Die Brücke oder die selbsterfüllte Prophezeiung

Sie kennen das aus der Schule mit der Gewaltenteilung in unserer Demokratie, Legislative, Exekutive und Judikative, oder das Vier-Augen-Prinzip, aber es geht auch schlanker, das beweist uns jetzt der Landkreis Lüneburg bei der Elbbrücke Neu Darchau. 

Die Freunde der Brücke hoffen mit der Planfeststellung auf den Wumms für den Bau, die Gegner werden, wenn sie es ernst meinen, eine oder mehrere Klagen in petto haben. 

Montag will der Landkreis Lüneburg den Planfeststellungsbeschluss vorlegen. Das sei ein Meilenstein. Stimmt, soweit hat es der Landkreis noch nicht gebracht in der Causa.

Jetzt kommen wir zur aktuellen Pressemitteilung des Kreises, dem Bauherrn: „Mit der öffentlichen Bekanntmachung endet das mehrjährige behördliche Genehmigungs- und Beteiligungsverfahren für das Infrastrukturprojekt. Der Vorhabenträger, der kreiseigene Betrieb für Straßenbau und -unterhaltung (SBU), plant eine feste Elbquerung zwischen Darchau in der Gemeinde Amt Neuhaus und Neu Darchau im Landkreis Lüchow-Dannenberg. Der Landkreis Lüneburg ist somit sowohl Antragssteller als auch Genehmigungsbehörde für das Vorhaben. Die Prüfung der Antragsunterlagen und die Entscheidung über den Antrag erfolgten durch den dafür zuständigen Fachdienst Regional- und Bauleitplanung der Kreisverwaltung.“ 

Sie lesen richtig, der Landkreis plant, prüft und baut aus einem Guss, so eine Art selbsterfüllte Prophezeiung, man könnte überspitzt auch vom Zwei-Augen-Prinzip reden. Die Brücke der Herzen und als Wahlkampfschlager soll endlich Beton und Stahl werden. 

Schon kurz nach der Grenzöffnung anno 1989 gingen Politiker mit der Brücken-Idee hausieren. Und als dann das Amt Neuhaus 1993 von Mecklenburg-Vorpommern nach Niedersachsen wechselt und Teil des Landkreises Lüneburg wurde, war die Brücke das größte Versprechen. EU und Bund, das Land Niedersachsen, aber auch Meck-Pom, der Kreis Lüchow-Dannenberg, alle sollten dem Landkreis Lüneburg helfen, um die kalkulierten 39 bis 44 Millionen Mark, also rund 22 Millionen Euro Maximum zu finanzieren. EU und Bund winkten gleich ab. Das klamme Land Niedersachsen sagte noch vor kurzem, nicht finanzierbar und der Landkreis übernehme sich, Lüchow-Dannenberg hat Bedenken. 

Heute liegen die Baukosten bei knapp 100 Millionen, da ist die letzte Kalkulation noch nicht aufgeblättert. Was der Landkreis in die Brücke investiert, fehlt im Rest des Kreises. Denn über de Kreisumlage sind alle Kommunen dabei von der Stadt Lüneburg bis zur Samtgemeinde Amelinghausen. Schon allein gut 550.000 Euro für Studien, Verkehrszählungen und Gutachten wurden bis zum Planungsstopp vor rund zehn Jahren in die ersten beiden Anläufe für die Brückenplanung versenkt. Der erste scheiterte vor Gericht, der zweite am Geld im Kreistag. 2018 startete der Landkreis den dritten Anlauf.

Aller guten Dinge sind drei. Kennen Sie. Zumindest gilt das für die Brücke und den dritten Anlauf wie für den aufziehenden Kommunalwahlkampf – da können die Brückenfreunde z.B. von der CDU noch einmal die Zukunft rosarot malen – für den Haushalt des Kreises könnte die Zukunft dank Brücke noch tiefroter ausfallen.

Hans-Herbert Jenckel

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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21 Responses to Die Brücke oder die selbsterfüllte Prophezeiung

  1. Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

    Herr Bruns,

    Sie haben völlig recht: „lol“ ist vermutlich die einzig angemessene Reaktion, wenn man sich manche politische Haushaltslogik anschaut.

    Da erklärt der grüne Landratskandidat Torsten Franz in seinem Video, kostenlose Fährfahrten für „Anwohner“ seien die realistische Zukunft. Und darunter klatscht die Parteibasis begeistert Beifall, weil die Brücke angeblich den Haushalt ruiniert.

    Nun habe ich in den offiziellen Nahverkehrsplan des Landkreises (Seite 170) geschaut. Ein kleines Zahlenrätsel:

    Der Landkreis zahlt bereits heute rund 580.000 Euro jährlich für Subventionen der Elbfähren (vergünstigte Karten, Jahreskarten-Ausgleich, hvv-Anerkennung). Das entspricht ungefähr dem Rabattanteil von 30 Prozent. Den größeren Teil zahlen die Nutzer bislang selbst.

    Wenn die Fähren nun – wie angekündigt – für „Anwohner“ kostenlos werden sollen, fällt dieser Eigenanteil weg.

    Dann passiert etwas geradezu Unverschämtes: Mathematik.

    580.000 Euro Zuschüsse plus rund 1,35 Mio. Euro wegfallende Einnahmen ergeben plötzlich knapp 2 Mio. Euro jährlich, die zusätzlich dauerhaft aus dem Kreishaushalt finanziert werden müssten.

    Jedes Jahr – ohne 75-%-Landesförderung, ohne Vermögenswert und ohne Ende.
    Eben einfach konsumtiv aus dem Ergebnishaushalt.

    Und das Geld kommt natürlich nicht vom Weihnachtsmann. Über die Kreisumlage landet es am Ende bei den Kommunen. Also dort, wo Schulen, Kitas, Sportstätten und Kultur bezahlt werden. Herr Jenckel erwähnte es in seinem Beitrag.

    Interessant wird es also an diesem Punkt: eine zu 75 % geförderte Infrastrukturinvestition über Jahrzehnte gilt als haushaltspolitischer Wahnsinn.

    Ein dauerhaft wachsender Zuschussbetrieb für Fähren dagegen als „realistische Perspektive“. Diese Logik muss man erst einmal programmieren. Vielleicht kann der IT-Manager helfen.

    Und weil Herr Bruns vom „toten Pferd“ sprach:

    Seit dem 18.05. liegt ein Planfeststellungsbeschluss vor. Das angeblich tote Pferd besitzt inzwischen behördliche Zulassung, umfangreiche Gutachten und Förderperspektiven. Andere setzen dagegen auf kostenlose Fähren mit bislang ungeklärter Finanzierung.

    Das erinnert weniger an ein totes Pferd als an zwei Rennbahnen.
    Auf der einen läuft ein genehmigtes Infrastrukturprojekt.
    Auf der anderen galoppiert ein Einhorn mit Gratis-Tickets und offenem Haushaltsdeckel.

    Schmunzel.

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  2. Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

    Der grüne Landratskandidat Torsten Franz versucht sich im Netz (Facebook, Instagram) an einer filmreichen Märchenstunde zur Elbquerung.

    Hier das „Werbe-Statement“ des Landrats-Kandidaten (Video über Instagram und Facebook abrufbar) im Wortlaut.

    Immer wenn Kommunalwahl ist, kommt einer um die Ecke und verspricht: ‘ne Brücke. Zur Erinnerung: Nachdem ein CDU -Kreisrat das Projekt an sich gezogen hatte, und damit spektakulär gescheitert war, hat sich das beschämende Spiel mit der Hoffnung der Neuhäuserinnen und Neuhäuser von Wahl zu Wahl wiederholt. Wer glaubt denn ernsthaft, dass das diesmal klappt.

