation. sie haben das auf intuitive Weise erfasst und mit ihrer übertragung in eigene worte die menschlichen anteile auf charmante weise noch mehr hervorgehoben. obwohl sie meinen bzw. schreiben, mich nicht verstanden zu haben, bezeugt ihr handeln, dass sie die bestehende problemlage instinktiv aufgegriffen haben und treffsicher zu reagieren wussten, nach ureigener art. so soll es sein!

        zum anderen baten sie um ein elevator-pitch. mir scheint die neue, verdoppelte tweet-länge ihrer vorstellung bzw. aufforderung zu entsprechen. hier also der essay in deutlich weniger als 280 zeichen: „Der Schachtürke steht für entfremdete menschliche Arbeit, die uns unheimlich erscheint, weil sie uns als digitales Gemüt einholt und zu anderen macht, die sich selbst nicht wiedererkennen.“ (siehe Cheryce von Xylander, „Digitales Gemüt“. In: Grenzgänge in der Philosophie. Denken darstellen. Herausgegeben von Alexander Fischer und Annett Wienmeister. Münster: Mentis-Verlag, 2018, in Kürze erscheinend.)

        ich nehme nun bezug auf ihre rekonstruktion meines essays in 19 Thesen von a) bis r) und antworte weiterhin in kleinen lettern:

        Marcel Feldmann: Hier, wie ich glaube, das Gerüst der von Xylanderschen Ausführungen:

        a) Debatten über politische Verantwortung haben Bedeutung über lokale Grenzen hinaus.

        und die gleiche digitale entwicklung zeitigt ganz unterschiedliche lokale transformationen!

        b) Die öffentliche Sphäre wird durch die digitale Transformation zunehmend verzerrt.

        verzerrt? das impliziert ein authentisches, gegebenes sosein der öffentlichen sphäre, einen „normalzustand“, welcher im zerrbild verfremdet erscheint. ich denke, die öffentliche sphäre, oder das gemeinschaftlich kommunale, beruht immer auf einem aushandlungsprozess innerhalb historisch gewachsener zusammenhänge. die digitalen bedingungen des aktuellen handelns – kollektiv wie individuell – führen zu neuen konfigurationen von kommunalität, die technomorphe gestalt annehmen.
        c) Der „Schachtürke“ von 1769, obgleich ein Betrug, ist ein frühes Sinnbild einer „denkenden“ Maschine (künstlicher „Intelligenz“).

        ja — aber mehr noch ein sinnbild für das mensch-maschine verhältnis im sinne eines kognitiven hybrids verstanden, als vereinigung von analogen und digitalen problemlösungsansätzen, die ohne einander nicht mehr auszukommen vermögen.

        d) Digitalisierung verändert die Bedingungen des Menschseins (erweitert die materiellen Möglichkeiten und limitiert die assoziativen Fähigkeiten unseres Geistes).

        limitiert? wer spricht von limitierung? unsere mentalen und körperlichen fähigkeiten und potentiale werden erweitert, überspannt. die rechner kompensieren unsere angeborenen schwächen, sie sind kompetenter als ihre urheber, spielen besser schach, werden nicht müde, verlangen keinen urlaub. diese leistungssteigerung muss absorbiert werden und zwar gesamtgesellschaftlich, während sie sich als in krasser form ungleichmässig – also nach power law – verteilt erweist.

        e) Digitalisierung fördert falsche essentialistische Vorstellungen von Vernunft (Aber Vernunft ist kein erreichbarer Zustand, sondern immer nur Ergebnis eines Prozesses methodischen Aushandelns).

        ja. „essentialistisch“ nicht nur im sinne von etwas starrem, begrifflich festem, sondern auch im sinne einer engführung von denkbewegungen auf solitär-individuelle, gehirn-basierte einzelleistungen. das individuum wird zum fetisch-objekt innerhalb intelligenzgesteuerter infrastrukturen, die gar nicht individual-subjektbezogen operieren. wir haben die rechner anthropomorphisiert, zu simulatoren von einzelakteuren gemacht, um sie überhaupt noch bedienen zu können. das ist eine menschliche anpassung und verklärung, eine antiquiertheit, die der obsolenz tradierter subjektivierungsfiguren entspricht. das subjekt wird in dem masse verdinglicht wie es in der smart-vernetzen wirklichkeit als überholtes beiwerk zunehmend auf ästhetische funktionen reduziert wird.

        f) Das Internet ist letztlich der „Schachtürke“ in globalem Maßstab (eine Maschine, durch die Menschen interagieren).

        das internet ist der „schachtürke“ in globalem maßstab, nicht weil die menschen vermittels der maschine interagieren, sondern weil mensch und maschine ein integriertes system bilden. der schachtürke repräsentiert mensch und maschine zugleich. das internet stellt ein fusioniertes mensch-maschine gebilde dar – die bedingung der möglichkeit des denkens steht zunehmend auf einem fundament hybrider betriebsamkeit. verstand ist verstoffwechseltes handeln, vernunft die einsicht in den mechanismus der verinnerlichung — und wann bzw. unter welchen bedingungen dieser gedeiht.

        g) Die aller Aufklärung innewohnende Spannung von theoretischen Unendlichkeiten und praktischer Endlichkeit kehrt in der digitalen Dimension wieder.

        sie kehrt nicht nur „wieder“, sondern sie war für die entwicklung der turing maschine maßgeblich — wie ich an anderer stelle nachweise (siehe meine habilitationsschrift) — und wird durch die digitale datenverarbeitung zunehmend aufgehoben. das gefüge von endlich erfasster unendlichkeit wird rechnerisch gesprengt. es steht eine kosmologische wende an.

        h) Die Maschine schaltet sich in das zerbrechliche Gleichgewicht von unendlichen Zielen und endlichen Mitteln ein.

        ja

        i) Die Wirkmächtigkeit von automatisierter, bot-basierter online Hetz- und Schmährede ist eine unbestreitbare Tatsache.

        ja
        j) Mangelhaftes historisches Wissen durch maschinengesteuerte Desinformation zu erklären, führt aber in eine Sackgasse.

        ja
        k) Das Internet gibt jedem die Möglichkeit, Falschinformationen in schwindelerregendem Umfang zu streuen

        ja

        l) Aussagen die nicht opportun sind, werden im Netz oft kurzerhand als bösartiges Geschwätz von chat-bots abgetan, die von feindlichen Kräften gesteuert werden.

        ja
        m) Das Ergebnis ist offensichtlich: – Nicht wir sind das Problem, sondern die Bots.

        ja

        n) Dieses Argument zeigt das Ausmaß, in welchem die Aushöhlung des zivilgesellschaftlichen Diskurses bereits vorangeschritten ist. Technische Neuerungen dienen als Entschuldigung dafür, zurechenbare Verantwortlichkeit zu verwischen.

        ja

        o) Vernunft ist zwar keine Essenz, aber die unverzichtbare regulative Idee eines allen gemeinsamen und nur gemeinsam erreichbaren Bezugspunktes von Wissen und Wahrheit, ein gemeinsames Kapital, das vor dem Auszehren geschützt werden muss.

        ja, das ist eine wunderbare fomulierung!

        p) Der „Schachtürke“ verkörperte das Unheimliche der aufklärerischen Denkmaschine. Orientalischen Flüchtlingen der Gegenwart geht es nicht anders: Im Grunde genommen werden Sie als Roboter wahrgenommen, die den Rest von uns „robotisieren“ (ihnen anverwandeln) möchten.

        ja — anverwandeln ist die passende wortwahl, danke!

        q) Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen der vermeintlichen migrantischen Bedrohung und der Idee, dass gute Bürger von Bots manipuliert bzw. hinters Licht geführt werden.

        ja

        r) Das Ineinssetzen von Bots und „Fremden“ besagt letztlich: Es sind geistlose (nichtmenschliche) Akteure, welche die Schuld für mein anwachsendes (von mir gerne generalisiertes und „dem Volk“ insgesamt unterstelltes) Unbehagen tragen.

        ja! es werden sündenböcke auserkoren, die vom eigentlichen geschehen ablenken, wie die attrappen-puppe des schachtürken, während die wirtschaftlichen verwertungslogiken und technowissenschaftlich vorangetriebenen fusionierungsmechanismen (die menschen und maschinen neu konstellieren – und durchaus befremdliche, zutiefst ungemütliche veränderungen mit sich bringen) stillschweigend übergangen werden. ein zu recht empfundenes unbehagen wird der falschen ursache zugeordnet.

        Ulf Wuggenig

        Antwort an Marcel Feldmann und Kevin Schnell
        auf Ausführungen bzw. Fragen vom 21. und 22. 2. 2018

        Über lesbare und über digressive Texte

        Sehr geehrter Herr Feldmann, sehr geehrter Herr Schnell,

        ihre Kommentare zum Beitrag von Wissenschaftshistorikerin Cheryce von Xylander werfen Fragen des Stils journalistischer wie wissenschaftlicher Kommunikation auf, darüber hinaus solche, welche Differenzen von Denk- und Schreibstilen betreffen, einschließlich der Gründe für deren Diversität. Erinnern würde ich zunächst gerne daran, dass ich den Beitrag von Frau von Xylander als Essay angekündigt hatte. Dies ist ein Format, welches literarische bzw. künstlerische (z. B. Film Essay) Spielarten ebenso kennt wie journalistische (insbes. im Feuilleton) und wissenschaftliche. In Wissenschaft und Philosophie kann dieser Typus von Text zu beträchtlichem Umfang aufwachsen. Dies wird erkennbar, wenn man auf die Resonanz mancher Arbeiten blickt, welche die Bezeichnung Essay in ihrem Titel tragen. Dazu gehört etwa Erving Goffmans Rahmenanalyse

        „Frame analysis. An essay on the organization of experience“, 1974
        https://books.google.de/books/about/Frame_analysis.html?id=XBpmAAAAIAAJ&redir_esc=y

        Dieser Essay diente als theoretischer Bezugsrahmen für die militärhistorischen und militärsoziologischen Ausstellungen des Jahres 2017, organisiert vom Kunstraum der Leuphana, kuratiert von Cornelia Kastelan und Ulf Wuggenig in wissenschaftlicher Kooperation u.a. mit Militärforscher und Spezialist für das Kriegsverbrechen von Ozarichi März 1944 Christoph Rass (Uni Osnabrück). Goffmans Essay wurden begriffliche Anleihen wie „Vorder- und Hinterbühne“, „gut- vs. böswillige Täuschung“ oder auch „Fauxpas“ und „Szene“ entnommen. Dieser Bezugsrahmen erscheint ohne weiteres anwendbar auch auf den Lüneburger Bürgermeister- und Wehrmachtsskandal, zu dem die letzten Worte noch lange nicht gesprochen sind, zumal mittlerweile auch Daniel Libeskind – weder ein Lüneburger nach Kriterien des ius sanguinis, noch einer nach ius soli oder terrae – am 3. März in dieser Angelegenheit in einer für ihn als sehr unüblich zu bezeichnenden Weise in einem für ihn, der zu den Superstars des globalen Feldes der Architektur zählt, ebenfalls sehr ungewöhnlichen medialen Format wie der „lünepost“ öffentlich das Wort ergriffen hat: „Lüneburg kann und darf nicht verbergen, dass die Nazis den zweiten Weltkrieg mit einer vorsätzlichen Strategie des Völkermordes begonnen hat.“ (Daniel Libeskind, lünepost vom 3. und 4. März 2018, S. 2)

        Um noch ein weiteres Beispiel für einen ebenso ausführlichen, wie für Aspekte unseres Themas höchst einschlägigen Essay anzuführen, wäre das Hauptwerk der teils ethnologisch, teils politikwissenschaftlich ausgerichteten “Cultural Theory” von Mary Douglas und Aaron Wildavsky aus dem Jahre 1983 zu nennen:

        Risk and culture: An essay on the selection of technological and environmental dangers

        Es handelt sich dabei um eine Studie zu Fragen in Zusammenhang mit Gefahren und Risiken, inkl. solcher auf Grundlage technologischer Veränderungen, denen sich an einem anderen Beispiel – der digitalen Transformation – Cheryce von Xylander gewidmet hat.
        In diesem Essay werden, wie in zahlreichen Arbeiten der Anthropologin Mary Douglas, vier Kulturen bzw. Denkstile unterschieden, und deren Implikationen für die – jeweils spezifische – Wahrnehmung (der Wahrscheinlichkeit) von Risiken aller Art (“cultural biases” im Sinne von kulturell bedingten Voreingenommenheiten) herausgearbeitet. Dieser Zugang erlaubt es auch, u. a. entrepreuneriale, hierarchische und dissidente Denkstile, aber auch Schreib- und Präsentationsweisen, sei es wissenschaftlicher oder journalistischer Art, zu unterscheiden. Bleibt noch zu ergänzen, dass der Begriff des Essays angesichts seiner Etymologie auch die Konnotation einer „versuchsweisen“ Annährung an ein Thema aufweist.

        Cheryce von Xylander: Der klassische Essay des Humanisten Michel de Montaigne ist in seiner Formvollendung unübertroffen. Seine Reflektionen sind zirkulär aufgebaut, ohne sich zu wiederholen. Sie verhandeln wissenschaftliche Themen wie tagespolitische Ereignisse mit einer Eindringlichkeit, die bis heute aktuell erscheint, trotz der historischen Distanz. Die nachhaltige Relevanz ergibt sich aus dem gleichzeitigen Aufspüren von psychologischen, philosophischen und ästhetischen Momenten in seinen Gedankengängen. Nicht nur diese drei Themenstränge für sich allein sondern die besondere Art wie sie verwoben werden, machen seine Äußerungen so zeitlos. Die Kunst der Komposition schafft transportfähige Inhalte.

        Ulf Wuggenig: Vor Augen hatte ich, dass der Blog.jj als Journal einen bestimmten Untertitel – oder vielleicht sogar Titel – trägt: „Politik, Gesellschaft + Kultur“. Dies interpretierte ich nicht nur als politischen Anspruch des Blogs, sondern ebenso als kulturellen, weshalb ich ein Kurzessayformat für einen Beitrag grundsätzlich durchaus passend fand.

        Der Begriff der Kultur wird allerdings bekanntlich in notorisch vieldeutiger Weise gebraucht. In der heute im deutschsprachigen Raum gängigsten Typologie (nach Andreas Reckwitz, Transformation der Kulturtheorien. Weilersvist 2006) werden an verbreiteten Gebrauchsweisen dieses Konzepts zunächst solche a) anthropologischen Typs (etwa „ganze Lebensweise“, „Lebensstil“, „Mentalität“ o.ä., inkl. essentialistischer Kulturbegriffe, die als Substitute für den delegitimierten biologistischen Begriff der Rasse fungieren) und b) bedeutungstheoretischer Art unterschieden. Letztere beinhalten etwa ein Verständnis von Kultur als „signifizierende Praxis“ (gängig von Levi-Strauss bis zu den britischen Cultural Studies), oder simpler und mit stärker idealistischer Akzentuierung auch als „einem von Menschen erzeugten Gesamtkomplex von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen, der sich in Symbolsystemen materialisiert”. Hinzu kommt die dem Alltagsverständnis nähere „normative Bedeutung“ von c) Kultur im Sinne eine Vorstellung von menschlicher Perfektion, somit dem Bestem, was je gedacht, geschrieben, gemalt oder produziert wurde – also „Hochkultur“ – und somit verdient, im kulturellen Gedächtnis verankert bzw. kanonisiert zu werden. Und schließlich dem Alltagsgebrauch gleichfalls nahe d) das Verständnis von Kultur differenzierungstheoretischer Art. Letzteres hat im Anschluss etwa an Autoren wie Luhmann oder Bourdieu Teilsysteme der sozial ausdifferenzierten modernen Gesellschaft im Blick, mithin die teilweise verselbständigte Produktion, Distribution und Rezeption etwa von Kunst, Musik, Literatur, Philosophie usw., Sphären also, die auf mehr oder weniger intellektuelle bzw. ästhetische Weltaneignungen und -deutungen spezialisiert sind, somit neben Hochkultur auch Populär- bzw. Massenkultur, Kulturindustrie etc. umfassen.

        Leser und Schreiber Marcel Feldmann charakterisiert den Essay von Cheryce von Xylander als „sehr lange“, Herr Schnell wiederum als „wortreich gestreckt“ – was vor dem Hintergrund der bislang im Blog.jj üblichen Art und Länge von Kommentaren und Stellungnahmen durchaus nachvollziehbar erscheint. Außerdem wurde ihr Text als „kryptisch“ und – in weniger netter Weise – als „sehr umständlich“ charakterisiert, zudem als eine Stellungnahme, aus der man nicht recht „schlau“ geworden sei bzw. die eine „Rätselhaftigkeit“ aufweise.

        Cheryce von Xylander: Rätselhaft… das verstehe ich als großes Lob!

        Ulf Wuggenig: Marcel Feldmann scheint sich dezidiert nicht an so etwas wie der Vorstellung eines „offenen Textes“ zu orientieren, wie man in Anspielung auf die Idee des „opera aperta“ – ein Plädoyer auch für Polysemie – von Umberto Eco formulieren könnte. Während Kevin Schnell eine auf Tweet-Länge reduzierte „Kernbotschaft“ vermisst und eine solche aus der Feder von Blog-Meister Jenckel erbat – ein Anliegen, das bislang unerfüllt blieb, folgt Martin Feldmann seinem Bedürfnis, den Kurzessay von Cheryce von Xylander „zu entschlacken“. Dabei verweist er zugleich auf ein in den USA entwickeltes Prinzip der Komplexitätsreduktion, nämlich den „Elevator pitch“. Seine Art der Aneignung des von Xylander Textes – grundsätzlich verdienstvoll, auch wenn ich den einen oder anderen wesentlichen Gesichtspunkt vermisse und man auf den Spuren der eingeschlagenen Logik auch noch hätte ein stärker axiomatisches Prinzip (mit Ableitungen) zur Anwendung bringen können – ist in der Sprache von analytischer Philosophie und Wissenschaftstheorie als „rationale Rekonstruktion“ bekannt. In diesem Zusammenhang verstrickt Martin Feldmann, der eine durchaus beachtenswerte Rekonstruktion geleistet hat, sich meines Erachtens jedoch in einen performativen Widerspruch: einerseits „Elevator pitch“-artige Knappheit zu fordern, sich selbst bei nicht weniger als 19 aneinander gereihten Thesen jedoch nicht daran zu halten.

