
Eine Neubaustrecke der Bahn entlang der A7 bedeute tiefe Einschnitte für die Bürger, klagt Harburgs Landrat Rainer Rempe in Dauerschleife und plädiert für den Ausbau der bestehenden Strecke unter anderem im Landkreis Lüneburg. Was die Einschnitte angeht, hält Lüneburgs Landrat Jens Böther dagegen, der Ausbau bedeute mehr Einschnitte als der Neubau und schlägt einen Mittelweg vor. Rempe verfolgt da eher die „Wasch mir den Pelz“-Taktik.
Kaum ein Tag vergeht ohne Nachrichten von der Schiene. Mal geht es um Verspätungen, mal um Überlastungen und immer um die Frage, ob nun ein Ausbau oder ein Neubau kommt. Jahrelang tüftelte das Dialogforum Schiene Nord, bis keiner mehr durchblickte, fast so lange wie deutsch-deutsche Grenzkommission, die zu DDR-Zeiten über den Verlauf der Grenze auf der Elbe stritt, oder die Verhandlungen zum Ende des Dreißigjährigen Krieges mit dem Westfälischen Frieden. Das Ergebnis dieses Dialog-Forums, vom aktuellen Ministerpräsidenten Olaf Lies einst ins Leben gerufen, wurde nie vom Landkreis Lüneburg mitgetragen. Da habe ich bei Böther nachgehakt.
Landrat Böther, im Landkreis Harburg wird vehement gegen die Pläne der Neubaustrecke der Bahn zwischen Hamburg und Hannover Stimmung gemacht und für den Ausbau der Bestandsstrecke. Beim Neubau sei die Lebensqualität vieler Bürger im Landkreis Harburg gefährdet. Bedeutet denn der Ausbau der alten Bahnstrecke nicht auch Verlust von Lebensqualität für Bürger, müssten nicht auch Häuser dicht an der Strecke zum Beispiel in Lüneburg abgerissen werden, wären nicht Betreibe dicht an der Strecke gefährdet wie Lünebest, gerade von Müller Milch übernommen?
Landrat Böther: Die bestehende Bahnstrecke Hamburg-Hannover ist den heutigen Anforderungen an einen zuverlässigen (Deutschland)-Takt nicht mehr gewachsen. An dieser Grundsätzlichkeit werden auch die geplanten Sanierungsmaßnahmen der Bahn nichts ändern. Ich bin sehr dafür, dass die Strecke im Zuge der Qualitätsoffensive modernisiert wird und für Pendlerinnen und Pendler im Nahverkehr eine Alternative bleibt. Das ändert nichts an der Tatsache, dass das Streckennetz in Norddeutschland insgesamt an seine Kapazitätsgrenzen stößt und eine Neubaustrecke zwingend für den norddeutschen und nordeuropäischen Raum erforderlich ist. Eine Ausweitung der Bestandsstrecke auf die Kapazitäten einer Neubaustrecke würde einen größeren Eingriff in Eigentum und eine größere Betroffenheit von Menschen bedeuten, als es bei der Neubaustrecke der Fall wäre. Das ist alles von der Deutschen Bahn belegt und abgewogen worden.
Der Landkreis Lüneburg ist für die Neubaustrecke, würde das nicht den Ausbau der Kapazität auf der Verbindung Hamburg-Hannover verzögern?
Der Abschnitt Hamburg-Hannover ist ein ganz wesentlicher für den Bahnverkehr in Norddeutschland. Deshalb ist es richtig, die bestehende Strecke wie geplant zu ertüchtigen und damit das eine zu tun, ohne das andere zu lassen: Zusätzliche Schienenkapazitäten zu schaffen für einen verlässlichen Fern- und Güterverkehr. Der Regionalverkehr würde auf der Bestandsstrecke endlich mehr Raum bekommen, Ziel muss es sein perspektivisch einen 15-Minuten-Takt für die Pendlerinnen und Pendler zwischen Lüneburg und Hamburg zu erreichen; und auch auf einer Neubaustrecke würden sich für Regionalverkehre von Hamburg Richtung Süden neue Optionen eröffnen.“
Das ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch – klingt nach Kompromiss und Demokratie, wohltuend in unserer Zeit. Allerdings bleibt die Frage offen, ob dann noch ein ICE in Lüneburg hält.
Fotos jj: Landrat Jens Böther, Bahnhof Lüneburg
Die Frage, ob dann noch ein ICE in Lüneburg hält, lässt sich einfach beantworten: Wenn der Deutschlandtakt für die DB das Mass aller Dinge ist und dieser auf der Bestandsstrecke nicht möglich ist, wird künftig kein einziger ICE in Lüneburg halten. Den Kuchen aufessen und gleichzeitig behalten wollen, funktioniert nicht. So, wie man die Bahn kennt, wäre bei der Neubaustrecke der versprochene Halt „in Lüneburg“ irgendwo bei Garlstorf/Nordheide.
Böthers „Sowohl-als-auch“ ist kein Kompromiss, sondern einfach Realismus – und das ist gut so.
Eine Neubaustrecke wird erst in Jahrzehnten fertig sein. Wenn man die will, sollte man als Politiker klar kommunizieren, warum man sie will und welche Konsequenzen sie nach sich ziehen wird. Ehrlichkeit kommt besser an, als ein „April, April“ hinterher – etwa in Bezug auf ICE-Halte in Lüneburg. Die Zielsetzung eines 15-Minuten-Takts nach Hamburg ist für die zahlreichen Pendler sicher wichtiger, als ein ICE-Halt in Lüneburg. Das Motto wäre also: Tschüss ICE und ja zum 15-Minuten-Takt.
Vielleicht sollte man aber auch zusätzlich mal etwas ganz exotisches tun:
Analysieren, welche Bahnstrecken in Nord-Süd-Richtung westlich und östlich von Lüneburg verlaufen, wie weit sie ausgelastet sind und dann gegebenenfalls Güterzüge auf diese Strecken verlagern ohne den Kunden die Mehrkilometer in Rechnung zu stellen. Eine gleichmäßige Streckenauslastung sollte wichtiger sein, als ein paar Euro mehr in der Kasse der DB.
Es ist ja kein göttliches Gesetz, das Güterzüge aus Hamburg in Richtung Süden durch Lüneburg fahren müssen.
Und dann sollte man in Frage stellen, warum Schüttgut wie Kohle und Eisenerz per Bahn transportiert wird, während der Elbe-Seitenkanal nicht ausgelastet ist.
Es gibt also einige Parameter, an denen man drehen könnte.
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