Warum Wagenknecht nicht die Erbin Brandts ist

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Willy Brandt. Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:W.brandt.jpg

In der Frage, wie der Angriffskrieg Putins auf die Ukraine beendet werden könnte, berufen sich Sahra Wagenknecht und andere Linke auf Willy Brandt. Zu Unrecht, sagt der Alt-Lüneburger und Historiker Dr. Bernd Rother. Willy Brandt habe wenig zu tun mit dem Bild, das sich manche heute von ihm herbeifantasieren. Dr. Rohter gehört heue der Blog. Und er holt aus und rückt das Brandt-Bild mancher Politiker zurecht: „Jede Zeit will eigene Antworten.“ Genau da hilft ein Blick auf Brandts Denken.


Wird in Deutschland über Krieg oder Frieden, über Wehrhaftigkeit oder Abrüstung gestritten, dann fällt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Name: Willy Brandt. Von Sahra Wagenknecht bis Boris Pistorius reklamieren viele auf der Linken, die wahren Erben Brandts zu sein. Gute Argumente – oder besser: passende Zitate – scheint dafür jeder vorbringen zu können.

Brandts politischer Werdegang ist facettenreich wie kaum ein anderer. Dass er kein Pazifist war, wusste man seit dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Zweiten Weltkrieg. Welch überragenden Stellenwert für ihn der Frieden besaß, brachte er auf die Formel „Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts“. Wie wichtig ihm zugleich die Wehrhaftigkeit der Bundesrepublik war, beweisen Verteidigungsausgaben in Höhe von drei Prozent des Brutto-Inlandsprodukts in seiner Zeit als Kanzler. Dass er aber auch die Furcht vor einem Atomkrieg ernst nahm und teilte, zeigt seine Ablehnung der Nachrüstung. Willy Brandt: ein Politiker voller Widersprüche, gar ein Opportunist oder die Inkarnation des kräftigen Sowohl-als-Auch? Welchen Sinn ergibt da der Wettbewerb um das überzeugendste Brandt-Zitat?

Nicht viel, das scheint klar zu sein. Doch führt gerade diese scheinbare Widersprüchlichkeit auf die richtige Spur. In seiner Abschiedsbotschaft an den Kongress der Sozialistischen Internationale (SI), der im September 1992, wenige Wochen vor Brandts Tod, in Berlin zusammentrat, findet man einen Satz, der hilft, Brandt zu verstehen: „Jede Zeit will eigene Antworten.“ (1)

Gemeinhin wird der Satz als Mahnung an die Nachgeborenen verstanden, sie sollten nicht auf alte Rezepte vertrauen. Er kann aber auch als Resümee von Brandts politischem Wirken aufgefasst werden: Weil jede Zeit eigene Antworten will, fallen die Antworten je nach den Zeitumständen unterschiedlich aus. Über fünfzig Jahre zuvor hatte er nach Abschluss des Hitler-Stalin-Paktes bereits gefordert: „Eine neue Lage ist entstanden, und diese neue Lage erfordert nachzudenken, um zu Klarheit zu gelangen. Die Haltung der Bewegung muss mit den neuen Ereignissen in Übereinstimmung gebracht werden.“ (2) 

Brandt war demnach kein Opportunist, kein Politiker ohne inneren Kompass, sondern ein Realist, der stets die Lage neu analysierte und daraus seine Antworten ableitete. Mit Prinzipienlosigkeit hatte dies nichts zu tun. Im Gegenteil: Die Freiheit stand für Brandt über allem, sie musste verteidigt werden, notfalls auch mit Waffengewalt, aber direkt danach kam schon das Streben nach Frieden, der errungen und gesichert werden müsse.

Wenn man Willy Brandt und seine Politik nicht gänzlich einmotten, sondern weiterhin als Füllhorn voller Anregungen und Warnungen nutzen will, dann gilt es, historische Umstände zu identifizieren, die den heutigen ähneln. Dann kann man sehen, was uns das politische Handeln von Brandt für die Gegenwart sagt. Einen solchen Fall stellt Brandts Politik gegenüber dem sandinistischen Nicaragua in den 1980er Jahren dar. Die US-Regierung unter Ronald Reagan betrachtete das Land als Bedrohung der amerikanischen Sicherheit, wie dies heute Wladimir Putin von der Ukraine behauptet. Wie reagierte vor vierzig Jahren Brandt, und wie sehen im Vergleich dazu die Argumente derjenigen deutschen Linken aus, die heute Putins Bedrohungsanalyse teilen? Können sie sich zu Recht auf Willy Brandt berufen?

Die These vom bedrängten Russland

Schauen wir uns zuerst die Argumente der „Putin-Versteher“ an, wie sie von ihren Gegnern despektierlich genannt werden. Auch sie sagen, Russland sei der Angreifer. Dies gilt selbst für den Journalisten und Friedensaktivisten Reiner Braun, lange Jahre DKP-Mitglied. Er stellte Ende 2022 in einem Beitrag für die Zeitschrift „Wostok“, Nachfolgerin des Botschaftsorgans „Sowjetunion heute“, fest, es handele sich um einen „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine“. Kein Passus der UN-Charta rechtfertige diesen „präventiven Angriffskrieg gegen ein unabhängiges Land“. (3)

An dieser Stelle wird die Distanzierung von Moskaus Vorgehen bereits brüchig: Der Überfall soll ein „Präventivkrieg“ gewesen sein, Russland soll also einem ukrainischen Angriff zuvorgekommen sein. Nicht nur deswegen entsteht bei Braun wie auch bei Äußerungen von Sahra Wagenknecht und anderen BSW-Mitgliedern schnell der Eindruck, ihre Charakterisierung des russischen Vorgehens als völkerrechtswidrig sei nicht mehr als eine angesichts der erdrückenden Evidenz pflichtschuldig vorgebrachte Distanzierung, die aber sogleich durch eine Einschränkung überkompensiert wird. Die Einschränkung, die stets folgt, nimmt den Westen in Mitverantwortung. Braun: „Natürlich hat auch dieser Krieg eine Vorgeschichte oder besser eine jahrzehntelange westliche Provokation, genannt Nato-Osterweiterung. Und dieser Krieg hat auch nicht am 24. Februar 2022 begonnen, wahrscheinlich ist auch das Jahr 2014/15 als Kriegsbeginn zu kurz gegriffen.“

EU und Nato wollten schon zuvor, „die Ukraine in das ‚westliche Lager‘ holen“. Braun ver- weist als Beleg auf Reden des damaligen EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso aus dem Jahr 2008. „Dieses Ziel, verbunden mit einer massiven Militarisierung der Ukraine durch die Nato, und auch der Schießkrieg gegen die ‚Volksrepubliken Donezk und Luhansk‘ sind Teil einer aggressiven westlichen Politik.“

Dr. Bernd Rother, Alt-Lüneburger Historiker und lange stellvertretender Geschäftsführer der Willy-Brandt-Stiftung. (Foto: privat)

Sahra Wagenknecht teilt diese Sichtweise: „‚Es geht darum, dass die Russen nicht akzeptieren, dass die Ukraine ein militärischer Vorposten der Vereinigten Staaten wird, mit Militärstützpunkten und Raketenbasen.‘“ (4) 

Und ebenso das BSW-Mitglied Michael von der Schulenburg: „Der Grund dieses Krieges war auch die geplante Expansion der Nato in die Ukraine.“ (5) Auch Sozialdemokraten wie beispielsweise Peter Brandt, der älteste Sohn Willy Brandts, werden nicht müde, die Rolle des Westens beim Weg in den Krieg zu betonen.

