Widerstandskämpfer aus dem Orchestergraben

Die Musiker des Lüneburger Theaters musizieren für den Erhalt des Orchesters auf dem Marktplatz. (Foto: jj)

16. November 2023

Das Ensemble des krisengeschüttelten Lüneburger Theaters kann Freude schöner Götterfunken anstimmen. Landkreis, Stadt und Land öffnen die Geldschleusen. Aus schwerer Finanznot gerettet – erstmal. Das sieht zwar nach einem Erfolg der Politik aus, ist es aber nicht nur. Es ist in erster Linie ein Erfolg des Orchesters und der Gutachter, die die Musiksparte schrumpfen und streichen wollten und damit ungewollt unglaubliche Kräfte freigesetzt haben. . 

Die Musiker haben im Nu für ihr Überleben viel mehr Unterschriften gesammelt, als nötig wären für ein veritables Bürgerbegehren, gut 15.000. Warum ist das so? Musiker sind halt sympathische Zeitgenossen.

Aber in diesem Fall hat ein Gutachten der Profis von Actori kräftig nachgeholfen. Das haben Stadt und Landkreis in Auftrag gegeben, um die finanzielle Schieflage des Theaters zu beheben. Und die Gutachter haben sich sofort auf die Musiker gestürzt. Die gößte Comagnie im Theater. Bei denen kann man nach Kräften sparen. Der große Widerstand und die breite Solidarität waren allerdings nicht eingepreist.

Ehrlich gesagt, liegt mein Betriebswirtschaftsstudium schon etwas zurück, aber zu dem Ergebnis wäre auch ich gekommen, das hätte nur nicht in summa wohl fast an die Hunderttausend Euro gekostet. 

Solche Gutachten werden immer dann in Auftrag gegeben, wenn Verwaltungen und Politiker in Deckung gehen bei schweren Entscheidungen und auf den Gutachter zeigen können. Das ist in diesem Fall gründlich schief gegangen. Es ist nur Steuergeld verbrannt. Warum?

Kaum liefen die Sympathie-Kundgebungen der Musiker, haben sich die Lokal- und Landespolitiker als Theater-Patrioten geoutet. Keine Hand ans Orchester legen. Stattdessen wird erstmal die nahe Zukunft für den nächsten Intendanten Friedrich von Mansberg gesichert. 

Der wiederum soll nun auch ein Future-Konzept ausarbeiten. Das wird sich sicher an erfolgreiche junge Produktionen orientieren und den natürlichen demographischen Wandel auch im Orchester, aber den Zigeunerbaron und das Weiße Rössel am Leben lassen. 

Also alles wieder in Harmonie? Nicht ganz. Erstens stehen die nächsten Tarifrunden an, bei denen das Land die kommunalen Theater bisher nicht ausreichend unterfüttert. Zweitens haben die gut organisierten Geigen und Bratschen bisher schon auf Lohnansprüche verzichtet – daran werden sie angesichts der Inflation nicht unbedingt festhalten. Das mühsam aufgebaut Finanz-Kartenhaus von Landkreis, Stadt und Land kann also schnell wieder wackeln. Genau deswegen muss die Politik das Haus jetzt dauerhaft krisenfest machen. Da kann sich die Politik beweisen.

Bedeutsamer aber ist ein anderer Negativ-Effekt des Actori-Gutachtens. Es hat das Schlaglicht auf ein Orchester geworfen, und den Rest der breiten Lüneburger Kulturszene für Wochen in den Schatten gestellt. Das entspricht zwar, wenn man sich die Förderung einzelner erfogreicher Projekte durch Stadt und Kreis bei Lichte ansieht, durchaus der Wirklichkeit, sie werden mickerig bedacht.

Kurzum, Actori hat einen Auftrag erfüllt, der Kulturwelt in Lüneburg aber einen Bärendienst erwiesen. Rausgekommen ist, was jeder Intendant oder Kulturpolitiker vorher wusste, nur den Kollateralschaden von Unruhe am Theater, Steuergeld-Verschwendung und Verschattung des Kultur-Diskurses hat keiner Bedacht. 

Hans-Herbert Jenckel 

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About jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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8 Responses to Widerstandskämpfer aus dem Orchestergraben

  1. Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

    Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass die wichtigste und wertvollste aller Schauspieltechniken der Abgang ist. Lass die Leute fragend zurück und geh sauber und rasch von der Bühne.

