
Was hat er noch mal gesagt, stimmt das Zitat? Und wie wird er geschrieben? In der Hand den Noitzblock, rechts vorne auf dem Foto die Teetasse, daneben das Magnetfässchen für Büroklammern, links der Aschenbecher und an der Wand meine Schreibmaschine. So sah mein Arbeitsplatz als LZ-Volontär aus. Und vor allem galt eine der eisernen Regeln unseres Chefredakteurs Helmut Pleß: „Wenn nichts stimmt, die Namen müssen stimmen“, bläute Helmut uns ein. Jeder Verstoß wurde schwer geahndet.
Als ich im Spätsommer 1982 mit dem Glockenschlag 10 Uhr die Barocktreppe im Verlagshaus am Sand hochstieg, war ich mir allerdings erstmal sicher, die LZ-Rekateure treffen sich eigentlich nur zum Rauchen und Teetrinken. Eine ungeheure Qualmwolke waberte schon morgens durch den großen Redaktionsraum im ersten Stock. Aber allmählich fing das Klapper-Konzert der Olympia-Schreibmaschinen an, das ab und an von einer Art aufheulendem Surren und lautem Gefluche übertönt wurde, wenn ein Reporter das Manuskriptpapier aus der Walze riss, weil trotz Tipp-Ex der Anfang nicht gelingen wollte.
Alles wurde untermalt vom Stimmengewirr der Telefonierenden, je lauter, desto bedeutender. Fotos, nur schwarz-weiß, wurden noch mit Fettstift gepixelt, und für Copy&Paste gab es Schere und Pritt, allerdings verriet so ein Patchwork-Manuskript, dass der Schreiber mal wieder den Roten Faden nicht gefunden hatte.
Am ersten Abend war ich vor lauter Rauch und Lärm todkrank. Aber ich habe die Zähne zusammengebissen. Denn selbst als Volontär war man in Lüneburg very important. Der Volo wurde bei jedem Termin begrüßt, ganz wichtig war es, dass eine Kamera um die Schulter baumelte. Sonst verlor der Jung-Journalist an Wert. Denn es passierte in Lüneburg nur, was in der Zeitung stand, und das möglichst mit Bild. Am liebsten stellten sich die zu Fotografierenden alle in Reih und Glied auf. Als Neuerung kam später dazu, dass sie überdimensionale Schecks in der Hand hielten, das wurde inflationär als besonders pfiffig gesehen.
Zuerst allerdings musste ich die Rubrik „kurz notiert“ bedienen – ein Minenfeld. Wenn eine Uhrzeit, ein Datum oder ein Vereinsname falsch war, rief immer einer an und garantierte mir, dass der ganze Verein jetzt die LZ abbestelle. Schlaflose wie hoffnungslose Nächte waren die Folge.
Chefredakteur Helmut Pleß, den ich als Volo zu Ratssitzungen begleiten durfte, passierte so etwas natürlich. Er wurde im Huldigungssaal des Rathauses wie ein Herzog empfangen. Ratsherren pilgerten und dienerten an seinen Tisch und reichten ihm untertänigst Depeschen. Welche Bedeutung die LZ bei einer Haushaltsabdeckung weit über 70 Prozent hatte, wurde mir klar, als Helmut Pleß, der aus dem Ruhestand ab und an noch Manuskripte einreichte, auf das erste nach meiner Beförderung zum Lokalchef schrieb: „Ich grüße den Fürsten von Lüneburg.“
Wenn Pless einen schlechten Tag hatte, fürchtete nicht nur ich mich. Dann tigerte er durch die Redaktion, und sah er zu viele Meldungen in den Ablagen, riss er die Layoutbögen von der Magnetwand und grummelte stets: „Platz ist immer“, verschwand in seinem Chefbüro, kürzte alles zusammen, diktierte der Sekretärin, er redete druckreif, und kam ’ne Stunde später mit neuem Layout wieder raus.

