Wann und wie beginnt Lüneburgs Zukunft?

Lüneburg, 16. Juli 2018

Das Projekt „Zukunftsstadt Lüneburg 2030+“ ist alle Mühe wert. Deswegen unterstützt die LZ die Stadt und die Universität. Aber die Idee ist im Lüneburger Bürgertum noch nicht angekommen. Lüneburg hat mehr als 77 000 Einwohner. Wenn an einer Zukunftsstadt-Befragung 444 Personen teilnehmen, darunter viele Studenten, dann fliegt diese Befragung tief unter dem „Repräsentativ“-Radar.

Es ist ja auch anstrengend und müßig, sich über eine Zukunft Gedanken zu machen, die einem nur Angst bereitet, weil wir gerade mal wieder in gewaltigen Umbruchzeiten leben – politisch, gesellschaftlich und digital. Weil man sich abgehängt fühlt, weil einem die ganze Richtung nicht passt und weil eben nichts bleibt, nichts bleibt, wie es war. Ja, oder weil man sich in einer alternden Gesellschaft keine Gedanken machen mag über eine Zukunft, die man nicht mehr erlebt.

Insofern enttäuscht die geringe Resonanz auf das Projekt Lüneburg 2030+ nicht. Sie darf aber auch nicht entmutigen, denn es sind unter den Ideen viele, die Lüneburg lebenswerter machen. Ein Webfehler ist allerdings, dass sie alle in der Gegenwart ansetzen und nicht in der Zukunft. Ob grüne Oasen, Dächer oder Siegel, lokal arbeiten und wohnen, Ganztagsschulen oder gesunde Ernährung und natürlich Wohnen für alle, das ist bereits im Fluss, nicht erst 2030 und „+“, sondern jetzt, also nicht visionär. Sonst müsste das Projekt „2018+“ heißen.

Was die Welt und die Gesellschaft bis 2030 grundlegend verändert, findet für mich zu wenig Beachtung im Projekt: die Digitalisierung. Sie greift mit Macht nach unserem Leben, nach unserer Arbeitswelt und, was schlimmer ist, nach unseren Gewohnheiten.

Google, Amazon und Facebook, Siri und Alexa, die uns das Gedächtnis und den Terminkalender abnehmen, Rasen- und Staubsauger-Roboter, sie sind nicht mehr als ein Hauch von einem Vorgeschmack auf das, was uns im nächsten Jahrzehnt erwartet. Das endet eben nicht damit, dass Roboter besser Schach spielen als Weltmeister. Es endet im Takt der Algorithmen, die uns das Denken und die Arbeiten abnehmen werden. Was bleibt? Sinnsuche. Mit den Denkmustern von gestern will das nicht gelingen. Mehr Mut zu Visionen. Es geht nicht um morgen, sondern um 2030 und +. 

Hans-Herbert Jenckel

PS: Die Startwoche der Leuphana trifft da den Nerv.

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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6 Antworten zu Wann und wie beginnt Lüneburgs Zukunft?

