Lüneburg regelt alles, jetzt auch die Porträt-Frage

Oberstadtdirektor Dr. Reiner Faulhaber v.l., Oberbürgermeister und in Personalunion Verwaltungschef Ulrich Mädge und Oberstadtdirektor Hans-Heinrich Stelljes. (Fotos: jj/wege)

Lüneburg, 17. Januar 2017

Ulrich Mädge war ein großer Oberbürgermeister und zugleich der erste, der nach dem Krieg in Personalunion auch Chef der Lüneburger Stadtverwaltung wurde. Als Würdigung möchte Mädge ein großes künstlerisches Foto von sich statt eines Gemäldes in der Ahnengalerie des Rathauses sehen und am besten gleich den Umzug der Galerie ins Gewandhaus. Er stößt damit in eine Lücke: Für solche Porträts fehlt ein Regelwerk. Das hat uns gerade noch gefehlt.

In Lüneburg ist fast alles geregelt, die Öffnungszeiten der Verwaltung, die Termine für die Müllabfuhr, was in welchen Müll darf, die Straßenreinigung, der Winterdienst (war diese Woche wieder Schnee schippen, eine 1.50 Meter breite Schneise im Gehweg), die Parkgebühren (schlechtes Thema), die Hundesteuer (schlechtes Thema), die Gewerbesteuer, die Grundsteuer A und B, die Nachtruhe, die Größe der Straßencafés, die Art der Markisen vor den Geschäften, die Farbe der Fenster in der Giebel-Pracht, die Außenreklame der Geschäfte in der Innenstadt, aber für die Porträts der Stadtchefs a.D. fehlt noch eine Verordnung. In der Vergangenheit bis hin zu Dr. Reiner Faulhaber wurde einfach respektiert, was der Vorgänger an Maß und Farbe stillschweigend genehmigt hatte. 

Aber die Zeiten sind eben anders und Ulrich Mädge ist, auch im Verhältnis zur Nachfolgerin, speziell. Nun kursiert, eine Fotografin rufe 10.000 Euro für ein Mädge-Porträt im Kingsize-Format auf. Das empört schon mal die Lüneburger Fotografen-Gilde, die sich fragt, mit welcher Entourage die Künstlerin wie viel Tage engagiert wird. Und hoffentlich kommt sie aus Lüneburg. Schließlich ist lokal handeln und kaufen eingentlich auch Mädges Devise, da bin ich sicher. Der Neidfaktor wird in jedem Fall bedient. Und schließlich: Ein Gemälde wäre mindestens so teuer.

Das Bild wäre nicht nur anders als alle Oberstadtdirektoren-Gemälde im Dezernenten-Flügel des Rathaus und alle Fotos der Oberbürgermeister im Kämmereiflügel. Im Grund ist da auch gar kein Platz. Und wer schaut da schon hin? 

Nun schickt sich die Petitesse an, zur klassischen Lokalpolitik-Posse zu werden. Es werden erstmals Regeln aufgestellt. Der Verwaltungsausschuss ist befasst, eine Arbeitsgruppe muss her. Das Netz fluten die üblichen Verdächtigen mit Kommentaren. Alles Zutaten zur Posse. Aber es hat Zeit.

Ulrich Mädge mischt ja noch reichlich mit, ob in der Sparkasse, der weitgehend städtischen Wohnungsbau-Gesellschaft, bald im Seniorenbeirat, bei den Ostpreußen, in Museen und in anderen Stiftungen etc. Kommentatoren empfehlen derweil als Ablenkungsmanöver eine Mädge-Straße. Verdienstkreuz, denke ich ich, ginge auch. Ehrenbürger schlägt Mädge vermutlich aus, solange er von OB Claudia Kalisch ausgezeichnet würde. Die hält sich in der Frage bedeckt, schließlich hängt ihr Konterfei auch irgendwann irgendwo. 

Und wenn die Frage doch drängt, mein Tipp an die Arbeitsgruppe: Im Traubensaal hinter dem Huldigungsaal hängt der ein oder andere König von Hannover und England, der zugleich Herzog von Braunschweig-Lüneburg war, der aufgrund seiner notorischen Bedeutungslosigkeit oder aktenkundigen Begriffsstutzigkeit durchaus weichen könnte. Da wäre Platz für einen Mädge in Lebensgröße. Und dann könnte der Marathon-OB im Stillen auch immer noch an den nicht-öffentlichen Sitzungen des Verwaltungsausschusses teilnehmen und verträumt auf eines der großen Gemälde blicken, Belsazar Gastmahl, die er zur seiner Amtszeit für viele Tausend Euro aus eigener Tasche hat restaurieren lassen. Ansonsten habe ich das Gefühl, es pressiert an anderen Ecken und der kurze Dienstweg wäre die richtige Wahl. Der scheint allerdings zwischen Mädge und Kalisch ein „No-Go“ – leider.