Die Ukraine und darüber hinaus der Westen tragen also in dieser Lesart eine Mitschuld daran, dass Russland den Nachbarstaat überfiel. Angeblich sah Putins Regierung keinen anderen Ausweg, um einer unmittelbaren militärischen Bedrohung an seiner Westgrenze, womöglich sogar einem Angriff aus dieser Richtung, zuvorzukommen. Braun schlussfolgert: „Für den Frieden in der Ukraine sind Nato-Freiheit und Neutralität der Ukraine eine unabwendbare Voraussetzung. […] Frieden ist möglich, bei vorhandenem politischen Willen! Die Ukraine blockiert hier aus Systemüberlebensinteressen.“

Vereinnahmung der Entspannungspolitik

Zugleich beschwören Braun und andere immer wieder Willy Brandt als Vorbild und seine Ostpolitik als Mahnung, trotz allem eine Verständigung mit Russland zu suchen. Braun fasst – zustimmend – Äußerungen von Gesprächspartnern in Moskau Ende 2022 so zusammen: „Viele hätten in der Tradition von Willy Brandt und Egon Bahr eine [von den USA] eigenständige, verständnisvollere Rolle [der Bundesregierung] erwartet.“ Für sich selbst rekla- miert er: „Es bleibt die Grundlage unseres Engagements und unserer Überzeugung, was Willy Brandt bei der Verleihung des Friedensnobelpreises ausgeführt hat: ‚Frieden ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Frieden.‘“ (6) 

Ähnlich klingt Sevim Dag ̆delen, BSW-Außenpolitikerin und Wagenknecht-Vertraute: „Willy Brandt hat mit seiner Entspannungspolitik ja auch nicht in einer ganz komfortablen Lage begonnen. Das sollte Vorbild sein.” (7) Im BSW- Programm heißt es: „Unsere Außenpolitik steht in der Tradition des Bundeskanzlers Willy Brandt und des sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow, die dem Denken und Handeln in der Logik des Kalten Krieges eine Politik der Entspannung, des Interessenausgleichs und der internationalen Zusammenarbeit entgegengesetzt haben.“ (8)

Was hat das alles mit Nicaragua zu tun? Nach den gerade dargelegten Maßstäben für die Verteilung der „Schuld“ am Krieg Russlands gegen die Ukraine hätte Willy Brandt sich in den 1980er Jahren von Nicaragua distanzieren und stattdessen Verständnis für Ronald Reagan aufbringen müssen. Denn auch die Sandinisten waren in der Logik von Braun, Wagenknecht und Co. „mitschuldig“. Klingt abstrus, ist aber die Konsequenz aus deren Anayse der Vorgeschichte des russischen Angriffskrieges. Wie Putin heute die Ukraine, betrachtete Reagan damals Nicaragua als Bedrohung der nationalen Sicherheit. Damals wie heute lässt sich trefflich darüber streiten, wie ernst solche Äußerungen zu nehmen sind, aber wer Putin dies zubilligt, muss es retrospektiv auch bei Reagan gelten lassen. Denn er konnte Argumente anführen, die nicht weniger stichhaltig – oder andersherum: nicht weniger herbeigeholt – waren als heute die von Putin.

Kurz zur Erinnerung: 1979 stürzte in Nicaragua die Sandinistische Befreiungsfront FSLN den Somoza-Clan, der hinter der Fassade von Pseudo- Wahlen seit Jahrzehnten eine Familiendiktatur aufgebaut hatte. Bis kurz vor Schluss standen die Vereinigten Staaten zu Somoza. Die Sandinisten bezeichneten sich mehrheitlich als Marxisten-Leninisten, aber durch Maßnahmen wie eine Alphabetisierungskampagne und eine Bodenreform sowie durch das Versprechen baldiger Wahlen gewannen sie die Unterstützung der westeuropäischen Sozialdemokratie.

Außenpolitisch orientierte sich die neue Regierung schnell zum Ostblock. Ab 1980 gelangten sowjetische Waffen über Libyen und Algerien nach Nicaragua. Im Mai des Jahres reiste eine sandinistische Delegation nach Moskau, um die Beziehungen zu vertiefen. Eines der Ziele war der Beitritt zum östlichen Wirtschaftsbündnis Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Im Juli 1981 trafen in Nicaragua schwere Waffen wie Panzer und Artillerie aus der Sowjetunion ein und im November unterzeichneten die Verteidigungsminister einen Vertrag über weitere Waffenlieferungen. Bis 1985 sollten demnach Mig-21-Flugzeuge geliefert werden, Piloten des mittelamerikanischen Landes begannen ihre Ausbildung in Bulgarien, doch am Ende war Moskau das Geschäft zu heikel, die Flugzeuge wurden nie auf den Weg gebracht.

Erdöl erhielt Nicaragua von der Sowjetunion zu Vorzugspreisen, auch günstige Kredite gewährte Moskau seinem Verbündeten. 1984 bekundete die Regierung Nicaraguas erstmals öffentlich ihren Wunsch, Mitglied des Warschauer Pakts zu werden. Seine „Linientreue“ hatte das Land bereits 1981 unter Beweis gestellt, als es die Verhängung des Kriegsrechts in Polen begrüßte, mit dessen Hilfe dort die Gewerkschaft Solidarnos ́c ́ unterdrückt werden sollte. Im Inneren verschärfte die sandinistische Regierung kontinuierlich die Repression gegen Oppositionelle, die Wahlen wurden immer weiter hinausgeschoben, weil man – so ein führender Sandinist – das Schicksal der Revolution nicht dem Zufall von Wahlen überlassen wollte.

Wählt man die Perspektive der jeweiligen Hegemonialmacht, dann war das „Sündenregister“ der Sandinisten länger als das der Ukraine vor dem russischen Überfall. Eine marxistisch-leninistische Regierung 2500 Kilometer von der US-Grenze entfernt und in der Nähe des Panamakanals – das war aus Sicht Reagans eine Bedrohung wie zwanzig Jahre zuvor Fidel Castros Sieg in Kuba. Deshalb begannen die USA einen unerklärten Krieg gegen das Land, nachdem Reagan 1981 Präsident geworden war. Nicaraguanische Häfen wurden vermint und konterrevolutionäre Söldner finanziert. Ähnlichkeiten zum Vorgehen Russlands im Donbass und auf der Krim drängen sich auf.

Brandt und das Recht auf nationale Selbstbestimmung

Wie aber reagierte Europas Sozialdemokratie, wie der damalige Präsident der Sozialistischen Internationale, Willy Brandt? Brandt nahm die außenpolitischen Entscheidungen der Sandinisten, die man wahlweise dumm oder provokant nennen kann, nicht zum Anlass, Verständnis für Reagan zu zeigen, wie dies in der Logik der heutigen Argumente von Braun, Wagenknecht und anderen läge. Von ihm vernahm man kein „Ja, aber“, wie wir es von seinen selbst ernannten Erben heute hören. Wären Wagenknecht und Braun ehrlich mit sich selbst und konsequent, dann müssten sie heute erklären, dass Reagan damals durchaus Gründe gehabt habe, gegen Nicaragua vorzugehen.

Brandt hingegen äußerte sich 1983 wie folgt: „Die Regierung Reagan begreift revolutionäre Bewegungen, die im Volkskampf gegen oligarchische und terroristische Unterdrückung tief verwurzelt sind, als Agenten einer sowjetischen oder kubanischen Verschwörung. Wir betrachten diese Auffassung als eine radikale Verzerrung der Realität.“ (9) Ebenso deutlich formulierte der sozialdemokratische Außenpolitiker Hans-Jürgen Wischnewski 1985 in einem Brief an den US-Präsidenten: „Die Finanzierung des gegen Nicaragua geführten Krieges aus dem Haushalt der Vereinigten Staaten ist mit dem Völkerrecht nicht vereinbar.“ Diejenigen, die gegen Nicaragua Krieg führen, „als Freiheitskämpfer zu bezeichnen, ist ein Hohn auf die Freiheit“.(10)

Willy Brandt wird von den sogenannten Putin-Verstehern also fälschlich vereinnahmt. Die Maxime, der seiner Auffassung nach eine sozialdemokratische Außenpolitik folgen sollte, erläuterte er mehrfach mit einem Zitat aus der „Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation“, verfasst 1864 von Karl Marx. In Brandts Worten lautete die Maxime so: „Die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehungen von Privatpersonen regeln sollten, so hieß es dort, seien als die obersten Gesetze auch des Verkehrs von Nationen geltend zu machen.“ (11) Das genügt eigentlich bereits, um den Unterschied deutlich zu machen. Denn in welchem „Verkehr von Privatpersonen“ zeigt man mehr Verständnis für den Angreifer als für den Angegriffenen?

Aber nicht nur das markiert einen entscheidenden Unterschied. Brandt ließ sich vom Prinzip der nationalen Selbstbestimmung leiten, ein Prinzip, das die Ex-Kommunistin Wagenknecht und der Ex-DKPler Braun doch bei Lenin gelernt haben müssten. Das nicaraguanische Volk hatte sein Schicksal in die eigenen Hände genommen, wollte soziale Reformen und politische Demokratie. Darin verdiente es Unterstützung. Wenn die Sandinisten von diesem Kurs abwichen, dann ermahnte Brandt sie intern, aber zu keiner Zeit folgte für ihn daraus, dass die USA legitimiert seien, das Land zu destabilisieren.

Das Recht auf nationale Selbstbestimmung leitete Brandt auch 1989/90. Nicht seine eigene Sympathie für die Wiederherstellung der deutschen Einheit, für die er seit den 1950er Jahren gekämpft hatte, war sein stärkstes Argument gegen Günter Grass und Oskar Lafontaine, als diese die Einheit gänzlich ablehnten oder auf die lange Bank schieben wollten. Das Selbstbe- stimmungsrecht der Menschen in der DDR galt für Brandt uneingeschränkt. Entschieden sie sich für die Einheit, dann war dem zu folgen. Das Ergebnis der Volkskammerwahl im März 1990 war in der Beziehung eindeutig.

