Wurde die Schweigespirale durchbrochen?

Demo gegen rechts auf dem Lüneburger Marktplatz. (Foto: jj)

Lüneburg, 26. Januar 2024

Elisabeth Noelle-Neumann wäre in diesen Tagen der Massen-Demos gegen rechts ein gefragter Studiogast, weil wir gerade am Lagerfeuer in den TV-Studios ergründen, was da am vergangenen Wochenende passiert ist. 

Hunderttausende gingen zu Demos gegen rechts, selbst viele Stubenhocker und Entpolitisierte aus der Wohlstandsmitte, die noch nie auf einer Protestkundgebung waren. Lüneburg erlebte die größte Demo seit den frühen Atomkraftprotesten in den 90ern. Wurde da die schweigende Mehrheit mobilisiert? Und warum schweigen jetzt die vielen Anhänger der AfD?

Die Einschätzungen von Elisabeth Noelle-Neumann wären interessant. Aber sie kann nicht antworten. Sie ist schon im März 2010 gestorben, die Pionierin der Demoskopie und Begründerin der Schweigespirale. Kennen Sie nicht?

 Noelle-Neumanns Schweigespirale setzt sich in Bewegung, weil Menschen dazu neigen, ihre eigene Meinung zu verschweigen, wenn sie denken, dass 
sie sich mit ihrer Meinung der Ablehnung durch andere aussetzen würden, gerade bei emotional aufgeladenen Themen. So erklärte Noelle-Neumann auch die teils gravierenden Fehleinschätzungen der Demoskopen bei Wahlen. 

Die Massenmedien können, sagte sie, zudem einen maßgeblichen Einfluss auf Prozesse der öffentlichen Meinung ausüben. Wenn die Medien wiederholt („kumulativ“) und übereinstimmend („konsonant“) ein Meinungslager unterstützen, schweigt der Rest lieber, der anderer Meinung ist. Das erklärt vielleicht, warum bei teils 30 Prozent AfD-Wählern in den neuen Bundesländern gerade keine Anhänger der AfD auf die Straße gehen. Rechts sitzt in Deckung in der Wagenburg. Irgendwie hat sich die Schweigespirale verkehrt. Und das ist auch gut so. gerade vor diesem für die Deutschen so geschichtsgrausamen Wochenende.

Die Republik hat mit der Einheit einen Kraftakt gemeistert, der selbst Zeus imponiert hätte. Leider sehen das nicht alle. Weil es bei der Einheit eben vielen offensichtlich doch nicht in erster Linie um Freiheit, sondern um die Werte des Wohlstands ging. Und die sind bis heute nicht ausgewogen verteilt, weder horizontal und schon gar nicht vertikal. Ganz im Gegenteil. Das mag in Teilen des Frust im Osten und den Zulauf am rechten Rand erklären.

Die Demos am vergangenen Wochenende aber waren für mich, bildlich gesprochen, nicht nur ein Aufstampfen der Bürgerinnen und Bürger für Demokratie und Republik. Sie haben auch gezeigt, dass die Bundesbürger bei allem Gemäkel an der Regierung gerne in diesem Land leben, so, wie es ist, mit all dem Streit, mit all den verschiedenen Positionen, ja, mit all der Schwerfälligkeit und den Fehlentscheidungen und vor allem mit der Freiheit, dagegen auf die Straße zu gehen.

Hans-Herbert Jenckel

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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4 Responses to Wurde die Schweigespirale durchbrochen?

  1. Avatar von Christian Schröder Christian Schröder sagt:

    Lieber Herr Jenkel,

    auch dieses Wochenende haben wieder einige Hunderttausend Menschen in vielen deutschen Städten gegen die AfD und den von ihr sowohl verkörperten als auch propagierten und geschürten Neonationalprimitivismus demonstriert.