Am Sande haben wir Reporter die goldene Zeit der LZ erlebt: Die Auflage stieg, die Prämien für Sonderausgaben auch. Die überreichte Verleger Ernst Wiesemann diskret in seinem Zweireiher in einem Briefumschlag persönlich.
Mein Vertrag zum Lokalchef, ich hatte eigentlich schon bei der Hamburger Morgenpost unterschrieben, war der einzige Besuch in Ernst Wiesemanns Büro. Das war sonst tabu. Es endete mit einem Handschlag, mehr nicht, aber er kam bei Wiesemann einem gedruckten Vertrag gleich.
Die Zukunft erreichte die LZ in meiner Erinnerung in Form einer Rohrpost. Sie lärmte wie ein Staubsauger. Wenn es getan war, plumpste eine Kartusche mit Post in einen Korb. Und ich bewunderte still den Hausboten, der bis dato Briefe durch das weit verzweigte LZ-Reich in drei Häusern am Sande trug und der nun wie Don Quijote den Kampf gegen die Rohrpost aufnahm, die oft verstopft war, die aber am Ende doch siegte.
Die Zukunft zog auch in der Redaktion ein: statt Schreibmaschine ein Redaktionssystem namens „atex“. Die Layouter gingen von Bord, wie auch das Korrekturat aus der Druckerei verschwand, wo bis dahin abwechselnd einer von uns abends noch mal über die Seiten schauen musste und die Metteure bewunderte, die neben den Leuchttischen mit den Seiten mit dem Skalpell von hinten die Druckfahnen wegkürzten, bis der Artikel passte. Mit den Redaktionssystemen war das nicht mehr nötig – so wenig wie die Stellen.
Das, was man Arbeitsplatz-Verdichtung nennt, ging und geht weiter. Der nächste Quantensprung ist die Künstliche Intelligenz, die Standards besser erledigt als Redakteure, die atemraubende Bilder als Illusion schafft und online richtig zuschlägt. Das Netz ist überfüllt mit Fakes. Onliner waren als Berufsvariante gerade noch die Zukunft im Journalismus, daraus wird so nichts. Was bleibt, sind Reporter, die vor Neugierde platzen und unverwechselbare Stücke schreiben.
Nun will die LZ umziehen ins Gewerbegebiet Hafen. Das scheint betriebswirtschaftlich alternativlos. Da blutet das Herz. Es bleibt mir die Gewissenheit von Jean Paul: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.
Hans-Herbert Jenckel
Fotos: Privat
Lieber Herr Jenckel,
laut Selbstauskunft »verantwortet« der Salzburger Medienfachverlag Johann Oberauer GmbH »seit mehr als 30 Jahren die großen unabhängigen [sic!] Branchenmedien für Journalistinnen, Kommunikatorinnen, Medienmanagerinnen und Druckerinnen in der DACH-Region«. Zur »DACH-Region« zählen Deutschland Österreich und die Schweiz, i. e. rund 100 Millionen Leser (oder 99 Prozent) der deutschsprechenden Bevölkerung Mitteleuropas. Wahr ist das nur cum grano salis, denn »Kressreport« etwa, heute »Kress pro«, eine Zeitschrift des ehemals deutschen Online-Mediendienstes »Kress«, ging erst zum 1. Januar 2015 in den Besitz der Familie Oberauer über. (Eine interessante Frage vor diesem Hintergrund wäre: Wer »verantwortet« eigentlich die unabhängige Berichterstattung über »die unabhängige Berichterstattung« dieses Branchenmedienmonopolisten?)
Sie haben in Ihrem schönen LZ-Rückblick oben per Hyperlink auf ein Interview mit dem »Journalisten-Trainer« Peter Linden hingewiesen, der sich – ohne dass seine dafür spezifische Kompetenz erkennbar wäre – bei »kress.de« (in einem Auszug aus dem aktuellen »medium magazin«, das wie »kress.de« im »Medienfachverlag Oberauer« erscheint) zum Thema »künstliche Intelligenz« oder »KI« (engl.: »Artificial Intelligence« oder »AI«) äußert, – zu der technischen Neuerung also, von der Herr Fricke, Lüneburgs derzeitiger geschäftsführender Medienhaus-Saviour, sich wohl wahre wirtschaftliche Wunder am »zentralen Newsdesk« erhofft.