Auch in der Ukraine haben die Menschen das Recht auf nationale Selbstbestimmung ausgeübt – im Referendum vom 1. Dezember 1991. 84 Prozent stimmten damals für die Unabhängigkeit, selbst auf der Krim und in Sewastopol ergaben sich Mehrheiten (54 bzw. 57 Prozent). Wenn Sahra Wagenknecht heute vorschlägt, die Menschen im Donbass und auf der Krim sollten über die territoriale Zugehörigkeit entscheiden, ist das ein Hohn auf das Recht zur nationalen Selbstbestimmung, nach der Flucht und Vertreibung der loyal zur Ukraine stehenden Teile der Bevölkerung aus diesen Gebieten und nach der Ansiedlung russischer Staatsbürger dort.

Die nationale Selbstbestimmung war und ist insbesondere ein Schutz für kleinere Staaten. Im skandinavischen Exil hatte Brandt gelernt, die Welt nicht nur aus dem Blickwinkel der Großmächte zu betrachten. Diese Erfahrung prägte ihn für Jahrzehnte. „Nie mehr eine Politik über Polen hinweg“, war eine der Konsequenzen, die er daraus zog. (12) 

In Zentralamerika setzte er sich dafür ein, dass die Akteure vor Ort eine Lösung des Konflikts fanden, ohne Einmischung aus Washington oder Moskau. Auf heute gemünzt hieße das: „Keine Friedenslösung über die Ukraine hinweg“. Aber wer sich die Äußerungen aus den Reihen des BSW anschaut, wird erkennen, dass dort der Ukraine keine eigenständige Rolle zugebilligt wird. Auch das trennt Brandt von Wagenknecht und anderen. Vielmehr propagieren Braun, Wagenknecht und Co. mit ihrer ständigen Mahnung, auf Russlands Interessen Rücksicht zu nehmen, eine Neuauflage der Breschnew-Doktrin – oder mit Blick auf Lateinamerika: der Monroe-Doktrin. Demnach hat der regionale Hegemon das Recht, den Kurs der umliegenden Länder zu bestimmen. Michail Gorbatschow verkündete bereits 1988 die Abkehr vom „proletarischen Internationalismus“, mit dem die UdSSR 1968 ihren Einmarsch in der Tschechoslowakei begründet hatte. Auf ihn berufen sich Braun, Dag ̆delen, Wagenknecht und andere also ebenso zu Unrecht wie auf Brandt.

Nicht nur Nicaragua zeigt, wo Brandt heute stünde. Putins Russland hat mit der Sowjetunion ganz besonders eines gemeinsam: die Macht des Geheimdienstes. Wie Stalins NKWD (später umfirmiert in KGB) vorging, hatte Brandt 1937 am eigenen Leib erfahren, als er sich von Februar bis Juni in Barcelona aufhielt, um die Sache der spanischen Republik zu unterstützen. Mehrere seiner Genossen von der linkskommunistischen POUM verschwanden spurlos; schnell wurde klar, dass die spanische KP im Verbund mit Emissären des NKWD dafür verantwortlich war. Brandt selbst musste Anfang Juni Hals über Kopf das Land verlassen, um der Verschleppung in ein Geheimgefängnis der Stalinisten zu entgehen.

Ostpolitik und Westorientierung

Während des Zweiten Weltkriegs hielt Brandt im schwedischen Exil Kontakt zu den Botschaften der USA und der Sowjetunion. Aber er machte Unterschiede: Mit der sowjetischen Botschafterin Alexandra Kollontai traf er einmal zusammen, der US-Botschaft lieferte er beständig detaillierte Informationen über die Lage in Norwegen, die er als Angehöriger des Widerstands seiner zweiten Heimat erlangt hatte. Roosevelts vier Freiheiten (Rede- und Glaubensfreiheit, Freiheit von Not und Angst) wurden auch über das Kriegsende hinaus zu wichtigen programmatischen Orientierungspunkten von Brandt: „Die freiheitliche Tradition Amerikas […] berührte einen entscheidenden Impuls meines eigenen Denkens.“ (13)

Nach dem Sieg über Hitlerdeutschland hoffte Brandt auf eine dauerhafte Verständigung zwischen den Alliierten, auch auf eine Überwindung der Spaltung der Arbeiterbewegung. Aber die Zwangsvereinigung von KPD und SPD in der SBZ, der Februar-Putsch der tschechoslowakischen KP 1948 und die Berlin-Blockade 1948/49 machten ihn zu einem entschiedenen Verfechter der Westorientierung. Mit dem auf die nationale Einheit abzielenden SPD- Chef Kurt Schumacher geriet er darüber in Konflikt. Von 1948 bis 1952 arbeitete Brandt sogar mit dem Militärgeheimdienst CIC der USA zusammen. (14)

In Berlin war Brandt ein „Kalter Krieger“, wie er in einem lebensgeschichtlichen Interview für das ZDF 1988 bekannte. (15) Noch 1962 forderte er in einem Vortrag an der Harvard University, der Westen müsse der Sowjetunion klarmachen, „daß wir entschlossen sind, uns notfalls mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen“. Der Westen habe glaubwürdig zu vermitteln, dass dann die Selbstvernichtung der Menschheit drohe. Etwaige Zweifel an seiner Botschaft räumte Brandt aus: „Die Frage ‚Sterben für Berlin?‘ ist falsch gestellt. […] Hier geht es darum, die Frage auch nach Osten zu stellen: Will Moskau für seine Berlin-Ziele einen Krieg führen? Würde diese Frage bejaht, dann würde Moskau seinen Krieg bekommen, und weder die Feigen noch die Mutigen unter uns würden dann den Kreml abhalten kön- nen, seinen Krieg zu beginnen. […] Nur die innere Bereitschaft, auch das letzte Risiko einzugehen, kann uns vor der Selbstvernichtung bewahren.“ (16)

„Auch das letzte Risiko einzugehen“, hieß vereinfacht, dass Brandt sich durch keine noch so scharfe Drohung aus dem Kreml von seinem Kurs abbringen lassen und bis zum Letzten dagegenhalten wollte, in der Hoffnung, dass Moskau dann klein beigeben würde.

Das war der eine Teil von Brandts Antwort auf die sowjetische Politik, welche immer noch die Freiheit Westberlins existenziell bedrohte und kurz nach seinem Vortrag mit der Stationierung von Raketen auf Kuba die Welt leichtfertig an den Rand eines Atomkriegs brachte. Der andere Teil bestand darin, das sowjetische Angebot einer friedlichen Koexistenz auszutesten, ohne dabei die Westbindung, die Nato-Zugehörigkeit und die Wehrhaftigkeit infrage zu stellen. Eine ähnliche Mischung aus militärischer Wachsamkeit und politischer Dialogbereitschaft prägte die 1967 beschlossene neue Nato- Doktrin, den sogenannten Harmel-Bericht, an dessen Erarbeitung Brandt, nun Bundesaußenminister, wesentlichen Anteil hatte.

Diese Doktrin war der Ausgangspunkt der „Neuen Ostpolitik“. Sie war dezidiert keine Alternative zur Westpolitik Adenauers, sondern ihre zwingende Ergänzung. Kernpunkt der Ostpolitik war die Anerkennung der Realitäten, sprich: der Grenzen, die nach 1945 entstanden waren. Damals war die Bundesrepublik in dieser Hinsicht der einzige revisionistische Staat in Europa. Wenn heute verlangt wird, Deutschland müsse in der Tradition der Ostpolitik die Realitäten anerkennen, um zum Frieden zwischen Russland und der Ukraine beizutragen, dann wird unterschlagen, dass es damals um die eigenen, die deutschen Grenzen ging. Heute geht es um die Grenzen der Ukraine, die Putin verändern will, entgegen dem Recht auf nationale Selbstbestimmung, dem Willy Brandt verpflichtet war. Nicht Deutschland hat Putins Eroberungen zu bestätigen, ohne die Ukraine zu konsultieren. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Im Sinne von Brandts Ostpolitik wäre es, die heutige grenzrevisionistische Macht Russland aufzufordern, die Realitäten von 1991 wieder anzuerkennen und die damals festgelegten Grenzen der Ukraine zu respektieren, wie es Russland im Budapester Memorandum von 1994 ausdrücklich zugesichert hat.

Alles ist ohne den Frieden nichts?

In der Debatte über die deutsche Reaktion auf den russischen Überfall wird gerne mahnend darauf verwiesen, Willy Brandt habe seine Ostpolitik nur 15 Monate nach dem sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei gestartet. Nur war die Lage damals ganz anders als heute. Die Besetzung der Cˇ SSR, so verurteilenswürdig sie war und ist, änderte keine Grenzen, wahrte die Einflussbereiche der Blöcke, ging nicht mit Kriegsverbrechen einher; die tschechoslowakische Armee leistete den Invasoren keinen Widerstand. Zudem: Die Sowjetunion bot im Frühjahr 1969 Verhandlungen über Entspannungsschritte an und räumte bislang formulierte Vorbedingungen beiseite, etwa die der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR durch die BRD.