    Es gibt ihn nämlich noch – einen Beruf, der älter ist als das Schreiben und der vermutlich noch weiterleben wird, wenn das geschriebene Wort verschwunden ist. Und all die sterilen Wunder des Kinos, des Fernsehens und der Streaming-Dienste werden es nicht schaffen, ihn zu verdrängen – einen lebendigen Menschen im Austausch mit einem lebendigen Publikum!

    Aber wie kommt er durch den Alltag? Wer sind seine Gefährten? Wie sieht sein verborgenes Leben aus?

    Ist es nicht so? Ein Abgang verschärft die Fragen.

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  2. Ich habe vor langer Zeit gelernt, dass die wichtigste und wertvollste aller Schauspieltechniken der Abgang ist. Lass die Leute fragend zurück und geh sauber und rasch von der Bühne!

    Es gibt ihn nämlich noch – einen Beruf, der älter ist als das Schreiben und der vermutlich noch weiterleben wird, wenn das geschriebene Wort verschwunden ist. Und all die sterilen Wunder des Kinos, des Fernsehens und der Streaming-Dienste werden es nicht schaffen, ihn zu verdrängen – einen lebendigen Menschen im Austausch mit einem lebendigen Publikum!

    Aber wie kommt er durch den Alltag? Wer sind seine Gefährten? Wie sieht sein verborgenes Leben aus?

    Ist es nicht so?

    Ein Abgang verschärft die Fragen.

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  3. Avatar von Antonia Antonia sagt:

    »Tanzt, tanzt …
    sonst sind wir verloren!«

    – – – – – – – – – – – – – – – Pina Bausch

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  4. Avatar von Johann S. Kirsche Johann S. Kirsche sagt:

    Mit dem öffentlich finanzierten Ensembletheater scheint es mir zu sein wie mit den kommunal umsorgten Kaufhäusern in den Fußgängerzonen der Innenstadt. Ihre Zeit ist vorbei. Ich kenne niemanden, der vorzurechnen weiß, wie sich ihr Überleben mittelfristig noch sichern ließe, ohne dass „die öffentliche Hand“ aufgefordert würde, das Fass der Danaiden zu füllen.

    Es liegt in der Natur des Menschen, wenn er älter wird, also ein kleines Stück Zeit überblickt, gegen jede Veränderung zu protestieren (besonders gegen die zum Besseren). Aber wahr ist, dass wir die Fettleibigkeit gegen den Hunger eingetauscht haben, und beide können tödlich sein. Die Zahl, die Geschwindigkeit und die Wege der Umbrüche sind unabsehbar geworden. Wir können uns, oder zumindest ich kann mir nicht vorstellen, wie das Lüneburger Leben und Meinen in hundert oder auch nur in fünfzig Jahren sein wird. Vielleicht ist meine größte Weisheit das Wissen, dass ich es nicht weiß. Traurig und wirklich schlimm dran sind die, die ihre Kraft damit vergeuden, den Wandel aufhalten zu wollen, denn ihnen blüht nur die Bitternis des Verlierens und nie die Freude am Gewinnen.

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  5. Avatar von Oliver J. Glodzei Oliver J. Glodzei sagt:

