Zum Theater stehen, öffnet auch Türen

2. Oktober 2023

Christoph Meyer, Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein. (Foto: privat)

Christoph Meyer, Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein, hält ein Plädoyer fürs Theater, das finanziell schwer angeschlagen ist. Meyer ist Lüneburger, stolz und glücklich in einer der schönsten Städte des Landes aufgewachsen zu sein. Und Bühnenluft schnupperte er zuerst als Chorsänger am Theater Lüneburg. Der Kontakt ist nie abgerissen.

Leitungsposition in Mannheim, an der Oper Köln, dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona, an der Deutschen Oper Berlin, am Theater Basel, in Leipzig und einiges mehr liegen auf seinem Weg zur Oper am Rhein. Dem kleinen Haus Lüneburg, wo alles begann, gehört auch heute noch sein Herz. Er fragt: 

Welche Kultur braucht Lüneburg?

Kann man die Frage, welche Kultur Lüneburg „braucht“, so stellen? Oder impliziert sie nicht bereits, dass es auch Kultur geben könnte, die man „nicht braucht“, die man weglassen könnte? Und impliziert sie nicht eine Stadt, bzw. Politik die einen „Bedarf“ an Kultur ermittelt, je nach Kassen- und Gemütslage?

Der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat in einer Rede bereits 1991 gesagt, es sei „grotesk, dass wir Ausgaben im kulturellen Bereich zumeist ‚Subventionen‘ nennen, während kein Mensch auf die Idee käme, die Ausgaben für ein Bahnhofsgebäude oder einen Spielplatz als Subventionen zu bezeichnen. Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“

Diese Aussage ist nun 32 Jahre her und – leider – immer noch aktuell. Ich habe sie 2016 anlässlich einer Düsseldorfer Diskussion zitiert, und ich zitiere sie jetzt wieder, weil sie den Kern, der in verschiedenen Städten immer wieder geführten Debatten um Stellenwert und Kosten von Kultur trifft. Die Formulierung des geistigen Bodens leitet über zum lateinischen Ursprung des Wortes aus der Agrarwirtschaft, wo „Cultura“ die Pflege des Ackers und das Urbarmachen des Bodens bedeutete, so dass darauf etwas wachsen und gedeihen kann.

Ich hatte das große Glück, in Lüneburg meine Kindheit und Jugend verbringen zu können. Meine ersten Begegnungen mit Kultur fanden in Lüneburg statt, im Lüneburger Stadttheater konnte ich meine ersten Erfahrungen machen, zum ersten Mal Bühnenluft schnuppern. Dies gepaart mit einer elementaren und sehr guten musikalischen Bildung an der Herderschule Lüneburg, was letzten Endes zusammen maßgeblich zu meiner Berufsfindung beigetragen hat.

Als Mitglied des Freundeskreises des Stadttheaters Lüneburg, das Theater bei meinen Reisen nach Lüneburg auch immer wieder besuchend, weiß ich, dass Intendant Hajo Fouquet und all seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hervorragende Arbeit geleistet haben und leisten.

Wenn wir wollen, dass Lüneburg sich weiterentwickelt, und die Stadt im wahrsten Sinne wächst und gedeiht, dann brauchen wir Kultur in der Stadt, genau wie wir Wirtschaft, Handel, Verkehr, Infrastruktur, Sport, Bildung und alle anderen Bestandteile einer modernen städtischen Gesellschaft brauchen. Nur so kann sie eine funktionierende, lebendige, innovative Stadt sein und bleiben, die in die Zukunft orientiert ist und über ihre Grenzen hinaus ausstrahlt.

Eine Stadt, die so außergewöhnlich lebenswert wie Lüneburg ist und danach strebt noch lebenswerter zu sein, muss allen Bürgern und potenziellen Neubürgern ein breites Spektrum bieten, dazu muss man nicht einmal die inzwischen durch Studien belegte Erkenntnis von „Kultur als Standortfaktor“ bemühen.

Die Geschichte zeigt hinlänglich, wie gefährlich es ist, und sei es nur als „Denkansatz“, Kultur als potenziell entbehrlichen Bestandteil einer Gesellschaft zur Disposition zu stellen und so der „Nicht-Kultur“ Tür und Tor zu öffnen. Denn so entsteht die destruktive Tendenz (der die Politik gelegentlich erliegt, weil die Argumentation vermeintlich eine einfache ist), Dinge gegeneinander aufzurechnen, die sich nicht aufrechnen lassen: Schulen gegen Theater, Schwimmbäder gegen Museen, usw. Sehr schnell gerät man so in die trüben Gewässer unsäglicher, populistischer Schlammschlachten.

