Die seltsame EU-Arithmetik beim Geldrauswerfen als Segen und Fluch

Lüneburg, 27. Juni 2018

Nach einer kleinen Feldstudie bin ich überzeugt: Die Höhe öffentlicher Zuschüssen steigt exponentiell mit der Entfernung der Geldquelle. Vermutlich auch, weil der Geldgeber keinen Einblick mehr hat, was mit dem Zaster tatsächlich passiert. Brüssel ist da Champions League. Umgekehrt heißt das, je näher einem der Fördertopf sitzt, desto mickriger fällt der Zuschuss aus.Die Stadt alimentiert Vereine mit ein paar Tausend Euro, der Kreis springt Gemeinden gerne mit fünfstelligen Beträgen bei, das Land gibt auch sechsstellig, der Bund siebenstellig. Und die Europäische Union in Brüssel? Gut, die ist fast für einen ganzer Kontinent zuständig, da können die Administratoren schon mal den Überblick bei den ganzen Nullen verlieren. Und wenn ein Antrag nur schlüssig formuliert ist, fragt keiner mehr aus Brüssel nach, ob hinter den Zahlenkolonnen auch Fakten stehen oder nur Wunschdenken und ob der Zuschuss überhaupt nötig ist.

Jüngst musste sogar ein hiesiger Samtgemeindebürgermeister über den warmen EU-Geldregen den Kopf schütteln, der nur für eine Firma über seiner Kommune niederging. Wenn Sie also sehen möchten, dass die Europäische Union in solchen Fällen nicht mit Geld geizt, müssen Sie nur vor der Haustür kehren. Da wirbeln genug EU-Scheine auf.

Gut in Erinnerung ist im Lüneburger Land die dicke EU-Förderung zwischen 2007 und 2013, als die Region auf Armenhaus-Niveau runtergerechnet wurde und dafür eine Milliarde Aufbauhilfe bekam. Ziel-1-Gebiet hieß Lüneburg da, was so viel wie Hartz IV für Regionen ist.

Die Not fällt einem natürlich in Lüneburg nicht gleich ins Auge. Und keine Sorge, das ist und war auch nicht so. Das war reine EU-Arithmetik. Allein 100 Millionen bekam die Uni, die davon den Libeskind-Bau mitfinanzierte, der nicht nur durch Kubismus besticht, sondern durch sein großzügiges labyrinthsiches Gängeviertel im Gebäudebauch. Oder die Millionen fürs „Moving Image Lab“ oder für die „Grundversorgung 2.0 – Die Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medien“ – aufgerüstet mit iMacs und Tischfußball wie eine Google-Klitsche. Sie erinnern sich nicht? Macht nichts. Das waren moderne Durchlauferhitzer für Geld.

Aber es gibt eben auch aktuelle Auffälligkeiten. So bekam jetzt eine prosperierende Firma, die in jedem Fall im Gewerbegebiet Wittorfer Heide investiert, 1,32 Millionen Euro. Zur Hälfte EU-Fördermittel, Land und Bund waren auch dabei. Wofür? Unter anderem, damit Arbeitsplätze ein paar Kilometer von Winsen nach Bardowick verlegt werden. Das fällt unter Sicherung von Arbeitsplätzen.

Da stutzte selbst der Bürgermeister der Samtgemeinde Bardowick, der weiß: Statt einmal ein Millionenbetrag könnten 20 mal 50 000 Euro oder 100 mal 10 000 weit mehr bewirken. Aber die Bearbeitung solcher Mirko-Beträge für alle Regionen würde natürlich die EU-Verwaltung so aufblähen, dass sie selbst das ganze Geld auffräße. Dann lieber Schüsse ins Blaue, einer trifft schon.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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3 Antworten zu Die seltsame EU-Arithmetik beim Geldrauswerfen als Segen und Fluch

  1. Handlungen der Beteiligten sind einfach irrational. Das Gefühl längst verloren. Ihre Welt nur noch abstrakt und ein Wissenschaftsmodell. Versuch und Irrtum. Ein Labor ohne Bezug zu sich selbst.

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  2. Otto Berg schreibt:

    Lieber Herr Jenckel,

    zwei Anmerkungen zu Ihrer These, die Höhe öffentlicher Zuschüsse steige exponentiell mit der Entfernung der Geldquelle:

    Walter Benjamin definierte „die Aura“, das verzaubernde Wirkmoment eines kunstvoll erzeugten Produkts der Einbildung, als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“. Nur so ist wohl zu erklären, dass achtstellige Eurobeträge auch schon mal aus Töpfen in Griffweite des Oberbürgermeisters und des Landrates genommen werden, welche bis dahin in den gähnend leeren Schulbaukassen von Stadt und Kreis übersehen worden waren und mit denen sich „Arenen“ zur „Daseinsvorsorge“ (Christoph Podstawa) von geschäftstüchtigen „Spezies“ der Verwaltungsspitzen „finanzieren“ oder „fördern“ lassen. (Siehe: https://www.landeszeitung.de/sport/fusball/regionalliga-fusball/229821-lsk-verabschiedet-sich-mit-30#comment-63362)

    Auch kann es passieren, dass sich zwischen den verführerisch gleißenden Subventionskulissen im milchstraßenweit von „uns“ abgelegenen „Europa“ ein Vorsitzender Richter aus dem 1. Senat des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts in Lüneburg zu Wort meldet und dem vermeintlich lustig sprudelnden Zierbrünnlein widerrechtlich von „der EU“ erschlichener 4,9 Millionen Euro attestiert, die aus der Ferne erwartete (und zum Teil schon für ein „Gellersen-Haus“ ausgegebene ) „Höhe öffentlicher Zuschüsse“ beruhe auf einer von reinem Wunschdenken mit „leeren Klanghülsen“ autosuggestiv erzeugten Anspruchsfiktion – und sei null und nichtig: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/1498442-gericht-zerschlaegt-ortskern-plaene#comment-148192

    Kann es sein, dass als Folge solcher von den Mitgliedern einer Gemeinde- beziehungsweise Samtgemeindevertretung leichtfertig selbsterzeugten Geldnot wieder das öde, gedankenlose Geschwalle von „erzielbaren Leuchtturmeffekten“ und „erhoffter Magnetwirkung“ aus belämmert offenstehenden Mäulern hervorquillt, mit welchem darüber hinweggetäuscht werden soll, dass nun in verantwortungsloser Dummheit auch letzte „Grüngürtel“ ohnehin bereits gründlich verhunzter „Natur“ und lebenswichtige Frischluftschneisen „interkommunal“ zubetoniert werden? (Siehe: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/1571452-reppenstedt-rueckt-naeher-an-lueneburg)

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  3. Klaus Bruns schreibt:

    herr jenckel, in der politik kommt es doch wirklich nicht auf eine null mehr oder weniger an. schmunzel. was wollen sie machen,diese politiker abschaffen? wohin dann mit den vielen steuergeldern, wenn sich keine denkmäler mehr gebaut werden? ohne subventionen verteilen, hätten politiker viel langeweile und wer weiß, was sie dann anrichten.

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