    Nein jj, das können wir nicht alles so gelten lassen. Zur Sicherung der nächsten beiden Spielzeiten hatten sich breite Mehrheiten in Kreistag und Stadtrat ja bereits bekannt. Dass das Land nun mit seinem Anteil beispringt, ist schon auch ein Erfolg der regionalen Landtagsabgeordneten und auch der lobbyierenden Lokalpolitik, natürlich mit kräftigem Rückenwind durch die LüSys.
    So oder so -da hast Du vollkommen recht- ist das aber noch keine irgendwie nachhaltige Lösung der strukturellen Unterfinanzierung unseres regionalen Aushängeschildes Theater. Da werden noch viele Verhandlungen zu führen sein, und da wird es weiter darauf ankommen, dass Politikerinnen und Politiker hier wie in Hannover, die den Wert kommunaler Theater kennen, weiter für eine auskömmliche Finanzierung streiten und sie nötigenfalls bereitstellen. Also mach uns mal nicht schlechter als wir sind.
    Und auch für die Actori-BeraterInnen möchte ich eine Lanze brechen. Die sind nämlich Kulturprofis und haben sich mitnichten „sofort auf die Musiker gestürzt“, sondern eine fundierte Analyse mit am Ende überraschendem Ergebnis geliefert: Dass das Theater Lüneburg nämlich nicht nur kulturell spitzenmäßig aufgestellt ist, sondern auch betriebswirtschaftlich äußerst effizient arbeitet. Dass sich tatsächlich kein einziger überflüssiger Euro aus dem Haus schütteln lässt, ist in der Tat eine bemerkenswerte Leistung der Geschäftsleitung und war im Vorhinein überhaupt nicht klar.
    Nun schlägt Actori auch gar nicht vor, am Orchester zu sparen, sondern folgt nur seiner Aufgabe, Möglichkeiten aufzuzeigen, das Theater „bei gleichbleibender Zuschusssituation“ fortzuführen. Diese Möglichkeiten gibt es schlicht nicht; die GutachterInnen zeigen uns das lediglich in dramaturgisch bewundernswerter Weise.
    Mit diesem Gutachten im Rücken können wir Politikerinnen und Politiker ganz anders in Verhandlungen mit dem Land gehen: „Wir haben hier ein Theater, das wirtschaftlich hervorragend performt, das kulturell weit über die Region hinausleuchtet und das bereits hocheffizient arbeitet. Wollt Ihr das wirklich sterben lassen, nur um weiterhin den vorletzten Platz der Bundesländer bei der Kulturförderung belegen zu können? Danke, war eine rhetorische Frage.“ Drama können wir auch.
    Im Ergebnis wird das Land die Finanzierung für seine sechs Kommunaltheater deutlich anheben müssen. Aber um das ganz klar zu machen: Auch in den Haushalten von Landkreis und Hansestadt müssen wir bereit sein, für das Theater zu stehen. Ich bin das, falls das noch nicht deutlich geworden sein sollte. Und mit mir glücklicherweise eine ganze Reihe weiterer Kolleginnen und Kollegen in Kreistag und Stadtrat.

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    • Avatar von jj jj sagt:

      Lieber Olli, was muss ich da lesen.
      Traut ihr unserem Intendanten nicht, traut ihr der Theater-Geschäftsführung nicht, traut ihr unserem immer gut informierten Kulturredakteur Hans-Martin Koch nicht, die die harten Fakten, die Erfolge bei Zuschauern und Einnahmen, bei Effektivität und Sparwillen seit Jahren berichten? Offensichtlich nicht. Der Prophet gilt eben nichts im eignen Land.

      Mein Tipp: Einfach mal im LZ-Archiv blättern. Da stehen die Zahlen.

      Aber in der Politik muss immer erst ein externer Gutachter her, der in diesem Fall auch bei der Präsentation, ich war vor Ort, sehr schnell aufs Orchester als wirklich effektive Spargröße kam. Das hätte ich dir auch im Übungskeller vor ab sagen können.

      By the way: Wir sollte üben, sonst kommen wir nie mehr auf ne Bühne.
      Dein J von Jolly

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    • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

      da die lobbypolitker der mittelschicht, von denen wollen sie ja auch immer gewählt werden, gern zusammen halten, klappt es natürlich mit deren bespaßung auch bei ebbe in der kasse. es ist so peinlich. was machen eigentlich die schulen?

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    • Avatar von Daniel Schmolke Daniel Schmolke sagt:

      Ein schwieriges Pflaster. Herr Glodzei hat den darbenden Künstler vor Augen. Wo aber fängt Kunst an, wo hört sie auf und wälzt sich mit der Scharlatanerie im Lotterbett herum? Der Volkswirtschaftler wird sich fragen, was mit dem Begriff „Umsatz“ hier anzufangen ist. Unser wirklich tolles Theater macht gewaltige Umsätze, aber hauptsächlich mit Subventionen von Land, Kreis und Stadt. Benjamin Albrecht macht (noch) sehr kleine Umsätze, aber sein auto-kreatives und kaufmännisches Einnahmenpotential ist gewaltig: https://de-de.facebook.com/landeszeitung/videos/356181015809046/ Die sogenannte „Arena“ ist ein schwarzes Loch für jährlich anfallende Multi-Millionenverluste an Steuergeld über viele Dekaden. Soll deren „Betreiber“, der ja gewissermaßen der Staat (hier nämlich die Privatunternehmungen bezuschussende bzw. finanzierende Kreisverwaltung) selber ist, auch staatliche Hilfsgelder bei Minister Falko Mohrs direkt (oder indirekt über den von kommunaler Seite bezahlten „Geschäftsbesorger“) beantragen können? Fragen eines lesenden Lebenskünstlers.

      By the way: In geselliger Runde habe ich mir heute im Capitol eine dicke knusprige Gans mit Apfel-Zwiebelfüllung, Kartoffelklößen, Apfelrotkohl, gebackenen Mandelbällchen, Orangensauce und Birnen mit Preiselbeerfüllung gegönnt.

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