Gerade Kunst und Kultur schauen inhaltlich und geographisch über den Tellerrand, und sie operieren in anderen Dimensionen als das kurzlebige Tagesgeschäft. Dafür brauchen sie die Rückendeckung und die aktive Verantwortung von Stadt, Land und Staat. Die Kulturschaffenden sind sich bewusst, dass sie auch und in weiter zunehmendem Maße beauftragt sind, sich um Unterstützung durch Wirtschaft und private Sponsoren zu kümmern. Dies ist längst aktiver Bestandteil der Arbeit aller Kulturinstitute. Aber: Je stolzer eine Stadt auf ihre Kultur ist, öffentlich hinter und zu ihr steht, sie fördert und mit ihr wirbt, desto leichter kann es umgekehrt auch für die Kultur sein, Partner in der Wirtschaft zu finden.

Deshalb kann die Frage nicht lauten, welche Kultur Lüneburg „braucht“, sondern muss heißen: Welchen Wert misst die Stadt ihrer Kultur bei? Welche Visionen hat Lüneburg für die Zukunft seiner Stadt und seiner Kultur?

Christoph Meyer

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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24 Responses to Zum Theater stehen, öffnet auch Türen

  1. „Heute: eine ganze Welt!“, lautet das Motto der Spielzeit 2023/24 am Theater Lüneburg. Wie das zum Spielplan passt und worauf Besucher und Gäste sich in dieser Saison besonders freuen können, beschreibt z. B. Ballettdirektor Olaf Schmidt wie folgt:

    „In einer Zeit, in der wir permanent einer globalen Informationsflut ausgeliefert sind und der Fokus unserer Wahrnehmung zunehmend auf eine immer ungewisser werdende gemeinsame Zukunft gelenkt wird, stellt sich mir die Frage, ob das einzelne Individuum nicht mehr denn je eine Zone nötig hat, wo es sich ureigenen Gedanken und Ideen hingeben sowie seine eigene Geschichte reflektieren und dem unmittelbaren Leben nachspüren kann. Virginia Woolf öffnete mir die Augen dafür, dass die ganze Welt in einem einzigen Gedanken liegen kann [‚Ich will alles Nutzlose, Abgestorbene, Überflüssige eliminieren, dem Augenblick ganz geben, was immer er enthält.‘]. Fühlen wir uns jedoch in die Enge getrieben, wie die Titelheldinnen aus DIDO und aus CINDERELLA, erfordert es viel individuelle Kraft, sich die geistige Freiheit zu erhalten und einen Ausweg aus hoffnungslosen Situationen zu finden. Doch besinnen wir uns auf diesen magischen Ort in uns, kann unsere Kreativität uns Flügel verleihen, um besser verstehen zu können, wer oder was wir im sozialen Kontext eigentlich sind.“

    https://www.theater-lueneburg.de/vorwort-zur-saison-2023-24/

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  2. Ein Abschlußbericht die zehn Gebote Lüneburgs? Abschluß klingt wie Abschied?
    Inhaltsangabe ..Mit einträglichen Sondertarifen für die Werbeblöcke ist die Weihnachtszeit jedoch nicht gesegnet. „30 Sekunden in der Prime time kosten die üblichen 66.000 brutto. Bei Top-Aufführungen können es auch um die 120.000 werden“, Ab sofort Werbeblöcke zwischen den Aufzügen. Romeo und Julia “ Die zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt.“

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    • Guter Vorschlag, Detlef. Bravo!

      Theater im Theater!

      Phantasievolle Inszenierungen sollen ja, liest man seit Alexander Gottlieb Baumgarten immer wieder, den Gebrauch der „unteren Erkenntnisvermögen (Sinne)“, also das Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken lehren. Mit ein wenig Mut zu Mehrdeutigkeit und aufreizend kostümierten Botschaften vermöchten Ihre Zwischenspiele vielleicht sogar zum Denken anzuregen. Beim Anpreisen von „Toni Kaiser Kaiserschmarrn“ etwa könnte ein Slogan aus dem Berlichingen für Einprägsamkeit nach dem Dritten Akt sorgen, in dem die Szene mit dem Trompeter, der Werbung für einen konkurrierenden Marktteilnehmer macht, vom Götz bekanntlich (zur Freude der Anwesenden) so beschieden wird:

      „Vor Ihro Kayserliche Majestät, hab ich, wie immer schuldigen Respect. ER aber, sags ihm, ER kann mich im Arsch lecken.“

      Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen, Dritter Akt, Ausgabe 1773, S.133. Siehe: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/d6/Goetz_von_Berlichingen_%28Goethe%29_1773_133.jpg

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  3. Hallo, Herr Jenckel,

    wie haben eigentlich die sozialdemokratischen Oberbürgermeister und Landräte, kollegial unterstützt durch ihre parteilosen Sozialdezernentinnen, in den vielen, langen Finanzierungsjahren der Vor-Kalisch-Zeit ihr zugewandt stolzes Kulturbewusstsein dem ungesund aus seinen Kulissen schauenden Theater gegenüber zum Ausdruck gebracht?

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  4. „Kunst und Kultur operieren in anderen Dimensionen als das kurzlebige Tagesgeschäft“? – Ja! – Und, ja, da spricht der junge Schiller:

    In „der öffentlichen Sizung der kurpfälzischen deutschen Gesellschaft zu Mannheim“ hielt der 24jährige Friedrich Schiller („Mitglied dieser Gesellschaft, und herzogl. Weimarischen Rath“) am „26sten des Junius 1784“ einen Vortrag, in welchem er — genau fünf Jahre vor Beginn der „Französischen Revolution“ und rund zweihundertfünf Jahre vor Beginn der „digitalen Revolution“ (www ab 1989, VR-Headsets ab 1990, Netflix ab 1997, Youtube ab 2005, ChatGPT ab 2022) — fragte:

    „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“

    Der örtlich und räumlich fixierten Bühne Anliegen sei die „Beförderung allgemeiner Glückseligkeit“, die „Menschen- und Volksbildung“, sie sei eine „Schule der Sitten“, aber sie könne auch „ein Hinterhalt des Muthwillens und der Satyre“, „eine Spaßmacherin des Pöbels“ oder gar eine „Staubleckerin an sehr kleinen Thronen“ sein. Was abstrakt sei, veranschauliche sie, was entfernt, zoome sie vor Augen, was vergangen, belebe sie, und was zukünftig, wisse sie gegenwärtig zu machen. Das Große und das Kleine, die Niedertracht und das Erhabene, das Licht der rationalen Aufklärung und die Düsternis des mythomanen Mummenschanzes mache sie sowohl erfahr- als auch begreifbar. Sie richte sich an die (tierischen) Sinne, dekliniere Affekte und Triebe einerseits und sie appelliere an den (göttlichen) Verstand, mobilisiere analytische Fantasie und synthetische Einbildungskraft andererseits.

    Doch „ein Verdienst habe die Bühne“ vor allem – eine ihrer Leistungen, „ist wichtiger, als man gewohnt ist zu glauben“. So endet der 27-seitige Vortrag des jungen Friedrich Schiller:

    „Die menschliche Natur erträgt es nicht, ununterbrochen und ewig auf der Folter der Geschäfte zu liegen, die Reize der Sinne sterben mit ihrer Befriedigung. Der Mensch, überladen vom thierischem Genuß, der langen Anstrengung müde, vom ewigen Triebe nach Thätigkeit gequält, dürstet nach bessern auserlesnern Vergnügungen, oder stürzt zügelloß in wilde Zerstreuungen, die seinen Hinfall beschleunigen, und die Ruhe der Gesellschaft zerstören. Bacchantische Freuden, verderbliches Spiel, tausend Rasereien, die der Müßiggang aushekt sind unvermeidlich, wenn der Gesezgeber diesen Hang des Volks nicht zu lenken weiß. Der Mann von Geschäften ist in Gefahr, ein Leben, das er dem Staat so großmüthig hinopferte, mit dem unseligen Spleen abzubüßen – der Gelehrte zum dumpfen Pedanten herabzusinken – der Pöbel zum Thier.

    Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachtheil der andern gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des Ganzen genoßen wird. Wenn Gram an dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsre einsame Stunden vergiftet, wenn uns Welt und Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten unsre Seele drücken, und unsre Reizbarkeit unter Arbeiten des Berufs zu ersticken droht, so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wieder gegeben, unsre Empfindung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre schlummernde Natur, und treiben das Blut in frischeren Wallungen. Der Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer seinen eigenen aus, – der Glückliche wird nüchtern, und der Sichere besorgt. Der empfindsame Weichling härtet sich zum Manne, der rohe Unmensch fängt hier zum erstenmal zu empfinden an. Und dann endlich – welch ein Triumph für dich, Natur – so oft zu Boden getretene, so oft wieder auferstehende Natur – wenn Menschen aus allen Kraisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in Ein Geschlecht wieder aufgelößt, ihrer selbst und der Welt vergessen, und ihrem himmlischen Ursprung sich nähern. Jeder Einzelne genießt die Entzückungen aller; die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurück fallen, und seine Brust giebt jezt nur Einer Empfindung Raum –– es ist diese: ein Mensch zu seyn.“

    .
    Quelle: Thalia – Erster Band welcher das I. bis IV. Heft enthält. Leipzig bey Georg Joachim Göschen, Leipzig, 1785–1787. Heft 1, S. 1–27. Hier: 25-27

    Online: http://ds.ub.uni-bielefeld.de/viewer/image/1944380_001/37/#topDocAnchor und die beiden folgenden Seiten

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  5. Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

    Lieber Christoph,

    wie du bin ich durchdrungen von der Überzeugung, dass – gutes – Theater (Musik, Tanz, Schauspiel) so notwendig ist, wie Brot, Glück, Arbeit, Gesundheit und Liebe.

    Doch ist das Überzeugtsein das eine. Das andere sind die Gründe, die parat haben muss, wer Skeptikern antworten möchte (sofern er nicht einfach darauf verzichtet und mit Jonathan Meese »Die Diktatur der Kunst« ausruft).

    Um der lieben Klarheit willen spiele ich deshalb den Advocatus Diaboli und bitte dich um die Konkretisierung einiger deiner sehr allgemein gehaltenen Sätze: 

    Du glaubst, »Kultur« (eine weitmaschige Zaubervokabel) entspreche keinem »Bedarf«, der – wie die Lust auf Bier und Bratwurst – »je nach Kassen- und Gemütslage« zu befriedigen sei. Ist Geld und Appetit da, läßt man es krachen, fährt auf, was geht, und haut rein. Ist Schmalhans Küchenmeister, wird eben eine Weile Wasser getrunken und Maggi-Brot gegessen.

    Demgegenüber konstatierst du mit der beglaubigenden Autorität eines Bundespräsidenten an deiner Seite: »Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.«

    Der »Kern der Debatten« um den »Stellenwert« und die »Kosten»« von »Kultur« betrifft also, wenn ich dich richtig verstehe, »das Wachsen und Gedeihen«. Du selbst bist ein Beispiel positiven Sprießens, hast in Lüneburg »Bühnenluft geschnuppert« und »musikalische Bildung« genossen, welches beides dich auf deinen Beruf vorbereitet hat. Aber auch die zentralisierte Siedlung braucht »Kultur«, damit sie sich entwickeln, »wachsen und gedeihen« und »eine funktionierende, lebendige, innovative Stadt sein und bleiben« kann.

    ► »Kultur« als Baumschule zur kontrollierten Produktion gewünschter Eigenschaften wie »Überlebenstüchtigkeit« bzw. »professionelle Selbstentfaltung«?

    ► Wie weit (oder wohin) gelangt man aber mit deinem landwirtschaftlichen Begriffsfeld vom Urbarmachen, Pflanzen, Pflegen und Ernten? Kann auf einem Acker nicht alles Mögliche, Nützliches, Zierliches und Schädliches gleichermaßen, wachsen? Und war es nicht Richard von Weizsäcker, der in vorderer Reihe die mit vielen wichtigen Argumenten (Tradition des bellenden Militarismus, Symbol demokratiefeindlichen Herrenreitertums) infrage gestellte Restauration der evangelischen Hof- und Garnisonkirche in der historischen Mitte von Potsdam vorangetrieben hat?

    ► Befürwortest du wirklich Richard Floridas olle Marketing-Kamelle (»Cities and the Creative Class«) des angeblich sich örtlich wechselseitig befruchtenden Zusammenhangs von Wirtschaft und Kultur?

    ► Und ist das Vergleichen des Finanzierungsaufwandes für Schulen und Theater, Schwimmbäder und Museen, Brücken und Arenen etc. tatsächlich zwangsläufig die schiefe Ebene, auf der »man sehr schnell in die trüben Gewässer unsäglicher, populistischer Schlammschlachten« rutscht? Ist solches pauschale Warnen nicht häufig nur die Abwehrgeste rechtfertigungsmüder Denkfaulheit?

