Scharf und der eine Augenblick, der nicht vergehen will

Die Affäre Scharf folgt, überspitzt gesagt, dem klassischen Drama: Ein unbescholtener Bürgermeister trifft einen rechten Video-Blogger und kommt flapsig und töricht ins Reden, das es einen graust. Das Publikum ist entsetzt, das Unglück nimmt seinen Lauf. Der CDU-Bürgermeister steht wegen des Videos im Brennpunkt einer hitzigen Rücktritt-Diskussion und geht in Deckung. Kein „Hier stehe ich“, keine Entschuldigung. Nur geknirschtes Bedauern. Das ist der Stoff, der das Drama richtig in Fahrt bringt.

Im Zuge der Affäre stolpert noch der CDU-Fraktionschef Niels Webersinn über einen Chat-Skandal. Das lenkt kurz von Scharf ab, aber wirklich nur kurz.

Denn am Donnerstag tagt der Rat, dann erreicht das Drama seinen Höhepunkt: Gerhard Scharf muss sich bei Rat, Bürgern und Lüneburg-Gästen aus Ozarichi, Ort eines Kriegsverbrechens der Wehrmacht, entschuldigen für seine Wortwahl. Das kommt spät. Aber tritt er zurück? Das wird er wohl nicht.

Aber es folgt ein Abwahlantrag. Wie er ausgeht, hängt auch von Scharfs Erklärung vor großem Publikum ab. Dienstagabend wurde dieser Antrag der Linken im nicht-öffentlichen tagenden Verwaltungsausschuss des Rates abgelehnt. Im Rat wird darüber vermutlich geheim abgestimmt.

Keine Sorge, das Drama ist natürlich nicht beendet. Scharfs Kritiker rufen weiter „Rücktritt!“. Sie wollen eine andere Erinnerungskultur für Lüneburg, eine Arbeitsgruppe und  nutzen die Affäre auch als Argument dafür.

Gerhard Scharf mag Bürgermeister bleiben, aber angesichts des Flurschadens, gerade in der Netzwelt, die Scharf mit 79 Jahren bisher weder kannte, noch verstand, geschweige denn ernst nahm und deren Elefantengedächtnis er jetzt gerade kennen lernt, wird er eher ein Bürgermeister auf Abruf. Für Scharf bleibt das Treffen mit dem Blogger der eine Moment im Leben, auf den er immer wieder zurückgeworfen wird, den man so gerne streichen möchte.

Hans-Herbert Jenckel

 

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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14 Antworten zu Scharf und der eine Augenblick, der nicht vergehen will

  1. Arne schreibt:

    „Die Scheiße Immerzu höre ich von ihr reden / als wär sie an allem schuld. / Seht nur, wie sanft und bescheiden / sie unter uns Platz nimmt! / Warum besudeln wir denn ihren guten Namen / und leihen ihn / dem Lüneburger Bürgermeister, / den Lügnern, dem Trug / und dem Neonazismus? Wie vergänglich sie ist, / und was wir nach ihr nennen / wie dauerhaft! / Sie, die Nachgiebige, / führen wir auf der Zunge / und meinen die Aussitzer. / Sie, die wir ausgedrückt haben, / soll nun auch noch ausdrücken / unsere Wut? Hat sie uns nicht erleichtert? / Von weicher Beschaffenheit / und eigentümlich gewaltlos / ist sie von allen Werken des Menschen / vermutlich das friedlichste. / Was hat sie uns nur getan?“ (Nach: Hans Magnus Enzensberger, „Die Scheiße“ 1964, in: „Gedichte 1955-1970“)

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  2. Axel Keller schreibt:

    Das alles hätte Scharf den Einwohnern seiner Stadt ersparen können, wenn er den Anstand besessen hätte, seine Ämter und Mandate sofort niederzulegen. Aber eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als das ein verantwortungsloser Hetzer und Geschichtsklitterer einsieht, als solcher kein Bürgermeister aller LüneBürger mehr sein zu können.
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  3. Susanne Jäger schreibt:

    „Hetze und Gewalt dürfen in unserer Gesellschaft keinen Raum haben“, warnte gestern Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. „Wer Hass schürt, beutet die Verunsicherung, die Ängste von Menschen aus.“ Das freie, demokratische, rechtsstaatliche, friedliche Deutschland, sei „auf der historischen Erfahrung unermesslicher Gewalt gebaut“. Der Bundestag gedachte am Mittwoch der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch sowjetische Truppen. Die 92-Jährige Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch hat die Deutschen dazu aufgerufen, den Holocaust und die Nazi-Verbrechen nicht zu verharmlosen und nicht zu relativieren. „Man kann es der heutigen Generation nicht verübeln, dass sie sich nicht mehr mit den Verbrechen identifizieren will“, sagte Lasker-Wallfisch bei der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus. „Aber ein Leugnen darf nicht sein.“ Dabei gehe es nicht um Schuldgefühle, sondern um die Sicherheit, „dass so etwas nie wieder passieren darf“.

