Leerstand ist ein Zeichen für Umbruch, kein Dauerzustand

Die Zukunft der Innenstadt lässt sich nicht mit den Rezepten der Vergangenheit gestalten, sagen die Propheten. Das stimmt. Das sagt sich so leicht, wenn einer fernab beim Städtetag oder in der Landesregierung doziert und philosophiert. Im Rathaus sieht es ganz anders aus. Da ist der Leerstand, der Wandel ein Dauerthema. Und da pochen viele Lokalpolitiker, in dem sie zurückschauen, aut die Rettung des Status quo. Und jetzt noch der aufziehende Wahlkampf, wo die Phantasie über das Machbare triumphiert.

Die Feindbilder sind seit zwei Jahrzehnten ausgemacht, erst war es es das Designer Outlet Soltau, das 2012 gegen den Widerstand der Städte wie Lüneburg eröffnete und Kaufkraft abzog. Über 1,3 Millionen Besucher in den ersten 12 Monaten. Dann der Online-Shop. Die Dauer-Warnblinker der Amazon- und Zalando-Lieferanten am Straßenrand sind geradezu symbolisch. Zuhause wird geshoppt und probiert und retour geschickt. Ein ewiger Strom. Ach, hatte ich schon erwähnt, dass nicht mehr als dreißig Jahre SPD oder CDU mit wechselnden Partnern und Mehrheiten in Lüneburg, sondern vier Jahre Grüne ohne Mehrheit Schuld am Nölen und Schwarzmalen sind?

In Lüneburgs City stehen zunehmend Geschäfsflächen leer. Mal ist die Miete zu hoch, mal die Ware altbacken. Ich war vor gut zwanzig Jahren in San Francisco, im Nike-Shop konnte ich mir da am Bildschirm meine eigenen Sneaker kreieren – mit Initialen. Ich wüsste nicht, dass es hier so einen Service gibt – 2026. Ich wüsste nicht, dass der Online-Shop eines Lüneburger Händlerverbundes überhaupt durchschlagend erfolgreich wäre. Leere Schaufenster sind ein Zeichen für Umbruch, kein Zustand, sie warnen davor, sich dem Wandel zu verweigern.

Reziprok zur Entfernung von den Stadtkernen nehmen die Phrasen zu. Die IHK Niedersachsen zum Beispiel schreibt: Die Innenstädte wandelten sich rasent schnell, unabhängig von der Größe. „Die Kommunen sollten diesen Wandel nicht einfach geschehen lassen, sondern aktiv Einfluss nehmen, um ihre City nachhaltig, smart, lebendig und wirtschaftlich und damit zukunftsfest zu gestalten.“ Endlich mal ne klare Ansage. 

Der Städtetag weiß: „Es ist die Aktivität, die belebte Innenstädte auszeichnet. Dieses Wissen sollte dafür eingesetzt werden, die Aufenthaltsqualität zu steigern und in die Förderung von kulturellen Angeboten unserer Innenstädte zu investieren. Wenn es gelingt, öffentliche Räume und Treffpunkte zu schaffen, die den Menschen gehören, wird automatisch auch der Einzelhandel davon profitieren… Dabei geht es insbesondere um einfache und gleichzeitig neugierig machende Projekte in den Straßen und auf den Plätzen der Städte. Unsere Städte brauchen Kulturleuchttürme, also Ideen und Innovationen, die Kundschaft anziehen.“ Leuchttürme, das hat mir noch gefehlt im Phrasen-Allerlei.

Mich erinnert das alles an die Umbruchzeit nach 1989. Lüneburg, mit vier Kasernen gesegnet, wusste zwar, dass sich nicht drei Bundeswehr- und schon gar nicht eine Grenzschutzkaserne halten lassen. Gleichwohl wurde gekämpft, gleichwohl wurden Krokodilstränen vergossen. Angesichts der Großwetterlage sagen die Pessimisten natürlich: Siehste. Aber sollten drei Kasernen drei Jahrzehnte leerstehen, weil Freiheit und Demokratie doch nicht der Erfolgsschlager sind. Nein. Die Konversion war und ist richtig, goldrichtig. 

Nur wer Mut hat, stellt sich den immer gleichen Phrasen entgegen: Lüneburg schafft sich ab, Lüneburg ist tot, das sind die Jammerpötte, die behaupten, nun nach Winsen und Uelzen zu fahren. Im Herzen wissen die Trolle: Lüneburg ist schön, schöner als jede Stadt im weiten Umkreis, und u.a. der Kulturkalender von Elena Gulli jeden Freitag in der LZ zeigt, kulturell ist Lüneburg längst auf dem richtigem Weg. Und das gilt, auch wenn sich am Theater das immer gleiche finianzielle Drama abspielt, weil das Land nicht liefert. Unsere Politiker werden im Wahlkampf wieder Treueschwüre abgeben und die Hängepartie geht weiter. Nur die außerparlamentarsiche Kleinkunst-Szene Lüneburgs, die liefert. 

Hans-Herbert Jenckel

Avatar von Unbekannt

About jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Responses to Leerstand ist ein Zeichen für Umbruch, kein Dauerzustand

  1. Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

    Der Beitrag zum Leerstand trifft einen wunden Punkt. Leerstand ist selten nur ein Immobilienproblem, sondern fast immer ein Symptom: fehlende Verlässlichkeit, verschobene Entscheidungen, dauerhafte Unklarheit über Perspektiven. Investitionen bleiben aus, nicht weil nichts möglich wäre, sondern weil niemand weiß, worauf man sich verlassen kann.

    Das gilt für Innenstädte ebenso wie für Infrastruktur. Wo Ziele formuliert, relativiert, verschoben oder kommunikativ überlagert werden, entsteht Stillstand. Planungssicherheit ist kein Schlagwort, sondern die Voraussetzung dafür, dass Menschen, Unternehmen und Kommunen ins Handeln kommen.

