Die Erinnerungskultur und die dunkle Kraft der Verdrängung

Lüneburg, 31. Juli 2018

„Das Ehrenmal … spaltet die Öffentlichkeit, wie Leserbriefe an die LZ zeigen. Denkmal-Kritiker werden als vaterlandslose Gesellen gescholten, Befürworter als Faschisten.“ Diese Sätze standen im Oktober 2001 in der LZ und sie kommen einem doch aktuell vor.2001 spitzte sich die Debatte um das Denkmal für das Löwengeschwader an der Lindenstraße zu. Das Löwengeschwader war im spanischen Bürgerkrieg an der Bombardierung der Stadt Guernica beteiligt und später im Weltkrieg an anderen Gräueln. Das Denkmal wurde von Gegnern über Monate beschmiert, ramponiert und teils demontiert, bis nur noch ein Torso blieb. Diese handgreiflich wie illegale Kritik endete für das Denkmal mit einem Rückzug auf den Gedenkstein-Gnadenhof in der Körner-Kaserne.

Heute ist der Stein des Anstoßes für die Erinnerungskultur in Lüneburg der Granit für die 110. Infanterie-Division am Springintgut. Dieser Kampfverband war an schweren Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg beteiligt.

Stein am Springintgut in Lüneburg für die 110. Infanterie-Division.

Das Drehbuch wirkt wie ein Remake der Löwengeschwader-Debatte, nur intensiver.

Auch dieser Gedenkstein wurde von Gegnern schon provisorisch verhüllt und natürlich beschmiert. Aktuell steht in roter Farbe „Deutsche Täter“ und „Ozarichi“ (Ort der Kriegsverbrechen in Weißrussland) auf dem Stein. Und die „1“ von der „110.“ Ist auch schon komplett weggemeißelt. Der Rest ist schon verstümmelt. Nur der Punkt ist noch Relief. So spiegelt auch dieser Stein, weil er eben immer noch steht, die Zerrissenheit in der Frage wider, wie Lüneburg überhaupt mit der Erinnerung umgehen will.

Jahrzehnte blieb dieser Stein unbeachtet. Nur wenn die letzten Divisions-Veteranen anrückten, stand das anfangs groß , dann immer kleiner in der Zeitung. 1956 sollten die Lüneburger ihre Häuser beflaggen als Zeichen der Verbundenheit zur Division, und noch 1969, immerhin zur Zeit der Studenten-Revolte, wurde das Schicksal der 110. Infanterie-Division noch als ruhmreicher Opfergang besungen, ohne das auch nur ein Leserbrief dazu abgedruckt war.

Für mich ist der Stein ist ein Relikt einer überkommenen Erinnerungskultur, die mehr ausblendet als in den Blick nimmt. Er ist ein Gedenkstein für die Kunst und die Kraft der Verdrängung, in diesem Sinne schon immer ein Schandfleck zum Nachdenken.

Nur einen Steinwurf entfernt erlebten viele Lüneburger 2015 genau das staunend und schaudernd beim Auschwitz-Prozess in der Ritterakademie, wo ein Täter aus der dritten Reihe in einem aufsehenerregenden Prozess als „Buchhalter von Ausschwitz“ verurteilt wurde. 2015! Ein Lehrstück über die Justiz der Nachkriegszeit und auch über jahrzehntelange dunkle Kraft der Verdrängung.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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6 Antworten zu Die Erinnerungskultur und die dunkle Kraft der Verdrängung

  1. Gerd Wagner schreibt:

    „…mit parteiübergreifenden Mehrheiten werden in unserer schönen Stadt ‚selbsternannte Zeitzeugen‘ und ‚dunkle Kräfte der Verdrängung‘ im Amt des Bürgermeisters gehalten…“

    Hallo Herr Sanders,

    ich stimme Ihnen zu. Die Ratssitzung vom 1. Februar 2018 wird als ein Datum der Schande in der jüngeren Stadtgeschichte überdauern und deren erbärmlich heuchelnde Protagonisten werden ihrer historiographischen Einordnung nicht entgehen. Den „parteiübergreifenden Mehrheiten“ wird man meines Erachtens allerdings noch einige weitere Grüppchen institutioneller „Zweckdenker“ zur Seite stellen müssen, ohne deren Support das schaurige Stück in der schließlich aktualisierten Form nicht hätte aufgeführt werden können.

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  2. sanderthomasgmxde schreibt:

    Zensur?

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  3. Klaus Bruns schreibt:

    1956 sollten die Lüneburger ihre Häuser beflaggen als Zeichen der Verbundenheit zur Division.
    ich habe als kind die kristallnacht der engländer auf dem meere erlebt. sämtliche fensterscheiben gingen zu bruch. die englischen soldaten wurden von der eigenen einheit dafür bestraft. bei den deutschen hat es sowas nie gegeben. warum wohl?die gleichen nazis saßen wieder an ihren schlüsselpositionen. dafür gab es denkmäler.

