Stefan und der Rote Teppich für Lüneburgs Kleinkunst

Jetzt, wo der Kanzler mit seinem Stadtbild-Zitat die Bühne betreten hat und die städtischen Zentren zwischen Berchtesgaden und Bad Bramstedt als Problemzonen identifiziert hat, ist die lokale Aufregung im Netz um den Platz Am Sande als promillegeschwängertem Brennpunkt-Unikat verblasst. Der Kanzler und die Union müssen mit Protest leben, Hunderte demonstrieren diese Woche in Lüneburg gegen Ausgrenzung. Zeit, über die Qualität der schönen Innenstadt nachzudenken.

Für den Deutschen Städtetag ist das kulturelle Angebot ein Schlüssel zum Erfolg für mehr Lebensqualität, also nicht nur ein paar Bänke zum Ausruhen. Die auch, aber eben nicht nur. 

Die Lokalpolitiker philosophieren auch gerne über mehr Kultur in der City, wenn es nicht gerade darum geht, wer die Urheberschaft für ein Plakatslogan für sich reklamieren kann. Andere zeigen einfach, wie es geht. 

Ich durfte letzten Sonnabend bei Q-Records an der Kuhstraße spielen, Stefan Baumgart (Foto: jj) bietet da nicht nur Vinyl-Raritäten zum Latte Macchiato  an, sondern auf kleiner Bühne ganz viel Live-Musik. „Wir haben dieses Jahr wohl 24 Auftritte.“ Und das mitten in der Stadt und nicht nur zur Nacht der Musik. 

Baumgart gehört zu denen, die, ohne es zu wissen, der Aufforderung des Städtetages nachkommen. Genau das nämlich macht Lüneburg neben Giebeln und Gassen so attraktiv. Das gilt auch für den Künstler Jan Balyon, der in seinem Atelier in der Altsadt auch hörbare Kunst anbietet. Natürlich gehören Ben Boles (Feierabendkultur) und Christian von Stern mit ihrem Salon in der Kulturbäckerei dazu, ohne Frage das Klatsch und das Wyndberg oder Antje Blumenbach, die jetzt im Heidkrug mit durchstartet, und viele, viele mehr. Sie sind heute das Salz in der Suppe, die Lüneburg anziehender, ja zu einem Unikat macht.

Die Lampe gibt es nur dreimal, im Q-Records hängen Singles dekorativ gestapelt über dem Tresen. (Foto: jj)

Stefan Baumgart, der einen mäandernden Berufsweg zwischen Sozialem und Medialem hinter sich hat, feiert bald Einjähriges mit seinem liebevoll eingerichteten Platten-Laden. Mit 57, sagt er, war der richtige Zeitpunkt, einem lang gehegten Traum Substanz zu geben. Politikern sei empfohlen, einmal vorbeizuschauen, um über Kulturförderung zu reden und sie vielleicht auszurollen wie einen Roten Teppich für Nachahmer. Denn ohne wird manches eine Episode bleiben.

Gerade in unserer Zeit ist es Zeit für mehr Kultur. Das ist der Kitt der Gesellschaft. 

Also, lasst uns nicht nur über Leerstand lamentieren, sondern die hochleben lassen, die etwas wagen. Only bad news are good news passt in unsere Zeit so gar nicht mehr, wir sind mit schlechten Nachrichten komplett überfüttert. Und der Kanzler mit seinem sorgenvollen Stadtbild-Szenario, weiß jetzt auch, worum es geht. Sicherheitshalber könnte er ja auch noch mal bei seinen Töchtern nachfragen.

Hans-Herbert Jenckel

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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4 Responses to Stefan und der Rote Teppich für Lüneburgs Kleinkunst

  1. Avatar von Theodora Kröger-Lüttjehann Theodora Kröger-Lüttjehann sagt:

    Gerade in unserer Zeit ist es Zeit für mehr Kultur. Das ist der Kitt der Gesellschaft.

    In diesem Sinne lädt der Landfrauenverein Schnega für Montagnachmittag, den 10. November 2025, zur Lesung des Wendlandkrimis „Funky Chicken Blues“ von Hans Seelenmeyer, Jahrgang 1961, Musiker, Autor und Inhaber eines Musikverlages, ins Dörfergemeinschaftshaus des Ortes ein. Hohes Feld 33, Beginn: 14.30 Uhr. Auch Gäste sind willkommen.

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  2. Avatar von Waltraud Behnke Waltraud Behnke sagt:

    Ein entgeisterter Regierungschef

    Nix Kleinkunst und Kultur, rote Teppiche für Ausländer!

    Ankara (dpo)Bei seinem Staatsbesuch in der Türkei zeigte sich Bundeskanzler Friedrich Merz geschockt angesichts des dortigen Stadtbildes: Wohin der CDU-Politiker auch blickte, gewahrte er pure Q-Rekorde an Menschen mit deutlich erkennbarem Migrationshintergrund.

    „Ach du liebe Zeit!“, barmte Merz. „Das ist wirklich noch viel schlimmer als in Brilon, Neetze oder Arnsberg, Herr Erdogan. Sie können einem ja leid tun! “

    „Kaum Plattenläden, Gesellschaftskitt oder Vinyl-Gewühl, überall bloß Frauen mit Kopftuch, viele südländisch umherlaufende junge Männer, und dann die illegalen Horden der kleinen Paschas – zusammen müssen das ja weit mehr als 90 Prozent Ihrer Bevölkerung sein. Donnerwetter! Wie bekommt denn in diesem Land überhaupt noch irgendeiner einen Zahnarzttermin? Haben Sie jemals mit ihren Töchtern darüber gesprochen?“

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  3. Avatar von Heidi Heidi sagt:

    Lieber Herr Jenckel,

    gut, dass Sie die beiden schönen jj-Aufnahmen von Stefan Baumgart und seinen singulären Lampen für Ihre Glosse bereits zur Hand hatten. Als eine deren Thema pointiert erschließende Illustration hätte ich Ihnen sonst zunächst diese empfohlen.

    In der Annahme, es könnte Ihre Absicht gewesen sein, auch Majestix Kohlstedt für Lüneburgs vielfältige Möglichkeiten eines mutigen eigenen kulturellen Statements im Stadtbild zu begeistern, als zweite diese.

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