Die leckersten Bratkartoffel servierte „Mauschi“ in Melbeck

Elisabeth „Mauschi“ Scherer an ihrem Arbeitsplatz. Das stundenlange Stehen Tag für Tag hinterm Tresen ertrug sie nur mit Schuhwerk vom Orthopäden. Sie wohnte fast ihr ganzes Leben in einem zehn Quadratmeter großen Gästezimmer ihres „Lindenhofs“ in Melbeck.

Die Gaststube des Lindenhofs in Melbeck war das Reich von „Mauschi“ Scherer. Zur besten Zeit war sie, war diese Stube der Dorfmittelpunkt. Das Licht im Lokal ist längst erloschen, nun folgt der Abriss.

Gerühmt für Brathering und Bratkartoffeln
Hart an der Bundesstraße 4 gelegen, wird der Landgasthof für sein Sauerfleisch, seine Bratheringe und Schmorbraten weithin geschätzt. Und vor allem für seine Bratkartoffeln, die im Fett von Schlachter Max Lübeck noch auf einem alten Kohleherd bis zur leichten Bräune brutzeln. Die Frauen in der Küche, alle aus dem Dorf, zaubern das, was nicht nur dem Wort nach Hausmannskost ausmacht, schwere Soßen, gut gedünstetes Gemüse. Al dente ist im Melbeck der späten 50er- und 60er-Jahre nicht geläufig und wäre auch bei den Gästen als „nicht durch“ bemäkelt worden.

Die Blüte
Den „Lindenhof“ bewirtschaften erst Karl und Frieda Scherer, die im Nebenerwerb noch ein paar Hektar Land beackern. Doch in der Ära ihrer Tochter Elisabeth, die alle nur „Mauschi“ rufen, floriert das Geschäft. Sie ist die Schwester meiner Mutter, meine Tante Lilli. Im Gasthaus zwischen Küche und Eistruhe hinter der Theke war ich in meiner Kindheit Stammgast.

Frieda und Karl Scherer hinter der Theke des Lindenhofes.

Die Mitte von Melbeck
Die Kommandositzungen der Feuerwehr, die „Rot-Blaue Nacht“ des TSV Melbeck, die Schützen, der Stammtisch der Bauern und Handwerker, der Sparclub, die Jagdgesellschaften, die Hochzeiten im Saal, die Laienspieler, die Bälle, das und noch viel mehr untermauern den Rang des „Lindenhofs“ als Ortsmitte. Noch kein Vereinsheim, kein Freizeit-Tsunami untergraben diese Stellung. Und der Sonntag ist der Höhepunkt der Woche, dann pulsiert „Mauschis“ Universum.

Onkel Hermanns und der Fussel-Phantomscharmützel
Die Wirtsstube von vielleicht 50 Quadratmetern unterteilt sich sonntags in lauter kleine Bühnen. Da ist zuerst der Stammtisch zu nennen am großen runden Tisch, gerahmt von Vereins-Devotionalien in Vitrinen. Tief ins Gedächtnis hat sich mir dort Hermann Hahn jun. eingegraben. Er ist Bezirksbrandmeister, Landrat und Landtagsabgeordneter, ein VIP mit Marotte. Er führt am Stammtisch, und nur da, eine Art Phantomscharmützel mit imaginären Krümeln oder Fusseln auf seinen Lippen. Dabei raucht er gar nicht und trinkt Bier nur in Maßen. Diese Eigenheit zeigte sich so: Nach jedem Satzfetzen versucht er etwas von den Lippen zu blasen, in dem er die Zunge wie einen Pfropfen immer wieder leicht gegen die Lippen stößt und zurückzieht und ein leichter Luftstoß entweicht, als wenn man eine Luftpumpe ins Leere hielte. Dieses Stakkato ist im Lindenhof sein Erkennungszeichen.

Das Bild zeigt eine frühe Ansicht des Lindenhofs vom Garten her.

Der Dorfpolizist
Gern gesehener Gast am Stammtisch ist Dorfpolizist Conni. Ein toleranter Teil der Ordnungsmacht. Er ermahnt uns Gören, die Dorfstraßen seien keine Rollschuhbahnen. Im Gasthof ist er die Nachhut des Stammtisches. Noch ganz ohne Pusteröhrchen schätzt er ein, wer noch fahren darf und wer die Schlüssel abgibt.

Dem Stammtisch gegenüber steht in einer Nische ein kleiner Tisch für Übernachtungsgäste. An der Wand hängen die zwei bläulich emaillierten Blechschränke des Sparclubs, im Regal liegen Quick, Bunte, die Neue Post, Stern und Neue Revue in den beigen Umschlägen des Lesezirkels. Wenn nichts los ist, sitze ich da gerne und blättere und phantasiere darüber, ob Jackie Kennedy wohl auch Pommes isst und lerne, dass die Queen nur Spargelspitzen mag. Ich dann auch.