    Ich werde mich für kostenlose Nutzung der Fähren für Anwohnerinnen und Anwohner einsetzen. Und diese Fähren haben es in sich: die neue Fähre zwischen Bleckede und Neuhaus hat so wenig Tiefgang, dass auch bei Niedrigwasser meist noch eine Verbindung gewährleistet ist. Die Tanja soll nach dem Fährkonzept der Landesregierung durch eine ähnlich leistungsfähige moderne Fähre ersetzt werden. Das ist eine zeitnahe und vor allen Dingen realistische Perspektive für die Menschen im Landkreis. Und zudem überlastet das nicht unseren Haushalt für die nächsten Jahrzehnte. Ich finde ja, ein Landrat sollte darauf auch ein Auge haben.“

    Der Jubelkommentar des Landtagsabgeordneten Pascal Mennen darunter lautet:

    Sehr gut! Bis jetzt hat auch noch niemand erklärt, wo er das ganze Geld für Instandhaltung und die verpflichtenden Rücklagen einsparen will. Da kommen jedes Jahr viele Millionen Euro zusammen, die woanders fehlen werden. Danke, dass du auch darauf einen Fokus legst.“

    Hier spricht der absolute Mut zur Lücke! Aber: ich habe mir fassungslos die Augen gerieben, denn da schließt sich der Kreis der grünen Parteizentrale zu einer bemerkenswerten Rechenschwäche.

    IT-Manager Torsten Franz verspricht vor der Kamera das Blaue vom Himmel, und der Lüneburger Landtagsabgeordnete Pascal Mennen klatscht in den Kommentaren eifrig Beifall. Mennens steile These: Die am 18. Mai 2026 frisch genehmigte Elbbrücke koste „jedes Jahr viele Millionen Euro“.

    Liebe grüne Parteizentrale, unser Verein Brücken bauen e. V. hat allen Kreistagsabgeordneten kürzlich ein detailliertes Haushaltsdossier übermittelt, um vor den anstehenden Entscheidungen im Juni für echte Aufklärung zu sorgen. Da Sie sich in Ihrer Lüneburger Zentrale ja sicherlich intensiv austauschen, fragen Sie doch bitte nach einem Exemplar. Ich spendiere Ihnen jetzt ganz unentgeltlich ein kleines analoges Update – damit der IT-Manager den Algorithmus korrigiert, der Lehrer nicht im Haushaltsrecht durchfällt und die Bürger das Gesamtdrehbuch dieser politischen Sabotage verstehen.

    Gehen wir einige Punkte mal durch:

    1. Immer wenn Wahl ist, verspricht einer ’ne Brücke…“

    Die Realität: am 18. Mai 2026 hat der Landkreis Lüneburg ganz unaufgeregt den offiziellen Planfeststellungsbeschluss – also die umfassende behördliche Zulassung des Vorhabens – erlassen. Das ist kein „Wahlversprechen“, das ist geltendes Verwaltungsrecht. Zwischen einem bunten Wahlplakat und einer behördlichen Baugenehmigung liegen Welten. Aber Recht und Gesetz stören im Wahlkampf ja meistens nur.

    2. Das soziale Gratis-Wunder für „Anwohner“

    Wer genau soll damit gemeint sein? Wie nah an der Elbe muss man wohnen, um als Anwohner zu gelten? Gilt das nur für rechtselbisch Wohnende? Gilt das für beide Fähren in Bleckede und Neu Darchau? Gilt das nur für Einwohner aus dem Landkreis Lüneburg? Was ist mit den Pendlern aus Lüchow-Dannenberg, die von links nach rechts über die Elbe müssen? Sollen die plötzlich die Zeche für das grüne Lüneburger Wahlkampfzuckerl zahlen? Soll deren raumordnerisch verbrieftes Recht auf eine feste Brücke als „Bauernopfer“ geopfert werden? Ist das Gratis-Versprechen haushaltstechnisch nicht besonders absurd?

    Wenn die Ticketeinnahmen zusätzlich bei der Fähre Bleckede wegfallen, steigen die dauerhaften Defizite im Kreishaushalt weiter an. Wo soll dieses Geld künftig herkommen?

    Das Land hat bekanntlich nicht einen Cent für die Neuanschaffung der Fähre Bleckede – Amt Neuhaus beigesteuert und zahlt bei den laufenden Fährbetrieben in Bleckede und Neu Darchau ebenso keinen Cent. Woher soll das Geld kommen, Herr Franz? Welche Pflichtaufgaben wollen Sie dafür also streichen?

    Spannend auch: wenn die Fähre die „realistische Perspektive“ sein soll – wann genau kommt sie, mit welcher gesicherten Finanzierung, welcher rechtlichen Grundlage und welchem dauerhaften Betreiberkonzept? Für die Finanzierung des Eigenanteils gibt es meiner Kenntnis nach bis heute keinen gültigen Vertrag!

    3. „Das überlastet nicht unseren Haushalt…“

    Die Realität: Ein kurzes Update für den IT-Manager in Wirtschaftskompetenz zeigt: Man kann eine zu 75 % geförderte Infrastrukturinvestition (einen dauerhaften Vermögenswert namens Brücke) nicht mit den konsumtiven Dauerkosten eines Fährbetriebs vergleichen. Eine Fähre verbrennt jeden Tag im laufenden Betrieb echtes Geld (für die Fähre Neu Darchau in etwa 300.000,- € /pro Jahr indirekte Subventionen, Notverkehre, Beteiligung Schlickbeseitigung). Das ist Geld, das dauerhaft vom Konto abfließt. Die Brücke hingegen schafft bleibenden Wert.

    Wenn Haushaltsverantwortung das Argument ist: weshalb gelten laufende Betriebs- und Ersatzkosten einer Fährlösung plötzlich als unproblematisch, während eine hoch geförderte Infrastrukturinvestition mit jahrzehntelangem Nutzen pauschal als Überlastung dargestellt wird? Dauerhafte Betriebskosten werden als vernünftig verkauft, während eine hoch geförderte Infrastrukturinvestition plötzlich als finanzpolitischer Wahnsinn gilt. Diese Logik muss man erst einmal erklären.

    4. Und noch etwas:

    Meistens noch eine Verbindung“ klingt als Werbeslogan für eine Niedrigwasserfähre vielleicht ganz nett. Für Rettungsdienste, für Schichtarbeiter, für mittelständische Unternehmen und für Schulbusse ist diese erstaunlich niedrige Messlatte eine absolute Frechheit.

    1. Ein Extra für Herrn Mennen: die Haushaltsbelastung

    Nur der Eigenanteil der Brücke muss finanziert werden – Zinsen fallen daher nicht auf die gesamten Baukosten an. Abschreibungen wirken zwar als rechnerische Kosten, verursachen aber keinen Geldabfluss. Zudem wird ein großer Teil der Abschreibungen durch Fördermittel (Sonderposten) ausgeglichen. Tatsächlich belastend sind vor allem Zinsen auf den Eigenanteil, Unterhaltungskosten und spätere Sanierungen, die üblicherweise erst nach etwa 20 Jahren anstehen. Diese Folgekosten fallen nicht gleichmäßig an, sondern eher in größeren Abständen. Zusätzlich kommt später eine Aufteilung der Baulast zwischen den Landkreisen Lüneburg und Lüchow-Dannenberg hinzu.

