Als die Musterung ins leichte Leben platzte

Der Tag wird kommen. Das wusste jeder von uns unter 18-Jährigen. Das leichte Leben könnte schlagartig zu Ende sein. Wenn wir auf den Treppen am Stint hockten, tauschten wir beim Bier die sichersten Varianten aus, um bei der Musterung einen desolaten Eindruck zu hinterlassen. Ich entschied mich für eine Flasche Martini am Vorabend und ungeheure Kopfschmerzen. Andere für West-Berlin. 

Ich habe es am nächsten Morgen kaum zum Musterungs-Termin im Kreiswehrersatzamt geschafft, aber der Arzt meinte bei meinem Turbo-Puls, ich sei nur etwas nervös. Auch die Offenbarung meiner geheimsten Gebrechen halfen überhaupt nicht. Tauglich. Jetzt war ich natürlich sauer, dass ich viel zu früh den Dienst in der Jugendfeuerwehr Melbeck quittiert hatte. Feuerwehr oder THW, das wäre ein Ausweg gewesen.

Mein Freund Bernd hatte mit dem Studium in West-Berlin und dem Sonderstatus den sicheren Ausweg gewählt. Leonhard hatte ein kaputtes Knie und ich den Einberufungsbescheid nach Munster. 

Munster, das war die Hindenburg-Kaserne und stinkende Doppelstockbett-Zimmer, davor der Exerzierplatz und vor dem Tor die Natostraße. Jeden Sonntag fuhr mich mein Vater in seinem klapperigen Käfer zurück nach Munster, und ich zählte die Kilometer, die ich noch in Freiheit war. 

Nachts rollten Stahlkugeln und Stahlhelme durch die gefliesten Gänge in der Unterkunft, ein ungeheurer Lärm. Alarm um 4. Geschrei von Ausbildern. Die Russenpanzer rollen. Spint ausräumen, Seesack packen und im Galopp kampfbereit auf dem Exerzierplatz antreten. 

Die Tage im Gleichschritt oder beim Gewaltmarsch im Gelände waren ohne Frage die fürchterlichsten sechs Wochen meines Lebens. Und ich war mir sicher, dass man vom Tragen des schweren Helms eine Glatze bekommt.

Danach war das Stammbataillon, die Aufklärer in der Theodor-Körner-Kaserne, wie Urlaub. Ich diente im Stab, gehörte zur 1. Kompanie und mein Hauptmann Adrian Hyazinth von Flotow war so ein entspannter Offizier, der mich immer lächelnd ansah, wenn ich wieder grundlos vor ihm im Flur strammstand. Ich machte meinen Führerschein in fünf oder sechs Stunden auf einem DKW Jeep, das Papier konnte ich hinterher für 25 Mark umschreiben lassen.

Es war das Jahr 1975. Die Aufklärer waren ein Sammelbecken für Freiherrn, Grafen und Herzöge. Ich war nur bürgerlich, gleichwohl blieb ich zwei Jahre, ein Zetti, und erkaufte mir finanzielle Freiheit auf dem zweiten Bildungsweg bis zum Studium. Vom einfachen Sold um die 150 Mark wäre das nicht möglich gewesen. 

Doch damit hatte ich auch genug. Beim Lesen des Romans „Im Westen nichts Neues“ stieß ich auf eine Szene, die mir zeigte, dass Militär für mich nichts war und ich nicht zur Mob-Reserve gehören wollte. Ich musste ein ordentliches Gerichtsverfahren durchlaufen, meine Verweigerung begründen und mich den üblichen Fragen stellen: Sie sitzen an der einzigen Flak der Stadt, die von einem feindlichen Flugzeug angegriffen wird, was tun Sie? Ihr Freundin wird im Kurpark überfallen, was machen Sie?  Und ich glaube, eine Schöffin, Gertrud Steiner, die auch Ratsfrau in Lüneburg war, gab den Ausschlag, dass ich nachträglich als Kriegsdienstverweigerer anerkannt wurde. Es reichte kein Gefühl, keine Unlust, es war ein steiniger Weg.