Szenenwechsel zum Solo-Tisch
Der Stummel der dunklen „Handelsgold“ schaukelt etwas nervös in Schuster Stehrs Mundwinkel. Er schaut von den Karten auf, fixiert kurz Hermann Hahn sen. gegenüber. Der sieht nur sein Blatt. Die Linke des Schusters streift unschlüssig über die Groschen, die neben ihm auf dem nackten runden Kneipentisch liegen. Noch bevor der erste Stich fällt, werfen die Spieler ihre Blätter in die Mitte. Es wird neu gemischt und gegeben.

Wenn Hermann Hahn sen., Wilhelm Drewes und Schuster Stehr (v.l.) Solo spielten, hörten sie nichts vom Gelärme in der Schankstube.
Schuster Stehr in seinem Element am Sonntagabend, das war der Solo-Tisch im Lindenhof.

Dieses Schauspiel wiederholt sich jeden Sonntagabend und ist für mich das größte Geheimnis. Lange denke ich, es gehe ums Wegwerfen der Karten am Solo-Tisch im „Lindenhof“.

Wer dort sitzt, kennt seine Mitspieler seit Jahrzehnten, Sonntag für Sonntag, und weiß auf Blickkontakt, wann es Sinn macht, ein Solo zu wagen. Diese Runde hört das Lachen, das Grölen an der Thecke, das laute Gerede am Stammtisch nebenan nicht. Entrückt ins Karten-Schlaraffia. Umwabert vom Qualm der Zigarren und Zigaretten von Peter Stuyvesant, HB, Ernte 23 und Juno.

Die Theke gehört den Fußballern
An der Theke steht fest die 1. Herren des TSV Melbeck bei Sieg wie Niederlage. Diese Dorfjungs belagern jeden Sonntag in der Saison „Mauschis“ Tresen. Mittendrin der Präsident, der Meister der Lokalrunden für Fußballer. Das ist Herbert Jenckel. Diese Fußballer ziehen nach Feierabend gemeinsam ihre Häuser hoch, feiern Nächte durch und rennen sich doch am Sonntag die Kehle aus dem Leib, so großartige Talente wie Lutz Winkler und vor allem „Möppel“ Schmidt, die Melbecker Ausgabe von Uwe Seeler.

Warten auf den Kanzler-Pullman
Ich sitze sonntags im Hinterzimmer, dort, wo das schwarze Telefon auf dem dunkelgebeizten Eichenholz-Sekretär steht, bei meiner Oma Frieda. Sie hat Diabetes. Und irgendwann bittet sie an so einem Abend: „Djunge, nu, hol‘ mir mal ne Juventa.“ Sie spricht das Mineralwasser aus Hitzacker „DJuuuventa“ aus. Ich erzähle ihr, dass wir Knirpse an der B4 auf den Bundeskanzler gewartet haben, der nach sechs Stunden, in denen wir vor Langeweile Autokennzeichen notiert haben, in seinem Mercedes Pullman mit Standarde passierte. Was für Sekunden. Erhard haben wir nicht gesehen, aber seine Staatskarosse mit Polizei vorweg.

Drückend überlegen auch bei Niederlagen
Dort im Hinterzimmer des Lindenhofes passiert gerade nach verlustreichen Fußballspielen sonntags Wunderliches. TSV-Urgestein Ewald Komander tritt ein, geht ans Telefon, nimmt den Hörer, steckt seinen Zeigefinger in die Wählscheibe, die rotiert lange mit dem Klang eines alten Uhrwerks. Dann rapportiert er mit seinem oberschlesischen Akzent, dass der TSV „trotz drückender Überlegenheit“ 1:3 verloren habe. Bei Niederlagen ist es immer „trotz drückender Überlegenheit“. Und ich frage mich immer: Wohin mag Komanders Botschaften wohl gehen. Es ist die Sportredaktion der LZ, wo am Sonntagabend die Ergebnisse aus dem ganzen Landkreis per Telefon einlaufen.

Als der Kaiser noch lebte
In der Küche steht Tante Mimmi an den Bratkartoffeln. Mit der bin ich zwar gar nicht verwandt, aber Tante und Onkel wird man auf dem Dorf, wenn man sich traut und lange genug kennt. Tante Mimmi hat noch den Kaiser gesehen. Und als ich aufgeregt berichte: „Tante Mimmi, Tante Mimmi, stell‘ dir vor, die Amis sind auf auf dem Mond gelandet.“ Winkt sie ab: „Junge, wat für‘n Dummtüch.“ Ich solle sie nicht veralbern, das gehöre sich bei so einer alten Frau nicht.

