Radfahrer sind in Lüneburg alles, aber nicht gleichberechtigt

Lüneburg, 30. August 2018

Was passiert, wenn ich mein Rad einfach auf der Straße abstelle?

Vermutlich ein Unfall. Ein Verfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr würde wohl folgen und bei Wiederholung eine Stippvisite in der Nervenklinik.Was passiert, wenn ein Auto auf dem Radweg parkt? Gar nichts. Das fällt nicht mal unter Kavaliersdelikt.

Was passiert, wenn ein Bus die Radspur auf der Straße blockiert? Nichts.

Das ist keine graue Theorie, sondern tägliche Praxis in Lüneburg. Ich fahre da jeden Tag mit dem Rad. Das ist so unser Verständnis von Gleichberechtigung im Straßenverkehr. Erst kommt das Auto.

Klar, Radfahrer fahren auf der falschen Seite, Radfahrer fahren bei Rot über Ampeln und Radfahrer nehmen jede unerlaubte Abkürzung. Warum? Weil es wie bei den Autofahrern Rüpel gibt, aber vor allem, weil Radfahrer nicht gleichberechtigt sind in Lüneburg.

Falschfahrer auf der Schießgrabenstraße. A/t&w

Die Flickschusterei am Radnetz ist Legende. Was daran in der Realität Konzept ist, das es ja gibt, kann ich bis heute nicht erkennen. Radstreifen enden mal im Nichts, mal ist das Fahren im Gegenverkehr erlaubt (Willy-Brandt-Straße), mal nicht (Schießgrabenstraße). Mal wechselt der Radweg auf die Straße und dann wieder zurück

Wenn Radler auf der Bleckeder Landstraße auf der Fahrbahn fahren, weil der Radweg überhaupt nicht breit genug ist, dann werden sie weggehupt. Und das, obwohl sie dort fahren dürfen. Oder an Lüneburgs Renommierbau von Libeskind an der Uni-Allee. Wer von dort in die Stadt radeln will, muss erstmal einen Schlenker stadtauswärts fahren oder übers Unigelände. Macht aber niemand.

Alles wird künftig sicher besser unter dem griffigen Titel  „Radverkehrsstragie 2025“. In dem Papier werden im Detail die Schwachstellen aufgelistet, an denen herumlaboriert wurde mit mehr oder weniger Erfolg. Und es werden viele kluge Ansätze präsentiert. Allerdings sollte der Titel nicht dazu verführen, dass man erst 2025 ans Umsetzen geht. Das ist gar nicht provokant gemeint.

Wenn ich zurückschaue und bedenke, dass der Verkehrsentwicklungsplan mehr als ein Vierteljahrhundert alt ist, dann könnte man zum Schluss kommen: Hier ist viel Zeit verstrichen und wenig Umdenken passiert. Schließlich wollte man schon damals im anfänglichen Elan Autos aus der Innenstadt verbannen, Radlern und Fußgängern Vorrang einräumen. Die Lüneburger haben geliefert und fahren viel mehr Rad, die Infrastruktur fürs Rad hat sich nicht im gleichen Tempo verbessert. „Auto first“ ist leider in zu vielen Köpfen noch fest verwurzelt.

Natürlich gibt es auch kleine Erfolge wie an der Lüner Straße, da dürfen Radfahrer gegen die Einbahnstraße Richtung Rathaus kurven. Da aber im oberen Teil Autos parken, ist gar nicht genügend Platz für Auto und Rad. Aber zehn Parkplätze streichen, das geht natürlich nicht. Der Aufschrei wäre bis Hamburg zu hören.

Dort, in der Metropole, gehen zurzeit ganz andere Dinge mit dem Rad, Hamburg will nämlich Radstadt werden. Stefan Schurig ist Direktor für Klima und Energie am World Future Council in Hamburg, er berät das UN-Städtebauprogramm UNHabitat in Kommunikationsfragen. Von Fahrverboten für Autos, sagte er auf ZEIT online, halte er nichts. „Aber der motorisierte Individualverkehr kann keine Priorität haben, so wie bisher. Er braucht zu viel Platz, er schiebt Fußgänger und Radfahrer zur Seite. Und die Autofahrer ärgern sich über den Stau, den sie selbst schaffen. Das ist genau der falsche Weg.“