Warum erzähle ich das alles, weil heute der Feind wieder im Osten steht, weil wir wieder Blau sind und der Feind Rot ist, weil wir wieder über Vornewegverteidigung nachdenken müssen und weil wir wieder einen Stellungskrieg in Europa erleben – mehr als hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, fast hundert Jahre, nachdem Remarque seinen Roman „Im Westen nichts Neues“ veröffentlich hatte. 

Die Weichen zur Abschaffung der Wehrpflicht 2011, die Abschaffung des Zivildienstes, die Abschaffung eines Verfahrens, in dem man seine Verweigerung begründet, das sehen wir heute, sind auf der Basis falscher Vorhersagen und Hoffnungen gestellt worden. Denn der Siegeszug der Demokratie nach Glasnost und Mauerfall, der Siegeszug des Kapitalismus westlicher Prägung, beides steht längst in der Defensive und verliert mit jeder Wahl Nation für Nation an Boden. Auch deswegen soll das Rad der Zeit wieder zurückgedreht werden. Ich fürchte nur, das geht kaum. Es fehlt nach der Konversion an Kasernen, in Lüneburg sind zwei von drei heute Hanse-Viertel und Leuphana Universität. Und die Transformation der Bundeswehr-Areale auf Work-Life-Balance liefe bei der Kasernen-Musterung vermutlich auf „untauglich“ hinaus.  

Hans-Herbert Jenckel

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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11 Responses to Als die Musterung ins leichte Leben platzte

  1. Avatar von Erich Kerner Erich Kerner sagt:

    Seltsam, dass »Wehrpass« früher mit einem »B« am Ende geschrieben wurde.

    Kommt daher der Ausdruck »Wehrpabbe« bei den öffentlich Dienenden im westlichen Kapitalismus, analog zur »Rennpappe« unter den privaten Kfz-Besitzern im sozialistischen Brudervolk?

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  2. Tja, Herr Berg,

    die Einführung der verpflichtenden Musterung für junge Männer ist die eleganteste Methode, Alarm zu schlagen, ohne das Haus zu verlassen. Man ruft die Notwendigkeit zur Zeugin, dass die Zeit gefährlich ist, nur um dann festzustellen, dass diese Notwendigkeit lediglich die Abfrage der Schuhgröße und der Allgemeinverfassung der Jugend verlangt.
    Der Staat begehrt eine Total-Inventur des verfügbaren Humankapitals um im Falle eines zukünftigen, nicht näher definierten Schreckens vorbereitet zu sein. Man organisiert die Angst, indem man Listen anfertigt. Es ist ein gewaltiger Arbeitsaufwand, um eine Garnison von Reservisten zu zählen, die nicht existiert.
    Ein halber Befehl ist ein voller Widerspruch. Er verlangt Gehorsam für eine Pflicht, die der Gesetzgeber selbst nicht ernst genug nimmt, um sie vollends einzuführen.
    Das Losverfahren für die Bedarfswehrpflicht ist der perfekte Akt des Verzichts. Man delegiert die Gerechtigkeit an den reinen Zufall, da man selbst zu feige ist, die Gleichheit der Pflicht zu befehlen. Der Ernstfall wird zur Tombola, bei der das Vaterland nur hofft, dass genügend Freiwillige die Niete des gezogenen Loses vergessen machen.
    Die 2.600 Groschen und der Führerscheinzuschuss sind die Tantiemen für das verlorene Ideal. Das patriotische Feuer wurde durch eine Überweisung ersetzt. Man kauft die Loyalität – wie ein Händler, der Ramsch zu Goldpreisen feilbietet –, weil man das Recht auf Forderung durch das Recht auf Bezahlung ersetzt hat.
    Die verpflichtende Musterung des Mannes und die freiwillige Befragung der Frau ist der Beweis, dass die Notwendigkeit selektiv ist. Die Last der potenziellen Pflicht ist an das Geschlecht gebunden, das den geringsten politischen Widerstand verspricht. Man sucht die körperliche Stärke dort, wo die Gesetzeslage am wenigsten diskussionswürdig erscheint.
    Am Ende steht die Erkenntnis, dass das größte Risiko nicht die Gefahr ist, sondern die politische Unfähigkeit, ihr konsequent zu begegnen:
    „Man hat die Gefahr ausgerufen, die Segel aber nur halb gesetzt. Wer halb fährt, landet meistens dort, wo er nicht hinwollte.“
    Ihr stets unzufriedener Beobachter der politischen Schaukämpfe.