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    • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

      Helga Dreyer

      lol

      ob in ,,ratenzahlung,, oder gleich schmücken, die brücke ist viel zu teuer und auch noch überflüssig. es gab dort nie eine brücke und es wird dort durch den lobbyclub der brückenfreunde ,es auch keine geben. wie war das doch noch mal mit dem toten pferd? frau dreyer, nicht das sie der naivität anheim fallen. Es bleibt mir ein Rätsel, wie Sie hier so beharrlich in eine Diskussion hineingrätschen können, nur um am Ende den Unterschied nicht zwischen einem realen Zementsack und Wunschdenken zu erkennen. schmunzel

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      • Avatar von Jürgen Jürgen sagt:

        Klaus Bruns,

        wie ein leerer Topf am meisten klappert, ein leerer Kopf am meisten plappert, deshalb trink Wasser wie das liebe Vieh und denk es wär Krambambuli, denn erstens kommt es anders, zweitens als man denkt, uns ist beschieden dies und das, der eine sitzt trocken, der andere nass, zwar, wer gut wiehert, der gut gärt, allein, wer gegen den Wind püschert, bekommt feuchte Hosen, aber Gelegenheit macht Liebe und wie’s die Alten sungen, so zwitschern’s auch die Jungen: Wo ein Adler nicht fort kann, findet eine Fliege noch zehn Wege oder Marmor, Stein und Eisen bricht, aber Omas Plätzchen nicht, also bitte abwarten und Tee trinken, weil man aus einer Igelhaut kein Brusttuch macht und vom Wiegen die Sau nicht fett wird, drum schaffe, schaffe, Häusle baue und net nach de Mädle schaue, ja, die Harten kommen in den Garten, alldieweil zwei Narren in einem Haus haben immer Streit und Strauß, das heißt, man hat nur einen Kopf damit es nicht in den Hals regnet und ein Schmunzeln ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen und im Dunkeln ist gut munkeln, aber nicht gut Flöhe fangen.

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  3. Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

    Es gibt in Lüneburg eine politische Urban Legend, die zuverlässig aus der Mottenkiste geholt wird, sobald irgendwo das Wort „Elbbrücke“ fällt:

    „Der Landkreis ist pleite. Die Brücke unbezahlbar. Ende der Debatte.“

    Das klingt dramatisch, hat aber ungefähr dieselbe analytische Tiefe wie die Behauptung, ein Hausbesitzer dürfe nie wieder ein Dach sanieren, weil gleichzeitig die Heizkosten gestiegen sind.

    Interessant wird es erst, wenn man die Haushaltszahlen tatsächlich liest, statt nur mit ihnen zu winken, denn dann zeigt sich, dass nicht die Brücke den Landkreis in finanzielle Schwierigkeiten treibt. Das eigentliche Problem liegt ganz woanders. Aber sobald die Elbbrücke bei Neu Darchau auf der Tagesordnung steht, wird reflexartig die haushaltspolitische Apokalypse ausgerufen, an vorderster Front durch die von mir schon erwähnten Vielschreiber in Facebook-Kommentarspalten. Das Narrativ der Brückengegner ist so simpel wie plakativ: der Landkreis sei überschuldet, im Haushalt klaffe ein Millionenloch, ergo könne und dürfe man sich dieses Großprojekt schlichtweg nicht leisten. Wer so argumentiert, betreibt allerdings entweder bewusste politische Nebelkerzen-Zündelei oder hat einfach den Unterschied zwischen einem Konsum- und einem Investitionshaushalt nicht verstanden, selbst wenn er „ewige Zeiten Rechnungswesen erst studiert und dann unterrichtet hat“ oder sich „einer glaubhaften Informationsquelle“ bedienen kann.

    Eine Analyse der nackten Haushaltszahlen des Landkreises der letzten zwölf Jahre kann nur zu dieser Feststellung führen: die Behauptung, die Brücke treibe den Kreis in den Ruin, bricht in sich zusammen. Ein nüchterner Blick auf die Fakten zeigt ein völlig anderes Bild. Gerne wird das Jahr 2013 als historischer moralischer Ankerpunkt gewählt – das Jahr der Einwohnerbefragung, in dem über eine gefühlte „10-Millionen-Euro-Obergrenze“ für den kreiseigenen Anteil diskutiert wurde. Doch wer (wie gerade erst Herr Habisch) die Preise von damals als starre Dogmen für die Gegenwart anlegt, verkennt die allgemeine Haushaltsentwicklung komplett. Im Jahr 2013 verzeichnete der Landkreis Lüneburg in seinem Ergebnishaushalt ordentliche Erträge von rund 217,1 Millionen Euro. Im aktuellen Haushalt für 2025 sind wir bei rund 429,6 Millionen Euro angekommen. Das bedeutet schlicht und ergreifend: Die Einnahmenbasis des Landkreises hat sich in diesem Zeitraum um fast 98 Prozent praktisch verdoppelt.

    Ja, es stimmt, dass auch die prognostizierten Brutto-Baukosten für das Brückenbauwerk von ehemals rund 45 Millionen Euro auf heute ca. 91,5 bis 95 Millionen Euro gestiegen sind. Aber dieses Plus von rund 103 Prozent verläuft nahezu absolut deckungsgleich mit dem Wachstum unserer Kreiseinnahmen. Die Zahlen sind auf beiden Seiten der Bilanz schlicht synchron größer geworden. Ein Blick in den Haushaltsplan zeigt die wahren Relationen: Das Budget hat sich fast verdoppelt. Und deshalb hinkt der populistische Verweis auf den gestiegenen Eigenanteil.

    Rechnen wir es doch einmal sauber im Verhältnis zum Gesamtbudget vor: Im Jahr 2013 entsprach der diskutierte Eigenanteil von 10 Millionen Euro einer spürbaren Belastung von 4,6 % der damaligen Kreiserträge. Wenn wir den heutigen, realen Eigenanteil von rund 24 Millionen Euro den aktuellen Erträgen von 429,6 Millionen (2025) gegenüberstellen, landen wir bei einer Belastung von 5,6 %.

    Die absolute Summe hat sich durch die weltweite Marktentwicklung zwar auf dem Papier mehr als verdoppelt, die reale, prozentuale Belastung des Kreishaushaltes ist jedoch um gerade einmal einen einzigen Prozentpunkt gestiegen! Wer hier also so tut, als sei das Projekt für den heutigen Riesen-Haushalt völlig unbezahlbar geworden, blendet wesentliche Relationen aus und ignoriert absichtlich das Einmaleins der Kommunalfinanzen. (Hier gibt es weitere Informationen)

    Woher kommt also das unbestreitbare Defizit, mit dem der Landkreis in seinen aktuellen Konsolidierungsberichten kämpft? Die Antwort hat einen Namen: der Ergebnishaushalt, genauer gesagt die explodierenden, konsumtiven Pflichtausgaben im Sozial- und Jugendbereich.

    Der Landkreis Lüneburg hat keineswegs über seine Verhältnisse gelebt oder schlecht gewirtschaftet. Er steht exemplarisch für die bundesweite Strukturkrise der Kommunalfinanzen. Allein die Nettoaufwendungen für die Jugendhilfe sind von rund 29,1 Millionen Euro (2013) auf astronomische 74,6 Millionen Euro im Jahr 2025 hochgeschossen – eine Kostenexplosion von 156 Prozent! Auch die reine Sozialhilfe kletterte um 81 Prozent nach oben. Das sind gesetzliche Pflichtleistungen, die vom Bund und vom Land verordnet, aber von diesen unten bei den Landkreisen nicht ausreichend gegenfinanziert werden. In exakt derselben finanziellen Klemme stecken derzeit fast alle Kommunalverbände in Niedersachsen und ganz Deutschland. Dieses systemische Defizit bei den sozialen Transferzahlungen nun als Argument zu missbrauchen, um eine strategische, jahrzehntelang geplante Infrastrukturinvestition abzuwürgen, ist politisch unredlich, zumal es öffentlich diskutiert wird. Ich setze jedenfalls voraus, dass die Lüneburger KTA darüber Kenntnis haben.

