100 Prozent sind kein erstrebenswertes Wahlergebnis

Lüneburg, 8. März 2019

Das Kreuz bei der Wahl ist für Wähler und Kandidaten eine Qual.

Das Kreuz bei der Wahl ist für Wähler und Kandidaten eine Qual.

Wahlen sind eine Qual. Eine Qual für die, die gewählt werden wollen. Eine Qual für die, die wählen. Die einen können nicht mehr schlafen, weil sie nicht wissen, ob sie gewinnen. Sie versteigen sich in immer größere Versprechungen. Die anderen haben Ohrenschmerzen von den ganzen Fensterreden. Und alle sind froh, wenn die Wahl gelaufen ist. Beim Bauernverband in Lüneburg aber ticken die Uhren ganz anders.

Dort wurde jetzt der Vorsitzende mit 34 von 55 Stimmen wiedergewählt, das sind fast 62 Prozent. So ein Ergebnis erzielte zum Beispiel Lüneburgs Marathon-Oberbürgermeister Ulrich Mädge im ersten Wahlgang nur bei seiner besten Wahl vor 13 Jahren. AKK schaffe es gerade mal mit 52 Prozent im zweiten Wahlgang, im ersten waren nicht mal 45 Prozent der Christdemokraten für Kramp-Karrenbauer. Der erste Kanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer, wurde es 1949 nur durch seine eigene Stimme.

Aber beim Bauernverband nahm der gewählte Jens Wischmann seine Wahl nicht an.“ Der Rückhalt jetzt ist nicht so groß, wie ich es mir wünsche. Ich nehme die Wahl nicht an“, heißt es in der LZ. Nun hatte Wischmann in der Vergangenheit mit 100 Prozent im Rücken gelebt. Aber mal ehrlich: Will das noch einer nach Martin Schulz, der als SPD-Boss 100 Prozent bekam und als Sternschnuppe verbrannte. 100 Prozent sind heute eher ein Menetekel und irgendwie passen sie auch nicht zur Demokratie.

Demokratie lebt nicht von einer Meinung, sondern von der Meinungsvielfalt. Das aber ertragen wir, und das gilt nicht nur für den Bauernverband, immer schwerer. Eine andere Meinung weckt bei immer mehr Bürgern und leider gerade in Lüneburg auch bei gestandenen Politikern sofort das Freund-Feind-Gen.

Ohne Frage ist es schwer, wenn nicht alle für einen sind, aber vielleicht wäre es besser, die Opponenten durch Arbeit zu überzeugen, als einfach alles hinzuschmeißen. In der Politik im kleinen Landkreis Lüneburg gibt es dafür gute Vorbilder, zum Beispiel Samtgemeindebürgermeister Heiner Luhmann in Bardowick. Der hatte schwer zu kämpfen, aber der Christdemokrat weiß heute auch SPD und Grüne hinter sich. Das ist beispielhaft. Daran sollte sich auch der künftige Landrat, die künftige Landrätin halten.

Der Bauernverband Nordostniedersachsen hat jetzt ein Jahr Zeit für die Suche nach einem neuen Vorsitzenden. Entschuldigung – oder einer neuen Vorsitzenden. Das wäre in der Männerdomäne eine Sensation. Die Frau müsste nie mit 100 Prozent rechnen. Aber Sie könnte immer durch gut Arbeit überzeugen.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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9 Antworten zu 100 Prozent sind kein erstrebenswertes Wahlergebnis

  1. Ludwig Krüger schreibt:

    „Eine andere Meinung weckt das Freund-Feind-Gen“? „Richtlinienkompetenz“? „Wasser predigen und Wein saufen“? „Landschaftliche Einfallstore zur mitteleuropäischen Seele“? „Augmented-Reality-Brille“?

    Die Herren lieben es wohl, sich in blumigen Andeutungen zu ergehen?