Als »Wundermittel im Kampf um bessere Texte« sieht dagegen Trainer Linden z. B. den populären KI/AI-gesteuerten »Content-Produzenten« ChatGPT nicht. Zwar bescheinigt er dem »Chatbot des US-amerikanischen Softwareunternehmens OpenAI, der in der Lage ist, mit Nutzern über textbasierte Nachrichten und Bilder zu kommunizieren« eine »zunehmend verlässlichere Art, standardisierte und gut lesbare Texte herzustellen«, es gebe, sagt er, »Tools, die es ermöglichen, durch Eingabe von Eckdaten Texte zu produzieren, die mit weniger Aufwand möglicherweise sogar lesbarer ausfallen als selbst erstellte Texte. Dies gilt vor allem für förmliche Briefe, Nachrichtentexte, Berichte und Ähnliches.« Aber nur individueller Stil verleihe »Texten eine persönliche Note und Authentizität, die durch ChatGPT nicht erreicht werden kann.«
Ich weiß nicht, ob das ein wenig snobistische Verlangen nach »dem Authentischen«, nach »Leben, Emotion und Empathie« (was alles Linden sehr wolkenneblig als »Stil« definiert, der »die einzige Waffe des Journalismus gegen seine Entmachtung durch KI/AI« sein soll) tatsächlich ein Mittel ist, welches die Zeitungsfreunde dazu bringt auch künftig noch Geld für Gedrucktes auszugeben, von dem, wenn ich, ein Otto Normalverbraucher, es lese, nicht unterscheiden kann, ob eine Maschine es »generiert« oder ein Mensch es »recherchiert« hat.
Ich habe ein Tänzchen mit einem Chatbotneutrum gewagt und ihm zwei Fragen gestellt:
Das Folgende ist das Ergebnis, das ich, wenn es in der LZ stünde und statt »AI-Assistent« der Name eines Journalisten, sagen wir »Hans-Herbert Jenckel« dastünde, von einem menschengemachten Text nicht unterscheiden könnte:
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Christian Carmienke fehlt das programmatische Profil?
Dafür dürfte das neue von Eckhard Pols wohl das alte sein:
Bild: Hauck & Bauer
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Wie man sieht, ist es nicht osttypisch, dass ältere Menschen nostalgische Gefühle hegen, verklären und sich danach sehnen, wie es früher einmal war, dem schönen Leben nachtrauern, das verloren ist.
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Oh, das Leben ist auch jetzt gerade schön mit Kindern und Musik. Wusste schon Hannes Wader: So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war
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Ich dachte auch mehr an Ihre Kommentatoren hier und vor allem unter Ihrem Facebook-Wegweiser nach hier. Kaum eine(r) ist im Lesepublikum ohne gerührten Schneuzdrang und einschießendes Augenwasser zu finden.
Wenn Sie am Montag eine Partei (mit einem prominenten Schmunzler als deren Spitzenkandidaten) gründen würden, die zwei Forderungen ins Zentrum ihres lokalpolitischen Programms stellte: (1.) Kein B-Plan 174 und (2.) Zurück in die Zukunft des Jahres 1962 – dann könnten Ulrich Mädge und Jörg Kohlstedt mit ihren über fünf Jahre gestreckten OB-Wahlvorbereitungen einpacken. Ernstzunehmender Wettbewerb drohte Claudia Kalisch im Herbst 2026 nicht länger aus der Kronsforder Allee in Lübeck, sondern aus der Agnes-Miegel-Straße in Reppenstedt.
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Ah, ein Spaßvogel. Na, denn
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jj
sie sollten ihre gäste hier ernst nehmen. schmunzel. die idee von franca ist doch super. der sponser der neuen partei könnte doch die lz werden.
