Özil-Affäre, trostlos wie der deutsche Fußball-Sommer

Lüneburg, 23. Juli 2018

Mesut Özil hat diesen Sommer zwar nicht schön gespielt, aber dafür im Sommerloch ins Schwarze getroffen und es bis zum Politikum erster Klasse geschafft. Der türkischen Gemeinde in  Deutschland wird der Puls gefühlt, Fragen der Integration und der Fremdenfeindlichkeit ausgelotet. Minister und Parteigranden auf der Berliner Bühne melden sich zu Wort, auch die Kanzlerin. Warum?Özil hat seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt wegen seiner Fotos vor den Wahlen in der Türkei und der WM mit dem türkischen Quasi-Alleinherrscher Erdogan  und dem folgenden Ärger.

Dass es so weit kommen musste, haben wir den Pfeifen im DFB zu verdanken. Die waren erst nicht mutig genug, Özil nach dem Präsidenten-Fotoshooting gar nicht erst nach Russland fahren zu lassen, aber sie sind jetzt dreist genug, ihm die Schuld am deutschen Desaster in die Fußballschuhe zu schieben. Dabei hat der Mann einfach nur so schlecht gespielt wie die anderen auch – nicht schlechter, nicht besser.

Özil hat jetzt keine klassische Pressekonferenz abgehalten, muss er gar nicht, seinen Rücktritt hat er mit der Schlagkraft seiner sozialen Kanäle und schön dramaturgisch aufbereitet in drei Teilen ausgespielt. Bei Facebook allein hat der Fußballer 31 Millionen Fans, bei Twitter und Instagram noch mal 40 Mio. Zum Vergleich, die Kanzlerin kommt auf 2,5 Mio. Fans bei Facebook.

Und warum das alles? Weil an den Schaltstellen beim DFB Leute sitzen, die nichts von Affären, Krisenmanagement oder Politik verstehen, und, wie es aussieht, auch nichts von Fußballern. Und weil ein Star, der schon weiß, was er getan hat, sich zum Opfer stilisiert. Diese Affäre passt so richtig zum trostlosen deutschen Fußball-Sommer.

Gut und knapp erfasst die ausufernde Diskussion Außenminister Heiko Maas (SPD): „Ich glaube auch nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.“

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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4 Antworten zu Özil-Affäre, trostlos wie der deutsche Fußball-Sommer

  1. Klaus Bruns schreibt:

    der dfb mit seiner eigenen gerichtsbarkeit ist mir eh suspekt. wer gut schmiert, der gut fährt. bis zur nächsten veranstaltung , die in erster linie nur geschäft und nur am rande mit sport etwas zu tun hat. hier ruft nicht der berg, sondern die wüste. nichts geht über bestechung. sport soll ja angeblich mit politik nichts zu tun haben. es wartet das nächste ,,sommermärchen,,.

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  2. Gerd Wagner schreibt:

    Naja, Herr Cuypers,

    mit solchen Verdikten sollte, wer aus dem Kreisverband der Lüneburger CDU kommt, vielleicht eher zurückhaltend sein, meinen Sie nicht?

    Denken Sie bitte an die bleierne Zeit zwischen Neujahr und dem 1. Februar 2018 als Dr. Gerhard Scharf, Christdemokrat und stellvertretender Bürgermeister unserer Hansestadt, und seine „Parteifreunde“ den Bürgern in Stadt und Land eine ähnliche Marter wie Özil und der DFB meinten bescheren zu sollen. Herr Dr. Scharf hatte sich, wie Sie sich vielleicht erinnern, im Videoblog eines durchgeknallten rassistischen Hetzers im vollen Bewusstsein dessen, was er tat und wie er es wollte, auf eine Weise eingelassen, welche großes Entsetzen auslöste und die zum Beispiel seine Kollegen, die Ratsherren Friedrich von Mansberg und Klaus-Dieter Salewski veranlasste, Herrn Dr. Scharf am 11. Januar 2018 auf dem Facebook-Account der Sozialdemokraten öffentlich zu attestieren, der Bürgermeister sei ein vorurteilsbeladener, affektgesteuerter Geschichtsklitterer, der „gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen und Neonazis“ mache.