    Was die Brückengegner bei ihrer Panikmache ebenfalls verschweigen, ist, dass die Wende bevorsteht. Während über Pleite-Szenarien gesprochen wird, verändern sich die Rahmenbedingungen bereits. Es gibt berechtigte Aussichten auf spürbare finanzielle Entlastungen genau an den Stellen, an denen es dem Kreis aktuell wehtut. Nach massivem Druck der Kommunen hat das Land Niedersachsen endlich reagiert: ab 2026 fließen jährlich 290 Millionen Euro zusätzlich in die Kindertagesbetreuung, um die immense Kostenwelle in der Jugendhilfe zu dämpfen. Das Beste daran hier noch nebenbei: Diese Hilfe wird künftig dynamisch an die Tarifabschlüsse gekoppelt, fängt das größte Haushaltsrisiko des Kreises also dauerhaft ab.

    Gleichzeitig rollt über das neue, milliardenschwere Sondervermögen des Bundes für Infrastrukturanlagen dringend benötigtes Geld in die Regionen. Niedersachsen leitet mindestens 60 Prozent dieser Mittel direkt an die Kommunen weiter. Da diese Gelder zweckgebunden in den Neubau und die Sanierung von Schulen, Kitas und sozialer Infrastruktur fließen müssen, fallen diese riesigen Brocken aus dem regulären Investitionsbudget des Landkreises heraus. Der Landkreis Lüneburg muss in diesen Bereichen deutlich weniger Kredite aufnehmen, spart langfristig massive Zinslasten und gewinnt im Gegenzug genau die finanzielle Beinfreiheit und den nötigen Spielraum zurück, um eigene, strategische Verkehrsprojekte wie die Elbbrücke zu realisieren.

    Wenn wir der populistischen Logik einiger Radfahrfreunde folgen, dass marktübliche Preissteigerungen ein K.-o.-Kriterium für Infrastruktur sind, dann müssten wir morgen ehrlicherweise auch jeden Radwegebau im Landkreis stoppen. Denn dort sind die Kosten pro Meter – wie der Blick auf historische Kreisstraßenprojekte zeigt – seit 2013 sogar um über 230 Prozent explodiert! Dennoch käme kein Kreistagsabgeordneter auf die Idee, den Radwegebau als „unbezahlbar“ einzufrieren.

    Die Elbbrücke Neu Darchau ist kein Luxusprojekt, sondern dank der 75-prozentigen NGVFG-Förderung und weiteren Landeszuschüssen ein hocheffizient unterstütztes, multimodales Gesamtpaket, das modernen Hochwasserschutz, eine Umgehungsstraße und zeitgemäße Radwege auf einmal löst. Sie schafft bleibende, wertbeständige Vermögenswerte für die kommenden Generationen. Infrastruktur verschwindet nicht mit dem nächsten Haushaltsjahr. Sie bleibt.

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  4. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    Liebe Frau Dreyer,

    sie haben mich mit absicht falsch verstanden? meine betonung liegt und lag auf (nie). was nie gebaut wird , kann auch mit der zeit nicht teurer werden. rohstoffe und rohstoffpreise die nicht benötigt werden , gehen mir am allerwertesten vorbei. im übrigen, naiv geht die welt zu grunde.

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  5. Avatar von Erwin Habisch Erwin Habisch sagt:

    Der Landkreis Lüneburg hatte am 31.12.2024 exakt 179.448 Einwohner. Im Jahr 2015 waren es noch 180.719 – also nicht weniger, sondern mehr Einwohner. Wir hatten also in den vergangenen zehn Jahren netto keine Bevölkerungszunahme, sondern eine – wenn auch geringe – Abnahme. So nachzulesen in der Regionaldatenbank des Landes Niedersachsen.
    Laut Haushaltsplan 2025 standen beim Landkreis Lüneburg ordentlichen Erträge von 429.556.900 Euro ordentliche Aufwendungen in Höhe von 458.102.900 Euro gegenüber. Das ergibt einen Fehlbetrag in Höhe von 28.546.000 Euro – nur für das Jahr 2025.
    Die Kreisumlage beläuft sich inzwischen auf 54,5 %. So hoch war sie nicht immer. Dieser Prozentsatz ist auch jetzt nicht in Stein gemeißelt. Er kann weiter erhöht werden.
    Mehrausgaben des Landkreises können also durchaus auf die Gemeinden durchschlagen.
    Bei der kreisweiten Abstimmung 2013 stimmten 49,5 % für einen Brückenbau mit einem Anteil des Kreises von mehr als zehn Millionen Euro. 50,5 % stimmten dagegen.
    Schon 2015 hätte der Anteil des Landkreises 22,25 Millionen Euro betragen.

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    • Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

      Werter Herr Habisch,

      vielen Dank für diese eindrucksvolle und kreative Schreckenskulisse. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, mit wie vielen statistischen Nebelkerzen hier versucht wird, ein Infrastrukturprojekt sturmreif zu schießen.

      Werfen wir doch mal einen Blick auf die reale Haushalts- und Kostenwelt unseres Landkreises:

      Das Schreckgespenst Kreisumlage: Sie warnen dramatisch vor einer Erhöhung der Kreisumlage durch die Brücke. Ein kurzer Blick in die realen Haushaltsdaten ergibt, dass die Kreisumlage im Landkreis Lüneburg bereits in den Jahren 2007 und 2015 exakt 54,5 % betragen hat. Sie ist heute also kein bisschen höher. Die Umlage als neues, brückenbedingtes Schreckensszenario zu verkaufen, ist historisch schlicht falsch. Eine mögliche Begründung, weshalb eine Erhöhung außer Betracht bleiben dürfte, lesen Sie bitte in meinem aktuellen Blog-jj-Kommentar.

      Der angebliche Einwohnerrückgang: Ihre Zahlen beruhen auf einem reinen Tabellen-Effekt durch die Zensus-Bereinigung. Die realen Fortschreibungen des Landesamtes für Statistik Niedersachsen (LSN) sagen aus, dass die Bevölkerung des Landkreises seit 2015 von rund 180.700 auf weit über 188.000 Menschen kontinuierlich gewachsen ist.

      Der „Radweg-Index“: Sie reiten auf den gestiegenen Brückenpreisen herum. Wissen Sie eigentlich, was im selben Zeitraum mit den Kernprojekten der Brückenkritiker passiert ist? Die Kosten für den Radwegebau im Landkreis Lüneburg sind von ca. 167 € pro Meter (2013) auf rund 554 € pro Meter (2023) explodiert – eine Steigerung von über 230 %!

      Folgt man Ihrer Logik, müsste der Kreistag heute auch jeden einzelnen Meter Radweg sofort verbieten, weil auch dort Baupreissteigerungen selbstverständlich nicht automatisch zur Sinnlosigkeit eines Projekts führen. Jedes grüne Infrastrukturprojekt folgt demselben marktwirtschaftlichen Trend.

      Dass es Ihnen mit Ihren Einwänden aber gar nicht um eine sachliche Debatte geht, sondern rein darum, Verwirrung mit Unwahrheiten zu stiften, sieht man glasklar an Ihren beiden letzten Absätzen.