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ja ja, in der ddr war eben nicht alles schlecht. war wie bei adolf. das meinten sie doch , oder? übrigens, nichts ist stetiger als der wandel. nostalgie ist etwas , was man sich leisten müssten können. aber wer kann das schon? früher war alle früher, aber nicht besser. schmunzeln
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Mit dem Unterschied, dass manch Ostalgie das Leben in einer Diktatur in der der Staat einem jede Entscheidung abnimmt und umsorgt, glorifiziert.
„Zeigte sich 2022 eine Mehrheit von 52 Prozent der Westdeutschen mit der Demokratie zufrieden (+2,5 Prozentpunkte im Vergleich zu 2019), sackte die Zufriedenheit im Osten weiter ab (um zwei Prozentpunkte auf 34 Prozent). Innerhalb der alten Bundesrepublik sind die Bürger_innen im Norden deutlich zufriedener als die im Süden (58 gegenüber 50 Prozent), obwohl der Süden wirtschaftlich stärker ist. Auf dem Land und in den kleineren Städten ist die Zufriedenheit etwas geringer als in den mittleren und Großstädten.“ Quelle: https://library.fes.de/pdf-files/pbud/20287-20230505.pdf
Für viele Menschen im Osten war zu Wendezeiten vor allem die Reisefreiheit und nachfolgend die Freiheit von Bespitzelung wichtig, die anderen Aspekte von Freiheit nicht unbedingt, erklärte mir vor vielen Jahren mal eine Ostberliner Freundin. Das erklärt einiges und gleichwohl gilt es sich stets klarzumachen: 70% im Osten wählen weiterhin demokratische Parteien. Wenn sie denn wählen gehen…
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Lieber Herr Berg, da kommen Sie halt an Ihre Grenzen. H. Pless telefonierte in seinem Zimmer fast jeden Tag mit zwei Personen, die Einfluss in Lüneburg hatten. Und das der Chefredakteur einer Zeitung mit dem Oberbürgermeister einer Stadt telefoniert, ist jetzt eher kein Skandal. Kurzum, der Berg kreißt und gebiert eine Maus.
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Lieber Herr Jenckel,
ich gebe zu, beim Versuch, meinen roten Faden zu finden, habe ich den telefonhistorischen Aspekt etwas überdehnt.
Doch Caren Miosga weiß: „Spitzenpolitiker sind zumeist in ihrem politischen Biotop gefangen“.
Trifft das nicht gelegentlich auf Spitzenjournalisten und ihr redaktionelles Bioptop ebenfalls zu?
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Korrekt
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brandschutzmäßig war diese hütte ein angehender katastrophenfall. herr jenckel, sie sind nochmal davon gekommen. schmunzel.
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Klaus Bruns
was meinen sie, wie lange ich schon hier auf so einen fundamentalen hinweis gewartet habe. schmunzel. da ich meine schweine am gang erkenne, braucht es aber nicht zu oft diesen hinweis. es sind übrigens immer die gleichen, die solche hinweise geben. eigentlich muss deren brandschutzfehlersammlung schon gewaltige dimensionen angenommen haben, meinen sie nicht herr bruns? dafür fehlt es denen ja meistens an ,,echten“ argumenten, oder sehen sie das anders? hin und wieder baue ich auch gern mal rechtschreibfehler ein , um zu sehen, wer darauf reagiert und sich so in den foren tummelt. ansonsten interessiert mich die rechtschreibung schon lange nicht mehr. habe als rentner meine uhr und die rechtschreibung abgelegt. wann werden sie herr bruns als neuer maskenball-fan venedig beglücken? schmunzeln.
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waren sie schon mal als brandschutzexperte im haus der lz? übrigens, jede firma mit mitarbeitern ist verpflichtet ihre mitarbeiter jedes jahr zu informieren wo sich die brandschutzeinrichtungen befinden, und wie sie einzusetzen sind. wer macht das und wer kontrolliert das? sie herr schmalke? schmunzel.
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