Für Bauen und Verkehr muss Lüneburg den Kurs korrigieren

Lüneburg, 16. Mai 2018

Lüneburg ist eine Tausend Jahre alte Salzstadt mit mehr als tausend Baudenkmälern, Lüneburg ist ein Touristenmagnet, eine Stadt im Grünen, Lebensqualität pur, Lüneburg ist ein Pendler-Paradies. Lüneburg ist in zwei Jahrzehnten um 10 000 Einwohner auf mehr als 77 000 gewachsen und stößt an die Grenzen.

Die Grenzen des Wachstums sind heute nicht nur an hohen Mieten, Hauspreisen und geplanten Baugebieten auszumachen, sondern auch auf Lüneburgs Stadtring zu besichtigen. Der ist dauerverstopft, und es gibt kein Entrinnen. Bauen und Verkehr, das sind zwei Seiten einer Medaille.

Und leider ist in der DNA von Politikern verankert , dass Verkehrspolitik vom Auto her zu denken ist. Im 21. Jahrhundert ein Trugschluss. Da lohnt es sich, darüber nachzudenken, ob man in Radlinien und Busfahrkarten statt zusätzlichen Verkehr investiert.

Das würde anfangs sicher keine Erfolgsgeschichte, eher ein quälender Prozess. Aber die Straßen werden nicht breiter und wenn selbst Kreisel kollabieren, sollten Politiker über Kurskorrekturen nachdenken. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. (Hesse)

Die Sichtweise muss sich ändern.

Als Lüneburg vor 35 Jahren die Ostumgehung baute, gab es Anschläge dagegen, aber es war zu seiner Zeit eine richtige Entscheidung. Als Lüneburgs Rat dann vor einem Vierteljahrhundert den Verkehrsentwicklungsplan (VEP) verabschiedete und die Autos aus der Innenstadt verdrängte, war das mutig wie umstritten, aber goldrichtig. Ein Konzept, das noch heute bestens in die Vision „Lüneburg 2030+“ passte, hätte die Stadt es fortgesetzt. Denn schon vor mehr als zwei Jahrzehnten prophezeite der Gutachter Prof. Dr. Dietrich Fornaschon, dass es nicht nur m Osten, sondern auch im Westen auf dem Stadtring eng wird.

Der Rat hat mit dem VEP mächtig vorgelegt, dann aber wertvolle Zeit verstreichen lassen. Das 21. Jahrhundert verlangt nach neuen Antworten, nach einem Paradigmenwechsel, um Bauen zu verkraften.

Wohnungsnot drückt die Stadt nicht das erste Mal. Und es gibt als Folge gute und schlechte Beispiele des Stadtbaus. Und das Gelingen oder Misslingen ist nicht eine Frage des Geldes. Das jüngste Beispiel ist der Ilmenaugarten. Der Appartement-Gürtel könnte auch entlang der Küsten von Teneriffa oder Gran Canaria die Landschaft veröden. Einheimische nennen den Beton-Garten ketzerisch Klein Prora nach dem kilometerlangen unvollendeten NS-Koloss am Strand von Rügen. Da geht mehr.

Ich ziehe die alte Ringstraße dem modernen Hanse-Viertel vor, ziehe die Reihenhäuser in der hinteren Schillerstraße denen der steingewordenen Post-Bauhaus-Phase vor. Lüneburg muss bauen, die Frage ist nur: Wie?

Lüneburg kann das mit den nächsten Bauplänen beweisen. Es geht nicht ums klotzen, sondern ums maßstäbliche und funktionale Denken, nicht in erster Linie um Profit.

Wer heute über Datenautobahnen aus Glasfaser philosophiert, der sollte auch die gesammelten Fakten zur Stadt so digital isieren und frisch halten, dass er weiß, was passiert, wenn er Hand an die Stadt legt. Stadt und Landkreis gehören in Niedersachsen aber leider noch zu den Entwicklungsgebieten.

Egal was passiert: Lüneburgs Innenstadt bleibt, was sie ist, eine der charmantesten Deutschlands. Aber Lüneburg als Ganzes spielt mit eben diesem Charme der Salz- und Hansestadt. Es kommt auf die Qualität der nächsten Schritte an.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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9 Antworten zu Für Bauen und Verkehr muss Lüneburg den Kurs korrigieren

  1. Die vergangenen Menschen haben eine Geschichte als Salzstadt in Lüneburg hervorgebracht. Hat die Gegenwart die gleichen Kräfte um ähnliches zu schaffen? Oder verbrauchen sie nur die Geschichte der vergangenen Menschen?

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    • Werner Harms schreibt:

      Wie „verbraucht“ man „die Geschichte der vergangenen Menschen“ Detlef?

      Möchtest Du Worte für Gedanken verkaufen oder steckt auch ein Sinn unter den Vokabeln, die Du hintereinander reihst?

      Hast Du Dich einmal mit der Geschichte unserer „Salzstadt“ befasst? Kennst Du den Preis an Menschenleben, den der relative Wohlstand einer kleinen (anfangs klösterlichen, später weltlichen) Herrenschicht deren Untertanen zwischen dem zehnten und dem siebzehnten Jahrhundert gekostet hat? Möchtest Du wirklich, dass die Gegenwart „Ähnliches“ schafft?

      Könnte es sein, dass Du nur Phrasen drischt, Detlef, ohne die geringste Ahnung, was sie besagen?

