Affäre Scharf: Lüneburgs CDU steckt selbstverschuldet in der Zwickmühle

Lüneburg, 22. Januar 2018

Die Debatte um die Lüneburger Gedenkkultur nach dem Fauxpas des Bürgermeisters Dr. Gerhard Scharf, der einem rechten Blogger freimütig ins Mikro quasselte, nimmt nicht ab, sie nimmt an Fahrt zu. Angesichts der halbherzigen Entschuldigung und Fehleinschätzungen kein Wunder. Und Ende der Woche ist der Holocaust-Gedenktag, das verschärft die Lage noch. Und es brodelt auf verschiedenen Spielfeldern. In der Politik, im links-liberalen Bürgertum, ja am rechten Rand.

Am Stein der 110. Infanterie-Division, gerade dort, sprach Scharf mit dem rechten Blogger. Angesichts der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen dieser Division durch das Team um Prof. Dr. Wuggenig an der Leuphana Universität der denkbar schlimmste Ort für Scharfs Pauschalurteile und Ausfälle gegen Links. 

Ethisch-moralisch betrachtet, ist für das links-liberale Lager Scharfs Zeit abgelaufen, am Rücktritt führe kein Weg vorbei. Und da liefert nicht nur Professor Wuggenig tiefschürfende Analysen, was in Scharfs Äußerungen für eine Grundhaltung zur deutschen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte durchscheine.

Im konservativen Lager liegt der Fall anders. Nicht das Scharfs Auftritt dort Begeisterung auslöste, aber Rücktritt? Überzogen.

Die politische Dimension ist komplexer. Sie führt uns in den Rat der Stadt. Dort liegt die Lüneburger CDU in Schockstarre. Einige Christdemokraten überlegen offenbar, Scharf aus der Schusslinie zu nehmen, indem der geplante Wechsel im Bürgermeister-Amt einfach vorgezogen wird. Dass die Überlegungen aus einem CDU-internen Chat  jetzt an die Presse durchgestochen wurden, vergiftet zunehmend die Stimmung in der Union.  

Die Christdemokraten haben es nicht verstanden, den Fehltritt ihres Fraktionskollegen Scharf schnell auch als solchen klar zu benennen und zu reagieren. Stattdessen sagte Fraktionschef Niels Webersinn im Gespräch mit der LZ: Rücktritt sei keine Option. Wie es auch kommt, jetzt klebt der Faupax wie Pattex an Scharf.

Bei Webersinn bestand der irrige Glaube, nach einem Gespräch mit dem Grünen-Chef Ulrich Blanck und dem Linken Michèl Pauly sei die Sache ausgestanden. Doch beide stufen die Telefonate mit Webersinn und ihre eher moderate Reaktion als Privatsache ein. Das spiegele nicht die Fraktionsmeinung wieder. Gleichwohl ahnen alle, dass am Verhalten in der Causa Scharf auch das Glück oder Unglück der Jamaika-Gruppe liegt. Und am Ende womöglich das des Fraktionschefs Webersinn.

Das könnte auch die SPD im Lüneburger Rat dazu bewegen, nicht so heftig auf die Pauke zu hauen. Die Sozialdemokraten warten mit moderaten Statements ab. Aus Kalkül? Zerbricht Jamaika, wäre der Weg offen für eine lokale GroKo.

Die Sozialdemokraten wissen, dass die CDU Scharf nicht einfach fallen lassen kann. Er hat nicht nur Meriten in der Partei, er hat bei der letzten Kommunalwahl das beste CDU-Ergebnis in Lüneburg eingefahren. Lässt die CDU Scharf fallen, düpiert sie auch große Teile ihrer konservativen Wählerschaft. Das kann nur einen freuen, die AfD. Da fallen Scharfs Wortbeiträge auf fruchtbaren Boden. 

Die CDU Lüneburg steckt selbstverschuldet in der Zwickmühle, weil sie nie wirklich einen Befreiungsschlag gesetzt hat. Wie es auch kommt, der Flurschaden ist angerichtet. 

Hans-Herber Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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5 Antworten zu Affäre Scharf: Lüneburgs CDU steckt selbstverschuldet in der Zwickmühle

  1. Gertrud Hölscher schreibt:

    Lieber Herr Jenckel,

    wie die der meisten, sich auf geradezu kindische Art im Mittelpunkt wähnenden Ratsmitglieder scheint auch Ihre Sicht der Scharf-Katastrophe durch eine Déformation professionnelle bestimmt zu sein. Sogar wenn Sie zunächst kurz die »ethisch-moralische« Betrachtung Ihrer ausgedehnten »politischen« Fronten- und Interessenanalyse voranstellen, fokussieren Sie ausschließlich auf die (vermeintlich) aufgrund der Vereinsfarben vorauszusetzenden ideellen »Lager«-Antagonismen. Nach meinem Dafürhalten sind aber die parteipolitischen Rücksichten ganz ohne Belang. Zählen sollte alleine das fürs Gemeinwohl einzig Gebotene. Denn schon in wenigen Jahren wird unser moralisches Bewähren – oder Versagen – beim Umgang mit diesem schmuddligen Skandal in den Geschichtsbüchern stehen, die Lächerlichkeiten der momentanen Weichenstellungen auf dem Verschiebebahnhof von interfraktionellen Motiven, »Zielen« und kleinkarierten Absichten werden dagegen vollständig verblassen.