Sein Vorschlag für Hamburg: Die Straße muss allen gehören – und um das zu erreichen, sollten Rad und ÖPNV in der Planung Vorrang genießen. Die Verkehrsplaner müssten sich in die Radler hineinversetzen, nicht in die Autofahrer. Was in Hamburg mit mehr als 1,8 Millionen Einwohnern Gestalt annimmt, sollte doch im Kleinen, also in Lüneburg, wenigsten einmal diskutiert werden.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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14 Antworten zu Radfahrer sind in Lüneburg alles, aber nicht gleichberechtigt

  1. Karsten Hilsen schreibt:

    Zunächst einmal möchte ich Ihnen für Ihren Blogbeitrag herzlich danken.
    Als jahrzehntelanger überzeugter Radler, könnte ich Ihre Beispiele aus dem Ärmel um dutzende lebensgefährliche und rechtswidrige Beispiele ergänzen.
    Meiner Ansicht nach, greifen sie jedoch schon im Ansatz erheblich zu kurz:
    Sie schreiben:
    „Was passiert, wenn ich mein Rad einfach auf der Straße abstelle

    Vermutlich ein Unfall.“ (…)
    ——————————————————————————————————————

    Sie vermischen hier die „Straße“ mit der „Fahrbahn“.
    Die Straße ist der gesamte öffentliche Verkehrsraum, zu dem die Fahrbahn(en), Gehwege und evtl Sonderwege, wie Radwege gehören.
    Dies ist /keine/ Wortklauberei.
    Mit der (nicht untypischen) Vewechselung schreiben sie von vornherein die ganze Straße fälschlich dem Krafverkehr zu. erkennen faktisch an, dass Fahrräder eigentlich kein „richtiger“ Verkehr ist. Und sind damit schon in die Falle gegangen.
    Richtig ist dagegen: Fahrräder behindern keinen Verkehr, Fahrräder SIND Verkehr.

    Wenn Kraftfahrer sich an die Grundregeln des Straßenverkehrs halten, sehe ich keinen Grund, warum ein auf der Straße stehendes Fahrrad zu einem Unfall führen sollte.
    Ich zitiere hier noch maL:(…)
    „(2) Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“
    § 3:
    „(1) Wer ein Fahrzeug führt, darf nur so schnell fahren, dass das Fahrzeug ständig beherrscht wird.“
    (…)
    „Es darf nur so schnell gefahren werden, dass innerhalb der übersehbaren Strecke gehalten werden kann. Auf Fahrbahnen, die so schmal sind, dass dort entgegenkommende Fahrzeuge gefährdet werden könnten, muss jedoch so langsam gefahren werden, dass mindestens innerhalb der Hälfte der übersehbaren Strecke gehalten werden kann.“ (Sichtfahrgebot!)

    Ihre Annahme, dass ein auf der „Straße“ (sie meinten natürlich „Fahrbahn“ ) abgestelltes Fahrrad (nahezu zwingend?) zu einem Unfall führe, ist demnach schon eine Kapitulation vor einem leider üblichen und gefährlichem Ignorieren jener Verkehrs-Grundregeln durch Kraftfahrzeugführer.
    Die Lösung besteht keinesfalls darin, jenen Fehlschluss auf das Fahrradfahren auf Fahrbahnen zu übertragen, (wo Fahrräder laut STVO grundsätzlich sowieso zu fahren haben; sondern darin, entschieden dafür zu sorgen, dass Kraftfahrzeugführer jene Regeln einhalten.
    Das haben wir dann erreicht, wenn die Menschen nicht mehr mit dem Finger auf den Radler zeigen, der z.b. auf der Bleckeder Landstr auf der Fahrbahn fährt, sonder auf den Autofahrer, der dies zum Anlass nimmt, mit dem rechtswidrigen Hupen, zusätzlichen gesundheitsschädlichen Lärm zu verursachen.
    (Und wenn ein LZ-Redakteur für dieses selbstverständliche und gesetzestreue Verhalten keine „Ausrede“ mehr anführt, wie „der Radweg ist zu schmal“)

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    • Karsten Hilsen schreibt:

      Ich ergänze meinen Kommentar mal um ein ganz frisches Erlebnis, vor wenigen Stunden in Hamburg.
      ich befuhr mit meinem Fahrrad nach Ende der beeindruckenden Großdemonstration gegen Nazis den Jungfernstieg vom Gänsemarkt Richtung Hauptbahnhof.
      Mir kommt eine größere Gruppe Polizeibeamte auf der Fahrbahn entgegen, die mich anhalten:
      „Halt! Hier dürfen Sie nicht weiterfahren!
      Ich: „Warum“?
      Polizeibeamtin: „Wir wollen die Straße (sic!) wieder für den Verkehr freimachen!
      Und Im Kommandoton: „Fahren Sie auf den Gehweg!“
      Ich : „Ich fahre mit einem Fahrrad, ich BIN (laut betont) Verkehr!“
      Polizeibeamtin: …(Schweigen)
      Ich: „Nach der Straßenverkehrsordnung müssen Fahrzeuge die Fahrbahn benutzen. Von zwei Fahrbahnen die rechte. Mein Fahrrad ist ein Fahrzeug“
      Dann durfte ich auf der Fahrbahn weiterfahren.

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  2. Klaus Bruns schreibt:

    Ein Gutachter kommt auf die Idee , man sollte in Adendorf mehr Tempo 30kmh Zonen einrichten. Aha, dazu braucht die Politik also diese teuren Gutachter? Selbst denken scheint schwieriger zu sein, als man denkt. schmunzeln. Ob die Stadt Lüneburg allein drauf kommt?

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  3. Irene Kirsch schreibt:

    Ich muß ganz ehrlich sagen, Rumfahrn is nich so mein Ding. Ich sitz lieber irgendwo und klön ’n büschen.

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  4. Berni Wiemann schreibt:

    Ich fahre regelm. Rad, Elektroroller, Bus, Bahn und Auto, je nach Entfernung und Wetter. Ich stelle fest, das Problem sind immer nur „die Anderen“. Die fahren immer bei rot oder behindern, übrigens auch in Hamburg. Sicher können wir einiges verbessern. Sofort und kostenlos ist WENIGER EGOISMUS sehr effektiv.

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  5. Hans-Christian Friedrichs schreibt:

    Auch an dieser Stelle: Eine absolut zutreffende und gelungene Beschreibung, die ich zu 100 Prozent bestätigen kann. Glückwunsch zu diesem gelungenen Bericht! Optimistisch stimmt mich allerdings die Aussage von Herrn Moßmann und auch der Gemeinde Reppenstedt, die von Prof. Pez aufgezeigten 493 Hindernisse für den Radverkehr in und um Lüneburg innerhalb der nächsten zweieinhalb Jahre weitestgehend zu beseitigen – ein bezahlbarer wichtiger erster Schritt. Mal sehen, ob die Politik in Lüneburg mitspielt …

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  6. Klaus Bruns schreibt:

    was soll die aufregung? die autoindustrie ist doch systemrelevant. fahrradhersteller sind es nicht, so sieht es die politik und wir alle gehen doch wohl brav wählen, oder? natürlich bekommt das auto dann auch die vorfahrt. schließlich wird für das auto steuern bezahlt, für das fahrrad nicht. so wollen wir es doch, oder? der motorisierte individualverkehr geht doch schon länger über leichen. wen stört es? wer will dieses ändern? in der politik geht es immer nur um das goldene lenkrad, nicht um den goldenen lenker. politiker werden doch gern in der autoindustrie intrigiert und integriert.

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    • Thorsten schreibt:

      Sehn Sie’s doch bitte einmal ganz unvoreingenommen, Herr Bruns:

      Verkehrsinfarkt, Megastaus, Abgasskandal, Parkplatznot – auf den Lüneburger Straßen herrscht Chaos, Aggression und Frust. Es ist allgegenwärtig: Viele Autofahrer ertragen das alles nur noch im SUV.

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      • Klaus Bruns schreibt:

        Thorsten
        schmunzeln, der suv als rammbock . wenn ich durch lüneburg fahre, nehme ich mir zeit. deswegen kann mich ihre aufzählung nicht tangieren. würde man den verkehr zusätzlich entschleunigen, könnten sogar radfahrer sicherer leben. 30kmh innerorts wäre zum beispiel sehr hilfreich . warum wird es nicht gemacht? so mancher würde feststellen, wie angenehm und trotzdem schnell zum ziel zu kommen ist. man braucht nicht einmal die autoindustrie fragen. so mancher würde sich dann wieder an sein fahrrad erinnern. als politiker würde ich keine frösche fragen, wenn ich deren teich trocken legen will. es soll sogar rentner geben , die keine zeit haben. zeit haben ist eben gesund und hat immer weniger mit geld zu tun. das meiste geld wird ohne arbeit verdient. wer keine zeit hat, stirbt früher, was nützt ihm da das geld?

