Wenn das Wahlkampffieber den letzten Nerv raubt

Die Parteien und Kandidatinnen und Kandidaten buhlen um die Gunst der Wähler und nicht der Lüneburg-Ikone Frau Luna.

Lüneburg, 15. Juni

Es bricht eine süßsaure Zeit für die schreibende Zunft an, die heiße Wahlkampfzeit. Die Journaille wird hofiert wie zu keiner anderen Zeit. Aber die Kandidatinnen und Kandidaten nehmen zugleich auch übel wie zu keiner anderen Zeit. Je näher der Urnengang rückt, desto blanker liegen die Nerven, bei manchem Parteigänger begleitet von heftigem Wahlkampffieber.

Zwischenspiel: Wenn ab jetzt mal nur die weibliche oder mal nur die männliche Form zu lesen sein wird, so inkludiert das im Geiste jede andere Form. Liest sich nur schlanker. Und natürlich ist jede Ähnlichkeit mit der Lage in Lüneburg  rein zufällig.

Politikerinnen haben im Wahlkampf ein offenes Ohr, sie saugen Ideen und Schnapsideen wie ein Staubsauger auf. Die fließen dann gefiltert ins Wahlprogramm, bevor sie nach der Wahl in den Fraktionsmühlen zermahlen werden.

Die Vermessung der Bilder
Im Wahlkampf zücken manche Kandidaten
auch mal das Zentimetermaß und vermessen die Größe von gedruckten Bildern und die Länge von Texten in der Tageszeitung. Und wehe, der Konkurrenz wurde mehr Platz eingeräumt. Aber zum Glück kann heute jeder im Internet zurückschlagen.

Die Rote Karte wird im Wahlkampf gezogen, wenn der Verdacht aufkommt, dass eine ureigene Idee vom politischen Mitstreiter gekapert und auch noch pressewirksam vermarktet wird.

Hauptsache Rad
Im Wahlkampf nutzen alle ein politisch korrektes Mobil.
Weil Deutschland laut Bundesverkehrsminister Scheuer jetzt Fahrradland wird, gilt: Dienstrad, E-Bike, wahlweise ein Lastenrad. Oder haben Sie schon irgendwo einen Wahlkampf-Bulli gesehen?`

Im Wahlkampf kommt der Ruf, die Verwaltung aufzumöbeln gelegen. In Lüneburg denkt ein OB-Kämpe an den Bau eines neuen Rathauses. Der Landkreis, der unter Corona wie auf Koks malocht und hervorragend performt, liebäugelt mit einem zusätzlichen Gebäude im Lünepark. Corona- und Flüchtlingskrise, Arena, Elbbrücke, Mobilitätswende, Förderprogramme auflegen, das erledigt sich ja nicht eben so.

Reine Auslegungssache
Je nachdem, wo der Wahlkämpfer politische steht,
könnte man auch fragen, ob Landkreis und Stadt in den letzten zwanzig Jahren beim E-Government den Schongang eingelegt haben und ob Homeoffice nicht die zeitgemäße Alternative sei.

Strategen denken natürlich schon einen Schritt weiter an die übernächste Wahl und heben heute freudig die Hand. 2026 lamentieren sie dann im Wahlkampf über aufgeblähte Verwaltungen. Selbsterfüllte Prophezeiung, ein beliebtes Wahlkampfmittel.

Bei Verwaltungen ist es wie beim Schweinezyklus: Sie kommen nie ins Gleichgewicht. Mal gibt es zu viele Verwaltungsmitarbeiter, mal zu wenig, mal fehlen Klassenräume, weil ein Planer fehlte, dann stehen wieder Klassen leer, weil die Geburtenrate in den Keller sackt. Kleiner Wahlkampf-Tipp: Fordern Sie, leere Container zu Tiny Houses umzurüsten. Die liegen im Trend.

Die Buzzwords
Im Wahlkampf 2021 dürfen natürlich die Buzzwords nicht fehlen: Klima, Klima und noch mal Klima, dann Rad, Mieten. Und, ganz wichtig, die Rettung der Innenstädte.