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    • Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

      Lieber Detlef (Ich darf doch Detlef sagen?),

      da ist Ihnen aber eine gewitzte Antwort auf meine Fragenskizze, besser: ein adventlicher Feuerzauber launiger Hinweise und Paralipomena gelungen. Zumindest auf den ersten Blick scheint Ihr Sarkasmus berechtigt.

      Allein, kam wirklich die Therapie („die Notwendigkeit des Aufwuchses“) vor der Diagnose („der gefährlichen Zeiten“)? Und ist „der Schrecken“, auf den nicht bloß reagiert, sondern vorbereitet werden soll (günstigstenfalls, um dadurch zu verhindern, dass er eintritt), wirklich so schwer zu „definieren“ bzw. zu antizipieren? Da brauchen Sie gar nicht, wie vor fünfzig Jahren Herr Jenckel noch, die Romane von Erich Maria Remarque und Ludwig Renn zu lesen. Heute genügen die 70 Sekunden Kriegsberichterstattung der Tagesschau oder die 7 Minuten Dokumentarsequenz beim Auslandsjournal, um genau und erschüttert zu begreifen, worum es geht.

      Hinter der Rede von der „verteidigungswichtigen Infrastruktur“ verbergen sich laut „kommunizierter“ Selbstauskunft aus den diversen partiell zuständigen Fachbereichen der Bundeswehr „teils hochkomplexe Infrastrukturprojekte“. Ein Schelm, wem hier das Attribut „tautologisch“ einfällt. „Die Truppe“ (Lieblingsausdruck von Boris Pistorius) erläutert:

      Die verteidigungswichtige Infrastruktur ist ein wesentlicher Bestandteil der gesamtstaatlichen Aufgabe des Military Enablements. Das ist der NATO-seitig verwendete Sammelbegriff für alle Maßnahmen und Fähigkeiten der NATO-Partner, die gesamtstaatlich den Einsatz von NATO-Streitkräften unterstützen und sicherstellen sollen. Hierzu zählt auch die Schaffung der entsprechenden infrastrukturellen Voraussetzungen im Bündnisgebiet. Zum Beispiel benötigen neue oder zusätzliche Waffensysteme eine auf sie abgestimmte Infrastruktur. Aber auch im Bereich der Personalgewinnung kann nur gepunktet werden, wenn Unterkünfte und Funktionsgebäude modernen Standards entsprechen und Bewerber somit ein ansprechendes Ambiente und Arbeitsumfeld vorfinden.

      Ja, „der Staat“, um in moderner Form wieder herzustellen, was ihm in antiquierter vor 14 Jahren zu demolieren nicht geschwind genug vonstatten gehen konnte, hat nun ungezählte Aufgaben simultan zu bewältigen und eine zentrale darunter ist, wie Sie es richtig (aber nicht ohne einen verächtlichen Akzent zu setzen) ausdrücken, „eine Totalinventur des verfügbaren Humankapitals“, also die Erfassung aller infrage kommenden Kandidaten, deren Geburtstag nach dem 31. Dezember 2007 liegt, vom 1. Juli 2027 an.

      Gewiss, der Verzicht auf die volle Restitution der prinzipiell allgemeinen Wehrpflicht, – die im Jahr 2011 ausgesetzt, nicht abgeschafft wurde – , ist unbefriedigend, weil absehbar ist, dass sie schon bald wird kommen müssen und dass die gewundene Zögerlichkeit der heute Handelnden sicher nicht erst morgen als ein weiterer Defekt „politischer“ Glaubwürdigkeit wahrgenommen wird.