        Da mir von seiner Seite explizit die Frage nach Vertrautheit mit dieser Kommunikationstechnik gestellt wurde, kann ich zunächst anmerken, dass ich durchaus hinreichend lange in wirtschaftswissenschaftlich geprägten Kontexten verbracht habe – als Student zunächst an der heutigen Wirtschaftsuniversität Wien, später als Habilitand am heutigen Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Erlangen-Nürnberg – um gewisse Einblicke in Denk- und Präsentationsstile des ökonomischen Feldes zu gewinnen.

        Was den „Elevator pitch“ als Kommunikations- bzw. Präsentationsstil im speziellen betrifft, gängig insbesondere in Feldern wie Investment, Consulting und Werbung, kann ich insofern auf „Praxiserfahrung“ verweisen, als ich diesem Typ von pitch gleich über mehrere Jahre im Rahmen einer Realerfahrung mit einem CEO begegnet bin. Bei dieser Person handelt es sich um den vielleicht schwärzesten aller „Schwarzen Schwäne“ (Nicholas Taleb) der Leuphana, den ehemaligen hauptberuflichen Vizepräsidenten Holm Keller, zweifelsohne ein CEO reinen, wenn auch nicht unbedingt typischen Wassers. Einerseits als Komponist bei Avantgardemusiker Wolfgang Riehm in Karlsruhe und als Theaterwissenschaftler in Wien sozialisiert, andererseits als Absolvent eines Master of Public Administration in Harvard mit ökonomischen Denkstilen vertraut gemacht und später „im Feld“ noch bei Bertelsmann und McKinsey geschult, handelte es sich bei ihm um eine künstlerisch-unternehmerische Managerfigur des „neuen Geistes des Kapitalismus“ (Boltanski / Chiapello). Er repräsentierte deshalb nicht den Typus des „(Betriebs)Wirts“, und auch nicht den des volkswirtschaftlichen Modellplatonisten, sondern vielmehr den des „Entrepreneurs“ mit einer Dosis Künstlerhabitus, der sich an „kreativer Zerstörung“ im Sinne von Schumpeter orientiert. Für diesen CEO, der für Lüneburgs bislang überaus bodenständige Universitäts-, Projekt- und auch Architekturlandschaft eine genuine Differenz herstellte, galt eine ebenso offen wie klar artikulierte Erwartung gegenüber Menschen in seinem beruflichen Umfeld: Nämlich für das, was man zu übermitteln vorhat, nicht mehr als eine Minute – die legitime zeitliche Elevator pitch Spannweite reicht de facto von 30 Sekunden bis 2 Minuten – seiner Zeit zu beanspruchen. Dabei spielte es keine Rolle, ob er es mit Studierenden, Verwaltungsangestellten, wissenschaftlichen Mitarbeitenden oder Professoren zu tun hatte.

        Verspürt man als Wissenschaftler die Neigung, sich aus freien Stücken an einem Prinzip dieser Art zu orientieren? Der wissenschaftliche Kontext, in dem ich mich bewege, unterscheidet aus gutem Grund „Schnelles und langsames Denken“, wie der Titel eines Bandes des Psychologen und Nobelpreisträgers für Wirtschaft des Jahres 2002, Daniel Kahnemann, lautet. Dieser Kontext ist zwar durchaus mit dem Zusammenhang von Intelligenz und Geschwindigkeit des Denkens vertraut, kennt jedoch auch pejorative Begriffe wie „quick and dirty“ oder solche die –
        wie „kulturelles fast food“, oder „Medienintellektuelle“ – von Pierre Bourdieu mit polemischer Absicht ins Spiel gebracht wurden.

        Bevor ich auf die im letzten Absatz aufgeworfene Frage nochmals eingehe möchte ich die Kritik von Marcel Feldmann in einem etwas anderen Bezugsrahmen betrachten, nämlich dem von Theorie und Forschung zu wissenschaftlichen Stilen. Bis in die frühen 1980er Jahre war die Neigung verbreitet, die Wissenschaftskommunikation als eine universelle Angelegenheit zu betrachten. Als solche erschien sie zwar von individuellen Idiosynkrasien geprägt, jedoch weitgehend unabhängig von Rahmungen durch kulturelle Faktoren (im anthropologischen wie differenzierungstheoretischen Sinn). Diese Sichtweise begann sich jedoch zu verändern, nachdem Johan Galtung, nach seiner mathematischen, soziologischen und politikwissenschaftlichen Phase nunmehr Kulturtheoretiker nach eingehender Befassung mit Philosophie, Theologie und Psychoanalyse, einen Beitrag zum Thema lanciert hatte welcher sich als einflussreich erweisen sollte. Als Wissenschaftler war er nicht nur dafür bekannt, dass er seine Disziplin bewusst alle 10 Jahre wechselte, um an intra-individueller Interdisziplinarität zu gewinnen, sondern auch dafür, dass sich seine wissenschaftliche Tätigkeit auf die Einbindung in Wissenschaftsinstitutionen aller vier Ecken der Welt erstreckte, ein „globaler Intellektueller“ somit, wie man aus heutiger Sicht sagen würde. Auf diese Weise war er in der Lage, reichhaltige Erfahrungen mit Diversität von Wissenschaftskulturen bzw. interkultureller Kommunikation zu sammeln. Im Jahre 1981 publizierte er jenen Essay, der einen Wandel in der Betrachtung wissenschaftlicher Kommunikation herbei führen sollte, in der Zeitschrift Social Science Information: „Structure, culture, and intellectual style: An essay comparing saxonic, teutonic, gallic and nipponic approaches“. Bereits 1983 erschien dieser Beitrag, der Wissenschaftsstile systematisch voneinander abzuheben versuchte, auch in Deutsch (Leviathan, Jg. 11, No. 3, S. 303-338). Auf idealtypische Weise wurden digressive „teutonische“ Stile , lineare „sachsonische“, zirkuläre „nipponische“ und digressiv-elegante „gallische“ unterschieden, die nicht auf Deduktionen angewiesen sind, sondern über Konnotationen der gewählten Begriffe und Eleganz der Sprache überzeugend sein möchten.

        Auf dieser Grundlage entstanden weiterführende Arbeiten (u.a. Clyne 1993, Duszak 1997, Kozłowska 2007, Lehmann 2013 und Jopkiewicz 2014), auf die ich mich im folgenden stütze, ohne sie im Einzelnen zu zitieren. Dabei zielt das von Galtung übernommene attributive Adjektiv „teutonisch“ nicht bloß auf charakteristische deutschsprachige Zugänge, sondern auch auf russische, tschechische und polnische, wenngleich der deutsche Stil aus der Sicht dieser Autoren das Paradigma in größter Reinheit verkörpert. Der lineare sachsonische Stil erscheint wiederum am reinsten durch in den USA entwickelte Muster repräsentiert. Ich klammere den nipponischen und den gallischen Stil hier aus Gründen der Notwendigkeit der Begrenzung des Rahmens aus, obwohl ich weiß, dass Cheryce von Xylander und die Tradition der Wissenschaftsgeschichte, in welche sie eingebunden ist, sich durchaus auch an Montaigne orientieren. Die beiden zuerst angeführten Idealtypen erscheinen mir für die Einordnung des Beitrags von Cheryce von Xylander und der daran geübten Kritik ausreichend, was bereits meine in diesem Zusammenhang gewonnene Einschätzung voraus ahnen lässt.

        Eine der Dimensionen dieser Unterscheidungen, die hier nicht in voller Breite entfaltet werden können, ist das Maß der Leserorientierung von Texten. Der sachsonische Stil, so das Ergebnis entsprechender stichprobenbasierter Inhalts- und Diskursanalyen, orientiert sich an Vereinfachung und ist interaktiv bzw. dialogisch. Demgegenüber erscheint der teutonische Stil als kompliziert, seine argumentative Ausführung eher verwickelt. Er zeichnet sich durch eine relativ große Häufigkeit von Nominalisierungen aus, durch den Gebrauch von Schachtelsätzen wie durch die Heranziehung von Ellipsen. Als charakteristisch für den teutonischen Stil erscheint auch „Digressivität“, womit Rückverweise, Ergänzungen, nähere Bestimmungen und Wiederholungen gemeint sind. Das Konzept der Digressivität wurde als Antwort auf die von Linguist Michael Clyne aufgeworfene Frage nach der „Vektorialität“ von Texten verstanden, als Hinweis auf die „geometrische Richtung“, in welcher sich diese fort bewegen. Während Texte deutschsprachiger Wissenschaftler_innen die Tendenz zu mehrsträngiger Argumentation aufweisen, streben englischsprachige Texte nach Linearität. Zudem enthalten Texte aus dem deutschen Sprachraum eine größere Zahl von Exkursen bzw. ‘Abweichungen‘, ein Merkmal, welches in der sachsonischen Welt vielfach negativ bewertet wird. Exkurse ermöglichen den Autor_innen zusätzliche Inhalte einzuschieben, theoretische Perspektiven einzufügen, oder auch historische Bezüge herzustellen.

        Lineare Texte, wie sie in der angel-sächsischen Wissenschaftskultur verbreitet sind, können schneller rezipiert, Informationen rascher aufgefunden werden. Eine unmittelbare Hinwendung in Richtung von Lesern Rezipienten ist leicht zu erkennen. Die Texte des sachsonischen Stils sind somit in erster Linie empfängerorientiert, die des teutonischen Stils hingegen wissens- und wahrheitsorientiert bzw. konzentrieren sich auch in stärkerem Maße auf einen Autor selbst, welcher seine „Kreativität“ zeigen möchte. In der teutonisch geprägten Wissenschaftswelt trägt weitgehend der Leser selbst die Verantwortung, den Text zu verstehen. In der angelsächsischen Wissenschaftswelt bemühen der oder die Autorin sich, einen lesbaren Text herzustellen.

        Im sachsonischen Verständnis ist ein guter Text somit ein einfacher und – im Sinne der Linearität – klar strukturierter Text. Dafür werden, wie linguistische Analysen zeigen, etwa auch thematische Sätze am Anfang eines jeden Absatzes eingesetzt. Der teutonische Stil tendiert hingegen dazu, mehrere Gedankenstränge in mehreren Textabsätzen zugleich anzusprechen und miteinander zu verflechten. Dafür stehen etwa Brückensätze, die zumeist am Anfang eines neuen Absatzes stehen und Bezugsfunktionen erfüllen, Bezugnahmen auf vorangehende oder frühere Textabschnitte, am Ende von Absätzen auch auf den nachfolgenden Absatz.

        Meine These lautet wie folgt. Obwohl Cheryce von Xylander US-Amerikanerin ist, folgt sie als Autorin nicht dem linearen sachsonischen Modus, der sich auf „lesbare Texte“ im Sinne von Roland Barthes stützt, die wenig Mitarbeit bei der Konstituierung von Sinn verlangen und auch nicht viele Lesarten kennen, sondern dem digressiven teutonischen Paradigma.

        Cheryce von Xylander: Meine englischsprachigen Leser halten den englischen Text für klar und zugänglich. Rätselhaft ja, aber nicht in der Sprache. Sondern in den Gedanken selbst und dem unglaublichen historischen Befund, dass Kants berühmter Aufsatz mit unserer digitalen Lebenswelt aufs engste zusammen hängt. Das ist bizarr, verstörend und irgendwie märchenhaft. Man meint es sei erfunden, was ich da nur zusammengetragen habe. Das macht vielleicht auch die Schwierigkeit des Verstehens aus – dass die historische Wirklichkeit bei Kant so unwahrscheinlich zeitgemäß, ja geradezu prophetisch daher kommt.

        Ulf Wuggenig: Dies könnte ebenso mit Cheryce von Xylanders partieller Deutschstämmigkeit wie mit ihrer Tätigkeit an deutschen Universitäten (Philosophie an der TU Darmstadt, Kunstgeschichte an der HU Berlin) zu tun haben. Dies zeigt sich auch in ihrer starken Orientierung an Autoren aus der deutschen geisteswissenschaftlichen Tradition, seien dies nun ein Idealist wie Kant, oder ein Kulturmarxist wie Walter Benjamin, ein von ihr nach meiner Wahrnehmung gleichfalls in besonderem Maße geschätzter Autor.

        Cheryce von Xylander: Walter Benjamin zählt in der Tat zu meinen methodischen Vorbildern. Nicht nur die Form des Essays ist bei ihm zu studieren, sondern auch die Sprengkraft des konkreten historischen Beispiels, welches sich etablierten Denkgewohnheiten verweigert. Im übrigen hat auch ihn der Schachtürke beschäftigt – Benjamin deutet diese Figur als Sinnbild für das Verhältnis von Theologie zum Marxismus.

        Ulf Wuggenig: Ihre kritischen Anmerkungen bzw. Forderungen, verehrter Herr Feldmann, interpretiere ich als Kritik aus der Perspektive des angelsächsischen linearen Stils, mit der Orientierung am elevator pitch als einer der Erscheinungsformen des sachsonischen Modus in extremis.

        Cheryce von Xylander: Womöglich ist einiges an Klarheit in der Übersetzung verloren gegangen…

        Ulf Wuggenig: Auch die Forderungen nach Synthese bzw. einem plausiblen argumentativen Zusammenhang – „Was wollte die Autorin uns sagen?“ – deutet auf die Bevorzugung eines Denkens in diesem Stil und eine starke Vorliebe auf „lesbare“ Texte hin.

        Da ich Cheryce von Xylander gebeten hatte, noch selbst auf die geäußerte Kritik zu antworten, ggf. eine Zusammenfassung in wenigen Sätzen zu liefern – was eingangs auch geschehen ist – möchte ich einen solchen Abstrakt – mir als Wissenschaftler bereits deshalb sympathischer als ein Elevator pitch, da im Wissenschaftsfeld und nicht in Feldern wie Werbung, Investment oder Consulting verwurzelt – ebenso wenig anbieten, wie Herr Jenckel bereit war, eine Extremreduktion des Essays auf eine Kernaussage im Twitter Format vorzunehmen.

        Cheryce von Xylander: Ich habe eher mit einem gewissen Witz bzw. ironisch als substantiell zu antworten versucht. Etwas mehr Substanz wird in der nächsten Version meines Essays enthalten sein, der neben Essays und Stellungnahmen u.a. der Philosophin Steffi Hobuss, den Historikern Christoph Rass und Gebhardt Weiss sowie dem Soziologen Ulf Wuggenig auf der Website des Kunstraum der Leuphana in der Rubrik “Hinterbühne IV” veröffentlicht werden wird. Dabei werde ich auch Bezug nehmen auf die neuere kulturwissenschaftliche Kritik an Kant, wie sie die Philosophin Ruth Sonderegger (Akademie der Bildenden Künste Wien) entfaltet hat.

        Ulf Wuggenig: Ich erlaube mir abschließend einen Hinweis auf einen Aspekt des Essays von Cheryce von Xylander, dessen Berücksichtigung ich in der einigermaßen umfangreichen rationalen Rekonstruktion von Marcel Feldmann gänzlich vermisste. Es ist dies das Fehlen jeglicher Referenz auf die starke Bezugnahme auf Kant, die sich bei von Xylander findet.

        Cheryce von Xylander: Sehr gut, dass Sie diesen Punkt betonen. Da Kant den Schachtürken thematisiert – und dieser auch als Inbegriff des Turing Tests verstanden werden kann – halte ich die kritische Philosophie für ausserordentlich zeitgemäß!

        Ulf Wuggenig: In Ankündigung des Essays von Cheryce von Xylander schrieb ich angesichts des bevorstehenden Transfers einer großen Sammlung von Objekten von und zu Kant auf Grund der Schließung eines Museums im Ruhrgebiet: „Dieser berücksichtigt zudem, dass Lüneburg vor dem Hintergrund einer großen Kant-Schenkung an das Ostpreußische Landesmuseum die Ambition zu haben scheint, sich zu einer „Kant-Stadt“ zu erheben, zumindest das vorhandene Museum mit einem Kant Schwerpunkt und einem entsprechenden, auf ein breiteres Publikum zielenden Ausstellungschwerpunkt auszubauen. Aus meiner Sicht wäre angesichts dieser Geistesgröße, die nicht zuletzt im Bereich der Menschenrechte ihresgleichen sucht, zu hoffen, dass dies auch vor dem Hintergrund von Veränderungen im Bereich der lokalen Erinnerungskultur und –politik geschehen kann. Sich mit gegebenem erinnerungskulturellen Hintergrund mit Kant schmücken zu wollen würde einmal mehr mit paradoxen Effekten enden.“

        Cheryce von Xylander: Ja, es wäre ein unguter Kompromiss, wenn sich Bildungsbürger und Rechtsbewegte auf Kant einigen könnten – und das Erbe auf zwei konträre Weisen ausgelegt wird, obwohl eine solche Schieflage vermutlich unvermeidbar ist. Auslegungen sind letztlich immer frei. Aber sehenden Auges beide politische Lager zu bedienen wäre zynisch. Die seit 2004 bestehende Kant Stiftung sieht ihren Zweck darin, „aufklärende, ethisch-politische Öffentlichkeitsarbeit“ zu belohnen und zwar mit dem „Kant-Weltbürger-Preis“. Dem gegenüber sieht sich Frauke Petry „in der Tradition eines Immanuel Kant“, wenn sie gegen Migrantinnen und Migranten wettert – „Die Angst vor dem Fremden ist ein natürlicher Überlebenstrieb“ – oder das Weltbürgertum als Bedrohung der deutschen Leitkultur auffasst (s.

        https://www.tagesspiegel.de/politik/machtkampf-in-der-afd-sie-sieht-sich-in-der-tradition-eines-immanuel-kant/13853764-3.htmlf).

        Eine der AfD nahe Stiftung meldete sie zunächst unter dem Namen Immanuel-Kant-Stiftung e.V. an. Mittlerweile nennt sie sich Immanuel-Kant-Verein und wird vermutlich den parteipolitischen Verwerfungen zum Opfer fallen. Ein Segen wäre es. Jeder Kant-Kenner muss diese Aneignung verurteilen. Es läuft auf eine feindliche Übernahme hinaus, um den philosophischen Kontrahenten auszuschalten.