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  4. tanja Bauschke schreibt:

    Allmählich nimmt das alles sehr bedrohliche Formen an:
    Das ganze verselbständigt sich.
    Aufrufe rechten übelsten Gesinnungstones und Aufmärsche sind geplant zur nächsten Ratssitzung!!
    Es ist, wie es immer ist: Ein auch nur scheinbares oder leichtes Sympathisieren mit dem Rechten Rand, mit den abstrusen Gedankengut des Geschichtsleugnens , lässt die Geister, die man gerufen hat, nicht mehr los werden! Deswegen hilft nur eins: Klare Abgrenzungen immer wieder, von Anfang an, gegen jegliche RechtsGeschichtsverdreher und HasstreiberGespräche-und Thesen.
    Gerade heute, in einer Zeit, wo durch das Wegsterben der betroffenen Generationen, die Gefahr droht, keine Erinnerungskultur mehr zu pflegen. Gerade heute, wo es in einer Zeit der Flüchtlingsströme aus Kriegsgebieten , das anfangs gezeigte Verständnis und humanitäre Verhalten der Zivilbevölkerung Deutschlands und Teile der Bundesregierung und anderer Landesregierungen, im nachhinein durch rechte Thesen verunglimpft wird.
    Deswegen ist es wichtig: Das k e i n (e) Politker/In, egal welcher Größenordnung, diesen Meinungsbildern nachgibt!

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  5. Andreas Janowitz schreibt:

    Das taktieren der SPD Fraktion in dieser Sache ist obszön. Die Fehlanzeige „Stellungnahme“ in Hinsicht auf eine vermeintliche Koalition oder aus falscher Rücksicht auf die kleinen Groko Verhandlungen in Hannover untergräbt nur die Glaubwürdigkeit.
    Wofür stehen denn unsere Abgeordneten überhaupt noch? Für die Verwaltung des status quo? Also für Verdruss bei Wählern und klammheimlicher Unterstützung der röhrenden Protestpartei, die genau für solche „Werte“, wie von Herrn Scharf geäussert einsteht?

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  6. Klaus Bruns schreibt:

    Ulrich Blanck
    warum haben sie die linke in ihrer begeisterung zu jamaika vergessen? stört sie? ich vernehme auch ohrenbetäubendes. übrigens, nicht nur die spd will die a39, auch die cdu. in alter leidensgenosse von mir sagte: man sollte sich entscheiden. lieber kita-plätze finanzieren ,als 25 km autobahn. damit keine irrtümer auftreten, ich bin allein gegen alle.

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    • Ulrich Blanck schreibt:

      Mich stört die Linke überhaupt nicht. Allerdings ist sie nicht Teil der Gruppe, egal was wer anders dazu behauptet. Und wenn schon CDU und SPD die A39 wollen sollten sie fairerweise nicht vergessen das auch die FDP dafür ist. Wenn das aber bedeuten soll dass ich mit all denen nicht kooperieren soll dann kann ich ja gleich zu Hause bleiben. Nebenbei die CDU ist für die Parkraumbewirtschaftung im Gegensatz zur SPD – wieder eine inhaltliche Übereinstimmung. Wenn dem dann noch die Linke zustimmt wird meine Freude darüber nicht davon abhängen ob sie auch die A39 ablehnt oder nicht.