    Der Dipl.-Ing. Architekt Alfons Bauer-Ohlberg, vom 1. Oktober 2014 bis zum 31. Oktober 2016 als Mitglied der Bündnis90/DIE GRÜNEN-Fraktion im Rat der Hansestadt Lüneburg, hat heute, am 22. Januar 2018 um 19:18 Uhr, an anderer Stelle eine Einrede gepostet, in der tatsächlich der ethisch-moralische Aspekt der Angelegenheit ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt – und diejenigen, die beides hauptsächlich (und zwar lange vor dem Rat) angeht: die Mitglieder der Lüneburger Stadtgesellschaft und ihre Nachkommen. Hier kommt der Text:

    »Wenn einer Person im Amt des Lüneburger Bürgermeisters gegenüber dem vermuteten politischen Gegner ›das Messer in der Tasche aufgeht‹, so legt er nahe, andere Auffassungen nicht durch Argumente, sondern durch Taten aus der Welt schaffen zu wollen. Als Amtsperson hätte er sich besser für die strafrechtliche Verfolgung der Schänder des Denkmals einsetzen sollen, die dann durch soziale Reuearbeit ihre Verfehlung hätten tilgen können.
    Stattdessen bekennt er [Dr. Scharf] sich in dem Interview zur Notwendigkeit eines Denkmals für die 110. Infanterie-Division und begründet dies mit der Schuldlosigkeit einfacher Soldaten dieser Einheit. Das Denkmal erinnert nur leider nicht an den einfachen Soldaten, sein Leid und das seiner Angehörigen, sondern an einen Teil soldatischer Organisation, die sich mittels ihrer Führung schwerster Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hat, welche mit den Nürnberger Prozessen nur stellvertretend und unvollständig aufgearbeitet wurden. Das positive Erinnern an solche Organisationen ist daher falsch. Denn das Denkmal wird heute dafür benutzt, völkisch-rassistische Auffassungen zu befördern, die das friedliche und gedeihliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft zerstören wollen. Von einem Bürgermeister und Historiker des Jahres 2018 darf erwartet werden, dass er die Bedeutung und Zwecke von Denkmälern historisch und gesellschaftlich richtig wiedergeben und einordnen kann.
    Die Last vergangener politischer Haltungen und Handlungen und ihrer Folgen ist scheinbar auch zwei Generationen nach Kriegsende immer noch nicht bei jedem innerhalb der politischen Vertretung Lüneburgs aufgearbeitet. Und die ethische und moralische Verantwortung für ein öffentliches Amt scheint immer noch nicht allen Mitgliedern bewusst zu sein.
    Herrn Dr. Scharf nur noch selektiv als Bürgermeister einzusetzen, wie es Frau Schellmann von der FDP vorschlägt, wird diesem Anspruch nicht gerecht, die Stadtgesellschaft will sich nicht durch gespaltene [schauspielernde, ihre wahren Überzeugungen von Fall zu Fall verbergende bzw. verleugnende] Persönlichkeiten vertreten sehen. Die Grünen versuchen, Ihren Gruppenpartner behutsam in abgestufter Weise mit den Realitäten vertraut zu machen, nur die Rücktrittsforderung der Linken ist folgerichtig. Dr. Scharf ist für das die gesamte Stadtgesellschaft repräsentierende Bürgermeisteramt nicht mehr tragbar.«

    Ursprünglich: https://jj12.wordpress.com/2018/01/10/buergermeister-scharf-und-das-rechte-paralleluniversum/#comment-1780

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  2. Susanne Jäger schreibt:

    Herr Dr. Scharf „hat bei der letzten Kommunalwahl das beste CDU-Ergebnis in Lüneburg eingefahren“, weil er als ehemaliger Oedemer Gymnasialrektor ein hohes Ansehen genoss, nicht weil potentielle AfD-Wähler ihn als die bessere „Alternative für Lüneburg“ angesehen haben.