        Ulf Wuggenig: Meine Sätze zu Kant und Lüneburg gelten heute noch mehr als an dem Tag, an dem sie geschrieben wurden (19.2.2018), in einer Stadt, in welcher nach langer Pflege der „Leidenschaft der ‚ignorance’ “ (Lacan) seit dem Jahre 2014 ein erinnerungskultureller, und damit meist zugleich auf Menschenrechtsfragen bezogener, Fauxpas auf den nächsten folgt.

        Man muss kein Prophet sein, um vorher zu sagen, dass nach der Intervention von Daniel Libeskind und den Äußerungen des OB der Hansestadt im NDR vom 21.2.2018, aus denen eine glokalisierte kommunale Version einer politischen Position spricht, die aus den rechten Regionen des globalen politischen Feldes gut vertraut ist („America first“, „Österreich zuerst“ etc.), die Aufmerksamkeit für die Diskurse um die Lüneburger Erinnerungskultur – die Einrichtung eines „Forums“ mit zahlreichen ungeklärten und letztlich wahrscheinlich sehr kontrovers ausgetragenen Verfahrensfragen steht bevor – bald auch eine überregionale Ebene bald erreichen wird.

        Die öffentlich breit, über drei Ausstrahlungen des NDR TV kommunizierte, dezidiert parochiale Haltung des Lüneburger OB erklärt ex-post wohl auch zumindest zum Teil die zunächst vielfach als rätselhaft gedeutete Nicht-Wahrnehmung der Einladung des Kunstraum der Leuphana durch einen Vertreter oder eine Vertreterin der Stadt Lüneburg. Die Einladung galt der Teilnahme an einer Podiumsdiskussion – mit überwiegend Nicht-Lüneburgern, wie Prof. Dr. Rass von der Universität Osnabrück bzw. der Historischen Kommission Niedersachsen und Bremen, Dr. Dalhourski von der Leonid Lewin Geschichtswerkstatt in Minsk, nicht zu vergessen ich selbst, der ich nur ein Lünebürger Bürger auf Zeit bin – zur 110. ID bei der Eröffnung der Ausstellung „Hinterbühne III“ im Hörsaal 5 der Leuphana am 14. 6. 2017. Eine der Fragestellungen von Hinterbühne III lautete: „Wie ist es im Rahmen eines multi-kausalen sozio-kulturellen Modells zu erklären, dass ein Kriegsverbrechen an Zivilist_innen in der Dimension von Ozarichi (Osaritischi) in einer norddeutschen Provinzhauptstadt jenes Landes, das sich seiner kritischen Erinnerungskultur rühmt, ungeachtet der maßgeblichen Tatbeteiligung einer mit ihrem Namen verbundenen Wehrmachtseinheit über einen Zeitraum von nicht weniger als 70 Jahren so gut wie nicht reflektiert bzw. öffentlich diskutiert wurde?“

        http://kunstraum.leuphana.de/veranstaltungen/hinterbuehne_3.html

        Es scheint weder als ein gutes Zeichen für die politische Kultur, noch für die Erinnerungskultur und –politik der Hansestadt zu sein, dass es nicht gelang, eine solche Frage auch mit Vertretern oder Vertreterinnen der Stadt Lüneburg öffentlich zu diskutieren. Hiltrud Lotze, die, das sei zu ihrer Ehre unterstrichen, der Einladung folgte, legte an diesem Tag Wert darauf zu betonen, als MdB und nicht als Vertreterin der Stadt am Podium präsent zu sein.

        „Lüneburg den Lüneburgern“- bzw. „Lüneburg zuerst“-Parolen – so deute ich den allgemeineren Rahmen der Antworten des OB im Kontext des NDR Interviews – erscheinen angesichts der traditionsreichen transnationalen Geschichte einer Hansestadt eher befremdlich. Die Haltung verwundert nicht weniger mit Bezug auf die Gegenwart angesichts der in überaus starkem Maße überregionalen Rekrutierung der Studierenden und Wissenschaftler der Universität einer Stadt, die sich nach Abzug der meisten Soldaten gerne als Universitätsstadt bezeichnet und auch ihre Abwendung von einem Selbstverständnis als Garnisonsstadt behauptet („Von der Garnisons- zur Universitätsstadt“).

        Überregional rekrutiert waren (und sind) zudem nicht nur die in der Stadt aufgestellten bzw. stationierten Bundeswehreinheiten, sondern selbst eine Institution wie die 110. Infanterie Division. Diese Wehrmachtseinheit rekrutierte sich – wie in Militärverbänden üblich – nicht mehrheitlich lokal, d.h. aus Stadt oder Landkreis Lüneburg, ganz zu schweigen von der Territorialität der Menschen, welche den barbarischen Praktiken jener Soldaten zum Opfer fielen, welche im Namen dieser Einheit agierten. Diese Soldaten und ihr institutioneller Rahmen wurden ausschließlich für den verbrecherischen Vernichtungskrieg gegen Rußland aufgestellt und unverständlicherweise noch 15 Jahre nach Kapitulation der Wehrmacht durch ein „Ehrenmal“ gewürdigt. Dieses nahm die Stadt Lüneburg nach einem Integrationsprozess, der sich über mehrere Jahre erstreckte, schließlich 1960 auf kommunalem Grund und Boden in Obhut. Dieser Prozeß wurde in einer in hohem Maße sichtbaren Weise unter politisch administrativer Führung der Kommune durch ex-Wehrmachtsoffiziere sowie ex-NSDAP Mitglieder und der von dieser getragenen Willkommenskultur – siehe die Bekundungen anlässlich der 1000-Jahr Feier der Stadt Lüneburg 1956 – gegenüber nicht bloß 300 Überlebenden des „Kessels von Minsk“ (diese Zahl wird auf den Tafeln des „Friedenspfades“ vor dem „Ehrenmal“ der 110. I.D. am Graalwall seit 2014 genannt) eingeleitet. Nach Angaben des Kameradschaftsverbandes der ex 110. I.D. und einem Aktenvermerk der Stadt Lüneburg vom 5.3. 1958, dem Jahr der Rede von ex-Kommandant Generalleutnant Martin Gilbert im Fürstensaal des Rathauses, in welcher er die 110. I.D. von jeder Beteiligung an Kriegsverbrechen freisprach – belief sich zu dieser Zeit die Zahl der ehemaligen soldatischen Mitglieder des Traditionsverbandes auf nicht weniger als noch 2700 Veteranen.

        Bis zum heutigen Tage trägt die Stadt Lüneburg Sorge für die Pflege dieses Ehrenmals. Da dies über der Diskussion des Epigramms meist übersehen oder in eher naiver Weise übergangen wird, möchte ich unterstreichen, dass dieses Ehrenmal versehen ist – und dies keineswegs in mehrdeutiger Weise – sowohl mit dem offiziellen taktischen Zeichen der Wehrmachtseinheit, einem Wikinger Symbol mit anti-slawischer Ausrichtung auf Alfred Rosenbergs Linie, als auch mit der wehrmachtsoffiziellen institutionellen Signatur – „110. I.D“ – der 110. Infanteriedivision. Zu den damit verbundenen Problemen u.a. rechtlicher Art mit Bezug auf das Verbot der Vorbereitung, Realisierung und Verherrlichung eines verbrecherischen Angriffs- bzw. Vernichtungskriegs durch Artikel 26 Grundgesetz liegt nun eine Expertise des deutschen ex-Botschafters in Belarus bzw. Minsk, in Kroatien und der Ukraine vor, des Historikers und Slawisten Dr. Gebhardt Weiss. Zeitweise war dieser ehemalige Diplomat auch Sonderbotschafter für die Verhandlungen zum KSE-Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa. Sein Text sollte neue Einblicke eröffnen und erinnerungskulturelle Diskussionen auslösen. Die „Gedanken zu einem Gedenkstein“ vom 3.3.2018 von Gebhardt Weiss werden in Kürze auch auf der Website des Kunstraum der Leuphana in der Rubrik „Hinterbühne IV“ – einer diskursiven Vorbereitungsplattform für eine weitere an der Universität organisierte Ausstellung zum Thema der Erinnerungskultur – zugänglich gemacht.

        Wenn man der Biographie der Träger jener Klage gegen die Hansestadt Lüneburg Aufmerksamkeit schenkt – Holocaust Nachfahren jüdischen Glaubens, darunter ein ungarischer Nebenkläger des Lüneburger Auschwitz Prozesses von 2015 – welche von journalistischer Seite erklärtermaßen Anlass für das in drei Varianten vom NDR am 21.2.2018 ausgestrahlte Interview mit dem OB vom 20.2.2018 war. Darüberhinaus die Intervention von Daniel Libeskind vom 3.3.2018 über die lünepost zugunsten einer erinnerungspolitischen Resolution der Grünen bedenkt. Außerdem noch die Mitte 2017 in Gang gesetzte Kooperation des Kunstraum der Leuphana mit den Trägern der vom Auswärtigen Amt mit rd. 500k geförderten Ausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ berücksichtigt, die im Oktober 2018 im Zentralgebäude der Leuphana eröffnet wird und die eine Zusammenarbeit impliziert u. a. mit externen Institutionen wie dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk Johannes Rau (IBB) Dortmund, der Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas sowie der Geschichtswerkstatt Leonid Lewin in Minsk und die ein überregional rekrutiertes wissenschaftliches Begleitprogramm umfasst, dann lässt sich erahnen, dass etwas schwer aufrecht zu erhalten sein wird, nämlich Geist und Praxis einer Haltung wie der folgenden: „Ich führe die Diskussion mit den Lüneburgerinnen und Lüneburgern und lass mich nicht so sehr von außen beeinflussen“ (OB der Hanse- und Universitätsstadt Lüneburg, Ulrich Mädge am 21.3.2018 im NDR).

        Weder – so wage ich eine Prognose, was in geschlossenen Systemen gut gelingen kann, aber in offenen bekanntlich riskant ist – wird der endlich auf breiterer Basis in Gang gekommene Diskurs über Erinnerungskultur und –politik in und um Lüneburg sich angesichts der Ereignisse der jüngeren Zeit – der Skandal um Bürgermeister Dr. Scharf und der höchst unprofessionelle politische Umgang mit diesem, der Nerling-Aktivismus und die anhaltende Unterstützung des Bürgermeisters von immer deutlicher Holocaust relativierender rechtsextremer Seite, das wachsende Bewußtsein über eine lokale Verschleppung von Diskussionen nicht bloß über „Gräueltaten“, sondern über Kriegsverbrechen, die zu den schwerwiegendsten der Wehrmacht überhaupt zählen, über nicht weniger als 70+ Jahre – von Akteuren der mittleren und rechten oberen Zonen des lokalen Machtfeldes sich medial weiterhin auf die Reichweite von Kommune oder Region beschränken lassen. Noch wird sich eine auf Exklusion setzende parochiale Haltung, deren Legitimität so schwach erscheint, dass selbst ihre Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz in Frage steht (siehe die erwähnte Stellungnahme von Gebhardt Weiss vom 3.3.2018), ohne weiteres mit Aussicht auf Erfolg verteidigen lassen.

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  4. Georg Wüstenhagen schreibt:

    Hallo Herr Bruns,

    würden Sie mir bitte kurz erläutern, was Ihres Erachtens an Ihrem untenstehenden, 41 sinnfrei hintereinandergeschaltete Vokabeln enthaltendem, am 20. Februar 2018 um 15:53 Uhr abgesetzten Post KEIN duller, überflüssiger Quark ist?

    Wer bekannt machen möchte, er sei auch noch da, wer einfach nur sein Revier markieren möchte, wer nullkommanichts zu den Stellungnahmen von Herrn Professor Wuggenig beizutragen hat, wie Sie Herr Bruns, der soll es ausdrücken dürfen, auch jenseits der Grenzen des irgendwie Fass- oder Begreifbaren. Sie dürfen soviel wirres Zeug in Ihren Leserzuschriften vor uns abladen, wie Sie möchten, Herr Bruns. Ja, es gibt ein Recht auf Überheblichkeit und auf sich plusternde Sinn- und Inhaltslosigkeit.

    Mir scheint, Sie haben heute um 15:53 Uhr hier im Forum unfreiwillig deutlichen Gebrauch davon gemacht.

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  5. Klaus Bruns schreibt:

    gibt es auch ein recht auf überheblichkeit?was das alleinstellungsmerkmal, die wahrheit betrifft, folgendes. traue lieber dem, der nach der wahrheit sucht, als dem, der behauptet, sie gefunden zu haben. wie hatte gas- schröder mal gesagt: schon wieder ein professor. schmunzeln.

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  6. Anton Reiter schreibt:

    Sehr geehrter Herr Professor Wuggenig,

    ich habe drei Fragen:

    1.) Mit einem flotten Luftstreich werfen Sie „dem lokalen Journalismus“ vor, mit dazu beigetragen zu haben, „dass eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht an Zivilisten in Lüneburg trotz Beteiligung der hier 1940 aufgestellten 110. ID über so lange Zeit nahezu unbeachtet bleiben konnte“. Urteilen und verurteilen Sie an dieser Stelle nicht ziemlich pauschal? Der „lokale Journalismus“, das ist die Lüneburger Landeszeitung inklusive mindestens fünf Chefredakteure seit 1946 und ihr auflagenstarkes Anzeigenblatt die Lünepost. Könnten Sie die von Ihnen gesehenen Versäumnisse bitte etwas konkretisieren? Muss es ein absichtliches „Verhindern“ von Berichterstattung sein, wenn Redakteure nicht die Zeit haben an bestimmten Tagungen teilzunehmen? Ist Ihnen bekannt, dass Hans-Herbert Jenckel, der langjährige stellvertretende Chefredakteur der Landeszeitung, im September 1992 als einer der weltweit ersten Journalisten überhaupt mit einem mühsam (zwei Jahre vor der Gründung von Google) selbst recherchierten Artikel (https://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/1446992-der-fall-mueller) dazu beigetragen hat, ein ganzes Netzwerk von Helfern und Versorgungsposten für ehemalige Nazis und international gesuchte Kriegsverbrecher in Niedersachsen in den Blick zu nehmen?

    2.) Sie schreiben, der „rechtsextreme Blogger Nerling“ sei am 2. Januar „auf einen ebenso gesprächigen, wie in krasser Weise aus seiner Rolle fallenden Lüneburger Bürgermeister gestoßen“ und habe diesen „mit der gewählten Pose des Biedermannes und der Ansprache (…) in einer Art kindgerechten Weise“ dazu gebracht, allerlei verquere Dummheiten zu äußern. Bedienen Sie mit dieser Beschreibung nicht das verharmlosende Schema des armen, vom Teufel persönlich verführten Christkindleins, wie Herr Dr. Scharf von Herrn Oberbürgermeister Mädge (im Namen „der Stadt“) und vom neuen Fraktionsfüher der CDU (im Namen „seiner Partei“) und von Herrn Friederich von Mansberg (im Namen von wem auch immer) inzwischen schon so oft charakterisiert wurde, dass daraus mittlerweile ein beinahe gar nicht mehr hinterfragbares Klischee oder Stereotyp geworden ist? War es nicht eher so, dass Herr Doktor Scharf, wie auf dem Video überdeutlich wird, allenfalls durch sich selbst und an der Hand seiner eigenen Vorurteile in den Morast seiner originär im zugehörenden Überzeugungen „geführt“ worden ist und er dann freiwillig, mit großem Nachdruck und im vollen Bewusstsein seines Tuns den wirren Unfug herausgefaucht hat, der sein „Denken“ nun einmal ausmacht?

    3.) Herr Röpke hat in seinem LZ-Post vom 8. Februar, auf den Herr Schnell uns weiter oben aufmerksam gemacht hat, im Hinblick auf das „von der Stadt 1960 innerhalb ihrer Mauern in Obhut genommenen Ehrenmal für die 110. ID“ geschrieben (ich zitiere): Wir, also Sie und ich und andere Bürgerinnen und Bürger und darum natürlich auch die Mitglieder der Stadtverwaltung Lüneburgs seien „ganz sicher NICHT der abstrakten Institution einer riesigen Mordmaschine gegenüber, wie sie die 110. Infanterie Division aus Lüneburg ohne jeden möglichen Zweifel darstellte, zu ehrendem Gedenken ‚verpflichtet‘ – und schon überhaupt gar nicht zu Dank!“ Was vor und mit „dem Denkstein Am Springintgut seit Mitte der 60er Jahre betrieben werde“, schreibt Röpke weiter, sei „(sofern der Klotz überhaupt jemanden interessiert, solange nicht irgendwelche Neonazis Video-Unfug mit ihm anstellen oder irgendein Dummkopf schwachsinnige Sprüche draufsprüht), purer widervernünftiger, abergläubischer Götzendienst vor einer ausgedachten, geschichtsverfälschenden Fantasiefratze, die ihre Vitalität ursprünglich aus der manipulativen ‚Geschichtspolitik‘ heuchlerischer Tat- und Schuldverschleierung herleitete und ihre letzten, rest-vitalen Zuckungen heute allein noch aus Lügen und sentimentaler Landser-Heftchen-Romantik bezieht.“ (https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/1462241-ehrenmal-soldaten#comment-140342)
    Der Denkstein als Symbol „einer ausgedachten, geschichtsverfälschenden Fantasiefratze“, einer reinen selbstbetrügerischen Fiktion, die ihre vermeintliche Kraft selbstfabrizierten Geschichtsmärchen, dreister Verschleierungs- und Entschuldungspropaganda und einem Aberglauben verdankt, der „heute allein noch aus Lügen und sentimentaler Landser-Heftchen-Romantik“ gespeist wird: ist das nicht ziemlich starker Tobak, Herr Professor Wuggenig? Oder erkennen Sie im Kult um solche Art von Gedenkkultur auch irrationalen Götzendienst? Meine Frage wäre dann: WELCHEM Götzen wird so VON WEM und WARUM heute eigentlich noch immer gedient?

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    • jj schreibt:

      Ulf Wuggenig

      Sehr geehrter Herr Reiter,

      vielen Dank für Ihre Fragen, die mir erlauben, einige Argumente zu präzisieren bzw. meine Position etwas vertiefend zu erläutern.