  1. Antje Seidel schreibt:

    Lieber Herr Jenckel,
    wir freuen uns, dass unser Projekt es in Ihren Blog geschafft hat! Und ja, das Projekt »Zukunftsstadt Lüneburg 2030+« ist alle Mühe wert! Darum an dieser Stelle noch ein paar kleine, aber wichtige Details:
    Es ist richtig, dass an der Zukunftsstadt-Befragung 444 Lüneburger*innen teilgenommen haben. Diese Zahl ist tatsächlich nicht repräsentativ, aber weitaus höher als erwartet. Zudem haben wir mit der Befragung nicht nur die Menschen innerhalb unseres Universitätsuniversums erreicht, sondern auch viele Lüneburger*innen, die bisher überhaupt keinen Bezug zum Projekt hatten – hier half die tatkräftige Unterstützung der LZ, die in vielen sehr guten Artikeln das Projekt selbst, seine Ziele, Inhalte und Hintergründe sowie den Grund für die Befragung vorgestellt hat. Dass sich 444 Menschen die Zeit genommen haben, sich intensiv mit den 17 entwickelten Lüneburger Lösungen auseinanderzusetzen und die zahlreichen Fragen hierzu zu beantworten, ist für uns von großem Wert! War das »anstrengend«? Bestimmt! Aber »müßig«? Keinesfalls, denn die Rückmeldungen fließen direkt in die weitere Arbeit im Projekt ein. Schon in den Monaten vor der Umfrage haben mehrere Hundert Lüneburger*innen (aller Altersstufen!) ihre Ideen aktiv ins Projekt eingebracht und ihre Zeit investiert, um gemeinsam an der Zukunft Lüneburgs mitzuarbeiten. »Geringe Resonanz« sieht anders aus! Nicht zuletzt geht für uns die Qualität der Rückmeldungen über die Quantität. Die Befragung hat uns und den zahlreichen im Projekt beteiligten Akteur*innen Rückhalt, Rückenwind, für die Bewerbung um Phase III im bundesweiten Wettbewerb Zukunftsstadt gegeben. Hierfür sind 444 Stimmen durchaus ausreichend, zumal die quantitative Bewertung ja nicht das einzige Kriterium für das weitere Vorgehen im Projekt war (siehe unser Blogpost zur Befragung unter http://www2.leuphana.de/zukunftsstadt2030/2018/06/29/die-segel-sind-gesetzt).
    Dass die entwickelten Lösungsideen »in der Gegenwart [ansetzen] und nicht in der Zukunft« bezeichnen Sie als »Webfehler«, für uns ist dieser Ansatz dagegen genau das, was unser Projekt so greifbar und erfolgversprechend macht: Es bleibt eben nicht bei Visionen (die im übrigen schon 2015/2016 im Rahmen der ersten Phase des Zukunftsstadt-Projekts unter Beteiligung zahlreicher Lüneburger*innen entwickelt wurden), sondern zeigt auch, wie – also mit welchen ganz konkreten Schritten – diese Visionen bis 2030 wahr werden (+ darüber hinaus wirken) können. Mit diesen Schritten kann und sollte man eben schon heute, im Jahr 2018, beginnen, darum setzen alle Vorschläge auch tatsächlich im Hier und Jetzt an. Ein Fehler? Mitnichten, finden wir! Dass wir dabei an Dingen ansetzen, die bereits »im Fluss« sind, zeichnet das Lüneburger Projekt sogar in besonderer Weise aus: Denn anstatt das Rad immer wieder neu zu erfinden, schauen wir auf das, was schon da ist und setzen gezielt darauf, die Stärken Lüneburgs noch besser zu nutzen.
    Auch bei Ihrem letzten Punkt stimmen wir Ihnen grundsätzlich zu, die Digitalisierung ist eine der großen Herausforderungen, vor der die Menschheit aktuell steht, nicht nur in Lüneburg, sondern überall auf der Welt. Sie bringt große – kaum absehbare – Risiken mit sich, zugleich aber auch Chancen, die wir heute vielleicht ebenso wenig einschätzen können wie die Risiken. Ob uns die Digitalisierung die Arbeit abnimmt – und ob das wirklich so schlimm ist – wird die Zukunft zeigen, vermutlich schon vor 2030. Dass sie uns das Denken abnimmt, wollen wir nicht hoffen. Dass wir mit dem Projekt »Zukunftsstadt Lüneburg 2030+« nicht die eine Antwort auf alle großen Fragen der Digitalisierung bieten können, liegt nahe. Ein paar Ideen haben wir hierzu aber schon, vom kritischen Umgang mit Medien aller Art (#Medienkompetenz) bis hin zu Online-Plattformen, die uns helfen, bei den Themen Konsum, Mobilität oder Engagement zukunftsfähige Entscheidungen zu treffen (#GrünerGiebel, #DasRadBringts, #LüneburgMaps, #EhrenamtVernetzen). Und dass darüber hinaus noch viel mehr denkbar und möglich ist, werden die Erstsemesterstudierenden in der diesjährigen Startwoche mit Sicherheit deutlich machen. Wie das Projekt Zukunftsstadt versteht sich auch die Startwoche als ein Baustein im Mauerwerk, aus dem schließlich eine tragfähige und nachhaltige Zukunft entstehen soll.
    Insofern: Ja, es geht um 2030 und um +. Aber das ist noch lange kein Grund, nicht heute oder spätestens morgen schon mit der Zukunft anzufangen – gern weiterhin gemeinsam mit der LZ!
    Herzliche Grüße
    Antje Seidel, Team Zukunftsstadt Lüneburg 2030+

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    • Andreas Janowitz schreibt:

      Eijeijei, also mit Verlaub eine Grundgesamtheit von 444, von denen wohl auch noch viele Studenten waren, ist einfach nicht aussreichend? Ja man kann schöne Spielereien treiben und Gewichtungen einrechnen, aber es bleibt einfach viel zu wenig?!