    ► Ja, »gerade Kunst und Kultur schauen inhaltlich und geographisch über den Tellerrand, und sie operieren in anderen Dimensionen als das kurzlebige Tagesgeschäft«. Da spricht der junge Schiller aus dir! Aber was heißt das genau? Auch die Kirche operiert in anderen Dimensionen als die Schusterei oder der Nahverkehrsbetrieb. »Inhaltliche« Weitsicht vermitteln zu können, beanspruchen »Unternehmensberater« und »Lifestyle-Coaches« ebenfalls. Geographisch über den Tellerrand meint auch zu schauen, wer – wie 2008 etwa Roger Willemsen – einen All-Inclusive-Flug ins Rotlichtviertel von »Bangkok Noir« bucht.

    ► Zuletzt scheinst du auf Magie zu setzen, wenn du verkündest: »Je stolzer eine Stadt auf ihre Kultur ist, […] desto leichter kann es […] für die Kultur sein, Partner in der Wirtschaft zu finden.« Stolz lockt Geld? Das klingt nach der IHK-Parole: »Kultur« sorge für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben — oder »Volleyball« für die Auslastung von 100-Millionen-Diskotheken.

    ► Was ist mit den realen Lüneburger Gegebenheiten? Warum haben all die Klimmzüge in den vergangenen zwanzig Jahre nichts geholfen? Was ist mit dem Programm, dem »Angebot«? Was mit der »Nachfrage«, dem passionierten Publikum von Shakespeare, Schönberg und Tschaikowskis Schwanensee? Was mit dem Bühnenmarketing des Hauses? Was mit dessen Management? Warum werden Dramaturgie und Intendanz zu einer Sinekure für immobile Sozialdemokraten? Sollten die »Zukunftsvisionen« von Stadtvätern wahrhaftig der Maßstab für den »Wert« der Kultur eines Gemeinwesens sein? Warum kommt nicht mehr Theaterlob als die immergleich stupide, alle Konturen verwischende Nebelphrase vom »Standortfaktor«? Warum wird das Gespräch über »Kultur« und kulturelle Institutionen öffentlich nicht einmal grundsätzlich geführt?

    Denn »die Debatte« ist ein Faktum, lieber Christoph. Aber magst du sie auch?

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    Von Stefan Arndt, gelernter Orchestermusiker (Posaune), ehemals spielendes Mitglied im Symphonieorchester Osnabrück, dann Musikkritiker und seit knapp 18 Jahren Kulturredakteur bei der Hannoversche[n] Allgemeine[n] Zeitung (MADSACK Mediengruppe) war vorgestern in der EJZ zu lesen:

    »Ein Gutachten zur Zukunft des Lüneburger Theaters offenbart einen ziemlich schlechten Zustand der niedersächsischen Theaterlandschaft.
    […]
    Das Lüneburger Haus ist offenbar kein Einzelfall unter den niedersächsischen Bühnen. ›Die Theater sind schon seit Jahren nicht auskömmlich finanziert – sie sind eher über die Runden gekommen‹, erklärt Oliver Graf, der Intendant des Theaters für Niedersachsen (TfN) in Hildesheim. ›Was jetzt in Lüneburg passiert, wird früher oder später überall passieren‹, sagt er voraus. Befördert durch Inflation und Tarifsteigerung, kommen viele Theater im Land immer mehr an ihre Grenzen. 
    […]
    Derzeit laufen die Verhandlungen zur Finanzierung der Theater in Niedersachsen. Die Landesregierung hat eine Erhöhung ihrer Zuschüsse angekündigt. Es zeichnet sich aber ab, dass die Summen nicht ausreichen könnten, um den Status quo zu erhalten. Man habe das Problem der Tarifsteigerungen erkannt, heißt es aus dem Ministerium von Kulturminister Falko Mohrs (SPD). ›Daher haben wir aus dem Nachtragshaushalt für 2023 die Zuwendungen für die kommunalen Theater durch das Land pauschal um je 10 Prozent erhöht und sehen dies auch für 2024 vor‹, betont er. Mit dem Staatstheater Hannover gebe es Gespräche über ›mögliche Konsolidierungsschritte‹.« 

    Quelle: Elbe-Jeetzel-Zeitung, 69. Jgg., Nr. 230, Montag, 2. Oktober 2023, Seite 1

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    In der HAZ kommentierte Arndt die Strukturkrise des Ensembletheaters ebenfalls vor zwei Tagen mit der einleitenden Frage:

    ► »Was soll das Theater?«

    Und er meint n i c h t den alarmierten Aufruhr, sondern diagnostiziert eine »Sinnkrise« angesichts derer es »richtig ist, dass die Theater jetzt nicht nur nach mehr Geld rufen« – sondern »zugleich eine gesellschaftliche Debatte über ihre künftige Rolle« fordern. Er fragt also auch: 

    ► Wozu Theater?