    Im Zusammenhang mit der Elbquerung lassen sich diese Mechanismen derzeit wie unter einem Brennglas beobachten. Dort wird viel auf der Bühne gesprochen, mit starker Beleuchtung und großer Geste – während hinter den Kulissen zentrale Voraussetzungen ungeklärt bleiben. Euphorie ersetzt Substanz, Inszenierung ersetzt Verfahren. Das mag Applaus erzeugen – aber wenn Darstellung und Realität auseinanderfallen trägt es kein, sondern zerstört Vertrauen.

    Genau diesen Punkt habe ich in einem Kommentar aufgegriffen, der ursprünglich hier stand und den ich inzwischen durch den Blogmaster in den thematisch passenden Brücken-Thread verschieben lassen habe:
    Dort geht es auch in diversen anderen Kommentaren um die Frage, wie politische Inszenierung, überzogene Gewissheit und rechtlich ungeklärte Abläufe zusammenwirken – und warum genau das Vertrauen doppelt beschädigt: einmal durch die Erzählung selbst, und ein zweites Mal durch das, was sie überdeckt.

    Passend dazu war hier bisher ein Beitrag von Herrn Berg zu lesen (vielen Dank für die an mich gerichteten lieben Wünsche zum neuen Jahr, lieber Herr Berg, gleiches wünsche ich Ihnen auch), der das Thema Vertrauen sehr treffend auf den Punkt gebracht hat. Wenn Wort, Verfahren und Wirklichkeit auseinanderfallen, verlässt Vertrauen leise den Zuschauerraum. Dass dieser Gedanke hier nun nicht mehr sichtbar ist, ändert nichts an seiner Richtigkeit – im Gegenteil.

    Like

  2. Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

    Liebe Frau Dreyer,

    zum neuen Jahr, das sich hoffentlich nach Ihren Wünschen gestaltet, habe ich eine Lektüreempfehlung für Sie:

    Für missbräuchliches Amtshandeln gab es lange keinen Schlüsselbegriff im deutschen Recht. Mit dieser Leerstelle ging unter Gesetzgebern und Juristen ein stabiles moralisches Selbstbild einher. Doch wird es wohl aus mancherlei Gründen Zeit, nüchtern über den sozialen Tatbestand sprechen zu lernen. Der ist, wie u. a. vielen Blog.jj-Fans bekannte Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit demonstrierten, fast küchenpsychologisch banal: Moralische Ansprüche und die Realität, in der sie sich beweisen müssten, können – natürlich nicht nur, aber eben auch in Hannover, Lüneburg und Lüchow – krass auseinanderfallen.

    Unter dem Titel „Der ehrliche Deutsche. Über Problemverleugnung, Moralismus und Regelungsillusionen in Sachen Korruption.“ hat Gertrude Lübbe-Wolff, Jgg. 1953, ehemalige Richterin des Bundesverfassungsgerichts und Professorin in Bielefeld, gerade ein detailgesättigtes, in klarer Prosa messerscharf argumentierendes Buch vorgelegt, einen Spiegel, in dem sich nicht nur Ministerien, sondern auch kommunale Vertretungen und deren Gesellschaften (bzw. deren Protagonisten) wiedererkennen könnten – wenn sie den Mut hätten hineinzusehen und entdeckten, was sogar in der elbnahen Provinz zur Ausnüchterung der Eigenwahrnehmung beitragen kann (Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2025. 344 S., br., 29,80 €).

    Hier geht es zu einer kleinen Leseprobe, die sich auf neun Seiten (anhand von leicht ins Örtliche und Gegenwärtige übersetzbaren Gleichnissen und Parallelgeschichten) mit der Frage beschäftigt, warum Korruption für das Funktionieren von Gemeinwesen immer nachteilig ist, und die eigens „eine der politisch schädlichsten, selbstverstärkenden Wirkungen der Korruption [hervorhebt]: Die Zersetzung des Vertrauens darauf, dass es im Allgemeinen mit rechten Dingen zugeht.“ (S.46)

    Like

  3. Avatar von Der Leser Der Leser sagt:

    Versucht doch mal, für eine Frau Schuhe Größe 41 in Lüneburg zu kaufen. in Soltau wurde sie fündig.

    Like

  4. Avatar von ko07051939 ko07051939 sagt:

    Hier ein Beispiel wie es geht mit einen Sortiment dessen Artikel es in Lüneburg überall zu sehen sind.

    Søstrene Grene⁦https://sostrenegrene.com⁩

    ⁦Neuheiten von Søstrene Grene⁩

    Warum stehen hier die Kunden Schlange?

    Winfried Kopp

    Like

  5. Avatar von Erwin Habisch Erwin Habisch sagt:

    Der Nike-Shop in San Francisco ist ein gutes Beispiel. Ich habe schon vor mehr als vierzig Jahren in Vancouver Schuhe in Viertelgrößen in den Schuhgeschäften vorgefunden. In Lüneburg finde ich fast nirgends Schuhe, die mir passen. Habe wohl die falschen Füsse für Lüneburg… Hemden mit verkürzten Ärmeln, gar auch noch tailliert geschnitten? Fehlanzeige in Lüneburgs Bekleidungsgeschäften.
    In Lüneburgs Handel ist Kundenorientierung weitgehend Science-Fiction. Stattdessen x Geschäfte mit dem mehr oder weniger gleichen Sortiment mit Standardgrößen, zu denen meine nicht gehören.
    Immerhin kriege ich noch Hosen mit guter Passform in einem Kaufhaus, dessen Name nicht mehr mit K anfängt…

    Like

Kommentar verfassen