      Erstens: Sie klammern sich stur an die historische 10-Millionen-Grenze von 2013. Ich habe hier nun schon wiederholt erklärt, dass sich die Welt seit 2013 weitergedreht hat. Allein durch die Inflation und die allgemeine Marktentwicklung ist diese Zahl heute ökonomisch komplett gegenstandslos.

      Ein Blick in den Haushaltsplan zeigt außerdem die wahren Relationen: Die ordentlichen Erträge des Landkreises sind von 217,1 Mio. Euro (2013) auf heute 429,6 Mio. Euro (2025) um fast 98 % gestiegen! Das Budget hat sich fast verdoppelt. Die Brücken-Baukosten sind zwar absolut gestiegen, aber die Einnahmen des Kreises sind im fast identischen Maße mitgewachsen. Das Projekt ist für den Haushalt prozentual heute also keinen Deut belastender als damals – die Zahlen sind lediglich auf beiden Seiten der Bilanz größer geworden.

      Zweitens: Ihr Argument mit dem angeblichen Eigenanteil von über 20 Millionen Euro im Jahr 2015 entlarvt Ihre Absicht endgültig. Sie blenden völlig aus, wodurch diese Zahl damals überhaupt erst politisch erzeugt wurde. In meinem Hauptkommentar hatte ich bereits ausführlich dargelegt, dass dieses der politisch gezielte Einstieg vom Ausstieg der 2011 begonnenen Planung war. Der Koalitionsvertrag der damaligen rot-grünen Landesregierung suggerierte plötzlich, die NGVFG-Fördermittel für exakt dieses eine Projekt auf 75 % von maximal 45 Millionen Euro Baukosten deckeln zu wollen. Das war ein reines politisches Signal, das vom eigentlichen Gesetz überhaupt nicht gedeckt war! Für mich wirkt das wie Geschichtsklitterung, wenn dieses politisch motivierte Störfeuer von damals heute als sachliches, rein wirtschaftliches Argument verkauft wird.

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  6. Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

    Lieber Herr Jenckel,

    haben Sie eigentlich eine Vorliebe für die hübscheren Erzählungen? Damit können Sie – meiner Meinung nach – vielleicht bestimmte Facebook-Kommentar-Vielschreiber beeindrucken, Ihre (treuen) Blogleser sind aber längst im Bilde.

    Ich zitiere hier zunächst zum besseren Verständnis Ihre Darlegung:

    EU und Bund, das Land Niedersachsen, aber auch Meck-Pom, der Kreis Lüchow-Dannenberg, alle sollten dem Landkreis Lüneburg helfen, um die kalkulierten 39 bis 44 Millionen Mark, also rund 22 Millionen Euro Maximum zu finanzieren. EU und Bund winkten gleich ab. Das klamme Land Niedersachsen sagte noch vor kurzem, nicht finanzierbar und der Landkreis übernehme sich, Lüchow-Dannenberg hat Bedenken.“

    „Das klamme Niedersachsen wollte nicht zahlen“ klingt eingängig.

    Die tatsächlichen Zuständigkeiten und Finanzierungswege sind leider etwas weniger dramatisch. EU und Bund „winkten“ bei der ersten Planung nicht einfach ab – passende Förderprogramme für das damalige Konstrukt (Landesstraßenanbindung) existierten nicht.

    Niedersachsen wiederum war keineswegs unbeteiligter Zaungast, sondern selbst Teil der Planung (hatte diese aber auf den Landkreis Lüneburg übertragen).

    Später eröffnete erst die Umwidmung zur Kreisstraße die Möglichkeit einer NGVFG-Förderung. Und ausgerechnet jener Fördertopf wurde bis 2019 überwiegend aus Bundesmitteln gespeist, ab 2020 hat der Bund dann den Anteil am Umsatzsteueraufkommen für die Länder erhöht, damit diese weiterhin kommunale Straßen und Brücken fördern können.

    Quintessenz: bis 2019 hätte das „klamme“ Land Niedersachsen keinen Cent aus eigenem Haushaltsvolumina zahlen müssen! Die Darstellung eines unmittelbar belasteten niedersächsischen Landeshaushalts greift deshalb zu kurz.

    Jetzt zur anderen Hyperbel:

    Zitat: „Schon allein gut 550.000 Euro für Studien, Verkehrszählungen und Gutachten wurden bis zum Planungsstopp vor rund zehn Jahren in die ersten beiden Anläufe für die Brückenplanung versenkt. Der erste scheiterte vor Gericht, der zweite am Geld im Kreistag. 2018 startete der Landkreis den dritten Anlauf.

    Der Satz „… der zweite scheiterte am Geld im Kreistag“ klingt neutral, blendet aber aus, weshalb die politische Stimmung damals so war und welche Rahmenbedingungen gesetzt wurden. Das ist ein Unterschied.

    „Am Geld gescheitert“ suggeriert: wirtschaftlich unsinnig. „Unter geänderten politischen Förderbedingungen gestoppt“ wäre etwas anderes. Und die interessantere Frage lautet doch, wodurch diese finanzielle und politische Lage überhaupt erst erzeugt wurde. Das verdrängen Sie immer wieder allzu gerne, lieber Herr Jenckel, gehört aber zur Story dazu!

    Hier der fehlende Teil der Vorgeschichte:

    Die damalige Brückenplanung wurde nicht allein wegen fehlender Notwendigkeit gestoppt, sondern in einem politischen Umfeld, in dem andere Großprojekte Priorität erhielten und zugleich neue Unsicherheiten bei der Förderkulisse entstanden.
    Parallel stand im Raum, dass auch Rot/Grün auf Landesebene über den Koalitionsvertrag eine Begrenzung („Deckel“) der NGVFG-Förderung für konkret den Brückenbau des Kommunalverbandes Lüneburg als politisches Signal nutzte.

    Damals wurde nicht etwa allgemein die Straßenförderung nach NGVFG begrenzt. Im Koalitionsvertrag der rot-grünen Landesregierung fand sich vielmehr eine politische Festlegung, die Förderfähigkeit für genau dieses konkrete Projekt – die Elbbrücke Darchau/Neu Darchau – auf 75 % von maximal 45 Mio. Euro Baukosten zu deckeln.

    Nicht alle Straßenprojekte. Nicht jede Brücke. Ein konkretes Vorhaben, nur die Brücke bei Darchau / Neu Darchau! Rot/Grün als Gruppe im Kreistag, Rot/Grün als Koalition im Landtag, welch eine günstige Konstellation!

    Die Frage drängt sich auf:
    Nach welchen objektiven Kriterien erhält ein einzelnes Infrastrukturprojekt einen politischen Förderdeckel, während das Förderrecht – wir reden über ein Gesetz! – eigentlich allgemeine Maßstäbe vorgibt?

    Interessanter wäre daher die Frage, weshalb damals politisch Rahmenbedingungen erst geschaffen wurden, unter denen ein Stopp opportun erschien – und wie viele Millionen Euro zusätzliche Kosten die folgenden Jahre Verzögerung verursacht haben. Zeit ist bei Infrastrukturprojekten bekanntermaßen meistens der teuerste Baustoff.

    Und noch etwas:
    Falls der Landkreis heute mit jährlichen Erträgen von rund 430–450 Mio. Euro wirtschaftet, während die Bevölkerung gewachsen ist und die Haushaltsvolumina deutlich über früheren Jahren liegen – weshalb tun Sie dann so, als befänden wir uns finanziell noch im Jahr 2015 (LK-Einnahmen damals 237,3 Mio. Euro)? Natürlich sind auch die Aufgaben gewachsen. Aber der Maßstab hat sich insgesamt verschoben.