    Schauen Sie sich an, welchen Schlages „die Geister“ sind, die unser bramarbasierender Youtube-Zauberlehrling mit seinen „freimütigen Pauschalurteilen und Ausfällen gegen Links“ gerufen hat. Sobald Sie die Tür (wie die LZonline-Redaktion es vorhin getan hat) einen winzigen Spalt breit öffnen, flutet die braune Soße herein. Bisher nur als die trübe Phrasenbrühe unseres anonymen Freundes „andy“, der heute in den Kostümierungen „Lars Freise“, „Nadia O.“, „Rolf R.“, „Andre“ und „Hanne S.“ auftritt, den sattsam bekannten scharfen Parolen-Nonsense wiederkäut und sich selbst alle Augenblicke wieder zu seinem eifernd aus der rechten Gülle geschöpten Dumpfsinn gratuliert: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/luneburg/1388521-1388521#comment-135931

    Aber dieser schwer in den rechten Misthaufen schuftende, in zig Teile gespaltene Kehrichtbesen ist repräsentativ für die Wähler, die ein Amtsverbleib von Dr. Scharf zur CDU hinüberhexen soll? Dass ich nicht lache! Ein Gutteil der bürgerlichen Konservativen, der Scharf bisher gewählt hat, wird sich ex post „Video“ degoutiert abwenden. Und von „andy“ und seinen Kollegen wird mit Gewissheit keiner die lasche, verschämte und nach Angstschweiß müffelnde Kopie wählen. Die wollen das echte, das stählerne, das durch und durch bio-deutsche Unschuldsoriginal.

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  3. Hans Mentz schreibt:

    Sehr geehrter Herr Jenckel,

    letztens hat hier einer ein hellsichtiges und in dieser Hellsicht vielleicht erst aus der Perspektive des 20. und 21. Jahrhunderts recht zu würdigendes anti-ideologisches Aperçu aus Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ zitiert:

    „Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Wege, entsetzliches Unglück anzurichten.“

    Ist das nicht die denkbar knappste und prägnanteste Formel, um die Video-Performance des selbstgerechten Hobbyhistorikers Dr. Scharf auf den Punkt zu bringen?

    Aber auch Sie schreiben: „Ethisch-moralisch betrachtet, ist für das links-liberale Lager Scharfs Zeit abgelaufen, am Rücktritt führe kein Weg vorbei.“ Beziehen Sie sich hier auf die vielen, vielen hundert Schreie von fassungslosem Entsetzen, die mit Bezug auf Dr. Scharfs unentschuldbare Entgleisungen vom 2. Januar durch die Kommentar-Foren der Landeszeitung und Ihrer Blog-Plattform gellen und – in der Tat – in weit über 90 Prozent der Fälle den umgehenden Rücktritt von Bürgermeister Scharf verlangen?

    Woher wissen Sie, dass es sich bei den Rufenden – durchweg, überwiegend oder auch nur zu einem namhaften Teil – um Menschen aus dem „links-liberalen Lager“ bzw. „links-liberalen Bürgertum“ handelt? Ich lebe seit fast siebzig Jahren in Lüneburg und bilde mir ein, unsere Pappenheimer recht gut zu kennen. Sechs offen der „linken“ Konfession anhängende Autoren habe ich in über 350 Kommentaren identifizieren können. Woher rührt Ihre Lust, so viele verschiedene Stimmen über einen Kamm zu scheren? Weil nichts anderes denkbar ist? Kann nur „ein Linker“ den moralischen Bankerott von Dr. Scharf wahrnehmen? Bei „Konservativen“ fahren sofort die ideologischen Scheuklappen aus? Nicht Wahrheit und Anstand bestimmen das Urteil der Lüneburger, sondern Parteimeinungen und „politisches“ Kalkül? Teilen sich die Gruppen mit Notwendigkeit in „rechts“ und „links“, wenn ein Bürgermeister „einem rechten Blogger freimütig [!] ins Mikro quasselt“ und dabei vor Dummheit brummende „Pauschalurteile und Ausfälle gegen Links“ für ein Youtube-Video dokumentieren lässt, das inzwischen 23.149 Male aufgerufen wurde? Ist das Empfinden von Ekel davon abhängig, welchem lokalpolitischen „Lager“ einer zugehört?

    Herr Jenckel, könnten nicht auch Ihre allgemeinen Begriffe auf dem Wege sein, Unglück anzurichten, indem Sie dem Vorurteil Nahrung geben, ausschließlich „der Parteien Gunst und Haß“ bestimme die Bewertung dessen, was Sie verniedlichend als „Fauxpas“ bezeichnen, ich aber geradeheraus eine elende Lumperei nennen würde?

    Ich bin seit 50 Jahren CDU-Wähler. An Dr. Scharfs unverzüglichem Ausscheiden aus allen öffentlichen Ämtern führt für mich kein Weg vorbei.

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    • jj schreibt:

      Lieber Herr Mentz, danke für Ihren Kommentar.
      LZ-Berichte, Kommentarspalten und dazu noch ein wenig Feldrecherche lassen für mich diesen Schluss zu.
      Aber das, und deswegen steht darunter ja mein Name, ist nur meine Meinung.
      Spannend wird es doch erst, wenn auch andere Meinungen zum Zuge kommen.

      Links-liberal umfasst für mich ein recht breites Spektrum und sollte keine Wertung sein. Sollte ich mich da für Sie im Begriff vertan haben, bitte ich das zu entschuldigen.
      Ihr Hans-Herbert Jenckel

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      • Klaus Bruns schreibt:

        mein lieber herr jenckel , zitat von ihnen: Links-liberal umfasst für mich ein recht breites Spektrum. genau diese tut die spd auch, und sie ist gerade deswegen bei 18% gelandet.

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