Der Zug der Digital Natives in Lüneburgs Osten

Könnt Ihr euch noch an die ehrgeizigen Pläne für einen Digital-Campus Volgershall erinnern? Wie Kai aus der Kiste präsentierte der damalige Oberbürgermeister Ulrich Mädge die Idee für den Campus im Dunstkreis des kleinen Uni-Standortes Volgershall. Das war 2018. Es folgte kein Startup, aber eine Pleite. Kurz: ein Flop. Lüneburgs Leuchttürme der Branche hat der Standort nie gelockt. 

Der Digital-Campus plus Wohn- und Gewerbegebiet sollte so eine Art Inkubator für Zukunft made in Lüneburg werden. 3-D-Druck-Experten siedelten an und gingen insolvent. Grundsätzlich ist es richtig, Zukunft im Umfeld einer Uni anzusiedeln, siehe Amerika, doch die Leuphana war längst auf dem Campus im Süden der Stadt etabliert und das Libeskind-Traumschiff seit 2017 in Betrieb. Platz für Betriebsansiedlungen gibt es im Süden zudem nicht. Die High-Tech-Firmen suchten sich dagegen an der Ostumgehung ihren Platz.

Das Hanseviertel ist ein junges Viertel, nicht nur, weil dort immer noch fleißig gebaut wird, sondern weil sehr viele junge Menschen über die Baustraßen schlendern. Alles ist noch im Aufbruch, den Takt geben noch die Bagger und Baukräne vor. Die Aufbruchstimmung liegt an den Firmen, die dort gebaut haben wie Werum und Webnetz als größte Adressen. Sie haben zusammen fast dreißig Millionen Euro am neuen Standort am Rande des Hanseviertels investiert. 

Webnetz ist längst ein nationaler Player. hat gerade im Ranking der Internet-Agenturen einen Sprung nach vorne gemacht. Werum hat einen exzellenten Ruf für anspruchsvolle Software und Systeme in den Themenschwerpunkten Messdaten- und Informationsmanagement, Erdbeobachtung oder eGovernment.

Webnetz-Chef Patrick Pietruck (Foto) will mehr. Von der Dachterrasse vor seinem neuen Campus blickt er auf die Brache, die Webnetz gerade erworben hat. Auf 3500 Quadratmetern sollen langfristig unter anderem noch mehr Digital Natives angelockt werden. „Wir glauben an die Kraft von Lüneburg – und daran, dass Innovation dort entsteht, wo Menschen und Ideen Raum bekommen“, schreibt er auf Instagram. Fürs finanzielle Polster sorgt der Chef.

Ausschnitt aus dem Plan für den Digital-Campus Volgerhall mit Wohnen am Kalkbruchsee. Ein Plan für die Schublade. (Grafik Stadt Lüneburg)

Die Stadt täte gut daran, gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung und der Süderelbe AG für die letzten Grundstücke an der Ostumgehung digtiale Player anzuwerben. Dann hat die Salzstadt auch ein kleines Silicon Valley. Und die Lokalpolitik sollte sich den Satz von Webnetz-Chef Pietruck zu Herzen nehmen, im Osten den Inkubator gedeihen zu lassen. Für die Pläne im Westen bei Volgershall gilt der Spruch der Dakota-Indianer: Wenn du ein totes Pferd reitest, steig ab.

Hans-Herbert Jenckel

Foto jj: Partick Pietruck von Webnetz schaut auf das Grundstück, dass er für seine Zukunftsvision im Hanseviertel neben seinem Campus erworben hat.

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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5 Responses to Der Zug der Digital Natives in Lüneburgs Osten

  1. Avatar von Anne König Anne König sagt:

    Ja, lieber Herr Jenckel, wie der sogenannte Keller-Holmsche „Innovationsinkubator“ war auch der Mädge-Spounsche „3D-Druck Campus Lüneburg-West“ ein lange von greller, gewohnt leuphanatischer Großsprecherei umtönter, letztlich aber nur sehr teurer Schlag ins Wasser. Bezahlt haben diesen Platsch u. a. die Steuerbürger Klaus Bruns, Eckhard Pols und Frank Soldan.

    Bei Wikipedia lese ich:

    Spitzentechnologie (auch Hochtechnologie oder Hightech [ˌhaɪ̯ˈtɛk]) ist eine Technologie, die von einem Unternehmen in einem bestimmten Marktsegment früher als von Konkurrenten als Produktinnovation, Finanzinnovation oder Innovation sonstiger Dienstleistungen im Stadium der Marktreife angeboten wird.

