Wenn Lokalpolitiker groß gestikulieren, ist Vorsicht geboten

Je schwieriger die Zeiten, umso größer die Gesten. Es ist gerade Zeit für große Gesten. Und irgendwann, spätestens im Wahlkampf, rudern auch die Lokalpolitiker wie Dirigenten mit ihren Armen, was das Zeug hält.

Experten warnen vor der reziproken Gleichung: Je umglaubwürdiger das Versprechen, umso ausladender die Geste. Mal geht die Hand links wie ein Winker raus, dann rechts, dann wieder breiten die Lokalpolitiker in Videoschnipseln die Arme aus wie Cristo Redentoauf dem Corcovado in Rio. Es scheint, ihre Gliedmaßen litten an ADHS. Sie finden nicht zur Ruhe. Vielleicht sollte ein Runder Tisch eingerichtet werden, der ist ja das Allheilmittel für Aktionismus.

Der King of Gebärdensprache war der ehemalige Ober-Liberale Christian Lindner, der auch noch die perfekte Kopfhaltung dazu einnahm. Der langweiligste war Ex-Kanzler Olaf Scholz. Und wenn man den Ton abschaltet, steht Kanzler Friedrich Merz am Rednerpult, und er auf diese mal leichte, mal schwere Art ins Wippen kommt, fühle ich mich zwanghaft an Dittsche (Olli Dittrich) in Ingos Grillstation am Eppendorfer Weg versetzt.

Peter Filzmaier, Experte für politische Kommunikation von der Donau-Universität Krems sagt: „Körpersprache und Aussehen entscheiden darüber, ob und mit welcher positiven oder negativen Emotion wir Politikern zuhören. Der Inhalt des Gesagten ist von geringerer Bedeutung.“ Das bedeute allerdings nicht, dass alle Politiker sich „wie ein Balletttänzer oder eine Modellathletin bewegen oder wie Brad Pitt und Angelina Jolie aussehen müssen“. Es gehe vielmehr um das Gesamtbild. „Ein Bundespräsident, der in einer Neujahrsansprache nur der Dynamik willen mit den Armen herumfuchtelt, ist genauso unpassend wie ein Bürgermeister, der am Kirtag wie ein Spazierstock dasteht.“ (Kirtag ist in Österreich ein Volksfest.)

Nicht jeder ist ja ein Barack Obama, der selbst in Arenen den Anhängern vermitteln kann, er rede gerade nur mit dir. Weniger ist oft mehr und für die Videos empfehle ich, dass die Videomeister einfach öfter näher rangehen, damit der Lokalpolitiker sich keine Gedanken machen muss, wie er gerade mit seinen Armen rudern muss. Das Gesagte gewinnt dann sicher an Bedeutung, wird allerdings auch häufiger gewogen und für zu leicht befunden. 

Hans-Herbert Jenckel

Illustration ChatGPT

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2 Responses to Wenn Lokalpolitiker groß gestikulieren, ist Vorsicht geboten

  1. Nicht allein Politiker haben – etwa nach Landtagswahlen – mit heftig verhagelten Performance-Resultaten und kleinen pantomimischen Fehlleistungen zu kämpfen, Herr Jenckel. Auch Manager können unfreiwillig andeuten, wohin ihre Reise wirklich geht, Verbandsobere versehentlich zeigen, wie hoch eine Nase tatsächlich getragen werden, und Marketing-Bosse, wie rasch ein Traum-Projekt in die Hose gehen kann.

    Doch auch auf der Tonspur können rehäugige Demutsbeteuerungen von Ex-Grünen Rats- und/oder Kneipenherren am Drang zu übertriebenen Solidaritätsansprachen scheitern.

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  2. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    tja Herr Jenckel, Politiker sagen nur das , was ihre Klientel hören will. Man will wieder gewählt werden,. Wer sagt da schon die Wahrheit, die dort eh niemand kennt. Und wie geht es dann besser? Piet Klocke wäre da ein gutes Beispiel, damit Politiker glaubwürdiger rüber kommen. schmunzeln. Man soll doch die Realitäten ausblenden und positiv denken, habe ich im Blog gerade gelesen. Die von den ,,Katholiken,, erfundene Hölle, macht sich doch jeder selbst, oder? Keine Kultur kommt ohne aus – es scheint ein wesentlicher Grund für die Bedeutung von religiösen Phantasiewelten zu sein, dass sie Antworten anbieten zur der Frage nach dem, was nach dem Ende des Lebens kommt.

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