    Seine Herleitung geht so:

    »Wahrscheinlich ist es in keinem anderen Bereich des öffentlichen Lebens so schwer, Kürzungen durchzusetzen, wie in der Kultur. Wann immer es darum geht, eine Einrichtung oder Institution stark zu verändern oder sogar abzuschaffen [!], regt sich verlässlich erheblicher, meist unüberwindbarer Widerstand.

    Das ist gut so, denn was einmal verschwunden ist, kehrt in der Regel nicht zurück. 
    […]
    Auf der anderen Seite führt die Unmöglichkeit von Kürzungen zu einem ständigen Anwachsen der Kulturangebote, weil immer wieder etwas Neues entsteht.
    […]
    Im Falle einiger öffentlicher Bühnen in Niedersachsen bedeutet das schon jetzt: Sie haben zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. So kann es nicht einfach weitergehen. 
    […]
    Dass Theater Demokratieorte sind, die gesellschaftliche Diskussionen ermöglichen und den Zusammenhalt stärken, ist zwar ein Konsens, auf den Politiker und Kulturschaffende sich immer einigen können. Es ist aber nur eine Teilwahrheit. Schließlich erreichen die Theater diesen Anspruch bei Weitem nicht in jeder Vorstellung. Auf der anderen Seite kann Kunst auch einen Wert haben, wenn sie keine konkrete Funktion hat.
    […]
    Was also soll das Theater? Wir sollten dringend offen darüber reden«. 

    Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2. Oktober 2023, 11:00 Uhr

    URL: https://www.haz.de/kultur/regional/kommentar-zur-finanzierung-der-theater-in-niedersachsen-zum-sterben-zu-viel-JEZKQP43NRCQLHMDMUX4CHOVGM.html

    ● – ● – ●   

    Lieber Christoph,

    »Was soll das Theater?«

    oder

    Wozu eigentlich noch Theater?

    ► Sollte DARÜBER dringend offen (= auch sich selbst gegenüber ehrlich), wie Herr Arndt meint, geredet werden? Sind DAS die Fragen, auf die ein Kulturfreund ebenso wie ein Theatermacher – nicht allzu schwer verstehbare – Antworten sollte geben können?

    ► Oder sollten — wie Herr Jenckel, Herr Wiemann und Herr Böther anzunehmen scheinen — einfach weiter Sprüche geklopft und Prosperitätszusammenhänge behauptet werden, für die kein einziges haltbareres Argument ins Feld geführt wird als der übliche Konsens, dass »man« schlicht auf nichts verzichten möchte, was »immer schon da war« und überdies gefällig zischt, glänzt und duftet?

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    • Avatar von Kerstin Brase Kerstin Brase sagt:

      Hier geht es zum Interview, das Intendant Hajo Fouquet gerade dem Organ des Deutschen Bühnenvereins / Bundesverbandes der Theater und Orchester „Die deutsche Bühne“ zur finanziellen Situation am Theater Lüneburg gegeben hat: https://www.die-deutsche-buehne.de/aktuelles/interview-intendant-hajo-fouquet-theater-lueneburg/

      Fouquets Forderung: „Land und Kommunen müssten das Geld, das sie über die Jahre nicht zum Ausgleich der Tariferhöhungen gezahlt haben, jetzt einmal auf ihren Sockelbetrag zu unserer Finanzierung drauflegen, also Land und Stadt/Landkreis jeweils eine halbe Million Euro. Zudem müssten die Träger planungssicher zusagen, alle Tarifsteigerungen, die ab dieser Spielzeit anfallen, in vollem Umfang zu übernehmen. Dann könnten wir auf dem heutigen Niveau weiterarbeiten.“

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      • Avatar von Doro Fischer Doro Fischer sagt:

        Dies hat Natascha Mester im September 2015 aufgeschrieben, aber formuliert hat es Hajo Fouquet:

        „Theater ist ein Ort, der Denkanstöße gibt, Perspektiven aufzeigt, der gleichzeitig ein Ventil für Emotionen in unserer kontrollierten Welt ist. Wenn die Theater ihre Arbeit auf der bildungs- und soziokulturellen Ebene einstellen, wäre das Ergebnis in naher Zukunft eine soziale Wüste. Dann gäbe es noch mehr Menschen, die keine Herzensbildung erfahren, noch mehr Menschen, die nicht wissen, wie sie ihre Träume träumen sollen.“

        https://www.quadratlueneburg.de/das-alles-ist-theater.html

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      • Avatar von Kai Drögemöller Kai Drögemöller sagt:

        Einen ganz neuen Gedanken speiste am Tag der Deutschen Einheit der B90/GRÜNE Kreistagsabgeordnete Oliver Glodzei in die Theaterdebatte bei LZ-Facebook ein:

        „Es ist natürlich schwierig, etwas nüchtern zu betrachten, was einen regelmäßig so von den Sitzen reißt, aber auch nicht unmöglich. Ich komme bei nüchterner Betrachtung allerdings zu einer ganz anderen Sicht als die LZ hier. Das Theater Lüneburg lockt nämlich nicht nur Besucherinnen und Besucher von erstaunlich weit her in den Landkreis, sondern ist auch ein wichtiger S T A N D O R T F A K T O R, sowohl im Kulturbetrieb als auch für Unternehmen und Fachkräfte, die sich eher in attraktive Städte orientieren. Kultur macht attraktiv, und Theater ist dafür die Basis. Mit Einschnitten in das jetzt schon eigentlich zu kleine Orchester machen wir kaputt, was hier in den vergangenen Jahrzehnten geschaffen wurde; ein Theater, das für im Grunde kleines Geld in einer höheren Liga mithalten kann. Wir wären dämlich, das zu riskieren. Nüchtern betrachtet, können wir uns weniger Theater, weniger Orchester schlicht nicht leisten.“

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      • Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

        Ersetzt man in Olli Glodzeis Schwadronade das Wort „Theater“ durch „Volleyball“ und das Wort „Kultur“ durch „Spitzensport“, dann hört man Andreas Bahlburg und Klaus Hoppe ihren Ego-Refrain abspulen, mit dem sie seit acht Jahren Arena-Reklame machen und so die dauerhafte Komplettfinanzierung ihres 35-Mio-Euro-Neubaus durch die Steuerzahler des Landkreises erreicht haben.

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  6. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    https://www.youtube.com/watch?v=0gFyNCyaFNw Wovon lebt der Mensch. Wer ,oder was, ist wohl wirklich ein Kunstbanause? Der Vergessliche, der die Reihenfolge nie einhält?

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    • Avatar von Willi Banse Willi Banse sagt:

      Nehmen Sie Herrn Wiemanns freundliches Angebot an, Herr Bruns. Reales Theater ist besser als youtube oder Lünepost. Wenn Sie mich das Datum wissen lassen, komme ich auch.
      Über Ihre Garderobe brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen. Anzug und Krawatte sind out. Heute trägt „Mann“ signalfarbene Socken, Sneakers und ein leichtes Eau de Toilette
      (zitrisch frische Kopfnote mit einer Herznote von Zedern- und Sandelholz). Auf den Rest können Sie getrost verzichten.

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  7. Avatar von Berni Wiemann Berni Wiemann sagt:

    Lieber Herr Bruns, vermutlich kennen Sie unser Theater nur von Außen.
    Gerade Ihre „Mittelschicht“, Rentner, Studenten, Schüler etc. nutzen das hochklassige Angebot, zu Preisen die z. T. unter den Massenkonserven in den Kinos liegen (Restkarten über das Semesterticket sogar kostenlos!).
    Bildung und Kultur ist regelmäßig nicht kostendeckend, aber unverzichtbar!
    Wenn Sie einmal Ihr „Glashaus“ verlassen und sich ein objektives Bild von der Realität machen möchten, lade ich Sie gern zu einem Praxistest (einschl. Abholung) ein. 