    Da ist Ingo Petersen zum Glück schon viel deutlicher geworden:

    „Vorwürfe gegen Wischmann auf Grund seiner geleisteten Vorstandsarbeit hatte es nicht gegeben – dafür Andeutungen. … Während die meisten Landwirte, vor allem auch angesichts des verregneten Jahres 2017 und des Dürrejahrs 2018, in Schwierigkeiten stecken, geht es Wischmann, Inhaber eines großen Betriebs in Dehnsen, gut. Gute Geschäfte habe er auch mit Grundstücksverkäufen und -käufen gemacht – einen Interessenkonflikt zwischen seiner Tätigkeit als Vorsitzender des Kreisverbands Lüneburg im Bauernverband Nordostniedersachsen und als Landwirt bestritt er vehement.“
    Quelle: https://www.landeszeitung.de/blog/lokales/2418802-bauern-suchen-neuen-chef

    Das Stichwort lautet „Interessenkonflikt“.

    Zu den Dimensionen und Schattierungen dieser Vokabel könnten in Lüneburg bestimmt auch Herr Dr. Buller, Herr Manzke, Herr von Mansberg, Herr Dr. Meyer-Guckel, Herr Pauly und Herr Zeinert einiges Interessante ausführen.

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    • Andreas Janowitz schreibt:

      Weniger „blumig“? Die Entwicklungstendenzen im primären Sektor entsprechen der allg. Oligarchisierung insgesammt. Immer weniger Grosskonzerne kontrollieren stetig steigende Anteile der Wirtschaft. “ Marktkonsolidierung“ oder etwaige BWL Floskeln beschönigen nur eine Entwicklung, von der immer weniger immer stärker profitieren…wo wir (wiedereinmal) bei der Ursache der sagenumwobenen Politikverdrossenheit wären, denn wozu soll ich überhaupt noch wählen, wenn es in Wirklichkeit nur die Wahl zwischen Not und Elend gibt?
      Obendrauf laufen die Ziele der „Profiteuere des Systems“ und notwendiger Anpassungen immer weiter auseinander? Welche desaströsen Folgen Agrarkombinate für die Böden hatten darf man z.B. in Brandenburg (Nitratbelastung?) begutachten. Aber das waren natürlich kommunistische Experiemente, die ganz und gar nicht mit den real existierenden Konzernen vergleichbar sind (guter Scherz).

      Zumindest (noch) nachlesbar Seite 19-22 in :
      https://www.ml.niedersachsen.de/download/124920/Die_niedersaeschsische_Landwirtschaft_in_Zahlen_2017.pdf

      Diesen heimeligen Quatsch vom Familienbetrieb „Bauernhof“ verbreiten gewisse Herrschaften gerne auch im Wahlk(r)ampfgetümmel.

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  2. Klaus Bruns schreibt:

    Eine andere Meinung weckt bei immer mehr Bürgern und leider gerade in Lüneburg auch bei gestandenen Politikern sofort das Freund-Feind-Gen.
    und woran liegt das wohl? kann es sein, es wird viel wasser gepredigt , dafür aber wein getrunken? oder doch daran, dass es immer die gleichen sind, die sich den wein dann auch leisten können? der hang , seilschaften zu bilden, um seine eigenen interessen durchzusetzen , wird doch immer ausgeprägter. parteien und andere lobbyverbände sind da vorreiter. gute ideen aus der angeblichen falschen ecke werden doch eh nicht berücksichtigt. appelle werden da nicht helfen. ob es helfen würde , lobbyverbände aller art zu verbieten? und wer soll so etwas durchsetzen? der bock, der zum gärtner wurde?

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    • Manfred Illmer schreibt:

      Herr Bruns, unter den drei landschaftlichen Einfallstoren zur mitteleuropäischen Seele schätzt der Deutsche den Wald am meisten. Was die beiden anderen anbelangt, so nötigt der Berg eine gewisse sportive Härte ab, und das Meer (in Deutschland: See) als Ein- und Ausfallstor der Fremde wird zumeist verstockten Fischern und Lungenkranken überlassen. Aber der Wald! Schon Hermann-Arminius und die ganze Romantik und all die Naturlyrik vor, während und nach den Kriegen, und eben deshalb sollen die Wälder, die doch längst durchverwaltete Forste sind, so naturecht wie möglich daherkommen. Daher ward auch der Wolf wieder angesiedelt, doch es erhebt sich ein Geschrei: Es käme so weit, dass niemand mehr sein Schaf unabgeschlossen herumstehen lassen könne, und was mit dem Menschen sei. Nun sind in ganz Europa nach dem Krieg gerade mal ein knappes Dutzend Menschen ein Raub Isegrims geworden, was verglichen mit jährlich gut 3000 Verkehrstoten in Deutschland eher wenig erscheint – doch welch ein Frevel, ruft der Motorist, versuche doch mal einer, mit einem Wolf vier Kästen Bier aus dem Getränkemarkt nach Hause zu befördern! Bliebe als Argument contra lupos die schiere Willkür bei der Wahl der Forstverschönerung: Wölfe ja, doch warum keine Bären und Hexen? Die Antwort, sie ist ernüchternd: Mario Adorf ist altersschwach und steht kurz vor dem Abschuss, und Annegret Kramp-Karrenbauer darf erst nach der Bundestagswahl wieder ausgewildert werden.

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      • Klaus Bruns schreibt:

        Hallo Herr Illmer, es ist eben wichtig zu wem oder was man zugehört. bruno war schon mal die falsche gattung, der konnte aufrecht gehen. hexen haben wir außerhalb der wälder reichlich, schmunzeln. deswegen hat es akk ja auch so schwer . der club der ewig gestrigen versucht sie ja gerade zur kanzlerin zu machen. und so mancher erinnert sich dabei aber an die katholische kirche und ihren gottesurteilen. macron ahnt schon fürchterbares. ob die gelbwesten sich demnächst in den wäldern von deutschland rumtreiben werden, so als ersatzwölfe, wenn diese mal wieder ausgerottet worden sind? dumm nur, gegen gelbwesten helfen keine zäune, wenn diese hunger bekommen. und dagegen kann ein bauernverband auch ganz schlecht was machen.

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      • Clemens Leder schreibt:

        Analysten zufolge könnte der Technologie-Gigant Apple bereits 2020 die erste Augmented-Reality-Brille auf den Markt bringen. Die futuristische Technik soll es iphone-Usern ermöglichen, ihren stylischen weißen Alltag mit virtuellen Elementen anzureichern. So kann man vor schwierigen Lebensentscheidungen etwa Key-Note-Ansprachen von Tim Cook einblenden, Android-Nutzer in historische Kostüme kleiden lassen oder beim Besuch von Apple-Zulieferbetrieben in Asien glückliche Arbeiter sehen.

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  3. Andreas Janowitz schreibt:

    „Die anderen haben Ohrenschmerzen von den ganzen Fensterreden.“

    Wohl eher von den leeren Phrasen. Denn obwohl die Kanzlerschaft die Richtlinienkompetenz mit sich bringt hat Fr. Merkel nur einmal wirklich davon gebrauch gemacht mit ihrem (verhassten) „Wir schaffen das!“. Und auch der Herr Wischmann brachte keine Lösung gegen das Höfesterben oder die Nitratbelastung/den Gülleimport oder die vielen anderen Probleme, die Landwirte drücken, oder irre ich mich? Nur leere Phrasen wohin man blickt. Dem Herrn Schulz folgte die Enttäuschung auf dem Fusse, nachdem er Erwartungen weckte, aber nur leere Phrasen nachschob.

    Niemand wagt den grossen Wurf, denn alle schielen nur auf den kurzfristigen Gewinn.

    Wahlen an sich sind nicht das sind nicht das Problem, eher das viel zitierte „Wer Visionen hat sollte zum Arzt.“, denn wer gar keine Vorstellung davon hat, wo es hingehen soll ist genauso nutzlos in der Politik. Diese war einmal (lang ist`s her) zum Gestalten da? Zum Gestalten von Zukunft, nicht zum Verwalten des status quo, der der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung nur Nachteile bringt. Was dann auch zugleich ursächlich für die Politikverdrossenheit wäre?

    Der Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen. Echaufiert wird sich ausschliesslich über die Axt darin…

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