      Den Verweis auf Versäumnisse des lokalen Journalismus habe ich nicht leichtfertig vorgenommen. Ich hatte diesem Thema vielmehr einen beträchtlichen Teil der Ausstellung „Hinterbühne III“ im Juni und Juli 2017 gewidmet. Der folgende link führt nicht nur zum Konzept von Hinterbühne III, sondern auch zu einigen zentralen Befunden dieser Forschung

      http://kunstraum.leuphana.de/veranstaltungen/hinterbuehne_3.html

      Ich hätte mittlerweile auch noch den einen oder anderen weiteren Aspekte hinzu zu fügen. Da der Sachverhalt jedoch von komplexer Art ist, zumal er auch einen langen historischen Zeitraum betrifft, erlaube ich mir, Ihnen zunächst auf die beiden Fragen 2 und 3 zu antworten. Bei der Antwort ad 3 wird es jedoch auch einen ersten Hinweis auf Ihre Frage 1 geben.

      Herrn Jenckel, dessen Verdienste und Kompetenzen als Journalist für mich ungeachtet der evidenter Weise anderen Linie des Umgangs mit der Militärgeschichte Lüneburgs sowie der 110. ID im besonderen für mich außer Frage stehen, werde ich bitten, dem Thema der Versäumnisse der lokalen Medien (aber auch der lokalen historischen Forschung) noch eine Darstellung in einem eigenen Modul im Rahmen dieses Blogs, der von meiner Stellungnahme 2 zur causa Dr. Scharf ausging, widmen zu können. Dazu benötige ich jedoch noch ein wenig Zeit. Morgen Abend sollte es jedoch so weit sein.

      Ad 2: Verführ- bzw. Manipulierbarkeit des Bürgermeisters?

      Der Verweis auf die Strategie Nerlings, die eigene Zielgruppe in einer Art kindgerechten Weise (u.a. erkennbar an dessen Wortwahl wie „Klassenfahrt“, „Klassenbuch“ sowie der gewählten vereinfachenden und emotiven Sprache dieses „terrible simplificateur“) anzusprechen, rekurriert auf die Infantilisierungsthese von Dwight McDonald (“A Theory of Mass Culture”, Diogenes, 6/1953). Dieser schrieb eine Strategie der Infantilisierung den „Lords of Kitsch“ und ihren Agenten bereits in den 1950er Jahren im Hinblick auf jene Prozesse der Herstellung von Bewußtsein bzw. Präferenzen zu, welches Max Horkheimer und Theodor Adorno der „Kulturindustrie“ und er selbst der „Massenkultur“ zugedacht hatten. Ich sehe Parallelen in populistischen Strategien im politischen Feld der Gegenwart, wenngleich ich stärker zur Beachtung auch nicht bewußter Kräfte tendiere.

      Meine Argumentation implizierte nicht die Annahme, dass eine quasi infantile Ansprache eine geeignete Strategie für beliebige Zielgruppen wäre. Herr Bürgermeister Dr. Scharf repräsentiert den Fall eines ebenso als selbstbewusst wie als direktiv bekannten ehemaligen Direktors eines angesehen Gymnasiums. Als promoviertem Historiker ist ihm auch überdurchschnittliches spezifisches kulturelles Kapital zuzusprechen, wenngleich nicht unbedingt auf aktuellem Stand historischer Forschung. Deshalb wurde ihm dieser zu Ozarichi auch sowohl in populärer, wie in wissenschaftlicher Form vor Besuch der Gäste aus Belarus übersandt.

      Bei soziologischer Interpretation der akustisch aufgezeichneten Interaktion Nerling-Scharf, und darauf hebe ich hier ab, ist in jedem Fall die deutliche objektive Statusdifferenz zu beachten, die dieser Interaktion zugrunde lag. Damit meine ich die Differenzen im Hintergrund, die zwischen den beiden Akteuren auf der Ebene des Amtsprestige, des Bildungskapitals wie auch auf der des gesamten symbolischen Kapitals (Prestige) bestehen, jene also, die zwischen einem mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichnetem Bürgermeister einer Hansestadt und promoviertem ex-Gymnasialdirektor auf der einen Seite und einem Grundschullehrer bzw. illegitimem Aktivisten des rechten Randes auf der anderen Seite vorliegen. Sie sollten sich auch in den Dispositionen und in der Über- und Unterordnungsbereitschaft der beiden Beteiligten reflektieren.

      Ich zähle weder zu denjenigen, die – m.E. gegen alle Evidenz – meinen feststellen zu müssen, dass Herr Dr. Scharf sich im Interview mit N. Nerling in irgendeiner Weise „mißverständlich“ geäußert habe. Noch schließe ich mich der Einschätzung an, der Bürgermeister habe sich verführen bzw. vom aktivistischen Grundschullehrer am Nasenring ziehen lassen. Wenn er in eine Falle gelockt worden wäre, gab er bis hin zur Wahrnehmung von Effekten, die ihn beinahe sein Amt gekostet hätten, nicht zu erkennen, dass er dies ebenso gesehen hätte. Einzig das Argument der generations- bzw. altersbedingten Naivität gegenüber Mechanismen der zeitgenössischen digitalen Welt, welche angesichts des zunehmenden Einsatzes von Artificial Intelligence zweifellos eine Reihe von Überraschungen für den digitalen Normalbürger bereit halten, finde ich einigermaßen plausibel. Ob der Bürgermeister die Verbreitung seiner politischen bzw. erinnerungskulturellen Ansichten über weit mehr als nur die ca. 30k Rezipienten seines Interviews hinaus (immerhin gibt es mittlerweile 8 transregional rezipierte Videos, in denen er eine mehr oder weniger prominente bzw. schmeichelhafte Rolle als „tapferer“ oder „aufrechter“ Bürgermeister spielt) jenseits der Folgen für sein lokales Ansehen bzw. das Risiko für sein Amt tatsächlich bedauert, kann alleine er selbst beantworten. Immanent betrachtet erscheint mir die manichäische Argumentation von Herrn Dr. Scharf im Interview auch nicht als wirr, oder gar von einem mentalen „black out“ geprägt, sondern nach genauer Lektüre vielmehr als kohärent.

      Sollte es der Fall sein, dass ein Bürgermeister einer Hansestadt seine mentale bzw. intellektuelle Autonomie gegenüber einem intellektuell nun wirklich nicht sonderlich herausgehobenen Aktivisten des rechten Randes in der vielfach unterstellten Weise nicht behaupten kann, wäre ein solcher Vertreter dieses Amtes m. E. bereits deshalb für eine derart verantwortungsvolle Repräsentationsaufgabe (Stellvertreter des OB) – wenn schon nicht in einer Hauptstadt, so immerhin in einem städt. Oberzentrum und einer sich gerne als Universitätsstadt darstellenden Kommune – nicht geeignet.

      Ad 3. Ehrenmal bzw. Gedenkstein der 110 ID, Kommentar Röpke

      Was das von Herrn Röpke tw. als „Denkstein“ angesprochene Monument betrifft, wäre zunächst festzuhalten, dass wir es dabei mit einem von ex-Wehrmachtsoffizieren, Sprechern des Traditionsverbandes der ex-110. ID, offiziell als „Ehrenmal“ beantragten Monument zu tun haben, von der Stadt Lüneburg 1960 ebenso offiziell als Ehrenmal „in Obhut“ genommen. Als „Gedenkstein“ für die 110. ID wurde ein anderer Stein beantragt. Dieser war drei Jahrzehnte lang unter Ägide der Bundeswehr im „Ehrenhain“ jener Scharnhorst-Kaserne platziert, in welcher u.a. auch der heutige OB der Hansestadt als Zeitsoldat diente. Dort lag der Gedenkstein mit Emblem der 110. ID – unkommentiert – in etwa am Platz der heutigen Leuphana Tafel im Eingangsbereich vor Gebäude 10 auf der Wiese hinter der Bushaltestelle.

      Vor Einzug der Universität wanderte der Gedenkstein in einen Ehrenhain des ehemaligen Fliegerhorsts, der denkmalgeschützten, ehemaligen Elitekaserne Lüneburgs, die ab den 1960er Jahren als Theodor-Körner Kaserne (TKK) der Bundeswehr geführt wird. Dort traf ich auf den Stein bei meinen beiden Besuchen in dieser Kaserne im Jahre 2017 (u.a. mit Studierenden von Seminaren zur Erinnerungskultur an der Leuphana) in unkommentierter Form, im Gegensatz etwa zum Ehrenmal des „Löwengeschwaders“ (KG 26, KG 257) für welches es zumindest eine vergilbte, wenn auch aus inhaltlicher Perspektive unzureichende Tafel gab. Auf diese Weise war – diese Nebenbemerkung zum Stand der politischen Bildung in der lokalen Bundesehr sei hier gestattet – etwa selbst dem heutigen Kommandanten des ex-Wehrmacht-Fliegerhorstes die Differenz zwischen Manfred von Richthofen, Fliegerheld des 1. Weltkriegs, und Generalfeldmarschall Wolfram von Richthofen, ex Kommandeur des Lüneburger Fliegerhorstes und ab dem Legion Condor Einsatz in Spanien Fliegerheld der Nazis, nicht geläufig. Ob der unkommentierte Zustand des Gedenksteins nach der Initiative von Bundesverteidigungsministerin von der Leyen auch gegenwärtig noch vorhält, hat der NDR zu vidieren angekündigt. U. a. auch ein Thema für das in Lüneburg einzurichtende Forum zur Erinnerungskultur.

      Herr Röpke hat sich zum Ehrenmal in einer sprachlichem Form geäußert, die ich angesichts des völlig unkritischen Umgangs mit dem Ehrenmal über mehr als 50 Jahre, von 1960 bis 2014, zwar für verständlich halte, zu der ich als Wissenschaftler jedoch nicht neige. Ich betrachte das Ehrenmal auch nicht als Bezugspunkt von Götzendienst, sondern im Bezugsrahmen der Theorie der Interaktionsrituale von Randall Collins (Interaction Ritual Chains, 2004), als einen für kohäsive Rituale gewöhnlich erforderlichen materiell-symbolischen Bezugspunkt für die Sicherung von Zusammenhalt und Identität bzw. die emotionale Mobilisierung von Kollektiven, hier zunächst für den Verband von ehemaligen Wehrmachtssoldaten der 110. ID. Dem Andenken dieser Institution war und ist das Ehrenmal gewidmet, worauf der „110. I.D.“ Schriftzug in seiner ursprünglichen, in der Wehrmacht üblichen Form ebenso verweist, wie das Wikingerschiff als institutionelles taktisches Zeichen oder Emblem dieser Division.

      Insofern hat man es hier mit einer dinghaften Repräsentation des „kulturellen Gedächtnisses“ (Jan Assmann) zu tun, dessen Funktion u.a. in der ehrenhaften Sicherung der Erinnerung an eine Institution besteht, die sich eines barbarischen Kriegsverbrechens schuldig machte, insofern auch mit einem Täuschungsversuch, der solange gelingen kann, als keine entsprechende wirksame Rahmung erfolgt. Die problematische Sinngebung dieses institutionellen Ehrenmals wird verstärkt noch durch ein überaus problematisches Epigramm, dessen zweifellos mehrdeutige Semantik – die Polysemie als Strategie der politischen Rechten ist jedem nicht-naiven Beobachter des politischen Feldes bekannt – sich nach Auffassung der Staatsanwaltschaft jedoch insgesamt im Bereich der grundgesetzlich gesicherten „Meinungsfreiheit“ bewegt. Darüber gibt es auch noch Auseinandersetzungen auf rechtlicher Ebene.

      Der Traditionsverband der 110. ID, der seine Mitglieder nicht zufällig nicht weniger als 24 mal in jener Stadt versammelte, in welcher die Division aufgestellt und von der sie in den 1950er Jahren überschwenglich willkommen geheißen wurde, hat mittlerweile insofern historischen Charakter, als er aus Gründen des Ablebens seiner Mitglieder das letzte seiner Treffen in Lüneburg im Jahre 1990 an seinem primären Aufstellungsort vom Dezember 1940, der Scharnhorst Kaserne, abgehalten hat.

      Das Ehrenmal der 110. ID könnte angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung, die auch in Deutschland in unschwer erkennbarer Weise auf das Anwachsen von Rechtsextremismus, -radikalismus und -populismus hinausläuft, Kräfte, die – wie Bürgermeister Dr. Scharf – auch vor Rehabilitierungsversuchen der Wehrmacht nicht zurückschrecken, zu einem symbolischen Referenzpunkt für Interaktionsrituale der Kräfte des rechten Randes werden. Der Versuch von N. Nerling, das Ehrenmal zunächst medial in dieser Weise zu nutzen, kann als Pionierunternehmen in diese Richtung gedeutet werden. Erschwert wird dieser soziale Gebrauch jedoch durch die Eindeutigkeit der Befunde über das Kriegsverbrechen von Ozarichi im März 1944 sowie der Beteiligung der 110. ID an dieser Barbarei, die zu den schwersten Kriegsverbrechen der Wehrmacht an Zivilisten überhaupt zählt. Selbst der Kommandeur der Einheit zum Tatzeitpunkt, General Eberhard von Kurowski, versuchte, wie die im Kunstraum der Leuphana in Hinterbühne I – III ausgelegten Dokumente bezeugten, dies hinterher nicht zu leugnen.

      Die Errichtung des Ehrenmals war Teil einer erinnerungspolitischen Strategie des Traditionsverbandes der 110. ID, vorbereitet und abgesprochen mit einer Stadt, die in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre unter der Führung von zwei ex-Wehrmachtsoffizieren stand, beide Johanniter (aus dem lokalen „Elitegymnasium“ Johanneum) und Juristen. OB von 1952-1958 war der ex-Marineartillerieoffizier Peter Gravenhorst, der während seiner Amtszeit zugleich als lokaler Vorsitzender jener politisch am rechten Rand angesiedelten „Deutschen Partei“ (DP) fungierte, aus welcher später in Bremen die NPD hervorgegangen ist. An der Spitze der Verwaltung der Stadt Lüneburg stand wiederum Dr. Walter Bötcher, OStD von 1955 – 1963, ex-Luftwaffenoffizier.

      Die Willkommenskultur gegenüber dem Traditionsverband der 110. ID wurde durch die Stadt anläßlich ihrer 1000-Jahr Feier 1956 in der LZ in öffentlich sichtbarer Weise mit taktischem Zeichen der 110. ID und Sätzen wie diesem entfaltet: “Rat und Verwaltung der Stadt freuen sich, dass die 1000-Jahr Feier unserer Stadt der ehemaligen 110. Infanterie Division Anlaß gab, ihr Treffen in diesem Jahr in unseren Mauern abzuhalten.” (LZ 3.3. 1956, S. 4). Das erste Treffen der ex-110. ID im März 1956 in Lüneburg führte u.a. noch zu einem „Ehrenmal“ im Zentralfriedhof. Noch verfügte der Traditionsverband nicht über ein spezifisches eigenes Monument.

      Der erste von zahlreichen kritiklosen Berichten in der LZ über die 110. ID und die Treffen ihres Traditionsverbandes, jener über das am 3. Mai 1956 im Rahmen der 1000-Jahr Feier, war an erster Stelle mit dem Kürzel pl (LZ 5.3.1956, S. 7) gezeichnet. Dieses stand für Helmut Pleß, ab 1947 Lokalredakteur der LZ, von 1962 an dann über 21 Jahre ihr Chefredakteur. Mit Pleß war neben der starken Verankerung von ex-Wehrmachtsoffizieren in der Führung der Stadt, ein weiterer ehemaliger Wehrmachtsoffizier (ex Luftwaffe, mit 542 „Feindflug“-Einsätzen u. a. in Polen und der Sowjetunion) im Machtfeld von Stadt und Region platziert, in dem Fall im journalistisch-politischen Subfeld. Soweit ein erster Hinweis aus akteursorientierter Perspektive auf einen der wahrscheinlichen Gründe für die lange Vernachlässigung einer kritischen Berichterstattung über die 110. ID in der LZ – der unter Chefredakteur Pleß eingespielte Umgang mit dieser Einheit.

      Im Jahre 1958 stellte ex-Kommandeur der 110. ID, Generalleutnant Gilbert, im Fürstensaal des Rathauses u.a. vor OB, OstD und Rat die Geschichte der 110. ID ohne jeglichen Verweis auf deren Beteiligung an Kriegsverbrechen dar. Nach dieser Geschichstklitterung und der Herstellung der lokalen Version der Legende von der sauberen Wehrmacht, die später in der Divisionschronik von Beyersdorff fortgeführt wurde, erfolgte 1960 dann die Einweihung des spezifischen Ehrenmals der 110. ID am Graalwall. Seitens der Führung der Stadt Lüneburg nahm Oberstadtdirektor Dr. Bötcher, der ehemals der NSDAP angehört hatte, teil. Er „versprach, daß die Heidestadt das Ehrenmal so pflegen werde, damit dieser Platz zu einer würdigen Stätte des Gedenkens wird“ (gemäß LZ 11.10. 1960, S. 4). Mit diesem Erbe und der Frage des angemessenen Umgangs mit diesem sind wir mit jahrzehntelanger Verzögerung heute konfrontiert.

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    • Anton Reiter schreibt:

      Sehr geehrter Herr Professor Wuggenig,

      ich danke Ihnen für Ihre differenzierten und nuancenreichen Antworten, die manches zu denken geben.

      Liege ich richtig, wenn ich Ihre Ausführungen folgendermaßen resümiere?

      ad unum) Ihre Erkenntnisse über Versäumnisse der hiesigen Presse bei der historischen Aufklärung werden nachgereicht.*

      ad duos) Sie sind – wie ich – der Ansicht, dass Dr. Scharf für sein auf dem Nerling-Video dokumentiertes Gehetze voll verantwortlich ist und als Bürgermeister sofort zurücktreten muss.

      ad tres) Das sogenannte „Ehrenmal der 110. ID“ ist Ihrer – wie meiner – Ansicht nach ein Schandmal, ein Reverenzobjekt, das Verbrechen kaschiert, und zugleich ist es ein Referenzobjekt, das auf 60 Jahre verlogener städtischer Geschichtspropaganda verweist.
      _______________________
      * Die bloße Tatsache, dass mit Helmut Pleß (ab 1947 Lokalredakteur der LZ, von 1962 an dann über 21 Jahre ihr Chefredakteur) ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier (ex Luftwaffe, mit 542 „Feindflug“-Einsätzen u. a. in Polen und der Sowjetunion) im Machtfeld von Stadt und Region bzw. in dessen journalistisch-politischem Subfeld platziert gewesen ist (Platziert von wem?), reicht ja, bei Lichte gesehen, noch nicht einmal, um Gründe für die lange Vernachlässigung einer kritischen Berichterstattung über die 110. ID in der LZ wahrscheinlich zu machen. Hier gelten die Grundsätze: Affirmanti incumbit probatio und argumenta non sunt numeranda sed ponderanda! (Heinrich Böll war von 1939 bis 1945 Soldat, Oberleutnant Helmut Schmidt Angehöriger des Reichsluftfahrtministeriums, Richard von Weizsäcker Oberleutnant und Adjutant des Regimentskommandeurs vom Grenadierregiment 9, etc. Die humesche Sein-Sollen-Dichotomie gilt auch umgekehrt: Nicht jeder Metzgergeselle ist ein Fritz Haarmann.)