      (Die von Ihnen monierte Ungerechtigkeit bei der Bedarfswehrpflicht mit ihren aleatorischen Selektionselementen im Vergleich mit der Wehrpflicht halte ich für konstruiert. Auch letztere, das de jure generelle Verfahren war und bleibt de facto immer ein Auslosen, denn niemals wird ein ganzer Jahrgang der Tauglichen komplett eingezogen, ohne dass jemand angeben könnte, wer warum außen vor bleibt und wer nicht.)

      Aber, was wollen Sie mir mitteilen, Detlef, wenn Sie formulieren, „das Recht auf Forderung [d. h. wohl auf Inpflichtnahme durch den Staat, werde] durch das Recht auf Bezahlung ersetzt“?

      Denken Sie an den Horaz der Carmina, 3. Buch, 2. Gesang, Verse 15 und 16? Der verlangt in ähnlicher Entschiedenheit wie Sie:

      Schont nicht der kampfentwöhnten Jugend / Schlotternd Gebein und den feigen Nacken!

      Dass junge Menschen (w, d, m), die sich freiwillig für den „Neuen Wehrdienst“ entscheiden, eine monatliche Vergütung in der Höhe von mindestens 2.600 Euro brutto erhalten, gefällt Ihnen nicht? Warum? Auch Ärzte, Pastoren und Kindergärtner lassen sich für ihren Dienst an der Gemeinschaft bezahlen. Herr Jenckel teilt oben offenherzig mit, wie er seinerzeit kalkulierte. Sein vaterländischer Einsatz behagte ihm trotz des aristokratischen Arbeitsbiotops keineswegs in allen Hinsichten: Gleichwohl „blieb ich zwei Jahre, ein Zetti, und erkaufte mir finanzielle Freiheit auf dem zweiten Bildungsweg bis zum Studium. Vom einfachen Sold um die 150 Mark wäre das nicht möglich gewesen.“ Sie aber schimpfen gleich über „Käuflichkeit“ und beklagen ein „verlorenes Ideal“.

      Woran denken Sie dabei? Und war denn der Kriegs- oder Wehrdienst in historischer Perspektive nicht zu jeder Zeit immer auch ein Geschäft? Im Kleinen und im Großen? Schlagen Sie in Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Abentheuerlichem Simplicissimus Teutsch oder in Brechts Mutter Courage und ihre Kinder nach: Der Landsknecht ging furagieren, requirieren, marodieren, die Offiziere hoben jugendfrische Regimenter aus, annektierten fruchtbare Landstriche und sicherten sich klingende Titel und dauerhaft sprudelnde Rentenbezüge aus Klöstern und Kommunen, welchen sie versprachen, sie von Plünderungen auszunehmen.Schauen Sie auf Trump und seine diplomatie-schauspielernde Kryptomarkt- und Immobilienentourage. Welches sind „die Ideale“ der diebischen „Dealmaker“?

      Wussten Sie, dass das „Dulce et Decorum est …“ (Süß und ehrenvoll ist es…/ Hor, Carm 3,2,13) auch der Titel eines Gedichts ist, in welchem der britische Lyriker Wilfred Owen 1917 während des Ersten Weltkriegs einen Gasangriff und den dadurch verursachten qualvollen Tod eines unbekannten Soldaten beschreibt? Die letzten Verse (in der deutschen Übersetzung) gehen so:

      Wenn du hören könntest, wie bei jedem Stoß das BlutGurgelnd aus seinen schaumgefüllten Lungen läuft,Ekelerregend wie der Krebs, bitter wie das WiederkäuenVon Auswurf, unheilbare Wunden auf unschuldigen Zungen,Mein Freund, du erzähltest nicht mit so großer LustKindern, die nach einem verzweifelten Ruhmesglanz dürsten,Die alte Lüge: Dulce et decorum estPro patria mori.

