
Die Tommys als Besatzer haben den deutschen Lokaljournalisten nach dem großen Krieg und der gleichgeschalteten Nazi-Presse auch in Lüneburg gezeigt, was der Unterschied zwischen berichten und richten ist. Lange her, heute fehlt es oft an Geld und Zeit für umfängliche Recherche.
Diese Woche war Tag des Lokaljournalismus. Lokaljounalismus bedeutet für mich: Witterung aufnehmen, recherchieren, und zwar 360-Grad, und nicht nur rapportieren, was einer sagt, unbequem und für den Leser überraschend sein. Der Reporter, der mir sagt, worüber die Stadt spricht und nicht nur ein paar Lokalpolitiker, der mir das Warum erklärt, was dahintersteckt, was mein Nachbar Überraschendes treibt (Schlangen züchten?) und wo ich heute Abend hingehen könnte, der Reporter hat die wichtigsten Säulen des Lokaljournalismus bedient.
Die Lokaljournalisten sind zugleich die Chronisten in Stadt und Land. Und dazu gehört es, dass die jüngere und ältere Stadtgeschichte für sie keine Terra incognita ist. Sie wissen, was gestern war. Gerade für die Versprechen der Politik ist das ein Punktsieg: Ob es nun ein Audimax ist, das seit einem guten Jahrzehnt einen erheblichen Beitrag zum Unterhalt des mehr als 100 Millionen Euro teuren Luxus-Raumschiffs auf dem Campus liefern soll. Ist das tatsächlich so? Oder, dass sie einordnen, was es für einen Landkreis bedeutet, wenn er für gut hundert Millionen Euro eine Elbbrücke bauen will und sie nicht nur Wasserstandsmeldungen zu den Baukosten und Aussagen der üblichen Verdächtigen wiedergeben.
Und wenn der Lokaljournalist eine Meinung hat, schreibt er einen Kommentar. In keinem Fall aber würzt er seine Berichte mit kommentierenden Verben. Allzuoft sagt ein Politiker oder Verwaltungsmitarbeiter nur etwas dem Reporter, und dann steht im Blatt doch, der hat nichts gesagt, sondern er „verrät, gibt zu, gesteht oder gesteht sogar ein“ und steht wie ein Delinquent da. Nein, der hat nur was gesagt. Und ob das gefällt, überlasse ich dem Leser und der Leserin.
Die Landeszeitung ist für herausragende Reportagen und kritische Following-up-Berichterstattung zu recht mit Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem zum Audimax oder zur Arena. Und mit Following-up ist nicht die Hatz auf die Trinkerszene am Sand gemeint, nicht der Rad-Auto-Konflikt. Wobei, mit ein paar Fakten untermauert, könnte gerade da doch Erstaunliches ausgegraben werden zur Entwicklung der Mobilität. Wie fing das an der Ilmenau euphorisch an mit der Verkehrswende, und warum wird sie heute atomisiert? Und was steht eigentlich genau im Stadtentwicklungsplan, Jahre wurde daran getüftelt, was wurde aus den Zielen des Großprojektes „Lüneburg 2030+“ ?
Die Recherche braucht Zeit, und die fehlt oft genug in der neuen Medienwelt der Transformation und Marktkonzentration, des Auflagen- und Umsatzschwundes, die es gerade Lokalzeitungen schwer macht, tief in der Fläche zu recherchieren, sichtbar zu sein. Das kostet Zeit und Geld, das macht den Lokaljournalisten zur bedrohten Art.
Ich liebe das Gedruckte über alles. Das liegt am Knistern und Rascheln, am Umblättern, das Unerwartete finden. Am Ende steht das Urteil, ob es heute eine gute, eine durchwachsene oder schwache Ausgabe war, weil die üblichen Verdächtigen womöglich die Suppe versalzen haben.
Hans-Herbert Jenckel
Fotomontage ChatGPT