Hans-Herbert Jenckel

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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8 Responses to Lüneburg regelt alles, jetzt auch die Porträt-Frage

  1. Avatar von Käthe Vollruth Käthe Vollruth sagt:

    Wie man‘s gerade in einem anderen GRÜNen Rathaus geregelt bekam:


    Ernst Mücke hat Boris Palmer in Öl festgehalten. Foto: Nadine Nowara

    21.01.2024 – Entspannt sitzt Boris Palmer in seinem blauen Anzug, ohne Krawatte mit ungebügeltem Hemd mitten in einer grünen Landschaft. Mit wachem Blick schaut er nach vorne. Im Hintergrund: Fahrradfahrer. Der Tübinger Maler Ernst Mücke hat für die Bürgermeistergalerie ein Porträt des Tübinger Stadtoberhaupts gemalt. Dieses hat er nun an Dagmar Waizenegger, Leiterin des städtischen Fachbereichs Kunst und Kultur, überreicht. Das Ölgemälde wird im Depot des Stadtmuseums aufbewahrt und nach Palmers Amtszeit in der Galerie im Tübinger Rathaus aufgehängt.

    Mücke möchte in seinen Werken die »Seele« des Porträtierten zeigen. »Boris liebt das Grüne und hat eine Freiheit im Denken. Ich sehe ihn häufiger, wie er mit seinem kleinen Kind auf dem Sattel durch die Tübinger Gassen radelt«, sagte der 89-Jährige. »Ich kenne ihn schon sehr lange. Bereits als er mit seinem Vater zusammen Gemüse auf dem Markt verkauft hat.« Palmer habe sich ausdrücklich gewünscht, dass Mücke ihn bereits jetzt angesichts seines hohen Alters porträtiert. Dreimal habe Palmer ihm in seinem Atelier Porträt gestanden. Ernst Mücke stellt häufig Menschen in den Mittelpunkt seiner Bilder. Oft sind es prominente Persönlichkeiten, mit denen sich allgemeine gesellschaftliche oder politische Fragen verbinden.

    Autorin: Nadine Nowara — Zitatnachweis: Reutlinger General-Anzeiger, https://www.gea.de/neckar-alb/kreis-tuebingen_artikel,-boris-palmer-als-frisches-porträt-für-die-tübinger-rathaus-galerie-_arid,6854789.html

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  2. Ein Gedicht über einen, über den die Zeit hinweggegangen ist. Der Anblick ist traurig, aber nicht gerade selten. Da stellt sich die Frage: Sollten wir Mitleid mit ihm haben?

    Der alte Oberbürgermeister

    Für meine Treuen halt ich offen Haus;
    sie kommen immer noch zu mir heraus,
    sie kommen nicht, um mir Gesell zu sein,
    sie kommen nur zu meinem guten Wein.

    Oft kommen sie zu ungewohnter Zeit,
    um mir zu sagen, ihr Hinauf gedeiht;
    sie kommen nicht um Rat für ihre Seel,
    sie kommen nur, damit ich sie empfehl.

    Die Aktenbände schaun auf mich vom Bord:
    schüf er an einem großen Plan noch fort,
    er stellte neben uns manch stolzen Kauf
    und spielte nicht als unser Freund sich auf.

    „Lob der Verzweiflung“ lautet der Titel eines anderen Gedichts, und es heißt dort (angeredet wird die Verzweiflung): „Gib Kraft mir, daß ich lebe.“ Es gibt Sätze, an denen soll man nicht heruminterpretieren, die muss man ungedeutet stehen lassen. Man ist versucht, das mit manchen Gedichten überhaupt so zu halten. Besonders, wenn sie so einfach daherkommen, manchmal kleine Geschichten, manchmal Impressionen, überschaubares Personal (jedenfalls auf den ersten Blick). Leicht paraphrasierbar, aber warum sollte man das tun, es steht ja alles da.