      Owen „fiel“ am 4. November 1918 während der Überquerung des Sambre-Oise-Kanals, Region Hauts-de-France, genau eine Woche (fast auf die Stunde genau) vor der Unterzeichnung des Waffenstillstands, der den Großen Krieg beendete, und wurde am Tag nach seinem Tod zum Leutnant befördert. Er wurde 25 Jahre alt.

      Beim Soldatsein geht es nicht zuletzt um die Wirklichkeit des Totschießens und um die Möglichkeit des Totgeschossenwerdens. Fort also mit den verquast parfümierten „Idealen“, Detlef. Zurück zu den Notwendigkeiten, den Einsichten und der Realität.

      Friedrich Engels behauptet (im „Anti-Dühring“), der idealistische Philosoph Hegel sei der erste gewesen, „der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die Einsicht in die Notwendigkeit.“ Direkt nach dieser Paraphrase zitiert Engels Hegel: „Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird.“ Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von Zwängen und Fakten liege, so Engels, die Handlungsfreiheit, sondern in der nüchternen geistigen Durchdringung, in der korrekten Analyse vorhandener Zwänge und Fakten und in der damit gegebenen Möglichkeit, diese und deren Spielräume nach eigenen Plänen zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen. Diese Überlegung leuchtet mir ein, auch wenn ich nicht glaube, dass Einsichten „Freiheit“ produzieren. – Doch kann das derzeit unumgängliche Verbessern der Voraussetzungen für das Bewahren von Freiheit – vielleicht – aus Einsicht resultieren.

      Mit Ihrem Fazit bin ich deshalb (mit kleinen Modifikationen) einverstanden:

      Leider ist die momentane Lage die, dass als die größere Herausforderung nicht [das Sein] die notwendige Vorbereitung auf einen möglichen militärischen Konflikt wahrgenommen wird, sondern [das Scheinen] das Gewinnen der Meinungsherrschaft über die politische Debatte, wie jener Möglichkeit konsequent zu begegnen wäre.

      Das – in der Tat – sollte sich schnell, am besten noch heute ändern.

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  3. Avatar von A. Janowitz A. Janowitz sagt:

    Oha! Sie waren sogar zwei Jahre beim Bund? Ich wollte hin 4 Jahre Kampfsport, gutes Schussbild beim Schützenverein, aber dem Staabsarzt war ich wohl nicht stramm genug. Ich wollte Fernspäher werden. Mit nur 2 war der Weg versperrt. Deswegen in der EVP alles angekreuzt- ich wollte nicht mehr.

    Dann waren da die 200.000 Ex-NVAler und ich sollte „weder Mensch noch Tier“ werden: Panzergrenadier.

    Hab dann ein Altenwohnheim mitgeleitet. Der Kalfakter hinter Schwester Susanne. 100 Wohneinheiten mit lauter teils skurilen alten Leuten. War auch eine Erfahrung.

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  4. Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

    Lieber Herr Jenckel,

    hat Erwin Habisch nicht recht?

    Sie romantisieren Ihre Erinnerungen an Musterung, Einberufung, Schulung, Pflichten und mutiger Verweigerung. Auf Ihrer Facebook-Site schmettert der seelenmeyernd virilisierende Überbietungstenor unter den Kommentatoren: „Die guten alten Zeiten! Auch ich habe allerlei Dolles erlebt, bin aber in den Augen der younger frolleins ein angesagter Charmeur geblieben.“

    Ähnlich wie „Herr Lehmann“ (eine Romanfigur von Sven Regener, der als Gründer, Texter, Trompeter und Sänger schwermütiger Chansons mit der Band „Element of Crime“ schon zwanzig Lenze berühmt war, bevor er „in den Nullerjahren“ als Schriftsteller einen Bestsellerrekord nach dem anderen brach) schildern Sie „mit trockenem Humor die Absurditäten des Bundeswehralltags in Zeiten der Wehrpflicht“. Regners „Frank Lehmann“ ist in dem Neubaugebiet Neue Vahr Süd im Osten Bremens aufgewachsen und muss 1980 seinen Grundwehrdienst in der Niedersachsen-Kaserne in Dörverden, Ortsteil Barme, ableisten, „weil er schlicht und einfach vergessen hat, sich rechtzeitig mit ersatzweisen Möglichkeiten staatlichen Engagements zu beschäftigen“.