Mäuschen, sag mal piep
Der Höhepunkt des Bier und Korn fröhlichen Sonntagabends vorne im Lokal ist erreicht, wenn Schlachter Heinz, der am Tisch sitzt, der zwischen dem „rotamint“ Spielautomaten „Goldene 7“ und der Theke eingeklemmt ist, über die Brüstung zu Elisabeth Scherer in Dauerschleife ruft: „Mäuschen, sag mal piep.“

Verrückt nach Skat
Es gibt im Lindenhof auch seltene Skatrunden, die dann durchspielen. Wenn „Mauschi“ genug hat, dann stellt sie den Korn auf den Tisch, Arthur Ostermann bekommt den Haustürschlüssel, und Tante Lilli steigt die Treppe hoch zu den Gästezimmern. Nr. 1 ist ihr Privatreich. Keine zehn Quadratmeter. Hier wohnt sie ihr ganzes Arbeitsleben. Unten werden die Punkte nun nicht mehr nur nach Groschen ausgezahlt – ein bisschen „Cincinnati Kid“ up‘n Dörp.

Der Duft der großen weiten Welt
Wenn Onkel Werner Kuchel, der aus Bardowick stammt, sich ankündigt, dann schrumpft Melbeck. Onkel Werner ist vor dem großen Krieg nach Australien ausgewandert und zu Wohlstand gekommen. Auf seinen „Golf“-Reisen um die Welt schaut er alle paar Jahre in Melbeck vorbei. Knallgelbe Kaschmirpullover und Sakkos mit riesigen Karos und dieser weltmännische Ami-Akzent und dann diese Frauen an seiner Seite, wie aus dem Modemagazin. Er ist für einen Tag oder zwei der Mittelpunkt.

Weltenbummler Werner Kuchel brachte schon vom Outfit Globetrotter-Flair ins Wirtshaus zu Melbeck, hier parliert er mit unverwechselbarem Ami-Akzent mit Herbert Jenckel.

Der Wind des Wandels
Die Wende kommt langsam – die Umgehungsstraße wird zwar vertagt, die „Mauschi“ Scherer fürchtet wie der Teufel das Weihwasser und die sie manche Rats-Runde, heute würde man sagen fleißiges Netzwerken kostet. Die Wende kommt mit dem, was auf dem Lande als Fortschritt beklatscht wird: mit dem Ausbau der Bundesstraße zum Highway, ein Planerschlag, der Melbeck in zwei Hälften zerschlägt. Anwohner opfern dafür gerne Gartenland. Das Wort BI ist noch nicht erfunden, Widerstand ist zwecklos, denn es wird in harter D-Mark entschädigt. Aber vor allem kommt die Wende mit den Vereinsheimen und der Mobilität, dem Plus an Freizeit und der Inflation der Angebote.

Für mich ist der Wandel nur ein kleines Gerät und ein anderer Geruch: die erste Fritteuse in der Lindenhof-Küche. Diese Fertigfett-Apperatur revolutioniert die Speisekarte. Currywurst und halbe Hähnchen, die eingeschweißt sind in Plastikfolie und in einer abenteuerlichen Gewürzmischung und Glibber schwimmen, bevor sie in die Fritteuse geworfen werden. Die Schnitzel steakern die Köchinnen jetzt in einer Art Eisernen Jungfrau zart. Und statt Bratkartoffeln stehen Pommes oben in der Gunst, erst glatt, später wie Miniplie gekräuselt. Alles aus den Sieben dieses Fett-Bottichs. Und ich wundere mich damals noch, wie eines sonntags tatsächlich ein Rolls Royce auf den Parkplatz rollt. So eine Edel-Kutsche kenne ich nur von Auto-Kartenspielen und aus dem Goldenen Blatt von der Queen. Aber diese höflichen Gäste stochern nur einmal im Schnitzel Wiener Art mit Champignons aus der Dose, zahlen und gehen.

Bäcker Fritz und Karl Scherer. Der zugereiste Bäckergeselle wurde zum Chronisten von Melbeck. Danke.

Helmut Kohl inkognito speist
Bevor ich Melbeck dann Mitte der 70er-Jahre verlasse, weil meine Haare für einen Dorfjungen zu lang wachsen und ich auch, trotz rosiger Posten-Aussichten beim Anwerbe-Gespräch, nicht in die Junge Union eintrete und die Bauern meinen Vater aufziehen, wenn ich die Gaststube betrete: „Herbert, da kommt deine Tochter“, gerade da gelingt mir zum Abgang mein größter Coup gegen diese konservative Clique.