Natürlich muss die Wahlkämpferin jetzt nicht laut sagen, dass die Epoche der Fußgängerzonen, so wie wir sie kennen, endet, dass zwischenzeitlich ein beispielloses Downgrading stattfindet – billig geht immer. Das ist leider auch in Lüneburg zu besichtigen.

Der Umbruch ist holperig, bis Wohnen in der City wieder in Mode ist, bis schicke Showrooms öffnen, in denen man online bestellt und ohne Tüten bepackt ins Café abdriftet. Die Ware wird geliefert. Mit E-Mobil, im Preis inbegriffen. Und noch ein kleiner Wahlkampf-Tipp: Lüneburg erwartet, munkeln die Auguren, einen Glasfaser-Tsunami. Das öffnet für beide Entwicklungen Tür und Tor.

Der Spagat
Die Wahlkämpfer müssen d
en Spagat beherrschen, zum Beispiel bei der Verkehrswende: An die Radfahrer denken, ohne die Fußgänger zu vernachlässigen oder die Autofahrer zu verprellen. Rad first ohne Parkraum zu blockieren. Geht alles, also im Kopf.

Im Wahlkampf gilt der Schlachtruf: Wir lasse niemanden zurück. Das ist besonders schwer, will man die Jungen gewinnen, die den Wind des Wandels lieben, ohne die Alten zu verprellen, mehr oder weniger die Wählermasse. Und die will, das alles bleibt wie es war. Deswegen belegen Wahlkämpfer auch regelmäßig Spagat-Kurse bei Ballerinen. Strecken, dehnen, biegen.

Und natürlich sind die Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer auf allen Kanälen präsent, Schnappschüsse vom Wochenmarkt, vom Radeln, von Kulturevents (endlich wieder!!!!!), vom Tête-à-Tête mit Bürgern. Das landet dann bei Insta oder Facebook.

Wie ist die Conversion Rate?
Hier ste
llt sich die bange Frage, wie hoch wohl die Conversion Rate ausfällt, also die Umwandlung von Likes und glühenden Kommentaren in Wählerstimmen. Ein komplexes Terrain. 

Dazu der letzte Wahlkampf-Tipp: Die Digital-Profis, die sich mit Konversion auskennen, finden Sie eher nicht auf dem vielbesungenen Zukunftsprojekt „Digital Campus Volgershall“, sondern am anderen Ende der Stadt im Hanse-Viertel, wo schon zwei Lüneburger Branchen-Primusse auf vielen Quadratmetern bauen und forschen werden. Was wieder zeigt: Manche Dinge regeln sich auch ohne den unermüdlichen Einsatz von Wahlkämpfern.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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4 Antworten zu Wenn das Wahlkampffieber den letzten Nerv raubt

  1. jo bembel sagt:

    Hallo Herr Jenckel,
    gibt es denn gar keine parteiischen Reaktionen zur Visualisierung Ihres Beitrags.

    Ich meine Größe und Position der einzelnen Logos geben genügend Anlass zur allparteilichen Erregung.

    Z.B. Die CDU, als Partei der Mitte ist hier als Werteunion platziert. Zu Bündnis 90 Die Grünen optisch durch einen blauen Strich getrennt (auch wenn dieser Teil des GRÜNEN-Logos ist). Dieses Logo ist auch ohne Einbeziehung des Striches die größte Abbildung. Dagegen gibt es nichts, was die CDU optisch von der AFD abgrenzt.

    Und dass die GRÜNEN dem rechten Rand am nächsten platziert sind – das hätte doch den Bündnis-Protestfall auslösen müssen.

  2. Hermann Suhrmüller sagt:

    Leuphana, Arena, Elbbrücke, Mobilitätswende, Breitbandausbau, 3D-Campus usw.

    Wie ist das mit den Glühwürmchen? Werden die vom eigenen Licht geblendet?

  3. Klaus Bruns sagt:

    Herr Jenckel, Sie haben die Überschrift vergessen. Angespitzt wäre passend. Oder gibt es da urheberrechtliche Bedenken? Im übrigen sehr gelungen .

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