    550.000 Euro für Planungen werden gern erwähnt. Jahrzehntelange Verzögerungen mit den daraus resultierenden Mehrkosten deutlich seltener. Oder mit anderen Worten: Planungskosten werden skandalisiert, Opportunitätskosten verschwiegen.

    Mit etwas Ironie könnte man sagen:
    Nicht die Brückenplanung erwies sich als teuer. Drei Jahre Stillstand klingen in der politischen Erzählung harmlos. Im Baupreisindex heißen sie bei aktuell geschätzten 88,5 Mio. Euro reine Baukosten schnell 4 bis 5 Mio. Euro Mehrkosten. Nicht Beton war hier der teuerste Baustoff, sondern verlorene Zeit.

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    • Avatar von Susanne Ohms Susanne Ohms sagt:

      Danke für diesen Beitrag! Trifft meine Wahrnehmung und Gedanken zu einem bestimmten Facebook-Kommentar-Vielschreiber ziemlich genau.

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    • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

      Nicht Beton war hier der teuerste Baustoff, sondern verlorene Zeit. seltsam, was kann durch ,,verlorene zeit,, teurer werden, wenn es doch nie gebaut wird? suggestive meinungsmache hat nicht immer erfolg.

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      • Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

        Lieber Herr Bruns,

        Hut ab! Es gehört schon eine ganz besondere Begabung dazu, eine wirtschaftliche Metapher so gründlich misszuverstehen und das dann auch noch voller Stolz als „suggestive Meinungsmache“ zu deklarieren. 

        Sie fragen sich, wie durch „verlorene Zeit“ etwas teurer werden kann, wenn es noch gar nicht gebaut wird?

        Mal ganz allgemein und rein rhetorisch gefragt: Folgen Sie hier ernsthaft der paranoiden Logik „Wo kein Beton fließt, entstehen auch keine Kosten“?

        Ich versuche mal (exklusiv für Sie und vorsorglich für zwei andere FB-Kommentar-Vielschreiber gleich mit), das Rätsel des Baupreisindexes auf ein handhabbares Niveau herunterzubrechen: 

        Wenn ein Projekt durch politisches Taktieren und künstlich erzeugten Stillstand jahrelang verschleppt wird, steigen im Hintergrund die Rohstoffpreise, die Löhne und die Honorare. Wenn die Brücke am Ende statt der ursprünglich kalkulierten Summe plötzlich das Doppelte kostet, dann liegt das nicht daran, dass der Beton über die Jahre magisch schwerer geworden ist. Es liegt schlicht an den Jahren, die man tatenlos ins Land hat streichen lassen.

        Die Verzögerung selbst treibt den Preis. Das nennt man Opportunitäts- und Verzögerungskosten. 

        Es bleibt mir ein Rätsel, wie Sie hier so beharrlich in eine Diskussion hineingrätschen können, nur um am Ende den Unterschied zwischen einem realen Zementsack und einer wirtschaftlichen Metapher zu verfehlen. 

        Aber gut – wer so fleißig jeden Kommentarbereich füllt, hat vermutlich einfach wenig Zeit für das tiefere Verstehen der Texte übrig.

        Für den nächsten Zwischenruf empfehle ich Ihnen: erst die wirtschaftlichen Grundlagen betrachten, dann die Metapher verdauen und erst ganz am Ende die Tastatur bedienen.

        Und falls Ihr Einwand ein vermeintlich witziger Vorgriff auf die anstehende Kreistagsentscheidung zum PFB sein sollte, nach dem Motto: „Wenn wir es am Ende absagen, hat die Verzögerung ja nichts gekostet“ – dann ist das an Naivität kaum zu überbieten, denn dieses jahrzehntelange Verschleppen hat ja die Preisschilder im Hintergrund doch erst so astronomisch in die Höhe getrieben, dass die Politik heute überhaupt vor diesem selbstverschuldeten Scherbenhaufen steht. Sich erst jahrelang die teuerste Verzögerung aller Zeiten zu leisten, um das Projekt dann wegen der selbst erzeugten Kostenlawine abzublasen, ist kein genialer politischer Schachzug, sondern ein wirtschaftspolitisches Armutszeugnis.

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  7. Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

    Liebe Frau Dreyer,

    zwei Anmerkungen, eine (A) direkt zur Sache, eine (B) indirekt zu deren Kontext:

    A) – Sie haben recht, das von den sich politisch abgefeimt Dünkenden unterschwellig, von den verantwortungslosen Demokratieverächtern offensiv betriebene Skandalisieren der Tatsache, dass der Landkreis Lüneburg als Vorhabenträger des Brückenprojektes gemäß § 38 Abs. 5 Satz 1 des Niedersächsischen Straßengesetzes (NStrG) auch die Aufgaben der Anhörungs- und Planfeststellungsbehörde für Kreisstraßen und für Gemeindestraßen wahrnimmt (der kreiseigene Betrieb für Straßenbau und -unterhaltung, SBU, plant und setzt um, der Fachdienst Regional- und Bauleitplanung der Kreisverwaltung prüft und genehmigt), ist grotesk.

    In Niedersachsen, einem Bundesland mit Vollkommunalisierung, werden die Aufgaben der unteren staatlichen Verwaltungsbehörde als vom Land delegierte Aufgaben vom Landkreis wahrgenommen (übertragener Wirkungskreis). Der Einfluss der staatlichen Mittel- und Oberbehörden wird auf die Rechts- und Fachaufsicht beschränkt.

    Die Planfeststellung ist ein förmliches (ermittelndes, abwägendes, bündelndes) Verwaltungsverfahren zur verbindlichen behördlichen Entscheidung über die Zulässigkeit raumbedeutsamer Vorhaben. Dabei werden alle öffentlich-rechtlichen Beziehungen zwischen dem Träger des Vorhabens und den durch den Plan Betroffenen rechtsgestaltend geregelt.

    Ohne das Ineinandergreifen im Hinblick auf Organisation, Vorgehen, Urteil und Weisung voneinander unabhängiger Bereiche ein und derselben Gebietskörperschaft könnten kommunale Bau- und Infrastrukturaufgaben im Rahmen der Selbstverwaltung nicht zeitlich verantwortbar und sachlich konsistent erledigt werden. Rechtsgrundlage sind §§ 72 bis 77 des Verwaltungsverfahrensgesetzes (VwVfG).

    B) – Herrn Jenckel gegenüber haben Sie gestern Nachmittag, am 15. Mai 2026 um 15:12 Uhr, eine Probe Ihres feinen Witzes, Ihrer Schlagfertigkeit, ihres Sinnes für Dramaturgie und Zuspitzung gegeben. Sie schreiben charmant, entwaffnend, ehrlich und gnadenlos heiter.

    Ihre Konversation sprüht nur so vor Geist, Lebhaftigkeit und Augenzwinkern bei der Beurteilung der Lüneburger „politischen“ Gesellschaft zwischen Lopau und Krainke, vor allem ihrer männlichen Prachtexemplare – bzw. jener, die sich dafür halten. Die Irrungen und Wirrungen des parteilichen Matchmakings (auf Basis von gemeinsamen Interessen, Fähigkeiten oder Bedürfnissen), raffinierte Berechnung, fatale Einbildung und deren Folgen werden von der launigen Analytikerin abstruser Meinungspoesie im Blog.jj ebenso freudig aufs Korn genommen wie die sachlich nicht immer volkommene Behördenprosa von der scharfsinnigen, fachlich jederzeit versierten Rezensentin.