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  4. Otto Berg schreibt:

    Sie haben zu erwähnen vergessen, daß „die Verwaltungsspitze“ der Stadt Lüneburg sich mit einem CDU-Bürgermeister schmückt, der – spätestens – seit dem 2. Januar 2018 als Inbegriff für diese zweifelhafte „Kunst“ des Ausblendens und für „die jahrzehntelange dunkle Kraft der Verdrängung“ durch unsere Stadt gespenstert. Meines Wissens gab es seit Beginn der 70er Jahre keinen Sonderdruck der Landeszeitung, in welcher dieser Herr nicht seine biographisch beglaubigten Geschichten zur opferbewußten Leidens- und Regenerationsleistung des kriegsbedingt migrierten Schlesiers ausbreiten durfte. Im Gedächtnis geblieben ist mir davon vor allem erstens seine berechtigte Klage über die brutale, zum Teil haßerfüllte Ablehnung der damaligen Ankömmlinge aus dem Osten durch die Alteingesessenen, welches bräsige Herabsehen auf die „Polacken“ und „Zigeuner“ und deren Belauert- und Zurückgewiesenwerden sich erst ein Vierteljahrhundert später ins Erträgliche zu mildern begann. Und zweitens erinnere ich sein peinliches Absehen von jeder Erklärung dafür, wie ein bei Kiegsende sechsjähriger Junge überhaupt in die Lage kommen konnte, sich sein ganzes späteres Erwachsenenleben lang als selbsternannter „Zeitzeuge“ ins lokale Rampenlicht zu drängeln, – ohne das vorangegangene Menschenmassenschlachten durch Deutsche zum eigenen „Schicksal“ auch nur einmal ins angemessene Verhältnis zu setzen.

    „Gedenksteine“ der von Ihnen beschriebenen Art waren immer auch (wenn nicht sogar meistens) Instrumente der „Erinnerungspolitik“ einschlägig (an heroisierender Exkulpation sowie an beruflichem und gesellschaftlichem Fortkommen) interessierter Kreise. Außerdem – der Fall unseres christsozialen Bürgermeisters belegt das – verhindert solcher Granit oftmals gerade das, was er dem Namen nach angeblich anregen soll: das Denken. Denn es gibt einen Unterschied zwischen apologetischem Raisonnement und an Wahrheit und Wahrhaftigkeit orientierter, von Forschung und Fakten nicht absehender historischer Argumentation. Ob die Lüneburger einen solchen „Schandfleck zum Nachdenken“ am Springintgut wirklich brauchen und wollen? Erinnert er einige von ihnen nicht zu sehr an die Schande, das Nachdenken 73 Jahre lang vermieden zu haben?

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  5. Von den Thermophylen nach Spa schreibt:

    Ein Wanderer kam nach Spa und träumte Erstaunliches von den Thermophylen in Lüneburg. Dort war am Wallaufgang endlich nach langer lokaler Diskussion eine neue Informationstafel für die 110.I.D. aufgestellt worden, die folgenden Wortlaut hat:

    Beginn der Informationstafel:

    (20) Gedenkstein im Namen der ehemaligen 110. Infanterie-Division:

    Dieser Gedenkstein wurde 1960 am Wallaufgang mit Zustimmung der Stadt Lüneburg auf Initiative des damaligen Traditionsverbandes der ehemaligen 110.I.D. der Wehrmacht errichtet. Diese Division wurde bereits ab Dezember 1940 im Raum Lüneburg ausschließlich für den lange zuvor schon geplanten Überfall auf die Sowjetunion aufgestellt, der dann am 22.Juni 1941 begann.

    Die 110.I.D. kämpfte im Rahmen eines brutalen deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges von Anfang an gegen die Sowjetunion bis zu ihrer Zerschlagung im Gebiet von Minsk im Juli 1944. Im März 1944 war sie mit anderen Einheiten der Wehrmacht an grausamen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit u.a. bei Osaritschi (im heutigen Belarus) beteiligt.

    Dabei wurden Zivilisten, vor allem Kinder, Frauen, alte und kranke Menschen nach vorangegangener Massendeportation auf freiem Feld schutzlos konzentriert. Dort wurden sie ermordet oder bewusst Kälte, Hunger, Durst, Krankheit und Erschöpfung preisgegeben und hierdurch zu Tausenden absichtlich umgebracht.

    In Osaritschi erinnert seit 2002 eine Denkmalanlage an diese Opfer. Von über 59.000 durch die Wehrmacht unmenschlich konzentrierten Zivilisten kamen über 9000 unter diesen schrecklichen Umständen um.

    Auch hierfür gilt, was Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 29. Juni 2018 in Belarus bei der Eröffnung der Gedenkstätte von Malyj Trostenec, der größten deutschen Vernichtungsstätte in der damaligen Sowjetunion, gesagt hat: „Es hat in Deutschland lange, viel zu lange gedauert, sich an diese Verbrechen zu erinnern. Lange, zu lange haben wir gebraucht, uns zu dieser Verantwortung zu bekennen. Heute besteht die Verantwortung darin, das Wissen um das, was hier geschah, lebendig zu halten. Ich versichere Ihnen, wir werden diese Verantwortung auch gegen jene verteidigen, die sagen, sie werde abgegolten durch verstrichene Zeit“.

    Auch die Hansestadt Lüneburg, von der aus die 110.I.D. ihre Beteiligung am Angriffs- und Vernichtungskrieg begann, steht heute ohne jede frühere Verdrängung, Relativierung oder Umdeutung des Geschehenen zu dieser durch den Bundespräsidenten eindringlich für uns alle in Deutschland eingeforderten Verantwortung.“

    Ende der Informationstafel

    Es ist an der Zeit, dass dieser Traum ohne Taktieren parteiübergreifende Wirklichkeit wird !!

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    • sanderthomasgmxde schreibt:

      …mit parteiübergreifenden Mehrheiten werden in unserer schönen Stadt „selbsternannte Zeitzeugen“ und dunkle Kräfte der Verdrängung im Amt des Bürgermeisters gehalten…

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