    Ja, warum erzählen Sie das alles? Sie sehen die dunklen Wolken am Horizont: Von „imperialem“ (vulgo: massenraubmordendem) Wahn zum Meucheln und Sterben getriebene russische Soldaten in der Ukraine, immer schneller avancierende, von nationalprimitivistischem Hirngespinsten befeuerte Angstpredigerarmeen und extremparteilich „aufgestellte“ Dehumanisierungsenthusiasten in Nordamerika und Europa sowie von einem Golddukaten scheißenden, zwischen Selbstnarkotisierung und Superheldenvisionen schwankenden Deutschland-Esel, der wie festgenagelt in einer ausgedachten Mitte verharrt, weil er sich nicht entscheiden kann, ob er erst 100 Kasernen für 250.000 Soldaten bauen oder erst 250.000 Nutzer rekrutieren und dann deren 100 Ausbildungsstätten errichten soll.

    Für Herrn Habisch ist die Sache klar:

    Das Problem russischer Expansionismus wird man nicht mit Wehrpflichtigen lösen können. Das würde nicht einmal eine Viertelmillion Wehrpflichtige ändern. Solange deutsche Firmen Putins Kriege mit Milliardensummen an Steuern in Russland mitfinanzieren, bleibt das Problem bestehen.

    Lassen wir dahingestellt sein, ob seine Diagnose zutrifft. Einen Lösungsvorschlag hat er jedenfalls ebensowenig parat wie Sie, Herr Jenckel. Das ist schade. Sie sind einer der letzten echten public intellectuals mit tief reichenden Wurzeln im Lüneburger Land, seitdem Hermann Schweppenhäuser am 8. April 2015 verstummt ist, Hans-Martin Koch sich seit seinem LZ-Abschied weitgehend in vornehmem Schweigen übt und Ihr Freund Bernd aus der Berliner (?) Ferne melancholische Weisheiten über die Unmaßgeblichkeit des Vergangenen und die Konturlosigkeit des Neuen verkündet:

    Die internationale Ordnung, die zwischen 1947 und 1949 entstand und den Rahmen für die Ostpolitik bildete, besteht heute nicht mehr. Russland setzt auf militärische Expansion, und die Vereinigten Staaten haben unter Präsident Donald Trump die westliche Wertegemeinschaft aufgekündigt. Eine neue Epoche hat begonnen.

    Sollte nicht von Ihrer Generation Genaueres, Orientierendes, praktisch Verwertbares statt Heldengeschichten kommen, die klingen, als „Wenn der Senator erzählt“? Wie ist die Lage, wo lässt sich ansetzen? Wann mit welchem Zug auf welches Feld?

    Der Aufmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor einer Woche (Nr. 47 vom 23. November 2025 auf Seite 1, online am 22.11.2025 um 18:22 Uhr) unter dem Titel „Scheitern de luxe: Ist die Zeitenwende noch zu retten?“ beschäftigte sich mit der „deutschen Verteidigungsfähigkeit“. Die erste Feststellung von Peter Carstens, einem politischen Korrespondenten der F.A.Z. in Berlin, lautet, dass die Bundesregierung seit mehr als zehn Jahren Milliardensummen in die Bundeswehr pumpe und die Verteidigung umorganisiere. Das Ziel sei, „eine friedliche Kleinarmee in eine abschreckende Streitmacht zu verwandeln. Sie soll mit den Verbündeten gegen eine russische Armee von 1,5 Millionen Soldaten bestehen, ja gewinnen können.“ Doch: Die Nachrichten zur Bundeswehr sind schlecht: zu wenig Personal, zögerliche Einzelanfertigung von Waffen, wöchentliche Krisenmeldungen bei Großprojekten. Zu wenig gelingt, zu viel scheitert. Das gilt auch für den Verteidigungsminister Pistorius. Der Sozialdemokrat verbindet seine kernigen Marketingauftritte mit verspäteten Reformen und Kleinmut vor seiner Partei.

