Der Winter und die Medien: Drama, Baby, Drama

„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube…“, so fängt Heinrich Manns „Der Untertan“ an. Und das beschreibt auch gut, was weltweit als „German Angst“ verstanden wird und was uns in diesen Wintertagen gepackt hat: Der getaktete Tag ist aus den Fugen. Oh, Gott. Tatsächlich tut das Unerwartete auch gut.  

Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich im Winter 78 zwei Tage bei einem Freund an der Luruperstraße in Hamburg festsaß und auf der Rückfahrt beim Schneewehen-Slalom auf der Autobahn wie in einer verkehrsberuhigten Zone in Slow Motion nach Hause rutschte. Ich glaube vier Stunden für die sonst 35 Minuten. Unvergessen.

 Ich erinnere mich, wie die Nachtschwärmer aus dem Landkreis mit Skiern abends ins legendäre Strawberry Auf dem Kauf schlitterten oder wie ich auf dem Bahnhof in Hannover strandete und, auf meinem Koffer sitzend, Grimmelshausens „Simplicissmus“ aus dem Drießigjährigen Krieg las, das war eine schlimme Zeit. Ich wartete ab, irgendwann fährt schon was. So war es. Man kam ins Gespräch. Heute sprechen die Leute nur noch mit ihrem Handy. Heute herrscht die German Angst. 

Das steht international für übermäßige Vorsicht und den Hang zum Pessimismuss und die Angst vor allem und jedem und vor allem vor dem Neuen.

Ich lese ja noch Zeitung, jeden morgen, dafür erstmal mal Danke bei den LZ-Austrägern. Und ich war als Lokalchef und lange als Teil der Chefredaktion ein Freund der Wetterphänome – zum Leidwesen von Redakteur Alex, der mich deswegen durchgehend hänselte. Und ich liebe die Passage in dem Film „Schiffsmeldungen“, wo der alte Reporter beim Aufzug von Wolken am Horizont den Nachwuchs-Journalisten fragt:

„Wie wäre die Schlagzeile?“

Debütant: „Horizont bezieht sich mit dunklen Wolken“

Reporter: „Unmittelbar bevorstehender Sturm bedroht Gemeinde.“

Debütant: „Aber was ist, wenn gar kein Sturm kommt?“

Reporter: „Gemeinde von tödlichem Sturm verschont.“

In diesem Punkt haben die Medien bis runter zur Lokalzeitung bei zwei drei kritischen Wintertagen übertrieben, und mancher Gastronom und mancher Geschäftsmann ist sauer, dass bei diesem Tsunami an Warnungen die Kunden ausblieben. In so volatiler Lagen können Zeitungen schnell das Maß verlieren, zu wenig oder zu viel berichten. Dieses Mal war es zu viel. 


Im Abklingbecken zum „Winterchaos“ erklärte sich der neue Chef der LZ, Manuel Becker, in einem Kommentar. Wir Leser müssen nicht seiner Meinung sein. Was aber des Guten zu viel ist, war in der Headline zu lesen. Becker schrieb richtig immer von warnen und Warnung. Aber wie lautete die Schlagzeile? „Am Ende besser vorgewarnt“ Das fällt in die Kategorie überflüssig. Ich wüsste nicht, dass Warnen auch nachträglich ginge (rückgewarnt?). Da sollte der Zeilenschmied (Ironie an) frühzeitig drüber nachdenken. Die Online titelten beim Kommentar gar „Die neue Eiszeit“.

Als hätte Bruce Darnell, der Jury-Star aus Germany’s Next Topmodel, sie angefeuert: „Drama, Baby, Drama!“ 

Hans-Herbert Jenckel

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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4 Responses to Der Winter und die Medien: Drama, Baby, Drama

  1. Avatar von Berni Wiemann Berni Wiemann sagt:

    Lieber jj, wann werden Sie endlich altersmilde?

    Auch in den Redaktionen hat sich viel verändert. Heute werden überregionale Themen von Redaktions-Netzwerken bearbeitet und die „Hofberichterstattung“ der Rats- und Kreisverwaltungen übernehmen deren steuerfinanzierten PR-Abteilungen. Außer, der Bürgermeister zieht sich zum Krisenmanagement ins Homeoffice zurück und spielt Tennis „um den Kopf frei zu bekommen“. Das „Winterchaos“ hat somit nicht nur eine umfassende Berichterstattung ermöglicht sondern entsprach auch der „German Angst“ vieler Leser und den Klagen über ausgefallene ÖPNV-Verbindungen und verschobene Müllabfuhren. Wenn Tennis tatsächlich zur besseren Krisenbewältigung beiträgt wünsche ich mir mehr positive Nachrichten über tennisspielende Politiker. Zuvor allerdings eine (nicht steuerfinanzierte!) wissenschaftliche Studie.

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  2. Avatar von Stefanie Möller Stefanie Möller sagt:

    Tja, lieber Herr Jenckel,

    das ist wohl der klirrende Ton, den nicht nur dynamische RND-Führungskräfte setzen müssen, wenn sie plötzlich bei der Landeszeitung auftauchen und „Aufmerksamkeit generieren“, die Währung ihres Gewerbes akkumulieren möchten. Wie dichtete der Wandsbecker Bote?