    Meine vier Fragen:

    A – Gehört Webnetz wirklich zu den Hightech-Unternehmen? Oder ist es als Online-Marketing Agentur nicht vielmehr ein Nutzer von anderswo her bereitgestellten technologischen Produkten?

    B – Ist es in Zeiten der digitalen Informations- und Kommunikationstechnologie immer noch wichtig, ein Cluster von ITK-Firmen an einem Ort zu konzentrieren? Warum? In unserer Region sind Grundstücke bei Amt Neuhaus oder Lüchow sicher günstiger zu haben als in Lüneburg. Eine dezentrale Ansiedlung von technischen Industrie- und Dienstleistungbetrieben würde auch die Hinterhöfe der beiden Landkreise beleben. Spricht aus den Silicon Valley-Träumen eines Hansestädters nicht bloß längst überlebte Oberzentrum-Denke?

    C – Die immer rasantere Einebnung zwischen Infrastruktur- und Plattformdiensten ermöglicht auch auf dem Gebiet der Werbung, der Beratung und der Vermittlung von standortsuchenden Firmen hohe Professionalität bei geringem Personalaufwand. Weshalb erst schwerfällige und im Schneckentempo arbeitende Organisationen mit starken geschäftlichen Eigeninteressen wie Wirtschaftsförderung und Süderelbe AG aufmüden? Herr Pols, der neue gewerbliche Niederlassungsberater an der Seite unserer Oberbürgermeisterin ist ein bewährter Fachmann, der immer das Wohl beider Landkreise sieht, für die er sich von September 2009 bis September 2021 zwölf Jahre im Bundestag engagiert hat. Sollte nicht er sein segensreiches Handeln auf das von Ihnen beschriebene Tätigkeitsfeld zu Nutz und Frommen der Menschen in der gesamten Elbregion ausdehnen?

    D – Bekäme nicht sogar das Brückenbauprojekt zwischen Darchau und Neu Darchau einen frischen, kräftigen Impuls, wenn sich quicke, rechts und links des Elbestroms wohnende und arbeitende Digital Natives auch bald leibhaftig frei und komfortabel durch die reale Welt zum Pendeln, Reisen, Einkaufen, Feiern und Lernen mit oder ohne ihre Kinder, Freunde und Geschäftspartner in alle vier Himmelsrichtungen bewegen möchten?

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    • Avatar von jj jj sagt:

      A) Webnetz gehört zu den Tech-Firmen, weil die Agentur Online nicht nur die richtigen Tools bedient, sondern auch konfiguriert.
      B) Wenn Sie Personal gewinnen wollen, dann müssen Sie heute mehr bieten als einen Arbeitsplatz. Das ist nicht nur bei Tech-Firmen so. Fragen Sie nach. Bei Webnetz gibt es übrigens keine Präsenzpflicht. Wenn es also jemanden ins Amt Neuhaus zieht, nur zu.
      C) Wirtschaftsförderung und Süderelbe AG sind die richtige Kulisse für die potenziellen Startups und Firmen, die sind gut vernetzt.
      D) Ich liebe Satire.

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      • Avatar von Anne König Anne König sagt:

        Lieber Herr Jenckel,

        zu A) Wer konfiguriert, der produziert noch lange nicht. Wenn Gisela Plaschka einen maßgeschneiderten Panamera Turbo S E-Hybrid Executive in der Luxusausführung konfiguriert, dann kann sie noch lange keine einzige Komponente darin selber herstellen. Sie appliziert nicht einmal die handgefertigte Komfortausstattung der Sessel mit über 350 einzelnen handvernähten Lederstücken vom tasmanischen Rotnackenwallaby noch ein einziges Stück der mehr als 3 Kilometer speziell konfektionierten Computerkabel.

