Die Vertreibung aus dem Kalbruch-Paradies

Der Kalkbruch Volgershall war in den 70er-und Anfang der 80er-Jahre Lüneburgs erste textilfreie Zone. Baden war zwar nur geduldet, trotzdem wurde der See für eine Generation zum Badeparadies, bis Partys und Müll überhandnahmen. Foto: mr/LZ-Archiv.

Lüneburg, 5. Juni 2021

Bei der Hitze wird mir schwer ums Herz und die Zeitmaschine wirft mich vierzig Jahre zurück. Wir waren jung, hatten mehr Zeit als Geld, und der Kalkbruch Volgershall wurde unser Sehnsuchtsort. Das wär’s jetzt im zweiten Pandemie-Sommer, so eine kleine Kalkbruch-Bade-Renaissance. Aber da lassen sich die Eigner, die Angler, sicher nicht erweichen, egal wie sehr ich schwitze.

Seit fast vier Jahrzehnten ist der riesige See tabu. Südsee-Türkis, tief und kühl. Was für ein See, was für ein Wasser. Baden war ja eigentlich nie richtig erlaubt, aber geduldet, bis aus dem See eine Party- und leider Müllmeile wurde. Heute ist der See ein Paradies für Fische.

Der Kalbruch von oben. Foto: Hajo Boldt

Jetzt kommt die Kalkbruch-Nostalgie: Vorne rechts lagen die Alternativen, am Eingang zum See hatte ein fliegender Holländer seinen Campingbus samt Surfbrett geparkt, Tag für Tag.

Ein Muskelberg auf dem Thron
Links am abschüssigen Ufer sonnten sich in Badehose und Bikini die Neugierigen, die es aus der Badeanstalt mal an diesen coolen See getrieben
hatte . Auf einer Art „Sprungturm“ für Mutige vis à vis der Psychiatrischen Klinik thronte Fred Schinkel, ein Muskelberg, für mich damals Lüneburgs erster Bodybuilder.

Und abends Stint-Zeit
Und dann, nach einem langen Fußmarsch, kamen wir, nackt, aber unendlich relaxt und glücklich. Alle Stunde kraulte man einmal quer durch den See. Gut gekühlt vergingen so die Tage, bis abends die Stint-Terrasse rief. Noch ganz ohne Stuhl, Tisch und Schirm. Einfach auf der Straße stehen, aber das zu Hunderten. Jede Kneipe eine Goldgrube. Und donnerstags war Marktag bei Artur im legendären „Straw“ Auf dem Kauf Pflicht.

Die Zeit verging langsamer und für viele von uns lange ohne klares Ziel. Das war entspannend. Niemand trug eine Handy wie eine Hostie vor sicher her, keine Mail. Man traf sich eben, weil man sich mochte und ahnte, wer wo auftaucht. Illert, Rauno und so. Passe. Geschönte Erinnerungen.

Aus den Paradies vertrieben
Aber es ist immer das Gleiche mit den Menschen und den Paradiesen: Die Menschen vermasseln es und werden vertrieben. Der Kalkbruch ging nach heftigem Disput verloren. Am Stint klagte eine Anwohnerin und durchkreuzte die Bierlaune.

Jean Paul meint zwar, die Erinnerung sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden könnten. Aber, ehrlich gesagt, kühlen mich die Erinnerungen jetzt im Sommer nicht wirklich.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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8 Antworten zu Die Vertreibung aus dem Kalbruch-Paradies

  1. Peter Kröpke sagt:

    The Times They Are a-Changin’ …

    „Und dann, nach einem langen Fußmarsch, kamen wir, nackt, aber unendlich relaxt und glücklich.“

    Stellen Sie sich bloß mal vor, sowas würde heutzutage ein Ratsmitglied nach einer Ortsbegehung im Bebauungsplangebiet „Am Wienebütteler Weg“ zu Protokoll geben.