    Ich finde es immer noch sehr traurig was da vor fünf Monaten, passierte. Dr. Scharf hat nach fast vier Wochen des Unaufrichtigseins und des feigen Aussitzens, wo sein Parteikollegium sich seinetwegen zerfleischte, wo Herr von Mansberg, Herr Salewski und unser Oberbürgermeister sich seinetwegen zuletzt vor Publikum auf schauderhafte Art verbogen und blamierten, wo sein Fraktionsvorsitzender aus dem Rat geflogen ist, — und nach geradezu flehender, mehrfacher Aufforderung von ungezählten Seiten NICHT mit seinem Rücktritt von allen Ämtern reagiert. Rechnet man die Zeit nach dem Erscheinen seines Videos mit dem radikalen Hassprediger, waren es quälende Wochen des Schweigens, in welchen Scharf der dumpfen rechten Szene Auftrieb gab und die Stadtgesellschaft spaltete. Und sehe ich heute, dass er immer noch herumläuft und glaubt, „die Stadt“ zu repräsentieren, finde ich das unerträglich. Die nächste Wahl ist für mich in drei Jahren.

    Ich denke, Mesut Özil ist ein Spielball von Interessen – und er ist leider nicht klug genug, sich dagegen zu wehren. Bei Dr. Gerhard Scharf war und ist das anders. Ich frage mich daher, welcher Fall furchtbarer gelagert ist. („Fall“ in allen Aspekten seiner Bedeutung und zwar in Bezug auf alle Beteiligten.)

    Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen! Meinen Sie nicht auch, Herr Cuypers?

    Jedenfalls dann nicht, wenn er nicht als lächerlicher Hypokrit dastehen möchte.

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  3. Raymond Cuypers schreibt:

    Ich finde es schon sehr traurig was da jetzt passiert. Özil hat nach fast vier Wochen, wo die Deutsche Mannschaft aus dem Turnier geflogen ist nun nach Aufforderung mit seinem Rücktritt aus der Nationalelf reagiert. Rechnet man die Zeit nach Erscheinen des Fotos mit dem türkischen Despoten, sind es sogar sieben Wochen. Wenn er der Meinung ist, er müsste Ehrbezeugungen für den Präsidenten des Heimatlandes seiner Eltern in dieser Art und Weise präsentieren, kann er das gerne privat ohne Presse machen. Aber im Vorfeld einer WM war dies sehr unüberlegt. Ich begrüße daher seinen Rücktritt, bin aber enttäuscht, dass nicht noch andere Spieler, Trainer und Betreuer diesen Schritt getan haben. Ebenso vermisse ich Rücktrittsmeldungen von einigen Mitgliedern des DFB – Vorstandes.
    Die nächste WM ist für mich erst in acht Jahren!

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  4. Gerd Wagner schreibt:

    Guter Kommentar!

    Vieles auf allen Seiten wird verständlicher, wenn man sich zusätzlich klar macht, dass dem DFB (und seinen „Partnern“) das Milliarden-Geschäft der EM 2024 durch die Finger zu rutschen droht.

    Zu Ihren „Pfeifen“, die nicht fähig waren zu handeln, als noch Zeit gewesen wäre (im Mai), kommentiert die FAZ in ihrer morgigen Ausgabe und fügt damit einen wichtigen Aspekt zum „Kontext“ hinzu:

    „Grindel muss darauf spekuliert haben, halbwegs ungeschoren über die WM zu kommen, um sich dann beim Kampf um die EM-Bewerbung für 2024 gegen die Türkei profilieren zu können. Deshalb ließ er sich verleiten, Mitte Mai den Knall zu vermeiden, auf Ruhe zu setzen und sie immer wieder einzufordern. Alle diese Versuche waren zum Scheitern verteilt, weil sich Grindel mit seinem Präsidium und der WM-Delegation dem Löw/Bierhoff-Gespann auslieferte.

    Dem Zusammenbruch der Integrations-Kampagne des DFB, dem immensen Schaden für die Integrationsarbeit folgt nun die Attacke der türkischen EM-Bewerber. Sie werden die vielleicht sogar gezielte Personalisierung des Rassismusvorwurfs durch Özils Ghostwriter aufgreifen und Grindel den Uefa-Mitgliedern als Rassisten an der Spitze des DFB präsentieren. Der Vorwurf ist abstrus. Dass es zu alldem kommen konnte, ist nicht allein dem Präsidenten anzulasten. Auch Bierhoff und Löw sind dafür verantwortlich.“

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