
Sieht das Land Niedersachsen die geplante Elbbrücke Neu Darchau in einem neuen Licht und rückt von der favorisierten modernen Fähre ab. Da gibt es ziemlich verschiedene Interpretationen. Blog.jj hat einmal beim Lüneburger Landrat Jens Böther (CDU), Befürworter der Brücke, und dem Fraktionschef der Grünen im Landtag, Detlev Schulz-Hendel, Freund der Fähre, nachgefragt. Antworten aus zwei Welten.
Landrat Jens Böther, Sie sind ein Freund der Elbbrücke, wann glauben Sie, dass das erste Auto über die Brücke fährt?
Landrat Jens Böther: Es ist bekannt, dass der Landkreis Lüneburg im Frühjahr 2026 als nächsten Schritt den Bescheid für seinen Planfeststellungsantrag erwartet. Daraus leiten sich weitere Schritte ab, die unter anderem die weitere Konkretisierung der Planung und gegebenenfalls weitere Rechtsverfahren umfassen. Der weitere Fortgang hängt somit von den dafür benötigten Zeiten ab und kann heute nicht mit Bestimmtheit vorhergesagt werden.
Angesichts der Zahl der Pendler sehe ich die Wirtschaftlichkeit bei einem 100-Millionen-Projekt kritisch, Sie nicht?
Mit Blick auf den enormen Nutzen und die Verlässlichkeit einer festen Elbquerung für die Menschen in der Region, die Schülerinnen und Schüler, die Wirtschaft sowie auf die Ziele, die der Landkreis Lüneburg mit der Brücke verfolgt: Nein.
Wer berechnet die Wirtschaftlichkeit?
Die Anforderung ist, dass das Vorhaben bau- und verkehrstechnisch einwandfrei und unter Beachtung des Grundsatzes der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit geplant wird. Das wurde in den Planungen selbstverständlich berücksichtigt.
Der Kreistag Lüchow-Dannenberg, in dem Kreis wird die Brücke gebaut, ist unter anderem mit der Verkehrsführung zur Brücke nicht einverstanden. Rechnen Sie mit einer Klage oder glauben Sie, dass die Brückenvereinbarung zwischen den Kreisen und Gemeinden die Trasse durch Katemin abdeckt?
Die derzeitige Planung des Streckenverlaufs entspricht der Brückenvereinbarung, die zwischen dem Landkreis Lüneburg, dem Landkreis Lüchow-Dannenberg, der Samtgemeinde Elbtalaue und der Gemeinde Neu Darchau geschlossen wurde.
Das Land hat im vergangenen Jahr immer betont, dass die Brücke angesichts der hohen Kosten zunehmend unrealistisch sei, so der Minister und aktuelle Ministerpräsident. Sehen Sie da einem Sinneswandel?
Es ist erfreulich, dass auch die aktuelle Landesregierung zu den Förderzusagen früherer Landesregierungen steht, dieses wiederholt deutlich bekundet, die Förderfähigkeit bestätigt und die Förderung der Brücke eindeutig in Aussicht gestellt hat.
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Herr Schulz-Hendel, sind Sie gegen die Elbbrücke und für eine Fähre. Der Landkreis ist bald mit dem Planfestllungsbeschluss für die Brücke fertig. Was wird sich am Ende durchsetzen?
Ich bin an aller erster Stelle für eine schnelle Verbesserung der Mobilität der Menschen im Amt Neuhaus. Auch aus diesem Grund haben wir uns im rot-grünen Koalitionsvertrag auf der Landesebene einvernehmlich für die Optimierung des Fährbetriebes gegenüber eines Brückenbaus favorisiert. Das Land ist bereit, die betroffenen Landkreise und Kommunen in der Region dabei zu unterstützen. Zum einen bezuschussen wir als Land sowohl die neue Fähre in Bleckede als auch eine neue Fähre bei Neu Darchau, aber auch notwendige Veränderungen bei den Fähranlegern sind nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierung förderfähig. Gleichzeitig stellt das Land Mittel für die Planungen zur Optimierung des Fährbetriebes zur Verfügung und unterstützt die Region bei einem Fährkonzept. Ich bin schon etwas erstaunt, dass der Landkreis und hier federführend der Landrat unbeirrt an den Planungen einer Elbbrücke festhält und gleichzeitig genau aus diesen Gründen längst überfälligen Verbesserungen der Elbquerung eher halbherzig angeht. Genau das brauchen aber die Menschen diesseits und jenseits de Elbe. Natürlich obliegt es der Entscheidung des Landkreises an den Planungen für eine Elbbrücke festzuhalten. Hierauf können und wollen wir als Land keinen Einfluss nehmen. Es handelt sich um ein rein kommunales Vorhaben, im Übrigen ohne jegliche überregionale Bedeutung. Ich sehe klar in Hinblick auf die Verbesserungen der Fährbetriebe eine schnelle und vor allem dauerhafte Alternative zum teuren und kaum realisierbaren Bau einer Elbbrücke, bei der völlig in den Sternen steht, ob sie jemals realisiert werden kann.