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    • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

      Lieber Herr Wiemann, ihre Vermutung liegt um einiges daneben. Ich empfehle Ihnen Mutter Courage, es ist harter Tobak, oder doch lieber das Ohnesorg Theater, als Gast im Lüneburger Theater? Zitat: Bildung und Kultur ist regelmäßig nicht kostendeckend, aber unverzichtbar! Und genau diese Behauptung und mehr ist sie auch nicht ,darf bezweifelt werden. Es gibt Theater ohne Subventionen. Sie sind nur anders organisiert. Noch ,,H,,eute gibt es Künstler, die zu den ,,R,,eisenden zählen. Übrigens, hier ein nettes Beispiel für die Kultursuchenden: Die Oper in Frankfurt . Der Vorschlag , diejenigen, die sie besuchen wollen, die Eintrittspreise zu schenken, damit sie von diesem Geld zur Oper nach Wien reisen können, es wäre für die Stadt Frankfurt erheblich preiswerter, als die Frankfurter Oper weiter zu subventionieren. Und schon ist der angebliche Hunger nach Kultur gestillt, oder nicht?

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      • Avatar von jj jj sagt:

        Ich verstehe nur Bahnhof und Kulturbanause. Für Sie reicht auch ne Bratwurstbude mit einer pfeifenden Arbeitskraft. 🙂

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      • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

        aber, aber, die mittelschicht verteidigt ihre ansprüche, oder was sollte der kommentar? was heutzutage alles unter kunst und kultur gehandelt wird, ruft in der tat bei mir nur ein kopfschütteln hervor. und sich zum wiederholten mal einen altmeister anzutun, madame butterfly wurde dadurch auch nicht netter, ist mir meine noch verbliebene zeit zu schade. und was die rentner und schüler betrifft, die haben weiß gott andere probleme als theater. wer theater erleben will, kann sich kostenlos eine stadtrats oder kreistagssitzung anschauen. der unterricht in der schule oder die wohnungsnot wird leider dadurch auch nicht besser. sie wissen doch herr jenckel, erst kommt das fressen, dann die moral.

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      • Avatar von Berni Wiemann Berni Wiemann sagt:

        Ach Herr Bruns, auch Ihre unerschütterlichen „Wahrheiten“ erscheinen mir häufig als „Komödie“. Meine Behauptung das „Bildung und Kultur regelmäßig nicht kostendeckend – aber unverzichtbar sind“, schließt wenige Einzelfälle nicht aus. Natürlich gibt es auch Theater ohne Subventionen, aber wohl kaum für unter €15,-/Karte.

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    • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

      Herr Wiemann ,ich empfehle gerade politikern die ballade aus der drei groschen oper, wovon lebt der mensch.

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      • Avatar von Berni Wiemann Berni Wiemann sagt:

        Schönes Beispiel: Ohne das von Ihnen kritisierte Theater gäb es auch Ihre Empfehlung (Dreigroschenoper) nicht.
        Die können wir gerade live in unserem Theater erleben. Meine Einladung steht, aber vermutlich trauen Sie sich wieder nicht in die Realität.

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      • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

        Herr Wiemann: meine gesundheit lässt es leider nicht zu, ihrer netten einladung zu folgen. ich sollte laut ärzteschaft schon vier jahre tot sein. bin zu faul zum umfallen und bin froh ein,,glashaus,, zu besitzen , wo ich noch rausschauen kann.

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  8. “ Wenn unsere Theater- und Musikkultur nur noch über Geld definiert wird, beginnt sie zu sterben.“

    Seine Freunde kennt man gut – und bei richtig guten Freunden muss man auch kein Blatt vor den Mund nehmen. Oder?

    Das Stadtheater hat ein Bild gekauft. Weiße Streifen auf weißem Hintergrund. Und es hat eine schöne Stange Geld gekostet.
    Da lacht das Geld lauthals los, weil „diese Scheiße“ doch wirklich keine „KUNST“ sein kann!
    Jene Belustigung wird als Herablassung wahrgenommen und stößt auf humorlose Empörung.
    Nun soll der dritte im Bunde, das Land– vermitteln. Nur leider hat Hannover genug zu tun und scheut überdies gerne jeden Konflikt.
    Es weigert sich einfach, Position zu beziehen. Ein Umstand, der wiederum sowohl Theater als auch Kreistag/Stadtrat nervt …
    Das weiße Kunstwerk entpuppt sich als Katalysator, der schon längst schwelenden Konflikte.

    Theater ein Markt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen?

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  9. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    klingt alles vernünftig , nur, wer denkt dabei an die menschen ,die sich kultur sprich entrittsgelder trotz subventionierung nicht leisten können? nicht mal die mittelschicht ist bereit die preise zu bezahlen die nötig wären , damit eben nicht subventioniert werden muss, aber, wenn die kultur doch so wichtig sein soll? warum dann solch ein verhalten? ist sie vielleicht doch nicht so wichtig ,wie die politikvertreter der mittelschicht es weiß machen will?

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