    Der Winter ist ein rechter Mann, / kernfest und auf die Dauer, / sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an / und scheut nicht süß noch sauer. // Er zieht sein Hemd im Freien an / und lässt’s vorher nicht wärmen / und spottet über Fluss im Zahn / und Grimmen in Gedärmen. /… / Wenn Stein und Bein von Frost zerbricht / Und Teich und Seen krachen; / Das klingt ihm gut, das hasst er nicht, / dann will er tot sich lachen.

    Und wenn das Sorgenfalten Erzeugende sich in genügender Grelle zwar beschwören, aber in der außermedialen Wirklichkeit nicht nachweisen lässt, dann kann ein smarter Redaktor eben hinternach grübelnd stets noch darauf hinweisen, dass es immerhin möglich gewesen wäre – oder aufregend ausgedacht war.

    Übertreibung, emotionale Ansprache und Powerslide, plötzlich beschleunigte Richtungswechsel mit rauchenden Reifen und dem Geruch von verbranntem Gummi in der Luft, oder – wie Sie es ausdrücken: Drämma – darf da nicht fehlen.

    Apropos Rasanz und schneller Themen- und Gedankenwechsel auch bei Blog.jj: So glaube ich beispielsweise nicht, dass der in ausnahmslos allen europäischen Innenstädten gleichmäßig wachsende Ladenleerstand auf dieselbe Art von fehlender Gewissheit zurückzuführen ist, die für den Bau oder Nichtbau der Brücke eine Rolle spielt. Während die Erwartungen einer festen Flussquerung zwischen Darchau und Neu Darchau durch politische Inszenierung infrage gestellt werden (sollen), wären ähnlich raffiniert ausgetüftelte Produkt- und Showroom-Inszenierungen eventuell das Mittel der Wahl, um etwa in den 1A-Lagen dem Markt naher Sallier-Immobilien wenigstens temporär über irreversible, durch strukturelle Ursachen veranlasste Veränderungen hinweg zu helfen respektive zu täuschen. Die Investition an der Elbe kommt womöglich nicht oder kommt auf andere als von Frau Dreyer präferierte Weise, weil es konträre, gleichwohl jeweils begründbare Interessendivergenzen gibt, während die nötigen Investitionen beispielsweise in die Verkaufsflächen im Zentrum von Lüneburg (oder von Paderborn) nicht kommen, weil es daran – unter wirtschaftlichen, speziell merkantilen oder rentabilitätstechnischen Gesichtspunkten vernünftiger Weise – im Augenblick gar kein Interesse geben kann.

    Von August 2024 bis August 2025 wurden im stationären Einzelhandel Deutschlands knapp 2.500 Insolvenzen gezählt, wie aus einer Untersuchung des Kreditversicherers Allianz Trade hervorgeht. Damit wird beinahe der Negativrekord von vor neun Jahren erreicht.

    Hauptgrund ist laut Experten der Wettbewerb mit dem Online und Versand-Trading. Viele Einzelhandels-Ketten reagierten darauf mit Innovationen, heißt es in der Untersuchung. So setzen sie autonome Systeme in Lagern ein, KI-gestützte Produktempfehlungsmaschinen und robotergesteuerte Regalscanner. Andere testen selbstnavigierende Serviceroboter im Verkaufsraum, um Kunden bei der Suche nach Artikeln zu unterstützen. Solche Investitionen überforderten aber vor allem kleinere Einzelhändler, so die Experten. Dafür, wie der Trend nachhaltig umzukehren wäre, gibt es leider keine seriösen Rezepte.

    Das Verlaufsmuster ist nicht schön, aber auch nicht neu. Als sei jeden Tag irgendwo Neujahrsempfang, wird die Unart, alle faktenblassen Beschwerden über den einen groben Kamm des breitbeinigen Phrasen-Haarens zu beatricksen endemisch. Doch Jammern, Stänkern, vermeintlich „politisches“ Krawallschlagen und repetitiv verbreitete Schuldzuweisungen helfen vielleicht, wie Herr Jenckel zutreffend schreibt, den Affektstau ab-, aber nicht, Zukunftsfähiges aufzubauen, weder in Lüneburg noch in Bleckede. — Der bittere, 1938 erschienene (ein Weltalter später rühmännisch verniedlichte) Roman „Der eiserne Gustav“ von Hans Fallada, in dem die Hauptfigur den Namen „Gustav Hackendahl“ trägt, schildert im fiktiven Gewand den realen Versuch des Berliner Droschkenkutschers Gustav Hartmann (1859–1938), der im Jahre 1928 mit seinem Pferdegespann eine spektakuläre Fahrt von Berlin nach Paris unternommen hat, um gegen die aufkommende Motorisierung zu protestieren. Ein vergebliches Aufbäumen, wie schon Hartmanns Freunde und Bewunderer einsahen. Andere Teile derjenigen, die mit den „dornigen Chancen“ des technologischen und sozialen Umbruchs jener Zeit nicht klarkamen, warfen sich für zwölf aufregende Jahre den historischen Nationalprimitivisten in die Arme.

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  3. Avatar von Der Leser Der Leser sagt:

    So ist das, wenn man seinen Nachwuchs in Watte packt und die schreibende Zunft noch mit ihrer Dramatik ,(alles fürs Geld) ,übertreibt. Volksmund: Das Sprichwort lautet meist: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht“; die Variante mit „dreimal“ ist eher eine spielerische Fortführung, oft in Anlehnung an das TV-Quiz „Wer dreimal lügt“, die besagt, wer oft lügt, sei gut trainiert oder regiere, aber die klassische Weisheit betont den dauerhaften Vertrauensverlust schon nach der ersten Lüge. 

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