    Dabei seien fast alle in der NATO, inklusive Pistorius, überzeugt: Russland könnte schon 2029 zuschlagen. „Das wäre in 37 Monaten, vielleicht früher.

    Am Ende des langen, doch lesenswerten Artikels von Herrn Carstens liest dann, wer es lesen möchte:

    Die Sozialdemokraten verhinderten jahrelang die Drohnenbewaffnung und organisierten der Bundeswehr so eine enorme Schwäche. Mit gleicher Energie stemmt sich die SPD-Fraktion heute gegen eine Wehrpflicht. Parlamentarier von Union und SPD haben Anfang November einen faulen Kompromiss geschlossen, der im kommenden Jahr einen Aufwuchs der Streitkräfte um gerade mal 1750 Soldaten verlangt, fünf Soldaten pro Tag. Mehr könne man weder ausbilden noch unterbringen, heißt es.

    Wie kann das sein in einem Land, dem es vor ein paar Jahren erst gelungen ist, pro Tag bis zu 8000 Geflüchtete mit Wohnraum, Schulen, Gesundheitsdiensten zu versorgen? Der stärkste Zuwachs von heute 183.000 Soldaten auf die geplanten 270.000 soll laut Koalitionspapieren nach dem Ende der Legislaturperiode stattfinden. Dieses Sankt-Nimmerleins-Prinzip kollidiert mit dem möglichen D-Jahr 2029. Pistorius trägt es dennoch mit.

    Doch alle und alles können besser werden. Wenn Pistorius mehr Mut fasst, sich aus Parteisoldatentum und den ausgetretenen Pfaden seiner langjährigen Verwaltungsroutinen befreit. Wenn sich das Parlament mit seinen ehrgeizigsten und fähigsten Abgeordneten der Gesamtverteidigung widmet, statt den Verteidigungsausschuss als Karrierefriedhof zu betrachten. Besser wird es, wenn die Industrie auch liefert, was ihre Hochglanzanzeigen in wehrtechnischen Magazinen versprechen. Und wenn, nicht zuletzt, die Öffentlichkeit, junge und alte Wählerinnen und Wähler, darauf dringen, dass die Verteidigung der europäischen Demokratien angepackt wird.

    Was meinen Sie, Herr Jenckel?

    Was Sie, Herr Habisch?

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    • Avatar von jj jj sagt:

      Da haben Sie den falschen Bernd erwischt 🙃

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      • Avatar von Tanja Dieckmann Tanja Dieckmann sagt:

        Das passiert, Herr Jenckel. Herrn Dr. Rother, Ihr Jahrgang und ebenfalls aus Melbeck, hatten Sie am 21. November 2024 selbst nahe gelegt.

        Was Ihnen nun unabhängig von der Identität des hier und heute gemeinten Bernd bleibt, sind die Fragen von Herrn Berg nach Ihrer Einschätzung:

        Wie ist die Lage, wo lässt sich ansetzen? Wann mit welchem Zug auf welches Feld?

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    • Avatar von Erwin Habisch ezwoh sagt:

      Ich bin Pazifist, kein Traumtänzer. Putin will das Sowjetimperium wieder herstellen. Das reichte bis zehn Kilometer vor Lauenburg. In den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern hat er ja schon reichlich Fans. Neueste Umfrage in Meck-Pom: 38 % Afd, 19 % SPD… In Sachsen-Anhalt 40 % Afd, 26 % CDU… Ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann die Afd-Wähler dort ihn zur Hilfe rufen.
      Dass man heisse Krieger wie Putin nicht mit freundlichen Worten stoppt, wusste schon einer der berühmtesten Pazifisten – Albert Einstein. Einsteins Aussage „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ ist leider nur zu wahr.
      Was russische Sicherheitsgarantien wert sind, merkt man in der Ukraine seit Jahren – nicht erst seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar 2022.
      Ich habe (auch) keine Lösung, die ich aus dem Ärmel schütteln könnte. Von den politisch Verantwortlichen und der Wirtschaft erwarte ich aber, dass sie alles – wirklich alles – unternehmen, um die Finanzierung des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine wenigsten zu schwächen.
      Denjenigen, die glauben, wir könnten einfach zusehen, sollten sich ein Zitat von Martin Niemöller zu Herzen nehmen:
      „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
      Als sie die Gewerkschaftler holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschaftler.
      Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.
      Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

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  5. Oberstlt d.R. A. D. Dr. Adrian Hyazint Carl Friedrich Wolf Tiedecke von Flotow (* 5. Juni 1943 in Friedland, Landkreis Göttingen), heute demnach 82 Jahre jung, scheint der lässige Schalk der frühen 70er noch immer im Nacken zu sitzen. Er betreibt eine eigene Website, auf der er bekennt, er sei „auf Religion nicht gut zu sprechen“, habe aber viel Spaß daran, Kurzgeschichten zu schreiben. Diese allerdings seien „zum Teil recht explizit, um vorsichtig zu formulieren“. Deswegen habe er sie „in den privaten Bereich“ platziert. „Über Mail“ freue er sich immer.

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    • Avatar von Trine Brammer Trine Brammer sagt:

      Was ich wirklich gerne einmal sehen würde, ist eine Aufnahme von Jens-Peter Schultz mit langer Matte, mit der er früher über die Sportplätze gewirbelt ist und die Girls begeistert hat, bevor er dann bei der Polizei anheuerte, um 20 Jahre nach diesem Einstieg zum viertelhundertjährigen Ochtmisser Ortsbürgermeister aufzusteigen.

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  6. Avatar von Erwin Habisch ezwoh sagt:

    Ich war nicht beim „Bund“, habe schon vor der Musterung den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert und später Zivildienst bei der Lebenshilfe gemacht – nicht Fahrer (wie damals die meisten Zivis dort) – sondern Behindertenbetreuer in der Werkstatt als Hilfskraft für eine Erzieherin.
    Bei mir lautete 1976 die Frage vor dem Prüfungsausschuss für Kriegsdienstverweigerer in der Theodor-Körner-Kaserne „Ihr Freundin wird im Kurpark überfallen und sie haben eine Maschinenpistole dabei – was machen Sie?“
    Da ich nie eine Maschinenpistole dabei hatte, wäre ich ohne Vorbereitung wahrscheinlich ob der Absurdität der Frage in schallendes Gelächter ausgebrochen. Es gab aber einen Fragenkatalog von Pax Christi, in dem man auch diese Frage fand. Ich kannte daraus das Muster der Fragen.
    Der Ausschussvorsitzende sparte nicht mit nationalsozialistischem Vokabular, weswegen einer Beisitzerin schliesslich der Kragen platzte. Wie ich später erfuhr, war es Sonja Barthel. Das dürfte zu meiner Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer beigetragen haben.
    Heute steht der Feind wieder im Osten und er ist nicht mehr Rot, sondern Braun – russischer Nationalismus im Allmachtswahn mit Alexander Dugin als Chefideologen.
    Und wir sind nicht wieder Blau, das heute anders belegt ist (AfD – Braun), sondern – bei aller Kritik an unserer aktuellen Regierung – immer noch eine Demokratie, die sich von Autokratien wie der derzeitigen USA positiv abhebt.
    Das Problem russischer Expansionismus wird man nicht mit Wehrpflichtigen lösen können. Das würde nicht einmal eine Viertelmillion Wehrpflichtige ändern. Solange deutsche Firmen Putins Kriege mit Milliardensummen an Steuern in Russland mitfinanzieren, bleibt das Problem bestehen.

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