    ▪️ In Osnabrück sprach die Polizei von rund 25.000 Demo-Teilnehmern, die Organisatoren bezifferten die Zahl auf rund 30.000 Teilnehmer. Der dort anwesende Bundesverteidigungsminister Pistorius sagte, die AfD wolle den Systemwechsel. „Das heißt nichts anderes als, sie wollen zurück in die dunklen Zeiten des Rassenwahns, der Diskriminierung, der Ungleichheit und des Unrechts.“ Er zog einen Vergleich mit der Weimarer Republik, die nicht an ihren Feinden, sondern an der Schwäche ihrer Freunde zugrunde gegangen sei. „Heute wissen wir es besser, Geschichte darf sich nicht wiederholen.“

    Die bundesweiten Kundgebungen verzeichneten auch rund zwei Wochen nach ihrem Beginn großen Zulauf. Allein in Düsseldorf waren laut Polizei am Samstag etwa 100.000 Menschen auf den Beinen. Am Sonntag versammelten sich in Hamburg nach Polizeiangaben rund 60.000 Menschen.

    In Kiel zählte die Polizei rund 11.500 Teilnehmer einer Demo gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. In Trier waren es rund 10.000 Menschen. In Lübeck gab es laut Polizei rund 8.000 Demonstranten, in Bremerhaven und Ludwigsburg bis zu 7.000, in Kaiserslautern rund 6.000, in Mannheim bis zu 20.000. In Aachen waren es nach Angaben der Beamten etwa 20.000 Menschen, in Marburg mehr als 12.000.

    Aber auch in kleineren Orten waren die Menschen auf den Straßen. In Singen zählte die Polizei etwa 4.000 Demonstranten, in Sigmaringen waren es rund 2.000 Menschen. In Neumarkt in der Oberpfalz sprachen die Beamten von rund 1.500 Menschen bei einer Demo gegen rechts, in Elmshorn von rund 6.000 Menschen. Auch im Osten Deutschlands wurde wieder demonstriert. In Frankfurt/Oder kamen rund 4.500 Menschen zusammen. In Zwickau waren es etwa 4.000. In Bautzen und Weimar versammelten sich jeweils etwa 1.500 Demonstranten.

    ▪️ Ich teile Ihren Eindruck: Die Demos am vergangenen und an diesem Wochenende waren nicht nur eine Absage an die widerwärtige, offen lügende, hetzende und Leben bedrohende Inhumanität gewaltbereiter politischer Rechtsextremisten, waren aber auch nicht nur ein „Aufstampfen der teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger für Demokratie und Republik“, sondern sie haben auch Anlass zu. der Hoffnung gegeben, dass die überwiegende Zahl der „Bundesbürger bei allem Gemäkel an der Regierung gerne in diesem Land lebt, so, wie es ist, mit all dem Streit, mit all den verschiedenen Positionen, ja, mit all der Schwerfälligkeit und den Fehlentscheidungen und vor allem mit der Freiheit, dagegen auf die Straße zu gehen.“

    ▪️ Allerdings habe ich meine Schwierigkeiten mit Elisabeth Noelle-Neumann und ihrer „Schweigespirale“. Sie rekonstruieren Noelles Argument ganz richtig, wenn Sie schreiben, jene Spirale setze „sich in Bewegung, weil Menschen dazu neigen, ihre eigene Meinung zu verschweigen, wenn sie denken, dass 
sie sich mit ihrer Meinung der Ablehnung durch andere aussetzen würden, gerade bei emotional aufgeladenen Themen. (…) Die Massenmedien können, sagte sie, zudem einen maßgeblichen Einfluss auf Prozesse der öffentlichen Meinung ausüben. Wenn die Medien wiederholt (‚kumulativ‘) und übereinstimmend (‚konsonant‘) ein Meinungslager unterstützen, schweigt der Rest lieber, der anderer Meinung ist.“

    ▪️ Ich glaube nicht, dass dieses Modell mediealer Machtausübung erklärt, „warum bei teils 30 Prozent AfD-Wählern in den neuen Bundesländern gerade keine Anhänger der AfD auf die Straße gehen.“

    Warum glaube ich das nicht? Zwei Antwortversuche:

    1) Das Modell ist veraltet. Es gibt keine homogene massenmediale Kraft mehr, die „wiederholt (‚kumulativ‘) und übereinstimmend (‚konsonant‘)“, also orchestriert, „einen maßgeblichen Einfluss auf Prozesse der öffentlichen Meinung ausüben“ kann, um „ein Meinungslager zu unterstützen“. Eine solche Annahme klingt eher nach dem AfD-Popanz, dem erbittert und erfindungsreich aufgeblasenen Drachen der „Mainstreammedien“, den es zu bekämpfen gilt. Im Unterschied zu Noelles analog geordneten 70ern mit ihren zwei, drei blockartigen „Lagern“ leben „wir“ in einer sich immer schneller aufsplitternden Medienanarchie aus ungezählten digitalen Blasen, in welcher der Rezipient ignoriert, was seinen Annahmen widerspricht, und nur noch aufnimmt, was seine Voreingenomenheiten bestärkt. Man „denkt“ nicht mehr, man lässt denken. Oder genauer: Es (das Echokammergemurmel) denkt in einen hinein.

    2) Das Modell setzt voraus, dass eine gemeinschaftsübergreifend wirkende „Sittlichkeit“ existiert, deren wirksamste Steuerungsinstrumente „die Scham“ und „das Gewissen“ (= Sammelbecken verinnerlichter Normen) darstellen. Aber sind es nicht genau diese beiden Instanzen human-geselligen Menschseins, die von dem Dauerfeuer aggressiver AfD-Propaganda methodisch in Schutt und Asche gelegt werden? Man soll nicht „moralisieren“! Nicht ohne Grund ist das seit Jahren eine der am intensivsten eingehämmerten AfD-Parolen. Eiskalt sein, eisenhart sein, rücksichtslos sein: Wer sich diesen Unfug in die Birne impft, der ist auf dem Weg zur kerndeutschen Kampfmaschine — ohne Hirn, aber mit Überzeugung.

    ▪️ Zwei Fragen dazu:

    A) Glauben Sie wirklich, dass „Rechts in Deckung in der Wagenburg sitzt“ und sich duckt, sich schämt, weil es doch nicht „das Volk“, sondern nur ein Häuflein von keifenden, geschichtsvergessenen Spinnern ist? Haben Sie mal in die zum Thema gehörenden Kommentarspalten der Landeszeitung geschaut? Erkennen Sie dort die Furcht, sozial isoliert zu werden, die Not, in einer „Schweigespirale“ zu stecken, die Sorge, von Nachbarn und Bekannte gedisst und ausgegrenzt zu werden?

    B) Wo, außer auf dem Dresdner Pegida-Geschlurfe, hat die Weidel-Gauland-Höcke-Bewegung denn überhaupt mal demonstriert? Und wofür oder wogegen? Ist nicht das Jammern und das Bezichtigen, die parlamentarische Obstruktion, das Herabsetzen von staatlichen Instiutionen und das auswendige Aufsagen deutscher Gedichte (neben dem Füttern von X- und Facebook-Bots) das eigentliche Betätigunsfeld rechtsextremer Parteimitglieder und Wähler?

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    • Avatar von jj jj sagt:

      Zu 1) Anstelle des üblichen Gezeters verhält sich die AfD für ihre Verhältnisse geradezu brav. Es gibt rund 60 Millionen Wahlberechtigte, wenn eine Million auf die Straße geht, dann sind das, wenn auch beachtlich, doch weniger als 2 Prozent der 60 Millionen. Nicht die Europawahl wird ausschlaggebend, ob sich was bewegt hat, sondern die Wahl in Thüringen, das Abschneiden der AfD und vor allem der BSW, die links und rechts Stimmen einsammelt.
      zu 2) Frage zwei verstehe ich gar nicht. Die AfD muss gar nicht demonstrieren. Wo der Wohlstand gefühlt in Gefahr ist und es nicht um das Streben nach Glück und Zufriedenheit, sondern nach Geld und mehr Geld geht, ist der Zulauf gesichert.

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  2. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    ach ja, unsere sogenannten armen brüder und schwestern. dumm ist nur, diese ärmsten bekommen als ehe- paare eine deutliche höhere rente, als bei uns im westen. welch eine gerechtigkeit. und dann noch der umtauschfaktor für tapetengeld zur einer harten währung und der diebstahl aus unserer rentenkasse. da muss man ja unbedingt die nazis wählen, oder?

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