        Zu B) Eben, wer Personal gewinnen will, muss heute mehr bieten als einen Arbeitsplatz. Schon der Projekt-Manager für Siliziumverbindungen in der Nano-Elektonik und die Chipdesignerin in der Halbleiterentwicklung achten bereits im Bewerbungsgespräch auf Angebote, die mit ihren Konzepten von Quality Time korrespondieren. Erholung in der Natur und ein schickes Landhaus mit großem Garten, fern, aber nicht zu fern der urbanen Hektik gehören dazu. Mit Hinweisen auf die Nähe zu Douglas Parfümerien und dem Roy Robson Fabrikverkauf an der Bleckeder Landstraße 24 überzeugen sie niemanden davon, ins Hanseviertel zu ziehen. Dagegen ist das Kaufangebot für einen schönen, renovierungsbedürftigen Resthof in Krusendorf schon ein anderer Schnack.

        Zu C) Mag sein, dass die Wirtschaftsförderungs-GmbHfür Stadt und Landkreis Lüneburg mit Mario Leupold und Dr. Olaf Krüger mit seiner Wachstumsinitiative Süderelbe AG gut vernetzt sind und „die richtige Kulisse für Startups und Firmen“ bieten. Aber auf „Kulissen“ kommt es eben viel weniger an als auf handfeste Unterstützung bei der Bereitstellung von Raum für kreative Business-Initiativen. Fragen Sie mal Herrn Pietruck, ob er sich im Sommer 2009 lieber von Geschäftsleuten wie Leupold und Krüger hätte beraten oder sich doch eher von einem lokal verdrahteten Handwerker mit Hands On-Mentalität und erstklassigen politischen Verbindungen wie Eckhard Pols hätte an die Hand nehmen lassen.

        Zu D) Von 1919 stammt die wohl berühmteste Definition der Satire, ihr Urheber ist Kurt Tucholsky. Was darf die Satire? ist sein Artikel überschrieben. „Satire ist eine durchaus positive Sache“, stellt er fest und erläutert:

        Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an. Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird. Vor allem macht der Deutsche einen Fehler: er verwechselt das Dargestellte mit dem Darstellenden. Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, dann kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. […] Der Einfluß Krähwinkels hat die deutsche Satire in ihren so dürftigen Grenzen gehalten. Große Themen scheiden nahezu völlig aus. […] Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird […].

        Quelle: Kurt Tucholsky: Werke 1919-1920. Hg. v. Mary Gerold-Tucholsky u. Fritz J. Raddatz. Reinbek: Rowohlt 1993 (Gesammelte Werke 2), S. 43.

        Wichtig ist mir hier: Die Satire bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird. Aber auch die deutliche Wahrheit bleibt ja Wahrheit.

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      • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

        Herr Jenckel, die Frage B von Anne König ist berechtigt. Ich würde das Oberzentrum- denken als überholt ansehen. Dem Homeoffices sei dank. Mein Sohn hat seine Konsequenzen daraus gezogen und ist aufs Land gezogen und hat dort ein Doppelhaus gekauft Er beglückt von dort aus den beliebtesten Arbeitgeber Deutschlands, Dataport

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      • Herr Bruns, richtig aufschlussreich wird Ihre Information erst mit der Antwort auf die Frage, was macht Ihre Tochter? Denn für den Klimawandel sind nicht alle Menschen gleichermaßen verantwortlich. Mit der Ungleichheit bei den Treibhausgasemissionen beschäftigen sich zahlreiche Studien. Sie zeigen beispielsweise, dass die Länder, die am meisten durch die Klimakrise gefährdet sind, am wenigsten zu ihm beigetragen haben. Und dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung allein ein Fünftel aller Emissionen verursacht. Noch kaum eine Rolle gespielt hat bei den meisten Untersuchungen hingegen ein anderer Faktor: das Geschlecht. Obwohl bekannt ist, dass Männer und Frauen bezogen auf den Klimaschutz sehr verschieden handeln.

        Nun weist eine neue Studie nach: Frauen emittieren im Durchschnitt deutlich weniger als Männer. Die Untersuchung, die an der London School of Economics erschienen ist, wertet Umfragedaten von Tausenden Menschen zu Essgewohnheiten und Mobilität aus. Grund für den Unterschied könnten den Autorinnen zufolge Vorstellungen über männliche Identität sein: Fleischverzehr und Autos erklärten den Großteil des Unterschieds zwischen den Geschlechtern.

        Die Daten zeigen, dass Frauen insgesamt 26 Prozent weniger emittieren als Männer – sowohl bei der Mobilität als auch beim Essen. Während die Männer jährlich insgesamt 5,3 Tonnen CO₂-Äquivalente emittieren, sind es bei den Frauen nur 3,9 Tonnen.

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