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      • Klaus Bruns schreibt:

        Ulrich Blanck
        die konsensbedürftigkeit muss bei den grünen ja richtig groß sein. schmunzeln. wäre es nicht besser, darüber nachzudenken, was die mehrheit der bürger wollen? melken gehört meines wissens nicht dazu. und die anwohner der sülzwiesen, sind not amused. die mitarbeiter so mancher firma , die aus der not dort parken ebenfalls nicht. was dr scharf angeht, ich habe es schon länger geahnt, sturm im wasserglas. aussitzen, es wird für die grünen für das weiter so reichen. dr scharf hatte ja nur ein black out, was für die cdu doch passt. black=schwarz. nicht das es noch auf ein burn-out hinausläuft. mit ausreden kennen sich politiker doch gut aus,oder? was muss passieren, damit grüne sich weigern, mit der cdu politik zu machen? wieviel prozente der scharf`s akzeptieren die grünen in der cdu , um mitregieren zu können?

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      • Klaus Bruns schreibt:

        herr blanck , sie haben recht. die fahne von jamaika ist gelb grün und schwarz , von rot keine spur. was sagt es dem michel? hat er es nicht begriffen , in welche richtung grün wandert?

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  7. Klaus Bruns schreibt:

    unbescholten ist relativ. mann muss sich nur nicht erwischen lassen. dr. scharf hat als bürgermeister und ,,stimmungskanone,, geantwortet. da er in der cdu mit seinen ansichten bestimmt nicht allein ist, hier eine frage: warum wird gern und so fleißig mit der cdu koaliert? sind futtertröge etwa das ziel?ich meine ja. alle, die sich über die ,,scharfs,, aufregen, sollten mal hinterfragen, warum es diese immer noch gibt. ohne unterstützung ist es nicht möglich. nicht mit allen, aber mit vielen cdu-politikern, mit denen ich gesprochen habe, finde ich bei einer ,,nagelprobe,, regelmäßig nazistisches sehr verstecktes gedankengut. es überrascht mich nicht. althergebrachtes will man in diesen kreisen gern behalten, egal warum. gründe finden sie immer. und wenn es die autobahn ist.

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  8. Ulrich Blanck schreibt:

    Nein Herr Jenkel, so stimmt es nicht: „Scharfs Kritiker rufen weiter „Rücktritt!“. Sie wollen eine andere Erinnerungskultur für Lüneburg, eine Arbeitsgruppe und nutzen die Affäre auch als Argument dafür.“ Es ist nach meiner Wahrnehmung Konsens aller Parteien, außer der sogenannten Alternative für Deutschland, von der ich keinerlei Aussage dazu vernehmen konnte, dass es jetzt richtig ist diesen Weg zu gehen. Die Ansätze unterscheiden sich nur noch im Detail und ich bin ganz optimistisch, dass es im Rat eine breite Mehrheit für ein solches, von der Linken sehr zu recht beantragtes, Forum geben wird.

    Gruß Ulrich

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    • Klaus Bruns schreibt:

      Herr Blanck, sie kneifen. die afd steht eh nicht zur debatte. angeblich will nicht mal die cdu mit ihr zutun haben. die grünen sind bei der jamaika-gruppe gelandet, obwohl es die cdu ist, die da das sagen hat. schließlich ist die cdu bei konservativen wählern mehr beliebt, als bei linken und grünen. grüne sind bei ausreden noch nie verlegen gewesen. selbst ihr ehemaliger ,,guru,, meihsies hat schon auf die cdu geschielt. angeblich soll die niedersachen-grüne partei die linkste in deutschland sein. in lüneburg merkt man davon nichts. warum ist das wohl so? wird aus grün langsam gelb um dann schwarz zu werden? die natur macht es euch doch vor.

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      • Ulrich Blanck schreibt:

        Herr Bruns, das die Lüneburger CDU bei Konservativen beliebter ist als bei Linken oder Grünen ist nun auch nicht wirklich überraschend. Ich versichere Ihnen, dass wir mit CDU und FDP koalieren weil wir so zukunftsfähige und bessere Politik als mit der Lüneburger SPD Fraktion gestalten können – ich habe bekanntlich auch das zuvor, leider vergeblich, versucht. Ich habe übrigens in den Gesprächen der letzten Wochen von vielen aus der CDU Fraktion sehr deutliche Positionen und Einschätzungen vernommen mit denen ich im Gegensatz zum ohrenbetäubenden Schweigen vieler anderer etwas anfangen kann.

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    • Thomas Sander schreibt:

      Hier geht es um den (nötigenfalls erzwungenen) Rücktritt des Dr. Scharf vom Amt des stellv. Bürgermeisters wegen dessen autorisierter Äusserungen gegenüber N.N. Dafür oder dagegen ?

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