    „Leuchtkäfer werden vereinzelt als die ewig lebenden Seelen von Verstorbenen angesehen. In China wurden Leuchtkäfer als charakteristisch für verarmte Studenten betrachtet, da man diesen nachsagte, beim nächtlichen Studieren als einzige Lichtquelle über Glühwürmchen zu verfügen.“

    Werner Pieper: Glühwürmchen. Geschichten über unsere wunderlichen, giftkillenden, sexbesessenen Lichtwesen (= Der grüne Zweig. 277). Piper & The Grüne Kraft, Birkenau 2011

    • Steffen Martus sagt:

      Katastrophaler Klimawandel, schwindendes Vertrauen in Politik, Staat und kommunale Verwaltungen, endemische Verbreitung esoterischer Weltauffassungen, das Ersetzen großer Sozial- und Gerechtigkeitsutopien durch Nischenpolitik im Namen von Diversität und Identität (Selbstverwirklichung) – nein, die Rede ist nicht vom Lüneburg unserer Gegenwart, sondern von der Befindlichkeit des Westens in den späten Siebzigerjahren. Die gebildete Mittelschicht pilgerte zu Tausenden ins indische Poona, verzaubert von den irren Selbstverwirklichungslehren eines bekennenden Kapitalisten. Als Bhagwan sich im weißen Rolls-Royce herumkutschieren ließ und seine Anhänger von ihrer sozialen Herkunft freisprach, propagierte Margaret Thatcher ihren Hardcore-Liberalismus und „befreite“ den Staat von seiner gesellschaftlichen Verantwortung. Zur gleichen Zeit kolonisierten die absurd totalitären Ordnungs- und Kontrollfantasien von Industrie und Administration das Privatleben, indem sie „Einfachheit“, „Teilhabe“ und „E-Gaming“ als großen Daddelspaß unters Volk brachten: 1977 kam der Apple II auf den Markt. Währenddessen bereitete eine neue Idee der Vernetzung das Internet vor: als Verbindung von heterogenen Netzwerken, die nicht auf eine gemeinsame Kommunikationslogik angewiesen sind. Und im Kino demonstrierte John Travolta in „Saturday Night Fever“, wie man sich in der Freizeit durch hartes Körpertraining jenen Ego-Boost versetzt, den das erlebnisarme Arbeitsleben verweigert — und der demnächst angeblich schon auf sportbodennahen Zuschauersesseln in Provinz-„Arenen“ durch das Vertilgen von Craftbeer und Kartoffelchips erreicht werden kann.

  2. Klaus Bruns sagt:

    Lizzy Tewordt
    Leon, das Glühwürmchen
    Wer fliegt denn da so durch die Nacht

    und leuchtet hell wie Neon?

    Natürlich, jetzt erkenn ich ihn:

    das ist doch unser Leon.

    Er ist ein Glühwürmchen, ganz süß,

    ein Käfer mit Laterne.

    Er leuchtet in der Dunkelheit

    so hell fast wie die Sterne.

    Die Weibchen haben auch ein Licht,

    doch können sie kaum fliegen.

    Sie schwenken die Laterne nur

    am Boden und im Liegen.

    So sucht der Leon ganz genau,

    ob er ein Mädchen findet,

    mit der er sich dann, falls es will

    fürs ganze Leben bindet.

    Und wenn er es gefunden hat,

    dann leuchten sie gemeinsam.

    Sie kriegen Babys und sie sind,

    dann beide nicht mehr einsam.

    Und seht ihr mal in dunkler Nacht

    Leuchtkäfer in der Ferne,

    dann wisst ihr: Da fliegt Leon mit

    und winkt mit der Laterne.

  3. Sander Thomas sagt:

    Einreise nach DK ab sofort mit neg. Cor.-Test. Dort gibt es noch unentdeckte Paradiese, 5000 km badegeeignete Küstenlinie ! Tschüss erstmal.:-)

  4. Andreas Janowitz sagt:

    Wissen Sie ob die Glühwürmchen noch dort wohnen? An den ersten lauen Sommernabenden deckten die die Szenerie immer mit ihrem surealen Lichterteppich zu… und dann war Schluss. ^^

    Müsste an der Zeit sein, diesem besonderen stillem Spektakel beizuwohnen.

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