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  2. Noch 23.000 Einwohner mehr und Lüneburg ist endlich Großstadt.
    Lüneburg als Großstadt wird im Anschluß Hannover als Landeshauptstadt ablösen. Eine riesige, übergreifende Resonanz bei allen Parteien im Rathaus für dieses Leuchtturm-Projekt.

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    • Otto Berg schreibt:

      Wichtig ist, daß dahingehende Anträge und Anfragen so kurz wie möglich, am besten gar nicht, von den gewählten Gemeindevertretern erörtert werden. Wozu erst informieren, sich einarbeiten, debattieren und bedenkenträgerische Meinungen bilden? Wozu die knarzenden Mühlen demokratischer Abläufe in mühsame Bewegung versetzen, wenn doch alle sich – Effizienz gewinnend und Zeit sparend – darauf verlassen können, der Oberbürgermeister und seine wertvollen persönlichen „Kontakte“ werden schon das Angemessene zum Wohle der Richtigen eintüten?

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  3. Klaus Bruns schreibt:

    herr jenckel, sie vergessen das salz. es wird noch so manchen absturz geben. der gern strassen baut , wird irgendwann mal hunger haben. aber wo anbauen? auf wen verlässt man sich am liebsten? auf sich selbst. nicht jeder kann einen goldenen lenker bekommen, obwohl radfahren gesund sein soll. herr jenckel, holen sie sich mal ein aquarium 200cm x 50 cm x50 cm mit dem fahrad aus der innenstadt. dort gibt es keine händler dieser art mehr. dafür wird jetzt ein aquarium quer durch deutschland gekarrt, aber hauptsache in der lüneburger innenstadt wird rad gefahren. ein aquarium können glaser bauen, wenn sie auch kunden dafür haben.

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    • Jan Augustin schreibt:

      Herr Bruns, wie oft wird ein Aquarium oder ähnliches gekauft ? Ihre Argumentation ist die typische 60 `er Jahre Argumentation. Die Niederländer und Dänen machen es doch vor, in Deutschland die Freiburger, die haben blühende Innenstädte, Lüneburg nicht. Obwohl Lüneburg autogerecht ist. Wenn Sie mal einen Blick in die Autos werfen würden, 1 Person mit höchstens einer kleinen Tasche, das ist die Regel.

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      • Klaus Bruns schreibt:

        Jan Augustin
        wenn der service stimmt, ist vieles möglich. man kann sogar ohne eigenes auto leben, schmunzeln. stimmt der service denn? kennen sie das geflügelte wort: servicewüste-deutschland? lüneburg war nie autogerecht. es wurde ja nicht auf einem schachbrett konstruiert. und was die geschäfte angeht, klamotten ohne ende. filialen in der innenstadt ohne ende. dort gibt es kein service, dafür werden die mitarbeiter zu schlecht bezahlt. und was machen die alten? radfahren? können sie es den noch sicher? heutzutage müssen patienten den arzt wechseln, weil sie ihn nicht mehr erreichen können. aber dafür werden jetzt patienten am computer behandelt. ein toller digitaler fortschritt. radfahren ist eine feine sache, so lustig ,wie es auch klingt, man muss es sich leisten können. fängt beim fahrrad abstellen schon mal an. nicht jeder hat platz dafür. und was nochmal die geschäfte angeht, ich kenne keins, wo es sich für mich lohnen würde, mit dem rad hinzufahren. dazu kommt die gefahr , weil der, der zu den schwächsten verkehrsteilnehmer gehört, keine vernünftige sichere wege vorfindet. und zum thema bauen, wo wird an radfahrer gedacht? es soll verdichtet werden. wird der verkehr dadurch sicherer? wohl kaum, ganz im gegenteil.
        Es kommt auf die Qualität der nächsten Schritte an. So ist es.

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  4. Michèl Pauly schreibt:

    Ohne den Anspruch zu erheben, schon die optimale Lösung zu sein, hat DIE LINKE. Fraktion im Rat ihre Vorstellung zur Gestaltung künftiger Baugebiete Anfang März in Antragsform gegossen. Dies kann hier nachgelesen werden:
    http://www.stadt.lueneburg.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=7673
    http://www.stadt.lueneburg.de/bi/___tmp/tmp/45-181-136400641344/400641344/00199910/10-Anlagen/01/AntragLeitlinienErschliessungB-PlanLinkev22022.pdf

    Die Resonanz im Rat war überraschend positiv. Über Anregungen und weitere Vorschläge würden wir uns als Ratsmitglieder sehr freuen. Vielleicht kennt ihr ja auch Beispiele aus anderen Städten (gerne mit Foto) wie Verkehrspolitik gedacht werden kann die ökologische Formen der Mobilität so attraktiv macht, dass es keine oder nur geringe Mehrverkehre gibt.

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    • Andreas Janowitz schreibt:

      Der untere Link funktioniert nicht? Er führt auf einen zeitlich begrenzten Zugriffspfad?

      Ich würde mich für Fassadenbegrünung aussprechen: Schallschutz, bzw -reduktion und Luftreinigung in einem Kombipräparat, damit der vorhandene Verkehr weniger belastende Auswirkungen hat?
      Gäbe es von Mitbürgern getragene „Patenschaften“ für begrünte vertikale Areale könnte man die Pflegekosten gering halten? Angelehnt an „guerillia gardening“ mit bestimmten dem Lebensraum angepassten Pflanzen ?

      Ich wäre erfreut eine solche Umfrage z.B. einmal auf der LZ Seite vorzufinden. Wen interessiert schon diese gewisse Eheschliessung?

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