Putin wie Breschnew sind bzw. waren Diktatoren, aber nicht einmal Reiner Braun oder Sahra Wagenknecht würden über Putin das sagen, was Willy Brandt 1981 über den KPdSU-Generalsekretär zum Ausdruck brachte: „Breschnew zittert um den Frieden.“(17) Die Ostpolitik ist in die Geschichte eingegangen als Teil der Détente zwischen Ost und West. Dabei ist in Vergessenheit geraten, dass beide Seiten des Konflikts ihre militärische Stärke bewahren wollten. Willy Brandt war dem Frieden, aber nicht dem Pazifismus verpflichtet. Deshalb blieben die Ausgaben für Verteidigung auch in seiner Zeit als Bundeskanzler stets hoch.

Und was ist mit dem friedensbewegten Willy Brandt der 1980er Jahre? Auch in der Rede aus dem Jahr 1981, in der der berühmte Satz „Der Frieden ist nicht alles, aber alles ist ohne den Frieden nichts“ fiel, plädierte er für den Verbleib in der Nato, grenzte die Sozialdemokratie vom Pazifismus ab, bekannte sich zum Widerstandsrecht der Völker mit Waffen. Auf der Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten am 22. Oktober 1983 lehnte er zwar die Nachrüstung ab, verteidigte aber die Nato-Zugehörigkeit der Bundesrepublik.

Auf Brandts Beispiel, auch dort aufzutreten, wo viele ihm kritisch begegneten, beriefen sich Ralf Stegner und Wolfgang Thierse, als sie zur Teilnahme an der sogenannten Friedensdemonstration am 3. Oktober dieses Jahres in Berlin aufforderten. Auf der Friedenskundgebung im Bonner Hofgarten im Jahr 1983 redeten neben Brandt auch Heinrich Böll, Petra Kelly und andere. Heute hätte er es mit Sahra Wagenknecht und dem Querfrontaktivisten Reiner Braun zu tun. Ob Brandt das in Kauf genommen hätte? Damals war der Demo-Aufruf Ergebnis intensiver Debatten im Vorfeld, heute wurde der maßgebliche Aufruf von Braun und Wagenknecht dekretiert. Er enthält keinerlei Hinweis darauf, dass Russland der Angreifer ist. Ob das in der Tradition von Willy Brandt steht? Selbst die DFG-VK (Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen) sagte deshalb ihre Teilnahme ab.

Neue Antworten nach 1989

Als die Auflösung der Blöcke 1989 begann und ab Anfang 1990 über die künftige Rolle der Nato diskutiert wurde, konnte man Brandt dabei beobachten, wie er die „eigene Antwort“ suchte, welche die neue Zeit wollte. Ständig galt es, die eigenen Positionen zu überprüfen. Im Februar 1990 schrieb er an Gorbatschow: „Die sozialdemokratischen Parteien in beiden Staaten lehnen die Nato für das vereinte Deutschland ab.“ Vier Monate später, beim Römer- berggespräch, klang Brandt schon anders: „[W]ie käme die Bundesrepublik dazu, ihre Zugehörigkeit zur Nato aufzukündigen? Auch bei einer weitreichenden Anpassung an die veränderte Weltlage möchte man – auch ich – die Verklammerung mit den Amerikanern nicht zur Disposition stellen.“ (18) Auch jetzt lehnte Brandt eine Äquidistanz zu Moskau und Washington ab.

Übrigens ging Oskar Lafontaine anderthalb Jahre später, was die Rolle der Nato angeht, viel weiter als Brandt. „Der Spiegel“ berichtete Anfang 1992: „Lafontaine will den osteuropäischen Staaten Sicherheitsgarantien der Nato anbieten […]. Auch die Nachfolgerepubliken der früheren Sowjetunion sollen derartige Verträge schließen können […].“ (19) Die Nato hätte, wäre diese Idee umgesetzt worden, der Ukraine gegen Russland militärisch beistehen müssen. Ob Oskar das Sahra gebeichtet hat?

Seine letzte große Rede hielt Willy Brandt im Mai 1992 in Luxemburg. Er bedauerte, dass die KSZE institutionell zu schwach sei, zeigte sich hingegen erfreut, dass die Nato „eine Offenheit gezeigt [hat], die ihr manche nicht zugetraut hatten“. Sie müsse nun „ehemalige Mitgliedstaaten des Warschauer Paktes weitgehend ‚einbinden‘, damit in Mitteleuropa kein Sicherheitsvakuum bleibt“. (20) Heute besteht wieder ein Sicherheitsvakuum in Europa. Es ist entstanden, weil Russland das Völkerrecht und bilaterale Abkommen gebrochen hat. Putin hat es geschafft, dass das Vertrauen in die Vertragstreue seines Landes auf null gesunken ist. 1973 erklärte Willy Brandt vor der UN-Vollversammlung: „Sicherheit kann nicht durch Vertrauen allein entstehen: Auch das ist eine Realität. Diese Feststellung braucht gleichzeitig Umkehrung: Vertrauen entsteht durch Sicherheit.“ (21) Auf die Gegenwart bezogen bedeutet dies: Sicherheit vor Russland ist erforderlich.

Wie kann es im Sinne von Willy Brandt weitergehen? Für Nicaragua hatte er in den 1980er Jahren vorgeschlagen, die Länder der Region sollten ohne Einmischung der Großmächte einen Weg zum Frieden suchen – was auch gelang. Dieses Modell eignet sich für die Ukraine nicht. Sie bedarf weiterhin der militärischen und auch der diplomatischen Unterstützung durch möglichst viele Länder. Wenn am Ende nicht die Kapitulation der Ukraine stehen soll, dann hängt alles von Russland ab. Es muss zu Verhandlungen bereit sein. Die Forderung nach mehr Diplomatie ist berechtigt, aber sie gilt zuvorderst gegenüber Moskau. Bisher hat sich Putin allen diplomatischen Initiativen verschlossen.

Der Aufbau von gegenseitigem Vertrauen war einer der Bausteine der Ostpolitik. Verhandlungen über einen Frieden zwischen Russland und der Ukraine können nur gelingen, wenn das verlorene Vertrauen in die Vertragstreue und in die Friedfertigkeit Moskaus wiederhergestellt wird. Und es bedarf vertrauenswürdiger Sicherheitsgarantien anderer Staaten für die Ukraine, wie auch immer ihre Grenzen nach einem Friedensvertrag aussehen. Das sind Herausforderungen an Russland und an den Westen, deren Bewältigung heute noch in den Sternen steht. Aber ohne ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen, das war Willy Brandt bewusst, ist eine Entspannung zwischen Gegnern nicht möglich.

Die Freiheit zu erringen, zu verteidigen, sie auszubauen – das war die Konstante in Brandts politischem Denken und Handeln. Friedlich sollte dies geschehen, wenn möglich, aber mit Waffengewalt, wenn es anders nicht geht. Frieden war ihm dann doch nicht alles, sofern er der Friedhofsruhe von Diktaturen glich. Der wirkliche Willy Brandt hat daher wenig zu tun mit dem Bild, das sich manche heute von ihm herbeifantasieren – zum Glück.

Dr. Bernd Rother

  1. Willy Brandt, Berliner Ausgabe, Bd. 8, Bonn 2006, S. 515 f.
  2. Ders., Berliner Ausgabe, Bd. 1, Bonn 2002, S. 461.
  3. Reiner Braun, Moskau. November 2022 – Eine Reise für den Frieden, in: „Wostok. Informationen aus dem Osten für den Westen“, Winter 2022, S. 22-25. Dort finden sich auch die weiteren Zitate.
  4. Vgl. Peter Sieben, Bündnis Sahra Wagenknecht – Politiker für Wiederannäherung an Russland: „Wir brauchen ein starkes Europa“, fr.de, 16.1.2024.
  5. Vgl. das Interview mit Fabio De Masi und Michael von der Schulenburg: Was Wagenknechts Kandi- daten wirklich über Russland denken, spiegel.de, 23.1.2024.
  6. Tatsächlich stammt dieses Zitat aus dem Jahr 1981.
  7.  Interview mit Sevim Dag ̆delen, BSW: Das sind unsere Forderungen, wir werden keinen Kotaumachen, berliner-zeitung.de, 7.9.2024.
  8.  Vgl. Für ein neues Selbstverständnis in der Außenpolitik, bsw-vg.de.
  9. Rede in der Heimvolkshochschule Saarbrücken der Friedrich-Ebert-Stiftung, 22.5.1983.
  10. Offener Brief des Präsidiumsmitgliedes und Schatzmeisters der SPD, Hans-Jürgen Wischnewski, anUS-Präsident Ronald Reagan, Mai 1985.
  11. Vgl. die Rede Brandts beim SI-Kongress, 26.11.1976. Im Original lautet das Zitat: Die Arbeiterklas-sen haben „die Pflicht […] die einfachen Gesetze der Moral und des Rechts, welche die Beziehun- gen von Privatpersonen regeln, als die obersten Gesetze des Verkehrs von Nationen geltend zu machen.“ MEW, Bd.16, Berlin (DDR) 1973, S. 13.
  12. „Vorwärts“, 4.12.1980.
  13. Willy Brandt, Begegnungen und Einsichten. Die Jahre 1960-1975, Hamburg 1976, S. 80.
  14. Ein Antrag des Autors auf Freigabe aller Akten der CIA über eine Zusammenarbeit mit Brandt sollim Februar 2026 beschieden werden.
  15. Interview von Horst Schättle mit Willy Brandt, willy-brandt-biografie.de, 1988, Zitat bei Min. 0:12.
  16. Willy Brandt, Koexistenz – Zwang zum Wagnis, Stuttgart 1963, S. 12 f., 63.
  17. Interview mit WillyBrandt,„Breschnew zittert um den Frieden“,in:„DerSpiegel“,5.7.1981. 
  18. Willy Brandt, Berliner Ausgabe, Bd. 10, Bonn 2009, S. 444, 449.
  19. „Der Spiegel“, 4/1992, S. 34.
  20. Willy Brandt, Berliner Ausgabe, Bd. 10, Bonn 2009, S. 543 f.
  21.  Ders., Berliner Ausgabe, Bd. 6, Bonn 2005, S. 501.