Sehen Sie angesichts der Zahl der Pendler die Wirtschaftlichkeit bei einem 100-Millionen-Projekt gegeben?
Nein, eine Wirtschaftlichkeit ist angesichts der Verkehrsprognose nicht auch nur ansatzweise erkennbar, geschweige dann belegbar. Bei rund 2000 Fahrzeugen am Tag und rund 100 Millionen Baukosten ist das Projekt Brücke meilenweit von einem positiven Nutzen-Kosten-Wert entfernt. Hinzu kommen die erheblichen Auswirkungen auf Natur, Umwelt und Landschaftsbild. Rund 240 Hektar Fläche sind hier betroffen und davon 200 Hektar von besonderer Bedeutung. Damit ist ein Brückenbau, so wie er jetzt geplant ist, ein erheblicher Eingriff mit negativen Auswirkungen auf Umwelt und Natur bei einem geringen Nutzen. Der Gutachter des Landkreises hat ja selbst festgestellt, dass der Brückenbau aufgrund der erheblichen Einwirkungen in die Natur nur mit einer EU-Sondergenehmigung möglich wäre. Es gibt keine belastbare Wirtschaftlichkeitsanalyse. Das hat der Landkreis bis heute nicht gemacht. Über die Motive dafür kann ich nur spekulieren. Wahrscheinlich würde der Landkreis nach Vorliegen solcher Analysen selbst nicht mehr glauben, auf die richtigen Planungen gesetzt zu haben. Die Vermutung liegt nahe, dass die Verantwortlichen im Landkreis sich irgendwie mit unredlichen Versprechungen über die Kommunalwahl retten wollen. Das ist nicht mein Verständnis von ehrlichem politischen Handeln. Der Landkreis hat auch aus den Fehlern beim Bau der LKH-Arena offenbar nichts dazu gelernt.
Glauben Sie, dass die Brückenplanung am Ende durch Klagen zu Fall gebracht wird?
Angesichts der bestehenden Sachlage ist davon auszugehen, dass es Klagen geben wird. Ob die Klagen die Brückenplanungen zu Fall bringen, kann ich nicht beantworten. Das müssen die Gerichte entscheiden. Viele Fakten sprechen dafür.
Das Land hat im vergangenen Jahr immer betont, dass die Brücke angesichts der hohen Kosten zunehmend unrealistisch sei, so der Minister und aktuelle Ministerpräsident. Sehen Sie da einem Sinneswandel?
Nein, es gibt in der rot-grünen Landesregierung keinen Sinneswandel. Es ist richtig und wichtig auch als Land darauf aufmerksam zu machen, dass eine Brücke zunehmend unrealistisch wird. Diese Aussage bezieht sich natürlich auch insbesondere darauf, dass der Eigenanteil des Landkreises deutlich ansteigen würde. Ob das realistisch umsetzbar ist, wäre angesichts der schwierigen Haushaltslage des Landkreises deutlich in Frage zu stellen. Im Übrigen ist es auch nur folgerichtig, die Favorisierung eines Fährkonzeptes im Landesraumordnungsprogramm zu verankern. Das diese von Befürwortern einer Elbbrücke schon fast skandalisiert wird, kann ich nicht nachvollziehen. Die Änderung des Landesraumordnungsprogramm hat einen klaren, fast unaufgeregten geregelten Ablauf. Dazu gehören ein Beteiligungsverfahren, entsprechende Auswertungen, eine erneute Anhörung und dann die Stellungnahme durch den Landtag. Da gibt es nichts zu beanstanden. Lassen Sie mich aber abschließend auch nochmal klar sagen: Die Brückenplanungen sind ein kommunales Vorhaben. Das ist das gute Recht des Landkreises, dass es zu respektieren gilt. Und auch zur Deutung der vermeintlichen Förderzusagen des Landes bleibt festzuhalten. Förderfähigkeit kann nach den Bedingungen des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz erlangt werden. Das ist hier nicht anders als auch bei anderen Straßenbauprojekten im Land. Und eine Aufnahme in das Jahresprogramm setzt voraus, dass alle Förderbedingungen erfüllt sein müssen – wie zum Beispiel die Baureife, die Eigenmittel und die Flächenverfügbarkeit. Offenbar gibt es seitens des Landkreises auch unterschiedliche Interpretationen in der Bewertung.
Fazit: Auf der Landesebene besteht ein großes Interesse an schnellen umsetzbaren und realistischen Maßnahmen zur Verbesserung der Anbindung des Amt Neuhauses. Es ist und bleibt falsch, Menschen etwas zu versprechen, was vermutlich gar nicht umsetzbar ist.
Fotomontage: l. Detlev Schulz-Hendel, m. Brücke und Fähre, r. Landrat Jens Böther. Fotos Büro Schulz-Hendel/jj/Chatgpt