      Wie ich an anderer Stelle schon hervorhob ist es töricht „die Segel setzen“ zu wollen obwohl nur ein winziger, verzerrter Stimmanteil abgegeben wurde?
      Die Umfrage ist ja offline also ist der Zug abgefahren? Sprich wird diese schmale Grundgesamtheit zur Basis? Somit zur „Richtungsvorgabe“ einer winzigen Minderheit?

      Ich verstehe nicht, wesshalb die „tote Zeit“ nach den Zeugnissen nicht verwendet wurde, um eine breitere Resonanz zu erzeugen, sprich Schüler bitten ihre Eltern zu einer Beteiligung zu überreden??? Wesshalb wurde keine mail+link an die Verwaltung gesendet? Dort arbeiten tausende? Warum wurde der IHK keine bitte um Beteiligung zugestellt? Und wenn es schon ums Ehrenamt geht, wesshalb wurden die ortsansässigen Vereine offensichtlich nicht eingebunden?
      Wie teuer waren die Plakate?? Welchen geringen Effekt hatten diese am Ende? Nette „Corporate Identity“, aber die sind einfach im täglichen Werbespam untergegangen?

      Die Umfrage an sich war gut gestaltet und die Auszählung wohl automatisiert, was „der bösen“ Digitalisierung einmal mehr den Zahn zieht?!

      Ich finde es schade wie der Aufwand für die Umfrage derart nutzlos verpufft. Die Umfragewebsite wurde hoffentlich nicht gelöscht… also auf ein neues?

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      • Gerd Wagner schreibt:

        So geht es mit der „direkten Demokratie“. Die lautstarken, „medienaffinen“ bzw. mediennahen Organisatoren der öffentlichen Diskussion und Meinungsbildung verwechseln sich (und den winzigen Bruchteil der von ihnen erreichten Unterstützer und Beiträger) oft mit den Betroffenen – zuletzt gar mit „dem Volk“.

        Dass gerade diese, auf die oben beschrieben Art gewonnenen „paar Ideen vom kritischen Umgang mit Medien aller Art (#Medienkompetenz) bis hin zu Online-Plattformen uns [sic!], bei den Themen Konsum, Mobilität oder Engagement zukunftsfähige Entscheidungen zu treffen“, müsste über diese Voraussetzung nicht allererst mit denen gesprochen werden, die das angeht?

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  2. Klaus Bruns schreibt:

    solange wir den kapitalismus haben und überall nur noch um das geld geht, wird die digitalisierung den untergang der menschheit nur beschleunigen. es wird das denken abgeschafft. wir brauchen eine revolution innerhalb der globalisierung. die suche nach noch billigeren standorten für die wirtschaft muss ein ende haben und die schraube muss sich anders herum drehen. nur, es ist wie bei der rüstung. wer fängt mit dem abrüsten an? die erfindung geld hat schon lange ausgedient. es wurde leider nur noch nicht bemerkt. deswegen können billionen euro an der börse verbrannt werden, ohne das es rauch gibt.

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  3. Andreas Janowitz schreibt:

    Ich fand den Kommntar “ 2030 ist genausoweit weg wie 2006.“ sehr treffend. Er schliesst die Gedankenlücke hervorragend. Es ist ja nicht so, das der Grossteil der Bevölkerung diesen Tag nicht erleben würde. Es ist nahe genug als das Wege die heute beschritten werden dann von Pfaden zu ausgetretenen Gemeinplätzen geworden sind. Dach- und Fassadenbegrünung könnte mit dem Planungsspiel „Grüngürtel“ für die ganze Stadt Realität werden?

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  4. Die Vision, das Erste Algorithmengesetz. §1 lautet „Der Mensch ist kein Kostenverursachungsfaktor!“

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