Vita: Dr. Bernd Rother, Historiker, geb. 1954 in Melbeck, Abitur am Johanneum, von 1999 bis 2020 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und stellvertretender Geschäftsführer der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung in Berlin.

Zuerst erschienen in „Blätter für deutsche und internationale Politik 11/2024“
Link: www.blaetter.de 

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11 Responses to Warum Wagenknecht nicht die Erbin Brandts ist

  1. Avatar von Anne König Anne König sagt:

    „Wer schreibt die Geschichte einer Kanzlerin wirklich?“, fragt Anne Will gestern, am Dienstagabend zum Schluss ihres Gespräches mit der ehemaligen Kanzlerin, Angela Merkel, bei deren Buchpremiere im Deutschen Theater Berlin. Merkel hatte sich die Antwort schon zurechtgelegt: „Die Geschichte einer Kanzlerin entsteht aus der Vielfalt der Geschichten über die Kanzlerin inklusive der Geschichte von der Kanzlerin und Frau Baumann über die Kanzlerin.“ Vgl.: std:min:sek 1:59:35 hier. https://www.youtube.com/watch?v=ksu8DTy0PgM

    „Wer schreibt die Geschichte des Kanzlers Willy Brandt wirklich?“, darf sich auch jeder Blog.jj-Leser fragen. Herr Dr. Rother hätte die Möglichkeit zu antworten: „Die Geschichte eines Kanzlers entsteht aus der Vielfalt der Geschichten über diesen Kanzler – inklusive der Geschichten von dem Kanzler Willy Brandt plus Herrn Dr. Rothers Geschichte der Geschichten über den Kanzler.“

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  2. Avatar von R. Löser R. Löser sagt:

    Mir kommt es so vor, als zöge sich im Hinblick auf die imaginierte »Gewalt« eine gerade Linie von Brandt zu Scholz.

    Nach der Einigung auf den Kanzlerkandidaten wechselte die SPD am heutigen Montag im Willy-Brandt-Haus in den Wahlkampfmodus – und setzt erneut auf Friedensrhetorik. Im Europawahlkampf war das bekanntlich ein Rohrkrepierer. Der jüngste russische Angriff auf die geschundene Ukraine mit einer nach Putins Angaben neuen Mittelstreckenrakete sei »furchtbar«. Wie wird Deutschland darauf reagieren? Scholz sagte abermals, dass er der Ukraine keine weitreichenden Marschflugkörper liefern werde.

    Zur Botschaft existiert eine berühmte Parabel. Schon als ich die vor langer Zeit das erste Mal las, hat mich deren »Lehre« abgestoßen, empört aber haben mich die zwei Worte: »Gerade ich…«:

    Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen – die Gewalt.

    »Was sagtest du?« fragte ihn die Gewalt.

    »Ich sprach mich für die Gewalt aus«, antwortete Herr Keuner.

    Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: »Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.«

    Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:

    In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setze; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.

    Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: »Wirst du mir dienen?«

    Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: »Nein.«
    ____________________
    Quelle: Bertolt Brecht: »Maßnahmen gegen die Gewalt«. Aus ders.: »Versuche« (1930). In: »Geschichten vom Herrn Keuner«. Suhrkamp Verlag, 2012 (= BasisBibliothek. Band 46). 217 Seiten. Hier Seite 12.

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  3. Avatar von Konrad S. Konrad S. sagt:

    Bei der Eindämmung des nuklearen Raubmordstaates, als der Putins Russland angesehen werden muss, ist der Westen auf atomare Abschreckung angewiesen. Doch Frieden durch Abschreckung kann es nur geben, wenn das minimale Risiko einer maximalen Katastrophe immerhin so groß ist, dass alle es fürchten.

    Warum aber sollten die Verbündeten der Ukraine dieses Risiko in Kauf nehmen? Die erste Antwort: Weil der Angriff auf die Ukraine ein Angriff auf Europa ist und freie Gesellschaften sich gegen einen nuklear-terroristischen Aggressor anders nicht schützen können. Mit Nachbarn wie Russland ist das Restrisiko der Abschreckung der bleibende Preis der Demokratie.

    Die zweite Antwort: Verzicht auf Abschreckung verhindert keine Kriege. Im Gegenteil: Falsche Entspannung kann Krieg herbeiführen. Russlands Überfall auf die Ukraine und seine Vorgeschichte zeigen das. Anders als Moskau und seine Desinformanten von rechts und links es erzählen, ist Russland nämlich nicht durch eine aggressive NATO zum Krieg gezwungen worden. Das Gegenteil lässt sich belegen. Westliche Politiker haben Russland seit dem Ende der Sowjetunion nicht etwa bedroht; sie haben es beharrlich umworben und Übergriffe geduldet. Sie haben die Ukraine auch nicht zum antirussischen Stützpunkt gemacht. Vielmehr flog der amerikanische Präsident George H. Bush kurz vor der Unabhängigkeitserklärung von 1991 eigens nach Kiew, um aus Sorge vor Turbulenzen vor der Abspaltung zu warnen. Später drängte Washington die Ukraine, die damals als Miterbin des sowjetischen Atomarsenals die drittgrößte Nuklearmacht der Welt war, ihre Kernwaffen abzugeben – und zwar nicht an die USA, sondern an Russland.

    Neben Amerika begann auch die NATO, intensiv um Russland zu werben. In der gemeinsamen Grundakte von 1997 verpflichtete sie sich, im Fall eines Beitritts neuer Mitglieder keine substanziellen Kräfte permanent in Osteuropa zu stationieren. Erst unter dieser Bedingung wurden Polen, Tschechien und Ungarn als erste neue Mitglieder aufgenommen, und tatsächlich ist die NATO erst nach Putins Angriff auf die Ukraine von diesem Versprechen abgerückt. Den Ukrainern wird die Aufnahme aus Rücksicht auf Moskau bis heute gänzlich verweigert.

    Die NATO hat sich in dieser Zeit weitgehend entwaffnet. Die Militärausgaben vieler Mitgliedstaaten sind nach der Wende kontinuierlich gesunken – in Deutschland zum Beispiel von 4,5 Prozent der Wertschöpfung im Jahr 1962 (Kubakrise) und 4,9 Prozent 1963 (über stabilen 3 Prozent während der Kanzlerschaft von Brandt und Schmidt und stetigem Sinkflug unter Kohl und Schröder von 3,0 auf 1,1 Prozent im Jahr 2005) auf 1,3 Prozent im Jahr vor Putins Marsch auf Kiew. (Vgl.: statista)

    Zugleich hat der Westen Russland immer wieder wirtschaftlich aus der Patsche geholfen. Nach der schweren Krise von 1998 stundeten westliche Gläubiger ihm 14,8 Milliarden Mark. Später machten sie dann Putins Regime durch neue Gaspipelines reich – auch, als Russland schon begonnen hatte, erst eigene Regionen wie Tschetschenien (1999 bis 2009) mit Krieg zu überziehen und dann fremde Länder wie Moldau (1992), Georgien (2008), die Ukraine (2014) und Syrien (2015). Der Westen hielt damals still.

    Russland hat all diese Freundlichkeiten als Zeichen der Schwäche interpretiert. Jeder seiner Kriege wurde brutaler als der vorige, und die fast völlige Abwesenheit von Abschreckung sowie die laue Reaktion des Westens auf die Annexion der Krim (2014) ermunterte Putin 2022 zum endgültigen Vernichtungsschlag gegen die Ukraine mit dem Fernziel der Hegemonie in Europa.