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      • jj schreibt:

        Anwort an
        Anton Reiter schreibt:
        13. Februar 2018 um 12:28

        Ulf Wuggenig

        Die Leidenschaft der „Ignorance“

        Ad unum) Die Antwort auf die Frage von Versäumnissen der Presse bin ich dabei, zu entfalten, gehe jedoch bereits unter ad tres) auf einen Aspekt davon ein, der für mein weiteres Handeln von Bedeutung gewesen ist. Im Kontext der Ausführungen über die lokale Presse würde ich auch gerne kurz darstellen, welche Initiativen zunächst in der Zivilgesellschaft ab 2014 und, an diese anknüpfend, in der Universität ab 2016 ergriffen worden sind, um die Verstrickung der 110. ID in das Kriegsverbrechen von Ozarichi im März 1944 offen zu legen. Auf die mediale Resonanz, auf welche diese Versuche stießen, wird dabei ebenso eingegangen wie über die Art der Behandlung der 110. ID von 1945 bis 2013 in der LZ, und zwar unter Nutzung des digitalen Archivs dieser Zeitung (wie bereits in der Ausstellung „Hinterbühne III“). Da Sie auch „probatio“ empirischen Typs erwarten, benötige ich dafür noch ein wenig Zeit, da eine solche Darstellung selbstverständlich Sorgfalt verlangt.

        Ad duos) Die Frage des Rücktritts von Bürgermeister Dr. Scharf stellt sich für mich nicht lediglich im Bezugsrahmen der Scharf-Nerling Interaktion vom 2. Januar 2018. Sie stellt sich auch im Anschluß an Dr. Scharfs „Erklärung“ vom 1. Februar in der Ratssitzung, auf die zumindest eine der Begleitpersonen mit der Einleitung einer juristischen Klärung reagierte. Der Bitte bzw. Forderung um individuelle Entschuldigung seitens Betroffener erfüllte Dr. Scharf unverständlicherweise nicht. Es blieb bei pauschaler Entschuldigung und es kam weder zur expliziten Zurücknahme des Exkulpierungsversuchs der Wehrmacht, noch zu einer Distanzierung vom rechtsextremen Blogger etwa bei der öffentlichen Sitzung im Rat, bei der dies in einer öffentlich sehr wirksamen Weise möglich gewesen wäre.

        Sie stellt sich zudem auf Grund ausgebliebener Handlungen vor und nach dem 1. Februar 2018 – ob man nun dem chat- bzw. social-bot-Argument von Herrn Janowitz etwas abgewinnen kann oder nicht. Dessen Validität vorausgesetzt würde dies zwar einen Unterschied im Hinblick auf Risiko machen, aber nicht im Hinblick auf Gefahr und auch nicht im Hinblick auf das aus meiner Sicht verantwortlose Handeln der administrativ-politischen Führung der Stadt auf Grund der wochenlangen Verzögerung einer klaren Distanzierung von Dr. Scharf gegenüber dem rechtsextremistischen Blogger. Zur bot-Thematik habe ich sowohl Expertise von medienwissenschaftlicher Seite eingeholt, als auch von einer US-amerikanischen Wissenschaftlerin, allesamt Personen, die mit den aktuellen Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz und Machine Learning besser vertrauter sind als ich. Ich werde darauf in einer Antwort auf Herrn Janowitz noch zurück kommen.

        Im Hinblick auf den Bürgermeister vertrete ich in Anknüpfung an Emile Durkheim eine Position, die auf der Linie dieses bekanntermaßen eher konservativen Begründers der modernen Soziologie liegt: Wenn eine Gemeinschaft durch besonders krasse Formen von Abweichung bzw. Devianz herausgefordert wird, wie in der causa Dr. Scharf durch Rechtsextremismus von N. Nerling und dessen Anhängern (siehe etwa deren starke Präsenz bei der Ratssitzung vom 1. Februar), oder auch durch eine krasse Form von individueller Entgleisung eines ihrer Hauptrepräsentanten (das viral verbreitete und im telematischen Gedächtnis gesicherte Interview mit Dr. Scharf, aber auch durch dessen Nicht-Handeln), dann hat eine solche Gemeinschaft auch Zeichen zu setzen, die unterstreichen, welches die grundlegenden Werte und Regeln sind, an denen sie sich orientiert, Zeichen, die deutlich demonstrieren, dass eine bestimmte Art von Verhalten nicht zu akzeptieren ist.

        Dieser Gesichtspunkt erscheint mir auch vor dem Hintergrund meiner beruflichen Tätigkeit als Hochschullehrer wichtig. Wie soll ich rd. 300 Studierenden, die ich Semester für Semester u.a. mit Fragen von kultureller wie sozialer Erinnerung sowie mit Aspekten der Erinnerungskultur in der von ihnen gewählten Universitätsstadt konfrontiere, klar machen, dass jemand, der zu solchen Äußerungen tendiert, wie es Dr. Scharf am 2. Januar tat, legitimer Repräsentant dieser Stadt bleiben kann? Wie ist es möglich, dass jemand die Hansestadt repräsentiert, der offenbar – auch noch nach seiner Erklärung vom 2. Februar – weithin über hohe Akzeptanz im rechtsextremen bzw. –radikalen Milieu verfügt? Denn aus dem Bericht, den ich von der Leiterin des College der Leuphana, Dr. Hobuss, über diese denkwürdige Ratssitzung erhielt, ergibt sich ein ähnliches Bild wie das, welches in der LZ am 13.2. 2018 (S. 4) – allerdings lediglich im Sinne eines Berichts (im Gegensatz zu einer redaktionellen Stellungnahme) über die Einschätzung der zurückgetretenen Andrea Amri-Henkel, Doktorandin an der Leuphana – über die erschreckende Konstellation in der Ratssitzung vom 1. Februar 2018 publiziert wurde („Linke legt Vorsitz im Ausschuss nieder. Kritik an der Verwaltung in der Causa Scharf“). Auch sie setzte ein Zeichen in Form der Zurücklegung ihres Amtes als Vorsitzende des Gleichstellungsausschusses, wie im übrigen auch die Leiterin des College der Leuphana: „Ich war bei der Sitzung dabei und war wirklich entsetzt, als nach der erfolgten Bekanntgabe der 20:17-Abstimmung die Rechten laut geklatscht und gejohlt und applaudiert haben. (Daraufhin habe ich die Sitzung, die unterbrochen werden musste, verlassen.) Es war sehr deutlich, von welcher Seite hier die Mehrheit des Rates Beifall bekommen hat! Und in der LZ wurde meines Wissens darüber nicht berichtet.” (Sprachphilosophin Dr. Steffi Hobuss am 14.2.2018 an den Dekan der Fakultät Kulturwissenschaften)

        Ad tres) Ich teile Ihre grundsätzlich negative judikative Einschätzung des Ehrenmals, wenngleich ich selbst wohl andere Wörter im Rahmen einer Bewertung des Monuments wählen würde. Im Gegensatz zu dem, was gerne im Interesse billiger Diskreditierung unterstellt wird, vertrete ich nicht die Position, dass das Ehrenmal am Graalwall entfernt werden müsse. Ich denke, wie die Mitglieder des Arbeitskreises Gedenkkultur an der Leuphana vielmehr an eine grundsätzlich andere Rahmung. Es wird jedoch schwierig genug sein, diese – nachdem nun Aufmerksamkeit von rechtsextremer Seite auf das Ehrenmal gelenkt worden ist – in einer nicht vandalisierungsanfälligen Form zu realisieren.

        Außerdem würde ich nicht primär mit dem Begriff der Lüge argumentieren, da diese Wissen um den wahren Sachverhalt grundsätzlich voraussetzt. Angesichts der gezielten Täuschungsversuche des Traditionsverbandes der 110. ID – u.a. in der Rede von ex-Kommandeur Generalleutnant Martin Gilbert im Jahre 1958 im Rathaus der Stadt Lüneburg wie in der Divisionschronik aus der Feder seines ehemaligen Adjutanten, ex-Major Ernst Beyersdorff („Die Geschichte der 110. Infanterie Division“. Bad Nauheim 1965) – mag Lüge über die ex-Mitglieder der Division hinaus nur partiell bzw. gar nicht entscheidend gewesen sein. Offen bleibt auch, ob ex-Offizier Helmut Pleß über das Kriegsverbrechen im Bilde war. Geschrieben darüber hat er jedenfalls in seinen zahlreichen Artikeln zur Militärgeschichte Lüneburgs in keinem Fall. Zu berücksichtigen ist auch, dass das Kriegsverbrechen im „Ozarichi-Gebiet“ und die dortigen „drei Konzentrationslager“ zwar unmittelbar nach Ende des Krieges in der „Lüneburger Post“ – damals herausgegeben von der britischen Militärregierung – am 23. 10. 1945 (S. 5) genannt wurden, jedoch mit falscher Datierung (Anfang 1945 statt März 1944) und lediglich unter Täterverweis auf „die Deutschen“, ohne Benennung der beteiligten Wehrmachtseinheiten.

        Abgesehen davon, dass Täuschung und Lüge zweifelsohne im Spiel gewesen sind, erscheinen mir auch der Begriff bzw. die Überlegungen eines berühmten Psychoanalytikers, nämlich von Jacques Lacan, einschlägig bzw. anwendbar zu sein. Ich übertrage per Analogieschluss seine Überlegungen von der dyadischen Relation auf größere soziale Systeme: Lacan ging so weit, eine Leidenschaft zu postulieren, die er sogar für eine stärkere Kraft hielt als die Leidenschaften der Liebe oder des Hasses: Es ist dies die “Leidenschaft, nicht zu wissen“. Unter “ignorance”, im Französischen etwas weiter und weniger pejorative gefasst als “Ignoranz” im Deutschen, fasste er nicht nur ein passives Nichtwissen, sondern auch ein aktives Nicht-wissen-wollen, ebenso wie ein Nicht-wissen-können, ersteres ausgedrückt in der nicht unbedingt ausgesprochenen Formulierung: „Ich will davon eigentlich gar nichts wissen.“ Die Grundposition der Analysierten besteht aus seiner Sicht in einer Verweigerung von Erkenntnis, er oder sie wollen nicht wissen – ein “ne rien vouloir savoir”. Auch damit haben wir es nach meiner Erfahrung und Beobachtung in Lüneburg zu tun.

        ad*) Auch Ihr Hinweis unter * verdient eine Antwort, zumal ich in diesem Zusammenhang auch auf einen ersten Aspekt der lokalen medialen Resonanz auf Kritik am Umgang mit dem Erbe der 110. ID eingehen möchte. Der Verweis auf die kausale Kraft der Tatsache, dass mit Helmut Pleß ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier der Luftwaffe, der am Überfall auf Polen und am Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion beteiligt war, über mehr als zwei Jahrzehnte die Linie der LZ bestimmte, wäre für sich alleine ein deterministisches oder sogar essentialistisches Argument. Grundsätzlich sind reine Dispositionserklärungen in den Sozialwissenschaften ohnedies nicht haltbar. Ich gehe in meiner Forschung etwa von einer “Formel“ aus, welche menschliche Praxis über Wechselwirkungen von Dispositionen mit Situationen bzw. Strukturen erklärt. Nicht viel besser wäre eine Dispositionserklärung alleine, wenn ihr noch die Information hinzugefügt worden würde, dass der Chefredakteur der LZ über die gesamten 1960er und 1970 Jahre noch bis zu seinem 60. Lebensjahr zugleich als Oberst der Luftwaffe der Reserve der Bundeswehr aktiv tätig gewesen ist. Dies besagt zwar manches über eine grundsätzliche Haltung gegenüber der Institution Militär, aber für eine überzeugende Erklärung für die lange Zeit unkritische Linie der LZ gegenüber den militärischen Einheiten, die in den 1930er und 1940er Jahren in Lüneburg aufgestellt wurden bzw. von der Stadt ausagierten, wäre dies wegen der Vernachlässigung von Kontexfaktoren nicht ausreichend.

        Eine ehemalige Zugehörigkeit zur Wehrmacht macht es zwar wahrscheinlicher, dass der Betreffende auch dazu neigen würde, die Augen gegenüber Kriegsverbrechen, an denen die Wehrmacht beteiligt wahr, zu verschließen. Es gibt in der Tat jedoch hinreichend viele Beispiele für ehemalige wie aktive (Reserve)Offiziere, die eine kritische Haltung gegenüber bestimmten Traditionen des Militarismus zeigen, insbesondere auch gegenüber der Traditionslinie der Wehrmacht. Ich könnte in dem Zusammenhang, um nur auf für den Lüneburger Erinnerungsdiskurs relevante Persönlichkeiten zu verweisen, den Militärhistoriker Prof. Dr. Rass nennen, oder Brigadegeneral a. D. Dr. Klaus Wittmann, ebenfalls Militärhistoriker und von 2000-2005 Direktor im Bereich Lehre der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Er war bei der Rede von Dr. Marina Gerber (Queen Mary University, London) und mir bei der Eröffnung des Zentralgebäudes der Leuphana am 11.3.2017 zugegen und hat danach in schriftlicher Form auf unseren “Forschungsbericht” reagiert. Dies durchaus auch kritisch, nämlich wegen der Ausklammerung eines Verweises auf die Bundeswehrphase der Scharnhorst-Kaserne im Vortrag, aber mit vollem Verständnis für die Offenlegung der Verstrickung der 110. ID in das Kriegsverbrechen von Ozarichi zu einer solchen Gelegenheit.

        Dieser Auftritt, visuell sichtbar gemacht (wenn auch nicht hörbar) in der ARD Tagesschau dieses Abends, hatte in der LZ ein erstaunlich unspezifisches Echo gefunden. Aus diesem Grund wandte ich mich damals nicht nur per e-Mail an die Redaktion, sondern griff auch zum Hörer. Die drei Sätze in der LZ vom 13.1. 2017, S. 5, die dem Vortrag gewidmet waren, lauteten nämlich: „Einen düsteren Blick zurück warfen der Kultursoziologe Prof. Dr. Ulf Wuggenig und Dr. Marina Gerber. Sie wiesen darauf hin, dass die Scharnhorst-Kaserne in der NS-Zeit Heimat der 110. Infantriedivision gewesen war. Aufgrund von Unterlagen aus russischen Archiven gehen sie davon aus, dass die Einheit für Kriegsverbrechen in der Sowjetunion verantwortlich war.“

        In dem auch in schriftlicher Form ausgearbeiteten (und der LZ im Rahmen des geführten Diskurse mit ihr auch übermittelten) Vortrag wurde jedoch unter Nutzung eines im Vorfeld erbetenen Gutachtens des bedeutendsten deutschen militärhistorischen Forschers zu Ozarichi 1944, Prof. Dr. Rass, Mitglied der Historischen Kommission Niedersachsen, ausdrücklich auf den „rezenten Forschungsstand“ verwiesen und das russische Material – u.a. Verhöre von Eberhard von Kurowski – als diesem hinzu kommende Quelle benannt: „Hinzu kommt unter Berücksichtigung militärhistorischer und -soziologischer Zugänge am rezenten Forschungsstand und dem Versuch ihrer Weiterentwicklung die Übersetzung bislang in Deutschland ungenutzter und weitgehend unbekannter Quellen in russischer Sprache.“

        Das eigentlich Spezifische an dieser Intervention, die bewusst vor der Nds. Justizministerin wie auch der Lüneburger (Ober)Staatsanwaltschaft im Festpublikum erfolgte, war jedoch die öffentliche Zurückweisung einer Behauptung letzterer Institution, die mir zwei Tage zuvor anläßlich der Eröffnung der Ausstellung “Hinterbühne I” (im Hörsaal 5 der Uni) zugänglich gemacht worden war. Es war dies die Behauptung (in einem gegen die Stadt angestrengten Prozess), dass die Lüneburger 110. ID nicht am Kriegsverbrechen von Ozarichi im Jahre 1944 beteiligt gewesen sei.

        In der Zurückweisung der Aussage der (Ober)Staatsanwaltschaft Lüneburg, die Geschichtswissenschaft würde die in Lüneburg aufgestellte ID 110 nicht als eine Einheit betrachten, die an dem Massaker von Ozarichi beteiligt war, wurde ausdrücklich auf die neuere Forschung (von Prof. Dr. Rass) und ihre Resultate, und nicht primär auf die Berücksichtigung bislang nicht beachteter russischer Quellen verwiesen: „Die neuere Forschung belegt gegen diese Einschätzung unzweideutig, dass die Beteiligung der Lüneburger ID 110 an dem ungeheuren Kriegsverbrechen von Ozarichi eine “hervorgehobene” war und sich auf drei Felder erstreckte ….“ (Wuggenig 11.3. 2017)

        Da diese Kritik in öffentlichem Rahmen erfolgte, war die Einschätzung der Staatsanwaltschaft von dieser selbst einer Überprüfung zu unterziehen. Die unbedachte Aussage zur 110. ID wurde angesichts des keine Zweifel erlaubenden Stands der Forschung bereits seit mehr als einem Jahrzehnt deshalb wenig später auch zurück gezogen. Dieser Schritt veränderte auch die Bedingungen der Möglichkeit für den erinnerungskulturellen Umgang mit der 110. ID in Lüneburg de facto grundlegend. Es war nun nicht mehr wirklich möglich, sich kritischen Argumenten unter Verweis auf die Einschätzung der Staatsanwaltschaft auf Dauer zu verschließen. In der LZ, in der man sich im Hinblick auf die 110. ID nach Aufkommen von Kritik an deren Ehrenmal am Graalwall ab dem Jahre 2014 – bei deren Ignorierung allerdings jenseits des Abdrucks von juridikativen Leserbriefen (von Peter Dillmann, Peter Raykowski und Sigfried Berneis) – eventuell sogar zunächst an dieser staatsanwaltlichen Einschätzung orientiert hatte, war von dieser für den weiteren Diskurs über die 110. ID wohl stark mitentscheidenden Veränderung jedoch auch danach nichts zu lesen.