    Doch vor einem Monat, am 13. April 2026 um 20:39 Uhr haben Sie sich in einer städtischen Infrastrukturangelegenheit als Anwältin vor Ex-Oberbürgermeister Mädge gestellt, um gegen seine amtierende Nachfolgerin zu polemisieren. Das Resümee Ihres Vortrages hatte Johann S. Kirsche am 16. April 2026 um 17:50 Uhr so gefasst:

    Ihr Urteil, liebe Frau Dreyer, […] lautet: Es waren der„Druck der Straße (die Initiative mit ihren Unterschriften)“ und die „politische Agenda der neuen Oberbürgermeisterin, die die Beschlussvorlage als Vehikel nutzte, um die Radverkehrsstrategie zu zementieren“. — True crime! Mafiös geradezu! Vielleicht steckt Patrick Pietruck diese abgefeimte Kabale ja noch Carlo Eggeling zur spektakulären Weiterverarbeitung?

    Das enthält, ironisch verkürzt zwar, aber ziemlich genau das, was Sie geschrieben hatten. Ihren Unmut über die Form drücken Sie so aus: Wer „in Lüneburg Fakten statt Gefühle liefert, muss sich wohl auf den Scheiterhaufen der Ironie gefasst machen.“ Sie sind böse geworden und haben sich abgewendet.

    Was würden Sie tun, wenn Herr Jenckel Ihnen auf Ihren Post von gestern heute antwortete? Vielleicht so:

    Mein Urteil, liebe Frau Dreyer, […] lautet: Es waren der „Druck der Straße (die Initiativen des Fördervereins Brücken bauen e.V.)“ und die „politische Agenda des scheidenden Landrates, der das Planfeststellungsverfahren als Vehikel nutzte, um die Elbbrückenstrategie zu zementieren“. — True crime! Mafiös geradezu! Vielleicht steckt Detlev Schulz-Hendel diese abgefeimte Kabale ja noch Klaus-Peter Dehde zur spektakulären Weiterverarbeitung in den Tagebüchern von Gerhard Schröder?

    _______________

    Noch ein Postskriptum:

    Vor nicht ganz neun Jahren wollte Lüneburgs damaliger Oberbürgermeister Ulrich Mädge, der sich diesen September mit dann 76 Jahren in unseren Rat wählen lassen möchte, mehr Nachhaltigkeit für die Hansestadt Lüneburg erreichen – und setzte auf Veränderung.

    Am 28. September 2017 ließ er via Hamburger Abendblatt mitteilen, er strebe den Einzug der Elektromobilität in die Salzstadt an. Seiner Verwaltung sei es gelungen, den Radverkehr auf 30 Prozent zu bringen. Nun wolle man auch die größeren Fahrzeuge umstellen.

    Bis 2030 sollte ausschließlich Elektrofahrzeuge für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) durch die Innenstadt Lüneburgs rollen. Klassische Busse, Taxis und andere betriebliche Dieselfahrzeuge seien dann aus dem Stadtbild verschwunden, so Mädges Vision. Es waren ehrgeizige Ziele, die der Oberbürgermeister anlässlich des vergangenen Dieselgipfels anfang September 2017 verkündete – und die bei einigen Bürgerinnen und Bürger Besorgnis erregen. Doch Mädge ließ sich nicht beirren. „Veränderung löst anfangs immer Skepsis aus, doch es sei an der Zeit, dass wir [!] uns dem Klimawandel widmen“, erklärte er. „Und die Zeit läuft uns davon.“

    „Um den Umstieg der Taxi- und Handwerksbetriebe zu ermöglichen, müssen wir [!] ihnen eine verlässliche Kapazität der Stromnetze garantieren können. Das ist eine Frage der Innovation.“ Mädge kritisierte, dass die Bundesebene sich bis dahin zu sehr auf den Pkw-Verkehr fokussiert habe. Das Potenzial der Elektromobilität sah er im ÖPNV und in den eigenen städtischen Flotten. Dort wo es möglich sei, stelle man konsequent auf Elektro um; dennoch brauche es weitere Fördermittel vom Bund, um innovative Forschung anzustoßen.

    Wie man denn die Bürgerinnen und Bürger von dem Umstieg überzeugen könne? „Vorbild sein“, sagte Mädge [!]. „Ich habe einen großen Dienstwagen und das ist der Bus, der mich seit 30 Jahren täglich zum Rathaus bringt.“ Daneben suchte der damalige Oberbürgermeister das Gespräch auf Augenhöhe. „Wir müssen auf die Menschen eingehen und jeden mitnehmen. Da reichen keine Hochglanzbroschüren aus.“ Die persönliche Ebene müsse her.

    Klimaschutz solle Mädge zufolge dennoch nicht als reiner Veränderungsprozess begriffen werden. Viel mehr gehe es um Lebensqualität und die Anpassung an neue Randbedingungen. „Wenn Sie dieses 600-jährige Rathaus sehen, wissen Sie auch, was für eine innovative Kraft in der Bürgerschaft steckt“, sagt der Oberbürgermeister mit fester Stimme. Er wirkte damals sehr zuversichtlich. „Diese Stadt ist einfach gut. Wenn wir uns zusammensetzen und Dinge anpacken, können wir unglaublich viel verändern – und erhalten.“

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    • Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

      Lieber Herr Berg,

      Ihr literarischer Umweg über Brücke, Planfeststellung und Elektromobilität hat Unterhaltungswert, verfehlt aber meinen ursprünglichen Punkt ein wenig.

      Ich präzisiere jetzt den Ausgangspunkt – und dann lassen wir es gut sein.

      Meine Anmerkung richtete sich ausschließlich gegen die pauschale Aussage von Herrn Jenckel, alle Beschlüsse und Studien stammten aus der Zeit Mädge. Der aktuell diskutierte Ratsbeschluss zum Radentscheid stammt nun einmal aus dem Jahr 2022.

      Dass es zuvor allgemeine Radverkehrsstrategien, politische Debatten oder Mobilitätsvorstellungen gab, bestreite ich nicht. Ein Oberbürgermeister äußert sich naturgemäß zu Mobilitätsthemen – das gehört zum Amt.

      Der Unterschied liegt nur darin: Vorläufer, Leitbilder und Debatten sind das eine. Ein konkreter Ratsbeschluss, dessen Abschwächung heute diskutiert wird, etwas anderes.

      Falls meine Formulierungen zu Motivation oder politischer Dynamik schärfer wirkten als beabsichtigt, nehme ich aber gerne den Hinweis mit. Mein Thema war allerdings die zeitliche Zuordnung – keine Generalabrechnung mit Frau Kalisch. Ich wollte Frau Kalisch nichts Illegitimes unterstellen. Sonst hätte ich anders formuliert – mein Stil bei tatsächlicher Kritik an Landesregierung, Förderfragen oder Brückenthemen, den Sie als ständiger Besucher des Wohnzimmers Blogjj ja kennen, ist deutlich direkter. Mit „treibende Kraft“, diesen Ausdruck setzte ich schon damals in Anführungszeichen, meinte ich organisatorisch-politische Verantwortung innerhalb eines regulären Prozesses, nicht Manipulation oder unlautere Einflussnahme. Die daraufhin folgende Persiflage – also Verspottung – des Herrn Kirsche war überflüssig und hat mich – ehrlich gesagt – verletzt. Klarheit und Wahrheit sind nun einmal meine liebsten Begleiter.

      Und deshalb auch: Herrn Mädge habe ich nicht anwaltlich vertreten. Jahreszahlen gelegentlich schon.