    Der Westen hat das abstrakte Restrisiko, das jeder wirklichen Abschreckung innewohnt, lange nicht mehr in Kauf nehmen wollen. Dafür steht er jetzt vor der konkreten Realität eines Krieges, der ihn lehrt: Frieden schützt man nur durch Stärke.

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  4. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    Otto Berg

    mir hat vor jahren , bevor der krieg in der ukraine losging, ein ukrainer gesagt: er wird sein land verlassen, weil es viel zu korrupt ist, und sich dieses da wohl nie ändern wird. er war ca 28 jahre alt und hat sich in hamburg als student eintragen lassen. seine frau blieb in der ukraine und er hat hier mit einem polnischen visum sein geld als gärtner bei einer deutschen wohlhabenden familie verdient. er musste alle paar monate deuschland verlassen, um dann schnellst möglich wieder einreisen zu können. tja, wenn nicht einmal die ukrainer an einer demokratie in der ukraine glauben, wie soll da die ukraine für uns eine demokratie verteidigen? bei diesem konflikt(angiffskrieg) ist viel wunschdenken dabei. die oligarchen in der ukraine sind nicht besser, als die russischen..

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    • Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

      Hallo, Herr Bruns,

      ein Ukrainer ist ein Ukrainer. Und, was ein Ukrainer über die Ukraine sagt, ist vermutlich nicht das, was mehrere, die meisten oder gar alle Ukrainer über die Ukraine sagen würden. Ganz sicher aber ist es kein Beweis dafür, dass „nicht einmal die ukrainer an einer demokratie in der ukraine glauben„.

      bei diesem konflikt(angiffskrieg) ist viel wunschdenken dabei„? Von Ihnen, Herr Bruns? Welcher Art sind denn diesbezüglich Ihre Wünsche?

      Was m. E. unabweisbar „dabei“ ist (sehr viel stahlhartes Reales, sehr wenig wattig Erwünschtes), können Sie u. a. hier nachlesen.

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  5. Avatar von Andreas Janwoitz Andreas Janwoitz sagt:

    Die Welt ist ein Irrenhaus, aber die Zuteilung der „Zentrale“ fällt schwerer denn je.

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    • Avatar von Magda Scholze Magda Scholze sagt:

      Haben Irrenhäuser Zentralen? Das wußte ich gar nicht. Und Leute wie Sie, Herr Janwoitz, teilen die zu?

      Da ist es vielleicht ja ganz gut, daß das nicht so einfach ist. Oder?

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      • Avatar von Andreas Janowitz Andreas Janowitz sagt:

        Fr. Scholze die „Ergebnisse“ in Baku? Präsident Camacho und sein „Kabinet“? Oder nicht so weit hergeholt: das Versagen der Bundesrepublik endlich etwas substantielles gegen Geldwäsche zu unternehmen? Das sind eindeutig Anzeichen für ein veritables Irrenhaus.

        Bisher lag die Zentrale eindeutig im bergigen Norden Koreas, aber z.Z. kann man das nicht mehr so eindeutig feststellen.

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      • Avatar von Clemens Clemens sagt:

        Unsern Willy war kein Camacho! Und Wrestling ist kein Kampfsport, Herr Janowitz. Der Ausgang jedes Matches ist vorherbestimmt, die Rivalitäten sind Teil einer Storyline, alle Identitäten und Gimmicks der Kämpfer im writers’ room erdacht. Das war der Menschheit allerdings nicht immer bekannt. 1970 plante der irakische Diktator Saddam Hussein, den Wrestler André the Giant zu erschießen, falls der den irakischstämmigen General Adnan bei einem Gastauftritt in Bagdad besiegen sollte. Der Ausgang des Kampfes musste dann schnell umgeschrieben werden, um Andrés Leben nicht zu gefährden. Hussein war davon überzeugt, Wrestling sei echt.

        Erst ab Ende der Neunziger begann das langsame kollektive Erkennen des eigentlich Offensichtlichen. Damals, in dieser Übergangszeit, kam es zu den entzückendsten Interferenzeffekten zwischen den beiden Bereichen, der Realität und der sogenannten Kayfabe (der Gesamtheit aller Fiktionen innerhalb der Wrestlingwelt). Zwei Figuren, Triple H und Stephanie McMahon, wurden 2002 von den Verfassern ihrer Storyline fiktiv verheiratet. Kurz darauf gefiel es den Schreibern, diese Beziehung dramatisch zu beenden.

        Das Paar lebte allerdings, da es sich zufälligerweise auch real ineinander verliebt hatte, „um die Kayfabe zu wahren“, im Geheimen zusammen und wollte 2003 real heiraten. Der Priester aber weigerte sich, da er die fiktive Wrestlingheirat des Paares ja bereits im Fernsehen gesehen hatte. Die Mutter von Stephanie, Linda McMahon, Herrin über das World Wrestling Entertainment-(WWE)-Imperium, musste dem Priester den Unterschied zwischen Wrestling und Wirklichkeit erklären.

        2005 schließlich fing ein Wrestlingfan namens David Wills, der bei einer Veranstaltung einen Kommentar abgeben wollte, vor dem Mikrofon zu weinen an. „It’s still real to me, goddammit!“, rief er mit brechender Stimme. Der Clip des emotionalen Moments wurde berühmt, eines der allerersten viralen Videos, ein Meme, das das Ende einer Ära markierte.

        Aber die Wrestlingwelt erholte sich schnell. Statt so wie früher einfach betroffen mitzufiebern, lernten die Fans nun, die unzähligen Schichten aus Falschheit selbst zu lieben, die Anmut ihrer Überlagerungen und Aufhebungen, und wurden so zu einer von jeder Verbindung zur Wirklichkeit vollkommen emanzipierten Gemeinde, sozusagen zu einer „real verkörperten Postmoderne“.

        Ein Jahrzehnt später folgt auch der Rest der westlichen Gesellschaften ihrem Vorbild und hat sich nun ebenfalls angewöhnt, sich mit ungeheurer Anteilnahme und Elan einer öffentlichen Sphäre zuzuwenden, von der, ähnlich wie von der Wrestlingwelt, keinerlei Verwurzelung in irgendwelchen Parametern des Wirklichen mehr verlangt wird (denken Sie an die „politischen“ Einlassungen von Patrick Pietruck oder Michael Zeinert in Lüneburg). Ja, die Behauptung einer solchen Verwurzelung würde geradezu als anstößig empfunden werden. (Denken Sie an die deutsche Volleyball-Operettenbundesliga, in die schon seit Jahren kein Verein aufsteigt und aus der auch keine Mannschaft absteigt, also nicht sportliche, sondern allein finanzielle „Parameter“ über Anwesenheit und Verbleib entscheiden.)

        Jedenfalls: Linda McMahon wird die neue Bildungsministerin der USA. Auch sonst füllt Donald Trump sein Kabinett mit Persönlichkeiten, die über hohe Kayfabe-Perfektion verfügen, wie etwa der beliebte Fernseharzt Dr. Oz als neuer Administrator der Gesundheitsversicherungen. Bereits 2007 trat Donald Trump selbst „gegen“ Vince McMahon an, den Ehemann von Linda. Da wussten natürlich längst alle, dass es scripted war, und rasteten trotzdem vollkommen aus vor Begeisterung.

        So sieht die große, gespenstische Genugtuung aus, die der gute David Wills dieser Tage erfährt. Wrestling ist wieder vollkommen real! Nicht weil die Kämpfe wieder spontan entschieden würden, sondern weil einfach die ganze Welt Wrestling geworden ist, ohne absehbares Ende der Übertragung, ohne einen denkbaren Ort außerhalb der Arena, ohne bedeutsamen Widerspruch zwischen Echtheit und Kayfabe.

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  6. Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

    Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält“ […] „oder eine ganze Reihe von Geschichten“, sagt der angetrunkene Erzähler von Max Frisch zum urteilssicheren Barmann im Roman „Mein Name sei Gantenbein“ (→ Suhrkamp, Frankfurt a. M. S. 54 (TB, 1975, S. 45)).

    Ihnen ist eine überraschend runde Willy-Darstellung gelungen, Herr Dr. Rother. (Ihrer Beurteilung der selbstherrlich manipulativen Fehlsichtigkeit des machtversessen geltungssüchtigen Wagenknecht/Lafontaine-Gespanns stimme ich zu.)

    Meine Frage: Erfindet sich nicht auch jeder Historiker früher oder später eine Geschichte, die er für das Leben seines Helden hält?

    Zur Illustration dieses Gedankens hier eine These von Ihnen zur (wie es in nahezu allen „westlichen“ Stellungnahmen bis heute – m. E. korrekt – heißt) „gewaltsamen Niederschlagung“ des „Prager Frühlings“ am 21. August 1968, die ich anschließend um einige Feststellungen ergänze:

    „Nur war die Lage damals ganz anders als heute. Die Besetzung der ČSSR […] wahrte die Einflussbereiche der Blöcke, ging nicht mit Kriegsverbrechen einher; die tschechoslowakische Armee leistete den Invasoren keinen Widerstand.“ (→ Bernd Rother, Absatz 1 nach Zwischenüberschrift „Alles ist ohne den Frieden nichts?“)

    ► Einflussbereiche wahren, Herr Dr. Rother? Keine Kriegsverbrechen? Brandtsche Konsequenz in Wollen und Handeln?