    Der alte Oberbürermeister ist nicht allein, hat Besuch. Er weiß, warum ihn seine ehemaligen Mitarbeiter und Genossen besuchen, nicht um ihm Gesellschaft zu leisten, sondern des (guten) Weines wegen. Ein paar legen ihm auch dar, wie es um ihren Aufstieg steht, um das Erreichen der nächsthöheren Gehaltsstufe, die Chance auf eine Position am Landesrechnungshof, die Möglichkeit, im Herbst 2026 doch noch, diesmal von Lübeck aus an die Lüneburger Verwaltungsspitze zu gelangen usw. Die kommen meist dreist unangemeldet, wollen gar nicht sein Urteil oder sonst irgendeinen guten Rat fürs Leben, sondern nur ein karriereförderndes Gutachten.

    „Sie kommen“ heißt es je dreimal in den ersten beiden Strophen, in der ersten ist es noch dreimal hintereinander ein „sie kommen“, Betrieb irgendwie, in der zweiten verliert sich das „kommen“ in den Zeilen, es wird einsamer. In diesen Strophen spricht der alte Hauptverwaltungsbeamte selbst, in der dritten Strophe spricht er nur in der ersten Zeile, dann sprechen seine Akten – über ihn, nicht zu ihm. Er hört sie sagen, dass er nicht mehr arbeitet, die Regale nicht mit neuen Projekten weiter füllt. Wer seine Arbeit liebt, wer seine Arbeitsdokumente liebt, lässt sie wachsen. Er hat aufgegeben, und seine Akten haben ihm nichts mehr zu sagen, sie blicken stumm auf ihn herab.

    Da ist kein Mitleid, kein Mitfühlen, der Anblick ist traurig, aber man kann sich die Tränen sparen. „Schüf er an seinem großen Plan noch fort“, sagen die archivierten Materialien, er „spielte nicht als unser Freund sich auf“. Einen Projektmacher, der nichts mehr umsetzt, den kann, den darf man vergessen. Es ist fast ein wenig unbarmherzig. Aber vielleicht nur fast.

    *
    Nach Theodor Kramer: http://www.planetlyrik.de/theodor-kramer-spates-lied/2012/10/

    und: http://www.planetlyrik.de/guenter-kunert-zu-theodor-kramers-gedicht-lob-der-verzweiflung/2020/08/

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  3. Avatar von Carola Möller-Krischke Carola Möller-Krischke sagt:

    Ich bin für eine sieben Meter hohe Ulrich Mädge-Statue, gefertigt auf dem „3D-Druck Campus Lüneburg-West“ und über einem swimmingpoolgroßen Brunnen schwebend, der nach dem Vorbild und an dem Standort des historischen, schnöde behandelten Reichenbachbrunnens am Sande modelliert ist. Außerdem könnte es vor dem Libeskind-Bau eine „Uni-Mädge-Streuobst-Allee“ geben, neben der die Bäume als gutes Omen himmelwärts wachsen, und statt Lüneburgs juvenile Rosen-Touristen weiterhin mit dem nichtssagenden Nonsensnamen „Leuphana“ zu irritieren, sollte Herrn Spouns „wirtschaftsnahe“ Kaderschmiede endlich in „Ulrich-Mädge-Fachhochschule zur Vorbereitung unserer Zivilgesellschaft auf die Galeria/Karstadt Herausforderungen im 21. Jahrhundert“ umgetauft werden. Die „Hoppe-Bahlburg“ am Alten Demokratieschlachthof wäre passender mit „Mädges Arena-LKH“, der Flugplatz angemessener mit „Aeroporte Udalricus Madgiore Internationale“ bezeichnet- und auf die nächtliche Rathausfassade ließen sich während der kommenden tausend Jahre sicher ohne größere Probleme wechselnde Farbaufnahmen von Ulrich Mädge beim Händeschütteln mit politischer Prominenz aus aller Welt projizieren.

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    • Avatar von Helge Hanke Helge Hanke sagt:

      Dazu ein kleiner Pruschtwitz:

      Warum die multicolor illuminierten nächtlichen Portrait-Projektionen nicht mit Hilfe einer 360°-Laserlichtleuchtinstallation auf den Kalkberg ausdehnen? So hätten neben den Mitarbeitern der KFZ-Zulasung Am Springintgut und den Rock Around the Clock-Feierbiestern auf den Sülzwiesen auch die 1.500 Bewohner der CO₂-freien, weil additiv gefertigten Zero Energy Bionic-Werkssiedlungsvillen im Innovationsinkubator „Grüngürtel West“ allzeit ein visionenstarkes Vorbild zu bewundern.

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  4. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    wie wäre es mit einem wachsfigurenkabinett? sortiert nach eitlen wichtigtuern?

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