        Es steht heute, im Zuge der voran schreitenden digitalen Transformation, jedoch nicht nur Bloggern des rechten Randes die Möglichkeit offen, jenseits etablierter Medien Botschaften mit einer gewissen Reichweite zu verbreiten, sondern auch Universitätsprofessoren. Ich habe jenseits der neuen Medien, zu denen auch e-Mail- und newsletter-Verkehr in Netzwerken von Wissenschaft und Kunst zählen, angesichts der “Ignoranz” in Zusammenhang mit der 110. ID auch das traditionelle Mittel der “Parrhesia” gewählt, gemäß Foucault die offene und wahrhaftige Äußerung der eigenen Meinung und Ideen, ohne rhetorische und manipulative Elemente oder Generalisierungen. Dies geschah in Vorträgen, die seit März 2017 rd. 2500 Person direkt erreichten, in der Leuphana Universität, im Museum, in der Volkshochschule, in der Katholischen Akademie Hamburg sowie auf dem gemeinsamen Kongress des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) und der Bundeszentrale für politische Bildung “Fascism and Anti-Fascism in Our Times”. Sowohl für Faschismus als auch für Anti-Faschismus lieferte Lüneburg, bereits bevor es im Januar und Februar 2018 zum Aktionsfeld der überregionalen extremen Rechten wurde – siehe deren Präsenz bei der Ratssitzung am 1. Februar 2018, ohne dass die politische Führung der Stadt von ihrem Hausrecht auf Auschlusss Gebrauch gemacht hätte – ebenso reichhaltiges wie aufschlußreiches Anschauungsmaterial auch für internationale Fachwissenschaftler.

        Als Sozialwissenschaftler steht für mich außer Zweifel, dass Menschen in der Lage sind, ihren primären oder auch sekundären Habitus – erworben etwa beim Militär – nochmals zu verändern. Nicht alle deutschen Soldaten waren Faschisten, diesbezüglich ist Herrn Dr. Scharf völlig recht zu geben. Allerdings hatte er vor dem Hintergrund seiner hochgradig projektiven Neigungen ignoriert, dass kaum jemand, jedenfalls niemand im Kreis der sog. “Begleiter” der sechs Damen aus Ozarichi, eine derart unsinnige deskriptive Allaussage vertritt (Seine Tirade: “Für die sind alle deutschen Soldaten Faschisten und Verbrecher“, Interview 2.1.18, nach Min. 7.30). Selbst Eberhard von Kurowski, ex-Kommandeur der 110 ID zur Zeit der barbarischen Verbrechen an weißrussischen Zivilisten vom März 1944, der 1946 rückblickend von “Todeslagern” sprach (“Betrachtet man die Resultate der großen Sterblichkeit unter den inhaftierten sowjetischen Leuten und der Grausamkeit der Haltungsordnung, so kann man die von mir organisierten Lager der 110. Division im Örtchen Osaritschi als „Todeslager“ bezeichnen.” Verhörprotokoll, 31. 1. 1946, Kunstraum der Leuphana, Hinterbühne I), hatte sich dem NKDW angeschlossen.

        Zum Abschluss noch eine Bemerkung: Für die Beantwortung der in Zusammenhang mit der redaktionellen Linie von LZ Chefredakteur Pleß aufgeworfenen Frage erscheint mir der Bezugsrahmen von Humes Dichotomie von Sein und Sollen kaum passend. Auszugehen ist meines Erachtens vielmehr von folgendem Aspekt der conditio humana: wir sind als Menschen zwar in hohem Maß sozial geprägt, verfügen aber dennoch über “Freiheit in Grenzen”.

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  7. Andreas Janowitz schreibt:

    Hinsichtlich der „Reichtweite“ bzw. Aufrufzahlen des Internetvideos bitte ich jedoch zu bedenken, das es feindlichen Diensten ein leichtes ist mit Softwareagenten und ein paar Mitarbeitern ein Mass an Aktivität vorzutäuschen, wie es das wirkliche bei weitem Übertrifft. Solche Machwerke bieten eine willkommene Gelegenheit zur Rekrutierung nüzlicher Idioten mit vergleichsweise geringem Aufwand.
    Es mag reichlich genuine reaktioniäre Schmierfinken geben, ein gewisser Anteil muss jedoch von gewissen Institutionen stammen, denn diese Gelegenheit ist einfach zu verführerisch. Im Vergleich dazu sind Bemühungen in anderen Segmenten geradezu ausgefeilt (siehe:
    http://www.nydailynews.com/new-york/brooklyn/nyc-activist-targeted-russian-trolls-self-defense-classes-article-1.3572723 )

    Insofern lieferte Herr Scharf als Darsteller eine Bühne auf der türkische, russische und Gottweiss welche Geheimdienste noch zersetzende Agitation unters Volk bringen können. Von reaktionären Fraktionen des hauseigenen Vereins mal ganz abgesehen. Wie der sog. „NSU-Prozess“ demonstriert, nutzen die STASI Erkenntnisse und Vorgehensweisen, wenn auch anders als gedacht (vergleiche hierzu: http://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/stasi/218421/neonazis ).

    Von der Schneise der Verwüstung die Herr Weiss anspricht will ich gar nicht erst wieder anfangen.

    Von diesem Bock ist wirklich gar nichts mehr übrig…

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    • Ulf Wuggenig schreibt:

      Sehr geehrter Herr Janowitz,

      Effekte dieser Art sind grundsätzlich nicht auszuschließen. Ich halte sie in größerem Maßstab jedoch in dem Fall noch nicht für sonderlich relevant, und zwar zunächst aus folgenden Gründen:

      In der ausgewiesenen Zahl der Aufrufe der mehr als ein Dutzend Videos, die seit Januar im Namen des “Volkslehrers” hochgeladen wurden, lässt sich eine beträchtliche Streuung in einer Spannweite von rd. 15k bis 33k erkennen. Unter den “Lüneburg-Videos” weist das aktivistische Mobilisierungsvideo “Auf nach Lüneburg” (zur Ratssitzung) mit rd. 15 k die geringste Zahl an Aufrufen auf. Das Bürgermeisterinterview- und das Anti-Libeskind Bau-Video erzielen mit rd. 30k bzw. 33k hingegen die höchsten Werte. Etwas unter dem Mittelwert liegen die zwei sich gezielt gegen die Kritiker_innen des “tapferen” bzw. “aufrechten” Bürgermeisters gerichteten Videos mit 20k bzw. 21k. Bei Verfügbarkeit von bot-Einsatz würde man weder so unterschiedliche Zahlen erwarten, noch dass ausgerechnet das Mobilisierungsvideo die geringste Menge an Aufrufen zeigt. Auch variieren die rd. 9000 Kommentare zu diesen Videos in ihrer Art und Ausrichtung, wie eine Stichprobenlektüre zeigte. beträchtlich, machen jedenfalls nicht den Eindruck automatisierter Erzeugung.

      Ungeachtet der Zahl der Aufrufe habe ich den Eindruck, dass der Stern des “Volkslehrers” erst im Aufstieg begriffen ist. Er dürfte noch nicht hinreichend bedeutend sein, um bereits den Einsatz ausländischer Agenten oder Geheimdienste etc. auf den Plan zu rufen. Auch die Videos selbst sind noch weit vom formalen Niveau entfernt, welches etwa das von Vertretern der Identitären, wie z. B. Martin Sellner, auszeichnet.

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      • Andreas Janowitz schreibt:

        Auch auf die Gefahr hin selber unglaubwürdig zu wirken, denn Geheimdienste heissen ja nicht umsonst „geheim“:

        Automatisierte Antworten müssen nicht als blosse „copy&paste“ Antworten, quasi exakte Duplikate, Foren überschwemmen. Das würde selbst für Reichsbürger nicht reichen. Chatterbots betreiben seichte Konversation auf dem Niveau von Kindern und können gramatikalisch Korrekte Sätze konstruiren.
        Meine oberflächliche Betrachtung einiger Volkslehrer Machwerke und deren Kommentaren lässt schon gewisse vorherschende Metathemen erkennen, die durchaus Chatterbotbibliotheken gleichen könnten. Zumal die überwiegende Mehrheit der Kommentare einzeln ohne Antwort dastehen. Für ein “ Der Hochgradfreimauer Moische Kirschbaum hält am 13.7.2022 ein satanisches Ritual ab. “ würde ein chatterbot genügen. Ähnlich verwirrtes Zeugs fand ich immer wieder.

        Es bedarf seitens der Überwindung von Google`s Sicherheitsmassnahmen sicher eines gewissen Programieraufwands um Chatterbots ohne Zustimmung von Google auf YT laufen zu lassen. Für oben erwähnte Institutionen jedoch kein Problem.

        Für eine legalere Verkleidung bieten diverse Unternehmen chatterbots an. (siehe hierzu: https://www.akom360.de/blog/2017/07/24/chatbots-definition-liste-typen-directories-tools-und-ki-loesungen/ )

        Zur „Überzeugungskraft“ von Chatterbots bitte: http://www.reading.ac.uk/news-and-events/releases/PR583836.aspx (von 2014!)

        Die Zuschauerbasis des Volkslehrers scheint mir ein diffuses Feld von christlich fundametalistischen „9/11 Truthern“ und Reichsbürgern, gewürzt mit den üblichen „Dresdengedenktaglern“. Die rechte Spalte bei YT mit „könnte auch gefallen“ Filmchen verrät einiges über die „tags“ mit denen er seine Machwerke markiert.
        Die „Tags“ seiner Videos kann er nach Themenfeldern entsprechend gestalten um Bekanntheit im gewählten Segment zu erreichen.

        Dem Trugschluss ein „formales Niveau“ wäre ein Qualitätsmerkmal, würde ich so nicht zustimmen. Es gilt als wenig autentisch, da ja gerade suggeriert werden soll, es wäre ein „unterdrückter Freigeist“, der vermeintliches Insiderwissen preis gibt. Gerade solche Filme wie „Herr Schäble spricht tacheles“ also „verrät“ wer was wo zu sagen hätte untermauern diese wohlgepflegte amateurhafte „Aufklärerattitüde“.

        Soetwas ist aus dem angloamerikanischen Souvereign Citizen Movement schon bekannt. So um 2005/6 stiess ich zum Ersten mal auf solche kruden Konglomerate von 9/11 Thruthern, Impf“skeptikern“ und messianischen, christlichen Fundamentalisten. Alex Jones` Bonkerz-Newz, aka. „Obama riecht nach Schwefel“, wuchs zu der Zeit auch gerade.

        Charakteristisch für dieses Segment ist eigenes Unwissen durch „Insider“ erklärt zu bekommen, um dadurch als eine Form von Vertrauensperson, man könnte auch sagen „Führungsoffizier“, den gerade „erleuchteten“ ins Traumland von alles-ist-möglich zu leiten. Niemand sagt den naiven Trotteln sie wären dumm oder faul (oder all zu oft beides). Nein es werden kindlich naive Geschichten erzählt (siehe hierzu die Umkehrung von „Finanzagentur des Bundes GmbH“ in „Bundesfinanzagentur GmbH“), die im eigentlichen Sinne feindliche Propaganda sind. Oder die exemplarisch Vorgeführete Strategie des Stürmers aus konstruierter Unterstellung, Gleichsetzung und Zuschreibung negativer Merkmale, als kodifiziertes ad hominem.

        Eine Zeit lang dachte ich es läge an mir, aber im Vergleich zur Bambule im Oberstübchen meiner Mitbürger sind meine lockeren Schrauben tatsächlich vernachlässigbar.

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      • Andreas Janowitz schreibt:

        „….Effekte dieser Art sind grundsätzlich nicht auszuschließen. Ich halte sie in größerem Maßstab jedoch in dem Fall noch nicht für sonderlich relevant, …“

        Herr Wuggening, ich kann ihren Standpunkt nicht teilen. Insbesondere da Herr Scharf explizit eine weitere Verwendung anspricht. Sie haben die „virale Verankerung“ selber erwähnt.

        Ein Artikel von gestern hierzu :
        http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/organisierte-trolle-101.html

        Diese Gruppe setzt nach eigener Äusserung definitiv die in „War 2.0-Irregular warfare in the Informatinon age“ S. 134-136 ausgeführten 10 Punkte um (Punkt eins !!!). Wie dumm muss man sein, zu glauben diese Auflistung beträfe nur die Aktivitäten der bösen IS Terroristen? Diese Gruppe schreibt dezidiert von „Kriegsführung“. „Irregulär“ trifft auf die zu.

        Morddrohungen an als Feinde deklarierte Bürgermeister gab es? Attentate wurden schon ausgeführt? Wir haben schon längst „homegrown terrorists“? Rechtsterroristische Zellen sind bereits aktiv? Die sind ganz sicher ein gefundenes Fressen für feindliche Dienste? Die „RAF“ wurde vom STASI protegiert?

        Das ist eine Steilvorlage für die „Medienarbeit“ rechtsradikaler Gruppen, wenigstens das muss ihm bewust gewesen sein?! Tonaufzeichnungen in die Hände eines „aufrechten Patrioten“ zu geben, der obendrauf noch offensichtlich verwirrtes Zeugs von „Rassismus“ absondert, ist als Repräsentant der Administration auf so viele Arten und Weisen nur grotesk inkompetent?!

        Das darf doch alles nicht wahr sein…

        PS: Bitte zeigen Sie wo dieser Gedankengang inkonsistent ist.

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      • jj schreibt:

        Antwort an Andreas Janowitz
        auf Ausführungen bzw. Fragen vom 10., 11. und 14.2. 2018
        von
        Ulf Wuggenig sowie
        Cheryce von Xylander
        Sehr geehrter Herr Janowitz,
        haben Sie vielen Dank für Ihre Fragen, deren Bedeutung ich darin sehe, dass sie auf den Wandel nicht zuletzt der politischen Kommunikation vor dem Hintergrund der digitalen Transformation verweisen. Dieser ist besonders tiefgreifend und sollte uns in der Tat beschäftigen. Die konkretere Frage stellt sich, ob und in welchem Maße der von Ihnen angesprochene Einfluss von Maschinen im Fall des mittlerweile rd. 16k Abonnent_innen zählenden Video-Kanals des rechtsextremen Berliner Bloggers und Aktivisten Lüneburger Herkunft, Nikolai Nerling, von Bedeutung ist. In diesem Kanal wurde die Position von Bürgermeister Dr. Scharf im Interview vom 2.1.2018 in mittlerweile 8 Videos unterstützt, die im Sinne eines konzertierten Angriffs der überlokalen extremen Rechten insgesamt auch auf die Stadt Lüneburg sowie speziell Vertreter_innen einer reflexiven Erinnerungskultur bzw. –politik ziel(t)en.
        Meine kritische Argumentation umfasste nicht zuletzt den Hinweis auf die Ermöglichung des Aufbaus einer Bedrohung für Bürger_innen Lüneburgs auf Grund von wochenlangem Nicht-Handeln bzw. Nicht–Entscheiden, jedenfalls aus meiner Sicht (und auch der von Botschafter in Belarus a.D. Dr. Gebhardt Weiss) eines nicht angemessenen Entscheidungsverhaltens von lokaler politischer Seite in der Angelegenheit Dr. Scharf bzw. des Angriffs der extremen Rechten auf Lüneburg. Da es heute, wie Sie selbst schreiben, grundsätzlich schwierig ist, in der politischen Kommunikation im Internet zwischen Äußerungen von realen Menschen und solchen von mobilisierten Automaten zu unterscheiden, erscheint es für die angesprochenen – mentalen oder psychischen – Effekte von Gewaltandrohungen in Kommentaren zu den Lüneburg Videos (teilweise nach einer gewissen Zeit auch wieder gelöscht) mit Verbreitung wie sie etwa der Auflage einer Tageszeitung wie „Die Welt“ entsprechen, letztlich nicht so relevant, ob diese von Maschinen oder Menschen formuliert wurden. Für die Wahrscheinlichkeit von deren Umsetzung in reales Handeln hingegen spielt diese Differenz durchaus eine Rolle, ein Sachverhalt, auf den ich durch die Unterscheidung von Gefahr und Risiko, in der Wissenschaftssprache auch als eine von „hazard“ und „risk“ üblich, hingewiesen habe.
        Die auf Lüneburg bezogene Mobilisierung von Nerling ist in jedem Fall über Maschinen verstärkt, ob über reale Bewunderer bzw. Follower dieses zumindest in seinem Feld „charismatischen Führers“ vermittelt, oder über Bots gesteuert. Sie war für mich und andere auf erkennbare Weise in der Folge u.a. in zweifacher Hinsicht mit realem Handeln verbunden, welches über das Verfassen von Kommentaren hinaus geht: Bei der Lüneburger Ratssitzung am 1.2.2018 waren nach mir vorliegenden Informationen rd. 50 Personen, vielleicht sogar mehr, aus dem rechtsextremen bzw. –radikalen Milieu zugegen, die bereit waren, im Fall einer Abwahl von Bürgermeister Dr. Scharf auf Handlungsebene zu reagieren. Da der Abwahlantrag – wohl nicht zuletzt auf Grund politischer Kalküle, die wenig mit der tatsächlichen Meinung über den krassen Fauxpas des Lüneburger Bürgermeisters zu tun haben – scheiterte, reagierte dieser neu gewonnene Anhang des Lüneburger Bürgermeisters lediglich in Form von Akklamation bzw. Gejohle. Problematisch genug, dass diese starke Geste der Unterstützung eines amtierenden Lüneburger Bürgermeisters durch den äußerst rechten Rand von politischer Seite (Hausrecht!) nicht verhindert wurde.
        Ein zweites Ereignis mit einschlägigem Indikatorwert ergibt sich über die Begleitumstände des Vortrags „Lüneburger Militärgeschichte“, den ich am Holocaust Gedenktag in der überfüllten Volkshochschule Region Lüneburg am 27. 1. 2018 gehalten habe. Nikolai Nerling hatte im Rahmen seiner viralen Lüneburg-Mobilisierung in einem seiner Videos aufgerufen, diesen Vortrag zu besuchen. Entsprechend formierten sich auch Gruppen schwarz gekleideter Rechtsextremer bzw. –radikaler vor dem Eingang der VHS. Da im Bewußtsein dieser Aufrufe Vorkehrungen (etwa im Sinne von Vidierung am Eingan) von einer wachen Zivilgesellschaft getroffen worden waren, verzichteten diese rechten Aktivisten – u.a. lässt sich auch ihr „Respekt“ vor der Lüneburg-Uelzener Zivilgesellschaft in Kommentaren zu den Videos nachvollziehen – auf den Versuch, in den Vortragssaal einzudringen. Sie beschränkten sich auf das Verteilen von Flugblättern mit u.a. antisemitischem Inhalt in der Umgebung der VHS. Politische Realität in Lüneburg am Holocaust Gedenktag im Januar 2018 in unmittelbarer Folge des Bürgermeisterinterviews am 2.1.2018 und der Reaktionen darauf. Da dieser Vortrag, ebenso wie zahlreiche andere Vorträge von meiner Seite (in Lüneburg u.a. im Museum und in der Uni) zum Thema der Lüneburger Militärgeschichte und Erinnerungskultur, nicht über Nachrichtenwert in der lokalen Presse verfügte, war auch dies ein Vorgang, der ähnlich wie die zahlreichen Interventionen am Ehrenmal der 110. ID (u.a. Verhüllungen), die aus der Zivilgesellschaft heraus erfolgten, zwar im universitären Archiv zur lokalen Erinnerungskultur festgehalten, aber nicht in bzw. von der lokalen Presse nachvollziehbar gemacht wurde.
        Meine Antwort auf Ihre Hinweise war primär soziologisch-statistischen Typs. Sie stützte sich u.a. auf Reichweitenvergleiche und den Indikator der Streuung der Aufrufhäufigkeit verschiedener Videos im you tube Kanal des Bloggers. Da es sich bei der digitalen Transformation unserer Gesellschaft jedoch um ein Thema handelt, das Wissenschaftler_innen verschiedener Disziplinen mit jeweils spezifischer Kompetenz beschäftigt, habe ich auch Expertise von anderer Seite eingeholt. So bat ich Professoren der lokalen Medienwissenschaft an der Leuphana um ihre Einschätzung. Angesichts von Behandlung u.a. im Senat und Studierendenparlament ist man mit der causa Dr. Scharf an der Universität recht gut vertraut.
        Ich kann berichten, dass Prof. Dr. Jan Müggenburg meine erste Antwort an Sie für „sachlich stichhaltig“ hielt. Davon abgesehen „fände er es fatal, jede kritische Diskussion über rechte Propaganda im Netz mithilfe des verschwörungstheoretischen Geheimdienst-Argumentes zu neutralisieren.“ Prof. Dr. Clemens Apprich wiederum machte im Hinblick auf Bots-Einsatz darauf aufmerksam, dass heute „vieles auf automatisiertes Sharing (retweets, etc.) hinausläuft und weniger auf gezielte Kommentierung.“ Und nach Sichtung von Videos und Kommentaren gewann er zudem das meiner Einschätzung entsprechende Bild, dass „Kommentare und Klickzahlen der Videos doch sehr speziell auf die jeweilige Situation reagieren, i.e. sich die rechte Internetcommunity gegenseitig hochklickt, was aber noch lange nichts mit ausländischen Geheimdiensten und deren Bots zu tun hat.“
        Nach Sammlung neuer Befunde – in soziologischer Sprache „prozessproduzierter Daten“ – möchte ich meine ursprüngliche Argumentation noch durch folgenden Hinweis stützen: Dresden sollte für die extreme Rechte – die Bombarding der Stadt durch die Alliierten wird von dieser Seite als „Holocaust“ an der deutschen Bevölkerung interpretiert – einen ungleich bedeutenderen politischen Bezugspunkt abgeben als Lüneburg ihn darstellt. Für das persönliche Erscheinen in Dresden am entsprechenden für die extreme Rechte symbolischen Tag – 17.2.2018 – hat N. Nerling über Videos massiv mobilisiert. Erwarten würde man deutlich höhere Aufrufe einschlägiger Dresden Videos als für Lüneburg. Dies war und ist jedoch nicht der Fall. Aus meiner Sicht stellt dies weitere empirische Evidenz gegen einen Einsatz von Bots im großen Stil im Rahmen der politischen Mobilisierung von Blogger Nerling im Internet dar. Weder auf intellektueller, noch auf formaler (mein Verweis auf den Identitären Martin Sellner), oder auf technisch-professioneller Ebene, halte ich den Blogger für eine herausgehobene bzw. mit avancierten Mitteln agierende Figur. Umso erschreckender die Reichweite seiner politischen Propaganda. Was die technische Ebene betrifft könnte sich dies durchaus noch ändern.
        Da Sie sich in starkem Maße auf die US-Situation beziehen, habe ich eine einschlägig ausgewiesene US-amerikanische Kollegin, Dr. Cheryce von Xylander, um Stellungnahme gebeten. Sie hat in einschlägigen Ländern von Bot Einsatzes gelebt und Erfahrungen gesammelt. In den USA studierte sie an den Universitäten Stanford und Chicago, in UK an der Cambridge University. In Deutschland war sie in Lehre und Forschung bislang an der Uni Darmstadt und der Humboldt Universität Berlin tätig. Kürzlich wechselte sie an die TU Cottbus, somit in eine Stadt, die in jüngerer Zeit ähnlich wie Lüneburg als Aktionsfeld der extremen Rechten hervorgetreten ist. Wie in Lüneburg haben sich auch dort Vertreter_innen der Universität vorgenommen, zivilgesellschaftliche Verantwortung zu ergreifen und den Aufwind des rechten politischen Randes nicht einfach nur zu beobachten, oder gar zu ignorieren. Für mich persönlich war nicht zuletzt die Dresdner Rede von AfD Historiker Björn Höcke vom 18.1.2017, in der er zu einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad aufrief, ein Signal. Erste Antworten – Ausstellungseröffnung „Hinterbühne I“ am 8.3. 2017 in der Leuphana und am 11.3.2017, Eröffnung des neuen Zentralgebäudes der Universität, gemeinsam mit Dr. Gerber „Forschungsbericht“ über die Lüneburger Erinnerungskultur, die in der Tat einer Wende bedarf.
        Vor dem Hintergrund eines Studiums im Bereich von „Symbolic Systems“ an der kalifornischen Stanford University (Schwerpunkte: „Computer programs, natural languages, the human mind, and the Internet embody concepts whose study forms the core of the Symbolic Systems curriculum, such as computation, representation, communication, and intelligence“) verfügt Frau von Xylander über deutlich mehr Expertise zum Thema als ich dies beanspruchen kann. Sie hat mit einem aus meiner Sicht sehr diskussionswürdigen Kurzessay geantwortet. Dieser berücksichtigt zudem, dass Lüneburg vor dem Hintergrund einer großen Kant-Schenkung an das Ostpreußische Landesmuseum die Ambition zu haben scheint, sich zu einer „Kant-Stadt“ zu erheben, zumindest das vorhandene Museum mit einem Kant Schwerpunkt und einem entsprechenden, auf ein breiteres Publikum zielenden Ausstellungschwerpunkt auszubauen. Aus meiner Sicht wäre angesichts dieser Geistesgröße, die nicht zuletzt im Bereich der Menschenrechte ihresgleichen sucht, zu hoffen, dass dies auch vor dem Hintergrund von Veränderungen im Bereich der lokalen Erinnerungskultur und –politik geschehen kann. Sich mit gegebenem erinnerungskulturellen Hintergrund mit Kant schmücken zu wollen würde einmal mehr mit paradoxen Effekten enden.
        Da Frau von Xylanders Stellungnahme „Blame it on the bots!“ nicht nur verfasst, sondern auch übersetzt werden musste, hat die Antwort an Sie, sehr geehrter Herr Janowitz, ein wenig gedauert.

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      • Marcel Feldmann schreibt:

        Sehr geehrter Herr Professor Wuggenig,
        vielen Dank für diese weitere gute Stellungnahme. Mir ist schleierhaft, warum in einer Stadt wie Lüneburg, deren administrative und politische Häuptlinge bei Universitätsfeiern (etwa bei der Eröffnung des Libeskind-Erdgeschosses am 11. März vorigen Jahres) mit einschießendem Augenwasser zu kämpfen haben, wenn sie behaupten „ihnen“ sei es gelungen, den Wandel von der lethargischen postfaschistischen Garnisons- zur quirligen liberalen Universitätsstadt entscheidend voranzubringen (so OB Mädge von Minute 3:56 bis 4:26 hier: https://www.youtube.com/watch?v=7blYSAo6Hjc), warum die nicht erkennen, welche weit ausstrahlende negative Beeinträchtigung für das Ansehen unserer kleinen Stadt durch das Dr. Scharf-Gequatsche auf dem Nerling-Video entstanden ist – und seitdem rasant in alle vier Himmelsrichtungen wächst. Auch in der Landeszeitung, deren Online-Redaktion sich bekanntlich nach Kräften um Verständnis fürs (und um Anschluss ans) „digitale“ Geschehen bemüht (zu diesem „Geschehen“ selbst siehe die exzellente, jargonfreie Darstellung von Peter Ganten auf dem Univention Summit 2018, der am 1. und 2. Februar in Bremen stattgefunden hat: https://www.youtube.com/watch?v=u4kp5-Oc1FU), wird (vermutlich um den zum 1. Februar geradezu oberbürgermeisterlich bewirkten „Burgfrieden“ an der „Stadtspitze“ nicht zu stören) über die Netzeffekte, die sich wellenförmig in kozentrischen Kreisen ausbreiten, kaum bis gar nichts berichtet. Vielleicht gelingt es Ihnen und Herrn Jenckel, dem LZ-Online-Chef, ja, die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Kollegin Cheryce von Xylander anhand des berüchtigten jüngsten Anwendungsfalles („Scharf/Nerling-Video“) im nächsten oder übernächsten LZ-Mittwochgespräch „11:30 Uhr“ einem breiteren lokalen Publikum auf populärwissenschaftliche, d. h. im besten Sinne allgemeinverständliche Weise zu erläutern? Wenn Herr Jenckel fragt und nachfasst, und Sie in kurzen, prägnanten Aussagesätzen antworten, sollte etwas für jeden Informatives, scharf Umrissenes dabei herum kommen.

        Übrigens, wo finde ich ein PDF von Frau von Xylanders Stellungnahme „Blame it on the bots!“ im Original oder in Übersetzung? Gibt es da einen Link?

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      • Andreas Janwoitz schreibt:

        Guten Tag,
        mir war nicht ganz klar welche Mühen ich ihnen mit meinen von mir selbst als „grenzwertig“ deklarierten Aussagen aufbürden würde. Ich bedanke mich für die ausführliche Antwort.

        Hinsichtlich der Chatterbots würde ich mich der Bitte von Herrn Feldmann anschliessen, damit ich in Zukunft nicht gar zu fehlgeleitet durch Foren pflügen muss. Ich fand z.B. auf Facebook schon erwähnte im copy&paste Stil verfasste Mordaufrufe die Kanzlerin betreffend, wesswegen sich der Gedanke an automatisierter Systeme verfestigte. Solche Anektdoten erfüllen natürlich keinerlei Anforderungen an statistischer Relevanz, das war mir von vornherein klar. Ich würde gerade deswegen gerne einmal „Blame it on the bots!“ in Original lesen.

        Ich muss Herrn Müggenburg allerdings auf`s schärfste widersprechen. Es gibt Geheimdienste, genauso wie die Mafia und alle treffen sich im Internet. „Verschwörungstheorien“ sind zugegebener Massen durch nicht Falsifizierbarkeit gekennzeichnet, es ist allerdings eine Sache von Aliens oder Dämonen zu sprechen und etwas völlig anderes von Geheimdiensten oder der Mafia. Zumal selbst wenn Sie wüssten das etwa der Verfassungsschutz am 27.1 oder 1.2. vor Ort war das nicht zugeben dürften. Für mich als Bürger ist es aber trotzdem von Relevanz.

        Um es auf eine ebenso unwiderlegbare Metaebene zu ziehen: ich würde als feindliche Macht über eine Art negativem social credit system die am wenigsten verlässlichen Nutzer (im Sinne von Staatstreue) Sammeln und diese automatisiert immer wieder anstossen und mit anderen in dieselbe Kategorie fallenden verknüpfen.
        Es werden in erheblichem Masse Nutzerdaten gesammelt und zum Verkauf(!) angeboten. Man stelle sich vor die STASI hätte über solch ein Werkzeug verfügt. Die Aktivitäten eines Robert Mercer auf diesem Gebiet sind schliesslich nur eine Seite der Medallie.
        Die Kanzlerin zeigte sich meines Wissens durch die Mobilisierungskapazität von „avaz“ beeindruckt. Soetwas gibt es selbstredent auch in nicht wünschenswerten Bereichen, was die 50 johlenden Anwesenden am 1.2. erklären würde.

        Der Cyberkrieg ist m.E. im wesentlichen durch einen niederschwelligen, der Desinformation dienenden, „Geräuschpegel“ gekennzeichnet. Solche Aktionen wie „Stuxnet“ stellen die absolute Ausnahme da!

        Für uns alle als Bürger ist es von erheblicher Relevanz, ob die Aktivitätspole aus dem Netzwerk von z.B. „Reconquista Germania“ feindliche Agenten sind, ganz gleich ob die anderen vieleicht 1000 einfach nur unterbelichtete sich „gegenseitig hochschaukelnde“ reaktionäre Schmierfinken sind. Die Administration ist verpflichtet Zeichen zu setzen, denn dieser Informationskrieg ist tatsächlich allumfassend.

        Vielen Dank nocheinmal für diese anregende Konversation. Dieser Blog ist tatsächlich ein interessanter Fund und ich hoffe das Ratsmitglieder das ebenso bewerteten. Der Mangel an dezidierten Kommentaren seitens der Administration ist tatsächlich beklagenswert.

        einen angenehmen Tag noch

        Andreas Janowitz

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    • Heidi Kramer schreibt:

      Bravo, Andreas Janowitz!

      Lassen Sie sich nichts erzählen! Bleiben Sie dran! Zeigen Sie’s den leuphanatischen Eggheads!

      Kämpfen Sie gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die allgegenwärtige Zensur, die Ihr verfassungsgarantiertes Recht auf alles aushöhlen und das Ziel verfolgen, die von Putins Mossad bezahlte Chemtrail- Diktatur der Echsenmenschen in der Hohlwelt zu vertuschen!

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      • Andreas Janowitz schreibt:

        Anders als den vewirrten von der „Reconqista“ ringe ich wenigstens nicht ständig mit der Realität.
        Mir wird es ewig ein Rätsel bleiben wie dumm man sein muss, um die Situation in der Bundesrepublik heute mit der iberischen Halbinsel nach 200 Jahren Iqta zu vergleichen und sich obendrauf auch noch im Recht zu sehen.

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  8. Ulrich Löb schreibt:

    Mark Twains „Recht auf Dummheit“, wie sie Professor Wuggenig in Anlehnung an Kai Biermann verwendet, ist eine schöne Metapher der man auf Anhieb sehr viel Sympathie entgegen bringen kann. Leider wird dieses Bonmont der Sache nicht gerecht. Dummheit in seiner subjektiven Variante ist eine, vom Einzelnen nicht immer beeinflussbare Größe. Dumm sein, kann heißen, dass Wissen nicht zu haben oder nicht erlangen zu können. In der Weise, wie Wuggenig es mithilfe des Zitates von Mark Twain anwendet, unterstellt er einer Mehrheit der Ratsmitglieder „wider besseren Wissens“ gehandelt zu haben. Das ist dann aber Opportunismus und nicht Dummheit. „Ach wäre es nur Dummheit gewesen“, könnte man rufen und diesen Ratsmitgliedern einen Schutzraum bauen. Nein, es war politisches Kalkül, kurzfristiges Denken, begonnen beim Oberbürgermeister, der die inkriminierten Äußerungen Herrn Dr. Scharfs nur in der Art und Weise, aber nicht dem Inhalt nach kritisierte, weitergeführt durch den ehemaligen und neuen Fraktionschef der CDU, die von der Dummheit ihres Fraktionsmitglieds ablenken wollten. Opportunismus, in solch einer moralischen Frage ist aber wie ein trefferloses Bumerang, es holt ein wieder ein und trifft dann nicht den Falschen.

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    • Ulf Wuggenig schreibt:

      Sehr geehrter Herr Bürgermeister Löb,

      die Metapher „Recht auf Dummheit?“ wurde von meiner Seite bewusst mit einem Fragezeichen versehen. Ich schrieb, dass ich gegenüber dem Bild aus der Literatur eher Max Webers Begriff des nicht rationalen Handelns vorziehen würde. In Zusammenhang mit rationalem Handeln unterschied Weber eine „wertrationale“ und eine „zweckrationale“ Spielart. Beim Handeln der Mehrheit des Rates am 1. Februar könnte man entweder die Orientierung an üblichen Werten der politischen Kultur vermissen (fehlende Wertrationalität), oder aber eine unzureichende Berücksichtigung mittel- oder langfristiger Folgen bzw. Nebenfolgen insbesondere für die Hansestadt, eventuell aber auch für die eigene Person konstatieren. Vor allem auf die fehlende Beachtung bestimmter (Neben)Folgen der Entscheidung meine ich ausdrücklich hingewiesen zu haben, nicht zuletzt unter Verweis auf die Einschätzung von Botschafter a. D. Dr. Gebhardt Weiss.