    In der Nacht zum 21. August 1968 marschierten etwa eine halbe Million Soldaten der Sowjetunion (90 %), Polens (6%), Ungarns (3%) und Bulgariens (1%) in die Tschechoslowakei ein und besetzten innerhalb von wenigen Stunden alle strategisch wichtigen Positionen des Landes. [Dabei waren außerdem „mindestens neun Verbindungsoffiziere aus der DDR“.] Es war die größte Militäroperation in Europa seit 1945. (→ Friedrich Wiener: „Die Armeen der Warschauer-Pakt-Staaten“. 6. Aufl., Wien 1974, S. 45.)

    Erste Truppen landeten am 20. August 1968 gegen 21 Uhr auf dem Prager Flughafen, rund 250 weitere Transport-Flugzeuge mit Fallschirmjägern folgten in verschiedenen Routen. In der Nacht drangen insgesamt 6.300 Panzer aus den Gebieten der DDR, Polen, Ungarn und der Sowjetunion in die ČSSR ein. Im Rahmen der „Operation Donau“ waren 550 Kampfjets im Einsatz. (→ Jan Pauer: „Der Prager Frühling 1968 und die Deutschen“, in: Deutschland Archiv, 21.08.2023, Link: http://www.bpb.de/539187.)

    Insgesamt 108 Todesopfer des Einmarschs wurden bis Ende 1968 gezählt, die meisten von ihnen wurden von Militär-Fahrzeugen überrollt oder durch Schüsse tödlich verwundet, zum Beispiel am 26. August 1968 im Prager Stadtteil Klarov die 25-jährige Studentin Marie Charousková, die auf dem Weg zur Universität einem sowjetischen Soldaten ihre tschechoslowakische Trikolore, die sie mit einem schwarzen Band an ihrem Kleid trug, überreichen wollte. Ohne Vorwarnung schoss ihr der Soldat in den Bauch. (→ Holger Kulick: „Der Einmarsch des Warschauer Pakts im Überblick“, 08.09.2018 Link: http://www.bpb.de/274360.)

    Trotz der praktizierten Zurückhaltung Bonns gegenüber den Ereignissen in der Tschechoslowakei, die der damalige Außenminister Willy Brandt auf die Formel brachte: „Das beste, was wir für die Tschechoslowakei tun, ist nichts zu tun“ (→ Der Spiegel 5.8.1968, S.24.), wurde im Rahmen der sowjetischen Eskalationspolitik der „westdeutsche Imperialismus und Revanchismus in der ostdeutschen, sowjetischen und polnischen Presse“ zum Popanz aufgebaut.

    Nach der Militär-Intervention in Prag unter Führung der Sowjetunion, die als „völkerrechtswidrig“ verurteilt wurde, […] [fürchtete] die Bundesregierung […], dass die Sowjetunion eine grundlegende Wende in der Deutschlandpolitik vorbereite. Hatte sie bis dahin nicht grundsätzlich die Möglichkeit eines vereinigten Deutschland ausgeschlossen, so lieferte die Begründung der militärischen Intervention, dass es niemandem je erlaubt werde, ein einziges Glied aus der Gemeinschaft der sozialistischen Ländern herauszubrechen, Anlass zur Sorge, dass das Streben nach der Beseitigung der deutschen Teilung a priori als feindliche Politik bewertet werde. (→ Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1968, Bd. I,II, München 1999 [= AdAP], Dok.277, S. 1076, Dok. 280, S. 1086.)

    Im September 1968 gaben De Gaulle und sein Außenminister Debré dem deutschen Kanzler und seinem Außenminister zu verstehen, dass sie die deutsche Politik für einen Faktor hielten, der zur Eskalation der Lage mit beigetragen habe (→ AdAP Dok. 312, 313, 314, 316, 318). Im deutschen Bundestag übte daraufhin Walter Scheel öffentliche Selbstkritik wegen seiner Prag-Reise im Sommer 1968.

    Danach gab es in der Regierungskoalition keine Zweifel mehr, dass vorrangig an der „Entspannungspolitik“ festgehalten werden muss und dass die Gespräche zuerst mit der Sowjetunion geführt werden müssen. Bereits am 8. Oktober 1968 traf Willy Brandt den sowjetischen Außenminister Gromyko um die gegenseitige Gesprächs- und Verhandlungsbereitschaft auszuloten. Die militärische Okkupation der Tschechoslowakei und ihr künftiges Schicksal wurden mit keinem einzigen Wort mehr erwähnt (→ AdAP Dok. 328).

    „Mir kamen beim sowjetischen Einmarsch die Tränen. Welche Hoffnungen waren mit Alexander Dubček verbunden! Mir kam es so vor wie der Verrat des Westens.“ (→ Fritz Stern: In: Joschka Fischer / Fritz Stern: „Gegen den Strom. Ein Gespräch über Geschichte und Politik“, Freiburg / Basel / Wien 2014, S. 100)

    Der Versuch des KPČ -Generalsekretärs Alexander Dubček, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen, evozierte – wie Willy Brandt in der Rückschau (nach dem Ende seiner Kanzlerschaft) festhielt – im Westen einen „dramatische[n] Ausbruch von Hoffnungen“. (→ Willy Brandt: „Begegnungen und Einsichten. Die Jahre 1960-1975“, Hamburg 1976, S. 262.)

    Tatsächlich stieß die Sowjetunion mit dem Einmarsch und der im Herbst 1968 deklarierten „Breschnew-Doktrin“ auf keinen nennenswerten westlichen Widerstand. Auch vonseiten Brandts nicht, der über die primäre französisch-amerikanische, aber eben auch über seine, die deutsche „Politik der Zurückhaltung“ immerhin eingestand, dass sie „bis hart an die Grenze des Zumutbaren gegangen ist; zumutbar aus politischmoralischer Sicht“. (→ „Wir werden uns nicht selbst entmannen“. Spiegel-Gespräch mit Bundesaußenminister Willy Brandt, in: Der Spiegel, 37 /1968)

    Der frühere EU-Vizepräsident Frans Timmermans (bis August 2023) problematisierte 40 Jahre später die Reaktion des Westens während der ČSSR-Krise, die er von einem „Gefühl der Unvermeidlichkeit“ bestimmt sah und erklärte 2008: „I combine a slight feeling of shame for the reaction of the West in 1968.“ (→ Speech by minister Timmermans in Prague. Commemorating 40 years of Prague Spring, http://www.government.nl/documents-and-publications/speeches/2008/06/11/prague-spring-1968.htm, zitiert nach: Birgit Hofmann: „Der ‚Prager Frühling‘ und der Westen“. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. Seite 13)

    Des Weiteren sagte Timmermans mit unverhohlenem Sarkasmus: „What could one do? It was the Cold War. The Brezhnev doctrine. Take care of your own. It was unacceptable, but it happened, and somehow we accepted it.“(→ Ibid.)

    Was tun? Die gleiche Frage stellt sich heute im Blick auf den bereits über tausend Tage andauernden massenraubmörderischen russischen Raketen-Terror.

    Anne Applebaum beschrieb die heutige „Aufgabe“ am Ende ihrer Dankresrede in der Frankfurter Paulskirche am Sonntag, den 20. Oktober 2024 [aus der, lieber Herr Jenckel, jeder, wo – wie hier – Platz ist, frei zitieren darf, soviel er möchte], anlässlich der Verleihung des Friedenspreises durch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels:

    „Die Aufgabe ist keineswegs rein militärischer Natur: Dies ist auch ein Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit, den Pessimismus und die schleichende Anziehungskraft der Autokratie, die bisweilen im Gewand einer verlogenen Sprache des ‚Friedens‘ daherkommt. Die Behauptung, dass Autokratie sicher und stabil ist, während Demokratien Kriege schüren, oder dass Autokratien traditionelle Werte bewahren, während Demokratien ‚entarten‘ – auch dieses Gerede wird von Russland und der autokratischen Welt verbreitet, aber auch von Menschen in unseren eigenen Gesellschaften, die bereit sind, das vom russischen Staat verursachte Blutvergießen und Vernichtungswerk hinzunehmen. Wer die Zerstörung fremder Demokratien akzeptiert, ist weniger bereit, gegen die Zerstörung der eigenen Demokratie zu kämpfen. Selbstgefälligkeit ist wie ein Virus, das sich schnell über Grenzen hinweg ausbreitet.

