
Zapfsäulen mutieren zu Goldeseln, Lieferketten stocken, der Nahe Osten liegt in weiten Teilen in Schutt und Asche und in Lüneburg wird über die Lichter- und Böller-Kanonade beim Frühjahrsmarkt gestritten. Wie sang schon Udo Jürgens in seinem bitteren Song über den Zustand der Welt: „Und in Lüneburg war Volksfest und ’ne schöne Rauferei“.
Ohne Frage gehören Frühjahrsmarkt und Oktoberfest zum Kulturkitt einer Stadt. Gerade in bösen Zeiten ist Kultur auf ganzer Bandbreite wichtig. Und zudem, wer Hand ans Feuerwerk legen will wie die besorgten Naturschützer, der bekommt es mit giftigen Schaustellern zu tun.
Gut, das Feuerwerk findet spät abends statt, und ich frage mich dann, wie vor dem Hintergrund die Auflagen für den Kultursommer überhaupt zu vertreten sind. Aber vermutlich wird der Dezibelpegel auf 24 Stunden umgelegt, dann ist es auch nicht so schlimm. Zudem versichern die Schausteller, ihr Feuerwerk sei der Werbeknaller schlechthin. Wenn ich mal vergesse, dass gerade wieder Volksfest auf den Sülzwiesen ist, denke ich manchmal kurz, Wallensteins Söldner haben als Wiedergänger Quartier auf den Wiesen bezogen.
In der aktuell schrecklichen Zeit könnten die Schausteller noch nachlegen mit der Kanonade von Valmy, Geburtsstunde der französischen Republik, und Goethe für ihren Lichter- und Knallerzauber einspannen, der zu dem Geböllere sagte: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.“ Ja, wir sind dabei, wir wissen nur nicht so genau, was für eine neue Epoche da aufzieht voller Autokraten und KI. Wir wissen heute nur, dass nicht nur das Benzin teurer wird. Kurz, es ist wie immer: Erstmal ist das Hemd näher als die Hose.
Wie es auch sei, die Schausteller haben eine zwingende Argumentationskette: Flugzeuge über Lüneburg im Anflug auf Hamburg, Motorräder allemal und Autos als Dauerlärmkulisse seien schlimmer als zwei Feuerwerke im Jahr. Und dann sind da schließlich noch die Naturgewalten: Gewitter ließen sich auch nicht regulieren. Letzteres ein unschlagbares Argument.
Hans-Herbert Jenckel
Foto: ChatGPT