Die Szene lässt sich nicht aussperren – Brennpunkt Sand wird zum Jahrmarkt der Kandidaten

Überwachen, vergrämen, verbieten – oder ein Mix? Wie Lüneburg die Drogen- und Trinker-Szene in der Innenstadt in den Griff bekommen könnte, dazu kursieren schon Rezepte. Die gefühlten Ängste und Nöte sind größer als die nackten Zahlen. Und im aufziehenden Wahlkampf werden die Gefühle bedient, haben Kandidaten die einzige Erfolgsformel im Gepäck. Der Anfang ist schon gemacht. Dabei ist nur eines klar: Die Szene lässt sich nicht vor den Stadttoren aussperren.

Wenn viele Ideen auf den Markt werfen, dann ist nur garantiert, dass der Frust größer ist als die Erfolgsaussicht. Viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Ein Brennpunkt in Lüneburg ist der Platz Am Sand. Dort trank die Szene schon immer gerne und in den Passagen dealte und urinierte die härtere Fraktion. Dann verrammelten die Eigentümer die Passagen und die Szene konzentrierte sich auf dem Platz. Überspitzt gesagt, kehrten die Hausbesitzer den Ärger vor die Haustür. 

Jetzt hat der Platz die größten Chancen im Wahlkampf zum Jahrmarkt der Eitelkeit von Kandidaten zu werden. Schuld sind natürlich immer die anderen – hier z.B. die Sitzmöbel auf dem Platz. Ohne sähe alles ganz anders aus. Am besten, es gäbe überhaupt keine Bänke. Bitte auch nicht in den Bushaltestellen, früher der Szene-Treff. Ich höre schon den Protest von Senioren- und Behindertenbeirat. 

Aber es ist kein Platz für Satire. Die Szene ist größer und agressiver geworden. Das liegt auch am Stoff wie Crack, Koks, Crystal Meth, ob in Lüneburg, Lübeck oder Landshut. Doch die zunehmende Agression ist kein Phänomen nur am Sand oder am Berge, über Angriffe klagen auch Sanitäter, Feuerwehrleute und Polizei. Das liegt auch an einer Gesellschaft, die weniger Gemeinschaft ist und zu Teilen am Mad-Max-Virus leidet. . 

In Lübecker haben sich Stadt und Polizei dafür gefeiert, eine Szene auf einem Platz aufgelöst zu haben. Dafür hat sie sich am Hauptbahnhof und am ZOB manifestiert. Es ist ein Irrglaube, man könne eine Drogenszene zerschlagen. Verlagern – ja, Konsumorte schaffen – ja, mehr Kontrollen-  ja, mehr Streetworker – ja. Aber eine endlose Debatte in „Wünsch dir was-Runden“ für alle, das führt eben eher zu noch mehr Frust. 

Stadt, Polizei und Profis der Szene müssen sich vertraulich austauschen können, bevor sie Ergebnisse präsentieren. Wenn das nur noch coram publico passiert, wie jetzt, dann werden die Gefühle gestreichelt, am Ende ist das wie mit Goethes Quark. Der wird bekanntlich nicht stark, wenn viele drauf rumtreten, sondern nur breit. 

Hans-Herbert Jenckel

Foto jj: Gesperrter Durchgang am Platz am Sande.

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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8 Responses to Die Szene lässt sich nicht aussperren – Brennpunkt Sand wird zum Jahrmarkt der Kandidaten

  1. Avatar von Norbert Meyer Norbert Meyer sagt:

    Andere Dimension, ähnliches Thema:

    Nachdem der 37-jährige Krankenpfleger und US-Bürger Alex Pretti am vergangenen Samstag von mehreren Grenzschützern auf der Nicollet Street in Minneapolis festgehalten, mit Pfefferspray ins Gesicht gespritzt, zu Boden geworfen und schließlich mit zehn Schüssen getötet worden war, entschied Bruce Springsteen, ein neues Lied zu schreiben. Drei Tage später nahm er es in seinem Studio auf. Und schon gestern, am Mittwoch, vier Tage nach dem Tod von Pretti, veröffentlichte Springsteen „Streets of Minneapolis“.