    Die Versuchung des Pessimismus ist groß. Angesichts eines nicht enden wollenden Krieges und der Propagandaflut ist es einfacher, den Gedanken des Niedergangs zu akzeptieren. Aber erinnern wir uns, was auf dem Spiel steht, und wofür die Ukrainer kämpfen – und dass sie es sind, die diesen Kampf führen, und nicht wir. Sie kämpfen für eine Gesellschaft wie die unsere, in der eine unabhängige Justiz die Bürger vor Willkür schützt; die das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit wahrt; in der Bürger am öffentlichen Leben teilhaben können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen; deren Sicherheit durch ein breites Bündnis von Demokratien garantiert und deren Wohlstand in der Europäischen Union verankert ist.

    Autokraten wie der russische Präsident fürchten diese Grundsätze, weil sie ihre Macht gefährden. Unabhängige Gerichte können die Machthaber zur Rechenschaft ziehen. Eine freie Presse kann Korruption auf höchster Ebene aufdecken. Ein politisches System, das Bürger an der Macht beteiligt, gibt ihnen auch die Möglichkeit, die Regierung abzuwählen. Internationale Organisationen können den Rechtsstaat stützen. Deshalb werden die Propagandisten autokratischer Regime alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Sprache der freiheitlichen Ordnung auszuhöhlen und die Institutionen, die unsere Freiheit wahren, zu untergraben, zu verhöhnen und schlechtzumachen, ob zuhause oder bei uns.“

    (→ Anne Applebaum: https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/alle-preistraeger-seit-1950/2020-2029/anne-applebaum)

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    • Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

      Nachtrag:

      Walter Scheel war am Dienstag, den 30. Januar 1968 auf dem Parteitag in Freiburg als Nachfolger von Erich Mende zum Bundesvorsitzenden der FDP gewählt worden. Von 1967 bis 1969 (während der ersten „Großen Koalition“ aus CDU und SPD auf Bundesebene) war er Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Nach der Bundestagswahl am 28. September 1969 wirkte er maßgeblich auf die Bildung einer sozialliberalen Bundesregierung hin und wurde im Kabinett von Willy Brandt am 22. Oktober 1969 zum Vizekanzler und zum Bundesminister des Auswärtigen ernannt. Als Scheel im Juli 1968 „auf Einladung der ‚Sozialistischen Akademie‘ in die Goldene Stadt“ reiste, tat er dies als einfacher Bundestagsabgeordneter, als „Freiheitsfreund“ und als „Pilsliebhaber“. (→ Der Spiegel 29/1968 vom 15. Juli 1968)

      PS:

      Für meine oben – anhand eines Beispieles – angedeuteten Zweifel bzgl. der Brandtschen Gewichtung des Verhältnisses von „Freiheit und Frieden“ in der Darstellung von Herrn Dr. Rother ist erhellend auch der Aufsatz von Hans-Peter Schwarz: „Die Regierung Kiesinger und die Krise in der ČSSR 1968“. (→ Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 47. Jahrgang, Heft 2, April 1999. Seiten 159 bis 186. [Da die Seitenzählung des Heftes und des PDF differiert, gebe ich den Ort der folgenden Zitate mit der Heftseite vor, mit der PDF-Zählung nach dem Schrägstrich an.]

      Schwarz schreibt:

      Die ganze Anlage der „neuen Ostpolitik“ der späteren Regierung Brandt läßt erkennen, daß jeder Versuch unterlassen wurde, Ostpolitik gewissermaßen um die Sowjetunion herum zu machen. Die in der Bonner Außenpolitik seit Jahren strittige Frage, ob eine differenzierte Ostpolitik betrieben werden sollte oder ob es in der Tat geboten war, die von Moskau beanspruchte außenpolitische Oberaufsicht in den Warschauer-Pakt-Staaten in vollem Umfang anzuerkennen, wurde faktisch zu Gunsten peinlich genauer Beachtung der Dominanz Moskaus entschieden. Das galt nicht bloß für die SPD mit Willy Brandt an der Spitze, sondern ebenso für Kiesinger. (→ 183 / 28)

      Die „defensive, sehr kleinlaute Art […], in der Kiesinger, doch auch Brandt, […] ihre Druckempfindlichkeit vor Augen rückten“ (→ 180 / 25) wird früh deutlich:

      Die Protokolle einer zwanzigminütigen Unterredung mit dem sowjetischen Botschafter Zarapkin, die auf dessen Ersuchen am 21. August, um 14 Uhr [also am Mittag, zwölf Stunden nach Beginn der sowjetischen Invasion in die ČSSR], stattfand, und einer längeren, 100 Minuten dauernden Besprechung am 2. September zeigen einen unsicheren, sich unablässig entschuldigenden Kanzler [Kiesinger]. […] überflüssigerweise fügte er noch hinzu, „die Bundesregierung beabsichtige indes nicht, ihre Beziehungen zur Sowjetunion zu verschlechtern“, und mißbilligte in diesem Zusammenhang eine Demonstration von etwa 300 Studenten, die sich vor der sowjetischen Botschaft versammelt und mit Tomaten geworfen hatten. (→ 177 / 22)

      Bundesaußenminister Brandt äußerte sich genauso:

      „Die Bemühungen vieler europäischer Regierungen um Entspannung zwischen Ost und West und um eine europäische Friedensordnung“, erklärte er am 22. August im Anschluß an eine Präsidiumssitzung der SPD, „haben einen Rückschlag erlitten, der lange nachwirken kann. Aber aus guten Gründen bleiben wir dabei: Das Ringen um einen Abbau der Spannungen muß fortgesetzt werden“. Schließlich gelte es, den Frieden sicherer zu machen, somit auch die Sicherheit der Bundesrepublik zu festigen. Daß dies zugleich mit Kritik an der Intervention verbunden war, versteht sich. (→ 178 / 23)

      Was sich nicht versteht, ist, wo der Gedanke an „die Freiheit“ (z. B. der Bevölkerung) zu finden ist. Schwarz resümiert:

      Dreierlei ist beim Blick auf diese Stellungnahmen unmittelbar nach der Intervention zu unterstreichen. Zum ersten waren die öffentlichen Äußerungen der deutschen Spitzenpolitiker mit dem, was sie in vertraulichem diplomatischem Austausch formulierten, durchaus deckungsgleich. Diese Stellungnahmen konnten, zweitens, nur als Signal verstanden werden, daß die Sowjetunion im eigenen Block nach Belieben verfahren konnte. Somit wurden in den entscheidenden Tagen und Wochen nach der Intervention die tschechoslowakischen Reformer, die ja durchaus noch formal im Amt waren, den Wölfen überantwortet. In diesem Punkt befand sich – so die dritte bemerkenswerte Tatsache – die mit Bedauern formulierte, sehr zurückhaltende Position der deutschen Regierung in völliger Übereinstimmung mit der Politik der Johnson-Administration und der französischen Regierung. Letztere hat bekanntlich die aufgewühlte, moralisch empörte Öffentlichkeit mit der Formulierung befremdet, es habe sich ein „Verkehrsunfall auf der Straße der Entspannung“ ereignet. (→ Ibid.)

      Und der Historiker fügt an, was jedem heutigen Zeitungsleser bekannt vorkommen muss:

      Zudem mußte die Bundesrepublik rasch erkennen, daß die Bemühung um strategisch konkrete Schlußfolgerungen aus der Intervention eher früher als später die Forderung der USA nach verstärkten militärischen und finanziellen Leistungen der europäischen Alliierten zur Folge haben würde. In der Tat drängten die USA nach Abklingen der Krise und nicht eben zum Vergnügen der Bundesregierung mit Blick auf die kommende Ministerratssitzung der NATO auf eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben. (→ 179 / 24)

      Im August 1969 herrschte in der ČSSR dann seit 12 Monaten bereits wieder politische Friedhofsruhe.

      Auch das politische Bonn war schon längst wieder zur Tagesordnung übergegangen. Künftig wurde es hier als eine bleibende Lehre der tschechoslowakischen Krise verstanden, daß man zu Reformkommunisten oder zu offen protestierenden Dissidenten deutliche Distanz zu halten habe. Geboten und erlaubt schien allenfalls die Bitte gegenüber den repressiven Autoritäten um menschliche Behandlung oder Expatriierung im Einzelfall. So hat sich Bonn gegenüber den Unterzeichnern der Charta 77, gegenüber den „Helsinki-Gruppen“ in der Sowjetunion und 1980/81 gegenüber „Solidarnösc“ verhalten. Auch in dieser Hinsicht wirkte die CSSR-Krise von 1968 als Katalysator für Ängstlichkeiten, die zwar zuvor schon ersichtlich waren, von nun aber verhaltensbestimmend wurden und die Bonner Entspannungspolitik bis in die Jahre des Umbruchs 1989/90 kennzeichneten. (→ 186 / 31)

      In diesem Zusammenhang ist auch noch einmal an die Rede des Schriftstellers Marko Martin und die Reaktion von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue am Dienstag, den 5. November 2024 zu erinnern.

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