      Ihre H. Dreyer

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  8. ​Es ist eine der bemerkenswertesten Eigenheiten der hiesigen politischen Kultur, dass man in Lüneburg eine ganz eigene Form der Fortbewegung kultiviert hat: den stationären Galopp auf dem Kadaver einer Vision. In pragmatischeren Breitengraden gilt die schlichte Einsicht, dass man absteigen sollte, wenn das Pferd tot ist. Hier hingegen wird in einem solchen Fall lediglich die Satteldecke gelüftet, eine neue Machbarkeitsstudie über die Belastbarkeit von Fossilien in Auftrag gegeben und das Tier im nächsten Haushaltsplan erneut als „hoffnungsvolles Projekt der Zukunft“ geführt.​ Man stelle sich die Szenerie in einem jener holzgetäfelten Sitzungszimmer vor, in denen die Luft noch die Schwere der siebziger Jahre atmet: Da verharrt man seit Jahrzehnten am runden Tisch, auf dem der Plan der Elbbrücke wie eine Reliquie ruht, und debattiert mit einer Feinsinnigkeit, die an die Frage erinnert, ob ein Frühstücksei bei viereinhalb Minuten bereits seine volle staatsbürgerliche Reife erlangt hat. „Man baut nicht einfach eine Brücke“, würde der eine Bedenkenträger dem anderen mit einer Mischung aus Mitleid und Strenge bedeuten, während er den Bleistift präzise parallel zur Tischkante ausrichtet. „Eine Brücke ist ein massiver Eingriff in die Statik der gepflegten Unentschlossenheit.“ Selbst der druckfrische Planfeststellungsbeschluss, der am 18. Mai 2026 feierlich ausgelegt wird, ist da lediglich gehobene Prosa – ein Dokument, das die Sehnsucht beschreibt, ohne die Absicht zu hegen, sie voreilig durch profanen Beton zu entweihen.​ Am 28. Mai erreicht die Inszenierung im Kreistag ihren vorläufigen Höhepunkt. Es ist ein Akt von erlesener Güte: Man debattiert über die Finanzierung dieses mittlerweile 100 Millionen Euro schweren Traums und wägt die 75-prozentige Förderzusage des Landes gegen die Realität eines klammen Haushalts ab. Es ist die feine Kunst, über Millionenbeträge für hypothetische Brückenpfeiler abzustimmen, während man gleichzeitig die Aktenordner für die rituell angekündigten Klagen der Brückengegner entstaubt. Wer hier noch von echten Visionen spricht, dem möchte man hanseatisch-kühl den Weg zum Arzt weisen – oder zumindest zum nächsten Fähranleger, der bei Niedrigwasser ohnehin die einzige Verbindung zur Realität darstellt.​ Man hält an diesem leblosen Projekt nicht aus Mangel an Einsicht fest, sondern aus einer fast zärtlichen Verbundenheit zum Unvollendeten. Solange man im Sattel des verendeten Kleppers verweilt und über Millionenbeträge für hypothetische Brückenpfeiler abstimmt, entgeht man der beängstigenden Notwendigkeit, tatsächlich am anderen Ufer anzukommen. „Das Tier sammelt nur Kräfte“, raunt man sich in den Ausschüssen zu, während man die Peitsche schwingt, deren Knall nur noch als staubiges Echo in den Archiven widerhallt. Man feiert den neuesten Beschluss als Meilenstein, wohl wissend, dass der Weg vom Papier zur Realität in dieser Region traditionell länger währt als die gesamte Evolution des Huftiers. Am Ende wird man das Skelett wohl unter Denkmalschutz stellen – nicht als Denkmal der Mobilität, sondern als Mahnmal für jene bewundernswerte Ausdauer, mit der man darauf sitzen blieb, während das Wasser der Zeit unaufhörlich unter dem nicht vorhandenen Bauwerk hindurchfloss.

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    • Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

      Gegen die Brücke zu sein, ist legitim. Kurz vor einem Planfeststellungsbeschluss noch so zu schreiben, als hätte nie mehr als eine Stammtischskizze existiert, setzt allerdings eine bemerkenswerte Disziplin im Ausblenden voraus.

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      • Avatar von August C. Düpeng August C. Düpeng sagt:

        Oder im Fabulieren. Allerdings sind „Detlefs“ wortwässerige Platzberegnungen so sehr achtzehntes Jahrhundert, dass vermutlich sogar Leisewitz, Laclos und Lichtenberg nach dem Dareingeraten ganz k.i. wären.

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    • Avatar von Jan Paul Jan Paul sagt:

      Wieder viele Worte, Detlef. Mit den Fakten stehen vor allem wohl Sie auf Kriegsfuß.

      Am 28. Mai erreicht die Inszenierung im Kreistag ihren vorläufigen Höhepunkt. ?

      Im Mai gibt es keine Kreistagssitzungen. Die nächste findet am 25. Juni statt.

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  9. Avatar von Helga Dreyer Helga Dreyer sagt:

    Faszinierend, lieber Herr Jenckel! 

    Drei Jahrzehnte Planung, Beteiligungsverfahren, Gutachten, Beteiligung anderer Behörden, gerichtliche Auseinandersetzungen und nun ein Planfeststellungsbeschluss.
    Ergebnis der Analyse: Der Landkreis wollte die Brücke offenbar wirklich bauen.

    Diese überraschende Wendung hatte vermutlich niemand kommen sehen.

    Das mit dem „Landkreis genehmigt sich selbst“ soll vermutlich nach Hinterzimmer und dunklem Ritual klingen. Schade nur, dass organisatorisch getrennte Zuständigkeiten innerhalb einer Verwaltung keine neue Erfindung für die Elbbrücke sind. Sonst müsste man halb Deutschland unter Generalverdacht stellen.

    Besonders hübsch auch: Kosten von Anfang der 90er neben heutige Zahlen legen. Inflation? Zusätzliche Umweltprüfungen? Neue Standards? Und vielleicht doch auch noch zusätzlich eine Umgehungsstraße? 

    Geschenkt! Nach der Methode kostete ein Brötchen früher auch 10 Pfennig – Skandal beim heutigen Bäcker!

    Mein Lieblingssatz bleibt aber: „Was der Landkreis in die Brücke investiert, fehlt im Rest des Kreises.“ Klingt dramatisch. Fördermittel, Abschreibungen über Jahrzehnte und Zahlungsströme nach Baufortschritt und Wegfall konsumtiver Kosten aus bisherigen Zuschüssen für die Elbquerung mittels Fähre in ähnlicher Höhe hätten die Pointe allerdings etwas beschädigt.

    Und dann diese beinahe poetische Schlussfolgerung: Brückenfreunde malen die Zukunft rosarot, der Haushalt werde tiefrot. Möglich. Genauso möglich: Jahrzehnte Fährausfälle, Notverkehre, Umwege, Emissionen und strukturelle Nachteile kosten ebenfalls Geld. Aber manche Rechnungen gehören offenbar zur Kategorie unsichtbare Tinte.

    Ich fasse zusammen: aus einem Planfeststellungsbeschluss wird ein Demokratieproblem, aus Kostensteigerungen ein Skandal und aus jahrzehntelanger Planung eine Verschwörung. 

    Wenn hieraus und gesetzlichen Zuständigkeiten plötzlich eine „selbsterfüllte Prophezeiung“ wird, fehlt eigentlich nur noch passende Hintergrundmusik.

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  10. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    wie ist das eigentlich, ob die cdu die richtige partei ist, die eine demokratie an allen fronten verteidigen wird ,auch wenn es ihr nicht in den kram passt? deren brücken-mumpitz lässt stark daran zweifeln.

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