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  7. Wer steuert Bus, wer steuert Auto, wer steuert Lkw, wer steuert Rad, wer steuert Skateboard, wer steuert Bobby Car, wer steuert Rollator und wer steuert sich selbst? Allesamt Menschen, ok Bobby Car- und Rollator FahrerInnen sind zusätzlich Schutzbefohlene. Individual-Verkehrsteilnehmer sind alle. Worum geht es? Geht’s um Abgase? Geht’s um Macht auf den Verkehrswegen?
    Es geht Banal um den Menschen, das .Individuum Mensch. Sein Verhalten! Verkehr ist Gesellschaft, ein Wir fahren, gehen, hüpfen usw.. Problem das Individuum? oder die Regeln? Wenn es um den Ausbau geht, Radwege z.B, haben wir in Lüneburg ??? drei Fragezeichen zu beantworten. Nicht ich, die Politik…

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    • Konstantin Gunzburg von Hirschirach schreibt:

      Detlef Ossarek-Bruns!
      Man muss unterscheiden zwischen echten Retentionszysten und Extravasationszysten (lat. extra außerhalb; vas Gefäß). Echte Retentionszysten kommen relativ selten vor. Diese Veränderungen werden bis maximal 5–8mm im Durchmesser und terminieren sich meist selbst durch Degeneration der Drüse durch den entwickelten Druck. Histologisch sind sie gekennzeichnet durch einen Zystenbalg mit einer plattenepithelialen Auskleidung. Extravasationszysten entstehen meist entzündlich oder traumatisch durch Ausschüttung von Speichel in das Bindegewebe. Ein echter Zystenbalg ist meist nicht nachweisbar. Diese Zysten können eine erhebliche Größe erreichen und sind recht häufig. Klinisch imponieren sie als bläuliche prall elastische Auftreibungen meistens im Bereich der Unterlippe. Eine Therapie der echten Retentionszysten ist in den meisten Fällen nicht notwendig, während die Extravasationszysten mitsamt der dazugehörigen Drüse entfernt werden müssen, um ein Rezidiv zu vermeiden.

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  8. Winfried Machel schreibt:

    Ich fahre kein bzw kaum Rad. Ich bin mit dir einer Meinung, dass die Straße ALLEN gleichberechtigt gehören sollte. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass sich ebenso ALLE an die Regeln halten sollte. Es vergeht kein Tag in Lüneburg an dem nicht mindestens ein Radfahrer sein Leben riskiert im Vertrauen darauf, dass der Autofahrer ja im Besitz von Scheibenbremsen ist. Vielleicht aich im Vertrauen darauf, dass ihn sein lächerlicher Helm zu schützen vermag. Ich persönlich habe eine Heidenangst vor einer derartigen Kollision und das nicht nur weil der Radfahrer zumindest körperlich der Verlierer sein wird.
    Also JJ dieses Mal bin ich nicht deiner Meinung

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    • jj schreibt:

      Zum Glück leben wir ja in der Demokratie und deswegen respektiere ich deine Meinung, teile sie aber nicht.

      Und Winfried, ich fahre jeden Tag Rad und kenne das aus der anderen Perspektive. Stelle dich mal an die Scholze-Kreuzung oder die Scharf-Kreuzung. Autofahrer halten dort Gelb für Grün und Rot in der ersten Sekunde noch für Gelb. Da fürchte ich um mein Leben.

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      • Jo Bembel schreibt:

        Sie haben natürlich recht! Niemals, wirklich niemals würde ein Radfahrer bei Rot noch kräftig in die Pedale treten um die Straße zu queren. Niemals würde sich ein Fahrradfahrer, weder rechts noch links, bei stehendem Verkehr vor die haltenden Autos quetschen. Nie würde ein Pedalritter die Passanten in der Fußgängerzone zur Seite drängen. Nicht mit der Straßenverkehrsordnung konform verhalten sich nur alle anderen. Glückwunsch!

        Wie stehen Sie eigentlich zur Versicherungskennzeichenpflicht für Fahrräder?

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