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  2. Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

    Normalerweise kommentiere ich öffentlich fast ausschließlich zum Thema Elbbrücke bei Neu Darchau. Dort lässt sich seit geraumer Zeit beobachten, wie politische Entscheidungen, Kommunikationsstrategien und mediale Zurückhaltung ineinandergreifen.
    Diese Erfahrung schärft den Blick für ein grundsätzliches Muster: im Wahlkampf werden Themen nicht nach Relevanz behandelt, sondern nach medialer Verwertbarkeit. Wahlkampf braucht deshalb zunächst Bilder – nicht Lösungen.

    Dabei geht es im Thema „Brennpunkt Am Sande“ nicht um Parteipolitik im klassischen Sinne. Ein Oberbürgermeisterwahlkampf folgt einer eigenen Logik. Gewählt wird kein Parlament, sondern ein Hauptverwaltungsbeamter. Jemand also, der Instrumente bereits in der Hand hält. Jemand, der nicht erst Mehrheiten organisieren muss, sondern innerhalb geltenden Rechts handeln kann. Umso bemerkenswerter ist es, wie stark bekannte Verwaltungsthemen plötzlich wie politische Grundsatzfragen behandelt werden.
    Wahlkämpfe folgen dennoch der bekannten Medienlogik, Aufmerksamkeit entsteht durch klare Bilder, einfache Botschaften und emotionale Zuspitzung. Komplexität ist dabei hinderlich. Dauerhafte Verwaltungsarbeit lässt sich schlecht inszenieren. Also rücken Themen in den Vordergrund, die sichtbar sind, Reibung erzeugen und sich leicht erzählen lassen.

    Probleme im öffentlichen Raum erfüllen all diese Kriterien. Eine Szene ist sichtbar. Sie stört. Sie lässt sich fotografieren. Vor allem aber eignet sie sich für die immer gleiche Erzählung: Handlungsbedarf, Entschlossenheit, schnelle Lösungen. Medien greifen das gern auf, weil es Orte, Gesichter und Konfliktlinien liefert. Der Wahlkampf dankt es dem Pressewesen mit markigen Aussagen.
    Dabei geht in der öffentlichen Wahrnehmung etwas Entscheidendes verloren. Die zuständigen Stellen verfügen längst über rechtmäßige Mittel, um Regeln durchzusetzen, Präsenz zu zeigen und Auswüchse zu begrenzen. Ordnungsdienst, Polizei und Verwaltung handeln täglich. Nicht spektakulär, nicht plakatfähig, aber kontinuierlich. Ein Oberbürgermeister entscheidet darüber, wie konsequent diese Werkzeuge eingesetzt werden, nicht darüber, ob sie existieren.

    Und hier kippt dann ja die Debatte. Verwaltungshandeln selbst wird zur Kulisse des Wahlkampfs. Maßnahmen, die ohnehin stattfinden oder jederzeit möglich wären, werden rhetorisch aufgeladen, als stünden grundlegend neue Entscheidungen bevor. Zuständigkeiten verschwimmen und der Eindruck entsteht, mit dem richtigen Kreuz ließe sich ein bekanntes Problem plötzlich lösen.
    Das Missverhältnis zeigt sich aber danach, denn kein Stimmzettel beendet soziale Problemlagen und keine Wahl verändert die Realität öffentlicher Räume über Nacht. Was bleibt, ist Verwaltung. Deshalb eignen sich solche Themen eigentlich nicht für symbolische Zuspitzung. Sie verlangen nüchterne Führung, Kontinuität und Verantwortungsbewusstsein. Der Wahlkampf aber lebt vom Gegenteil. Er braucht Sichtbarkeit, nicht Nachhaltigkeit. Bilder, nicht Prozesse. Und deshalb vielen Dank, lieber Herr OB-Kandidat Frank Soldan, für Ihre deutliche Äußerung, die diese Meinungs-Richtung ebenso beschreibt und dem Bekunden, sich mit diesem Thema im Wahlkampf selbst nicht profilieren zu wollen.