      Auf die Verletzung von Standards politischer Kultur, die sich in der Bundesrepublik herausgebildet haben, wurde eher implizit hingewiesen. Darauf bezog sich die allgemeine Referenz auf “Werte”, aber auch die zum Ende aufgeworfene Frage zu den Differenzen der Konsequenzen in den Fällen Jenninger und Scharf. Diese dürften ebenso mit Divergenzen der politischen Kultur der 1980er Jahre und der Gegenwart zu tun haben, wie mit solchen, die zwischen Kommunalebene („Provinz“) und Bundesebene bestehen. Auf diese vom Blogger Nerling bespielte Ebene könnte der Lüneburger Diskurs früher oder später auch noch geraten, zumal die Kritik an Überzeugungen, Meinungen und Motiven von Bürgermeister Dr. Scharf wie auch an der Rationalität der Ratsentscheidung diese Ebene zu erreichen bislang im Interesse der Vermeidung einer Eskalation noch nicht wirklich versucht hat.

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      • Karlheinz Fahrenwaldt schreibt:

        Lieber Wulf Wuggenig, nach meiner unmaßgeblichen Meinung hat die Causa Scharf zwei Ebenen: Die menschliche Komponente ist, dass Herr Scharf am Ende seiner Politkarriere seine Überzeugung kundtut. Für eine Überzeugung kann man sich nicht entschuldigen, deshalb auch nur die pauschalen Äußerungen von ihm. Die zweite Ebene ist die politische: Herr Mädge und ein Teil der SPD Ratsmitglieder erhoffen sich einen Bruch der „Jamaika-Gruppe“ und daraus resultierend ein GroKo auch im Stadtrat, auch mit Unterstützung durch den jj.Blog. Mir steht nicht an zu bewerten, welche Haltung schäbiger ist!

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      • jj schreibt:

        Ulf Wuggenig

        Sehr geehrter Herr Fahrenwaldt,

        Sie haben insofern Recht, als eine Bitte um Ent-schuld-igung, mit der jemand eine Verfehlung eingesteht, gegenüber einer im Habitus verankerten Neigung, einer Ideologie oder Weltanschaung kaum einen Sinn ergibt. Eine solche Art von Entschuldigung wurde jedoch von Bürgermeister Dr. Scharf nicht verlangt. Was Bürgermeister Dr. Scharf neben seinem Geschichtsrevisionismus und seiner, wie eine linguistische Analyse des Interviews ohne weiteres zeigen kann, manichäischen Art zu denken und zu reden, die sich beständig Dichotomien bedient, die Abwertungen einer der beiden Seite implizieren (die Linken, die Begleiter etc.), vorgeworfen werden kann, sind unzutreffende, wahrheitswidrige Zuschreibungen von Meinungen, Überzeugungen und Motive an jene Personen, die er am 11. August 2018 im Rathaus als Bürgermeister empfangen hat. Diese Zuschreibungen haben im Kontext des Interviews zugleich herabwürdigenden Charakter.

        Ich darf daran erinnern, dass Herr Dr. Scharf als Bürgermeister einerseits sechs Frauen aus Belarus empfangen hat, welche das Glück hatten, als Kinder die Deportationen, Lager und Massaker im Raum Ozarichi im März 1944 zu überleben, wenn auch nur als Waise, da ihre Mütter und Geschwister allesamt der Vernichtung durch die von Wehrmacht und SS auf barbarische Weise erzeugten Lebensverhältnisse zum Opfer gefallen sind. Zum anderen empfing er eine sehr heterogene Gruppe von ihm als “Begleitpersonen” oder “Begleiter” bezeichneten Menschen. Diese umfasste u.a. eine seiner ehemaligen Schülerinnen im Gymnasium Oedeme, die nach einem Studium der Umweltwissenschaften als Zimmerin tätig wurde. Eine Studentin der Kulturwissenschaften, die als Sprecherin des AStA der Leuphana zugegen war. Die Prodekanin der Fakultät Kulturwissenschaften, Sprachphilosophin mit Schwerpunkt u.a. bei Erinnerung und Gedächtnis, gleichfalls bereits vor dem nachfolgenden offiziellen Empfang an der Leuphana durch Vizepräsidentin, Dekan Kulturwissenschaften, Asta Sprecherin und Gleichstellungsbeauftragte zugegen. Des weiteren zwei Angehörige von Shoaüberlebenden des Holocaust-Survivors-Centre Hendon, London. Eine mittlerweile hundertjährige ehemalige Lüneburger Lehrerin, heute noch eingebunden in den VVN, die ein Lager der Nazis noch aus eigener Erfahrung erlebt hatte. Mehrere Personen, die in Lüneburg ehemals als Lehrer_innen an Grund-, Haupt- und Realschulen bzw. als Pädagogen tätig gewesen sind. Nicht zu vergessen zwei Begleiterinnen aus der katholischen Maximilian Kolbe Stiftung in Baden-Würtemberg sowie eine russ. Übersetzerin, eine meiner Studentinnen an der Leuphana.

        Sie können vielleicht die Fassungslosigkeit dieser Personen nachvollziehen, die sich im August nicht nur eine an Peinlichkeit schwer zu überbietende, anmaßende “Versöhnungsgeste” von Dr. Scharf, einem Repräsentanten der Täterseite, anzuhören hatten, bevor er sich schließlich auch zur Verantwortung der Stadt für die Taten der 110. ID bekannte, um dann im Januar u.a. zu erfahren, dass sie ein Riesentheater wegen des Besuchs der Überlebenden von Ozarichi gemacht hätten („Die Überlebenden haben da eigentlich überhaupt keine Problemegeäußert, sondern es waren die Begleitpersonen, die da so’n Riesentheater drum machen das waren die Begleitpersonen, die da so ein Riesentheater drum machen“, 6:40). Oder, dass sie das von ihm gezeigte Zeichen der Versöhnung gegenüber den Überlebenden von Ozarichi nicht kapieren wollten („Wollen sie auch nicht kapieren“, 7:30). Die von seiner Seite angebotene Versöhnungste lässt sich aus logischer Sicht nur unter der Prämisse verstehen, dass er eine Art Täteräquivalenz zugrunde legte, zwischen Deutschen auf der einen Seite, Russen auf der anderen, obwohl er bei der Gelegenheit gerade davon erzählte, dass russische Soldaten darauf verzichtet hätten, ihn zu erschießen, obwohl sie die Gelegenheit dazu gehabt hätten. Kaum nötig zu betonen, dass die vom Bürgermeister geschilderte eigene biographische Erfahrung mit der Zeitzeugenschaft des Massenmords an Kindern, Frauen, Alten und Kranken in Ozarichi weder in Art noch in Dimension in irgendeiner Weise vergleichbar gewesen wäre.

        Den Begleitpersonen schrieb er zudem eine völlig aus der Luft gegriffene Allaussage zu: „Für die sind alle deutschen Soldaten Faschisten und Verbrecher“. Er behauptete, dass sie in Zusammenhang mit der 110. ID bzw. Ozarichi eine „unglaubliche Geschichtsklitterung“ (11:47) vornehmen würden, die er in ausdrücklicher Bestätigung von Formulierungen, die von Nerling stammten, als „antideutsche Propaganda“ und als “rassistisch” qualifizierte. Als Historiker sollte ihm diese Sprachtopoi der extremen Rechten in Deutschland in Zusammenhang mit an der Wehrmacht geäußerter Kritik bekannt gewesen sein.

        Herr Dr. Scharf wurde von meiner damaligen Stellvertrerin vor dem Hintergrund der viralen und dauerhaft verankerten Verbreitung dieser Zuschreibungen in der digitalen Welt u.a. folgendes schriftlich übermittelt: “Ich möchte Sie freundlich bitten und fordere Sie auf, diese Feststellungen und Herabwürdigungen zukünftig nicht zu wiederholen, sich für diese Feststellungen schriftlich bei den Begleitpersonen, u.a. bei mir, zu entschuldigen, und sich für diese Feststellungen auch öffentlich in der LZ mit Kopie an die Leuphana Universität zu Händen des Präsidenten und im Rat der Stadt Lüneburg zu entschuldigen.” Für ihre Bitte und Forderung nach Entschuldigung hatte sie an der Universität einhellige Rückendeckung aus dem Senat erhalten. Dieser Bitte und Forderung meiner Stellvertreterin ist der Bürgermeister nicht nachgekommen. Er hat sich bis zum heutigen Tage auch bei keiner der ihm teilweise persönlich bekannten Personen individuell entschuldigt. Die Gäste aus Ozarichi, von denen er behauptete, dass sie im Gegensatz zu den Begleitpersonen überhaupt keine Probleme in Zusammenhang mit Ozarichi 1944 geäußert hätten, obwohl deren Sprecherin seine Ausführungen über die angebliche Empathie von deutschen Bewachern in einem der Lager von Ozarichi ausdrücklich und vor Zeugen zurückwies, bezog er nicht einmal in seine pauschale “Entschuldigung” vom 1. Februar ein.

        Deshalb betrachte ich das Verhalten des Bürgermeisters neben allen Verfehlungen auf der Ebene des Geschichtsrevisionismus auch als einen gravierenden Fauxpas auf der Ebene von Formen bürgerlichen Umgangs, die aus gutem Grund den Verkehr zwischen Menschen regulieren.

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    • Viktoria Kretschmer schreibt:

      Sehr gut beobachtet, Herr Löb! Dummheit entschuldigt. Wir haben es aber mit blankem, opportunistischem Gewinnstreben zu tun. Es ging um Vorteile. Doch seien wir fair. Auch Herr Wuggenig hat recht. Denn dieser miese, taktierende, kurzsichtige Opportunismus ist mittel- und langfristig eben auch dumm. Denn er arbeitet mit an der Zerstörung von Vertrauen in die Vernunft unserer Ratsvertreter und macht Verdummung, Verlogenheit und Gewaltfantasien salonfähig. Wer Verdummung fördert ist dumm!

      Zu den Opportunisten zählen Sie nur den Oberbürgermeister und den unbeholfenen neuen Fraktionschef der CDU. Aber haben Sie nicht den größten dieser Opportunisten vergessen, Herr Löb? Haben Sie nicht an Herrn Mädges Sprachrohr gedacht, den neuen Ansager der SPD im Rat?

      Von Friedrich von Mansberg, ich habe schon einmal darauf hingewiesen, stammt die meiner Meinung nach verlogenste Begründung gegen die Amtsenthebung seines rettungslos kompromittierten, als Bürgermeister durch eigenes mutwilliges Verschulden auf immer disqualifizierten Ratskollegen Scharf (der auch rettungslos kompromittiert und als Bürgermeister durch eigenes Verschulden auf immer disqualifiziert bleibt, wenn er sich weiterhin „Bürgermeister“ nennen darf). Durch dessen Abwahl wäre nichts gewonnen, behauptete der theatralisch eingeschalte Sozialdemokrat am 1. Februar in der Christiani-Aula, indem er eine rhetorische Frage in die Runde warf, als ginge es um Scharfs ohnehin inexistente Mitgliedschaft im Stiftungsrat der Stiftung Hospital zum Großen Heiligen Geist.

      Es gelte „abzuwägen, was durch die ABWAHL gewonnen wäre, für die dringend notwendige Diskussion um die Gedenkkultur in dieser Stadt“. Was ist durch die NICHT-ABWAHL Scharfs „für die dringend notwendige Diskussion um die Gedenkkultur in dieser Stadt“ gewonnen? Eine Antwort auf diese Frage haben wir vom SPD-Chefdramaturgen bis heute unglücklicher Weise nicht bekommen.

      Herrn von Mansberg, „meine Damen und Herren“, lieber Herr Löb, ging es „so also nicht in erster Linie (worum es ihm in zweiter oder dritter Linie geht, vergaß er leider zu sagen) um die Abwahl, es geht ihm um unsere gemeinsame Verantwortung (Bloß wofür?), es geht um die Aufgaben, die in dieser schmerzhaften und unvermeidbaren Diskussion (um die ‚richtige‘ Gedenkkultur, nicht um die richtige Abwahlkultur) gelöst“ werden müssen.

      Wie ist das zu verstehen?

      Herr von Mansberg sagt uns: Wenn Rotkäppchen dem bösen Wolf im Familienrat begegnet, dann soll es ihn nicht gemeinsam mit dem Jäger und der Großmutter abwählen. Nein! Das wäre kontraproduktiv. Dadurch wäre nichts für die dringend notwendige Diskussion um die Gedenkkultur im dunklen Wald, im finsteren Tann gewonnen. Rotkäppchen, der Jäger und die Großmutter sollen an ihre „gemeinsame Verantwortung“, an ihre „Aufgaben“ denken, die in einer „schmerzhaften und unvermeidbaren“ Diskussion (um die „richtige“ Gedenkkultur) gelöst werden müssen. Welches sind diese bitteren Aufgaben? Dummerchen! Es sind die schwierigen, die gedenkkulturellen Aufgaben des „richtigen“ Nachdenkens über die „Richtigkeit“ des gedenkkulturellen Nachdenkens!

      Warum ist das verlogen?

      Nicht nur, weil Herr von Mansberg mit den Freunden des Wolfes ein Geschäft anbahnen möchte! Sondern vor allem, weil Herr von Mansberg das Rotkäppchen, den Jäger und die Großmutter mit viel falschem Pathos glauben machen will, dass „Gedenkkultur“ nur um der Gedenkkultur willen betrieben werden muss. Aber nicht, um zum Beispiel die sieben jungen Geißlein auf eine Begegnung mit dem Wolf vorzubereiten. Nicht, um handeln zu können bzw. um zu handeln, wenn Handeln nottut. Und auch nicht, um zu verhindern, dass rettungslos kompromittierte und durch eigenes Verschulden auf immer fürs Amt disqualifizierte Leute wie Dr. Gerhard Scharf Bürgermeister der Hansestadt Lüneburg bleiben können.

      Wie denken Sie darüber, Herr Löb?

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  9. Kevin Schnell schreibt:

    Danke für diesen Kommentar, Herr Professor Wuggenig! Scham, Lernbereitschaft und das Vermögen, Verantwortung aus Vernunft und nicht – wie am Spätnachmittag des 1. Februars in der Aula der Christianischule – nach den mehr als zweifelhaften „taktischen“ Geboten gruppenegoistischer Opportunitäten (oder noch schlimmer, weil noch atavistischer: „optional“ aus „Korpsgeist“) zu zeigen, scheinen Fremdworte bzw. fremde Praktiken in den Lüneburger Kreisen zu sein, deren Zugehörige sich selbst für „die Stadt“ halten, obwohl sie bestenfalls die Vertreter der Angehörigen unserer Stadtgesellschaft sind, wenn nicht gar bloß deren Diener – und das auch nur auf Zeit.

    Auch die Rolle und die „Versäumnisse“ der – frei – verantwortlichen LZ-Redakteure Christoph Steiner, Hans-Herbert Jenckel und neuerdings auch Marc Rath bei der lokalen Berichterstattung über die bejammernswert wenigen neueren Versuche, die schändliche Geschichte und „Geschichtspolitik“ (vulgo: Geschichtspropaganda) unserer Stadt während und nach den Jahren 1933 bis 1945 (mit Folgen bis zum heutigen Tag) aufzuklären – statt sie zu vernebeln –, werfen in der Tat zahlreiche Fragen auf, über die eine nüchterne, ihre eigenen Urteilskriterien kritisch reflektierende wissenschaftliche Regionalhistoriographie mit Sicherheit in den kommenden Jahren befinden wird.

    Die Leserzuschrift von Kai Biermann von vor zwei Tagen, auf die im obigen Blog-Text angespielt wird, ist hier zu finden: https://blog-jj.com/2018/02/04/es-geht-nicht-nur-um-lueneburg/#comment-2099

    Einen lesenswerten Kommentar zu einem wesentlichen Aspekt der hoch problematischen überkommenen wie auch aktuellen Lüneburger “Gedenkkultur“, die mir eher eine Kultur des stillschweigend vereinbarten Nichtdenkenwollens zu sein scheint, hat der Göttinger Jurist Felix Röpke gestern hier „gepostet“: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/1462241-ehrenmal-soldaten#comment-140342

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    • sanderthomasgmxde schreibt:

      Gemach: Die LZ-hat doch gerade erst ihre „Unabhängigkeit“ verloren und ist jetzt (abhängiges) Mitglied im RedaktionsNetzwerk Deutschland. Ein paradoxer Effekt, die Wandlung des „vernebelnden“ örtlichen Meinungsverbreitungsquasimonopolisten zu Gunsten einer im Ganzen objektiveren, faktenorientierteren Berichterstattung ist (noch) nicht auszuschliessen.

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      • jj schreibt:

        Lieber Thomas, da hast du ein Fake abgesetzt.
        Die LZ ist weiter unabhängig, gehört drei Verlegern und keinem Konzern, bezieht nur nicht mehr wie 350 andere Verlage in Deutschland ausschließlich dpa, die Inhalte nimmt zwar auch das Redaktionsnetzwerk Deutschland, aber eben nicht nur. Erstens greift es auch auf andere Agenturen zu, zweitens kommen so auch ganz andere Stimmen ins Blatt, weil ein RND-Büro z.B. in Berlin ganz nah dran ist mit seinen Reportern, die exklusiv für RND Politiker interviewen.

        Die LZ ist die erste weiter selbstständige Zeitung, die sich dem Netzwerk angeschlossen hat, die LZ schreibt weiter ihre eigenen Kommentare, macht ihr eigenes Interview der Woche und partizipiert an den guten Kontakten und Seiten von RND. LG Dein Hans-Herbert.

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      • sanderthomasgmxde schreibt:

        also: weiterhin unabhängig und überparteilich, danke für die Aufklärung lieber Hans-Herbert!

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  10. sanderthomasgmxde schreibt:

    Jeder der hier Kommentare abzugeben beabsichtigt, möge sich die Rede Jenningers,die ihn schon am nächsten Tag zum Rücktritt veranlasste, vollständig anhören. Er vergleiche sie(1988) mit den Tiraden des Lüneburger „Historikers“ Scharf (2017) gegenüber dem Blogger N.N. Dann beantworte jeder für sich die Frage: Was bedeutet es für den Zustand unseres Landes und insbesondere unserer Stadt, wenn sich hier dann eine „demokratische“ Mehrheit im Rat für den Verbleib Scharfs im Amt des Bürgermeisters findet.
    Wundern tut es mich nicht. Die Verfolger der „Nestbeschmutzer“ sitzen überall in einflussreichen Positionen. An ernstzunehmender lokaler historischer Forschung mangelt es nicht wirklich, es ist nur bisher erfolgreich gelungen diese mit vereinten Kräften als mindestens „linkslastig“ zu diffamieren.

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