    Und an dieser Stelle drängt sich ein Vergleich auf. Während sichtbare, gut bebilderbare Probleme laut verhandelt werden, bleiben andere Vorgänge auffallend leise. Dort fehlen Fotomotive, spontane Empörung und einfache Darstellungen. Entscheidungen reifen im Hintergrund, Abstimmungen finden abseits der Öffentlichkeit statt, Verantwortung wird elegant verteilt. Noch interessiert das kaum jemanden.
    Vielleicht liegt auch darin der eigentliche Unterschied. Wahlkampf konzentriert sich auf das, was sich zeigen lässt. Politische Tragweite entfaltet sich aber dort, wo nichts gezeigt wird. Die einen Themen liefern Schlagzeilen. Die anderen später Erklärungsbedarf.
    Und falls der Blogmaster demnächst doch einmal wieder zur Elbbrücke bei Neu Darchau in einem aktuellen Beitrag zurückkehrt: Das wird kein Themenwechsel sein, sondern eine Fortsetzung derselben Beobachtung. Dann geht es nicht um Bilder, sondern um Akten. Nicht um Wahlkampfrhetorik, sondern um Entscheidungen. Und dann wird auch klar, warum manche Themen gerade jetzt so laut sind, während andere so auffällig still bleiben.
    Die Katze bleibt vorerst im Sack. Noch.

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    • Avatar von Kurt C. Hose Kurt C. Hose sagt:

      Liebe Frau Dreyer,

      gibt es wirklich ein konspiratives Schweigekartell, das von Landespolitikern und Lokaljournalisten aus perfid verschwörerischen Verhinderunggründen strategisch orchestriert wird? Bitte nicht immer so zuspitzen!

      Schauen Sie hin, Irmgard Oehring bleibt dran.

      PS:

      Morgen vor 18 Jahren, am 30. Januar 2008 erschien eine bundesweite Ernährungsstudie, nach der 66 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen übergewichtig waren.

      Ein sehr ernstes, bis heute wachsendes Problem, das gigantische soziale Kosten erzeugt. Doch im Lüneburger Wahlkampf spielt es bislang keine Rolle, obgleich sich in den Fußgängerzonen der Stadt leicht jede Menge aufrüttelnder Photos zu dokumentarischen Zwecken schießen ließen.

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      • Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

        Lieber Herr Hose,

        der Text beschreibt einen Vergleich zwischen sichtbaren Wahlkampfthemen und leisen Entscheidungsprozessen. Von Kartellen oder konspirativem Schweigen ist dort nicht die Rede.

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  3. Avatar von Frank Soldan Frank Soldan sagt:

    Die Szene derer, die sich Am Sande und auch Am Berge aufhalten, hat sich gewandelt.

    Jetzt gestartet ist eine Untersuchung der Drogenszene in Lüneburg, um überhaupt einen Überblick über die vorhandenen Menschen, ihre Probleme und ihren Drogenkonsum zu erhalten. Daraus werden sich sicherlich noch gezieltere Beratungs- und Hilfeangebote ableiten lassen.

    Aufsuchende Sozialarbeit, Hilfsangebote, Anwesenheit von Ordnungskräften und ein Szene-Café incl. Beratungsangeboten müssen erste Priorität haben. Die Erfahrung zeigt aber, dass das nicht reicht, also müssen weitere Möglichkeiten zumindest getestet werden.

    Der Wahlkampf startet gerade, die Wahlen sind am 13.9.26. Das Thema bedarf jetzt einer Lösung und nicht einer hitzigen Diskussion im Wahlkampf und das Umsetzen von Konzepten irgendwann ab 2027.

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  4. Avatar von Erwin Habisch Erwin Habisch sagt:

    Wenn die Drogen- und Trinker-Szene als Wahlkampfthema hochgekocht wird, profitiert davon in erster Linie die Partei, die ganz vorne im Alphabet zu finden ist. Das sollten alle Politiker und Politikerinnen der demokratischen Parteien endlich begreifen, statt Populismus zu bedienen.
    Ein Esel stößt sich nicht zwei Mal am selben Stein. In der Politik sieht es leider anders aus. Wohin die Reise geht, wenn so weiter gemacht wird, sieht man schon in den neuen Bundesländern. Vielleicht haben wir dort demnächst den ersten AfD-Ministerpräsidenten…

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