Um den anschwellen Gästestrom zu meistern, hat Tante Lilli direkt an die Gaststube einen Speiseraum angebaut. Und da erspähe ich eines Sonntagsabends Helmut Kohl am Tisch ganz hinten links in der Ecke. Er ist noch Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, aber schon Vorsitzender der Bundes-CDU. Ich gehe an den Stammtisch: „Während ihr mich hier veräppelt, sitzt dahinten euer Bundesvorsitzender, und ihr sagt nicht mal guten Abend.“ Aufruhr. Hermann Hahn jun. wird alarmiert und der Landvolkvorsitzende und Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Fuhrhop. Melbecks LZ-Korrespondent Otto Dittmar zückt seine Kamera. Vor dem Eingang des Lindenhofs entsteht ein Gruppenbild mit Kohl, der alle überragt. Es erhält unmittelbar an der Devotionalienwand des Stammtisches den Ehrenplatz.

Als der spätere Kanzler und damalige CDU-Vorsitzende Anfang der 70er-Jahre im Gasthaus Scherer inkognito ein Essen genoss, brachte ich die Melbecker CDU-Granden in Wallung. Links Landrat Hermann Hahn, rechts Landvolkchef Hans-Jürgen Fuhrhop.

Ich hatte mir zum Abschied Respekt verschafft. Der Lindenhof gehört längst zu den erloschenen Sternen im Wirtshaus-Universum. Aber Tante Lilli, die alle nur „Mauschi“ nannten, der Solo-Tisch, Schuster Stehr mit seinem Zigarrenstummel, Onkel Hermann mit seinem Phantom-Fussel auf der Lippe, der Kohl-Abend und vor allem der Duft dieser Bratkartoffeln haben für immer einen Ehrenplatz in meiner Erinnerungswelt.

Hans-Herbert Jenckel

Der Solo-Tisch in späteren Jahren mit vielen Schaulustigen und Spielern.

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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27 Antworten zu Die leckersten Bratkartoffel servierte „Mauschi“ in Melbeck

  1. Heute, 18. Januar 2021, wird Schlachtermeister Max Lübeck aus dem Wiesenweg 9 in Melbeck, von dem das Schmalz gekommen war, in dem Mauschis köstliche Bratkartoffeln bräunten, 92 Jahre alt.

    Anlass für einen Glückwunsch!

    • jj sagt:

      Da gratuliere ich natürlich auch. Und seine Bratwürste bei Feuerwehr- und Schützenfesten sind für mich bis heute unübertroffen. Lg jj

  2. Dagmar Harms sagt:

    Sehr geehrter Herr Jenckel,

    für Sie kam der Niedergang der Dorfgasthöfe, unter denen der Ihrer Familie ein besonders schöner war, „mit den Vereinsheimen und der Mobilität, dem Plus an Freizeit und der Inflation der Angebote“.

    Die Kreistagsabgeordneten Finn van den Berg (FDP) und Felix Petersen (CDU) haben diesen Sommer bei diversen Gesprächen mit Gastronomen andere wichtige Erkenntnisse gesammelt, die sie am 12. Jul. 2020 zu einer Bild-Text-Botschaft zugespitzt haben:

    https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=640×1024:format=jpg/path/sc0e8e3c63ba8afdd/image/i3c4ef5c3c026a406/version/1597239979/image.jpg
    Bild: cdu-lueneburg

    Petersen führt aus: „In den vergangenen Jahren haben auf dem Lande bereits viele Gaststätten geschlossen. Wenn jetzt aufgrund der Corona-Pandemie auch noch die letzten Gasthöfe schließen müssen, dann fehlt in vielen Dörfern ein Ort für Familienfeiern, für Chorproben oder Gemeinderatssitzungen. Außerdem ist der Dorfgasthof oftmals die wichtigste Kontaktstelle auf dem Lande, um sich über Neuigkeiten auszutauschen oder die Nachbarschaftshilfe zu organisieren. Wenn es diesen Anlaufpunkt nicht mehr gibt, drohen viele Dörfer zu reinen Schlafnestern zu verkommen, was den Zusammenhalt in den einzelnen Gemeinden erheblich schwächen würde.“

    Was sagen Sie zu dieser soziologischen Diagnose, Herr Jenckel?

    „Die Senkung der Kreisumlage gibt den Gemeinden jetzt die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie sie ihren Betrieben vor Ort helfen wollen. Dabei sind aus unserer Sicht neben der Zahlung eines Zuschusses auch andere Maßnahmen, wie zum Beispiel die Finanzierung einer Werbekampagne für die lokalen Betriebe durch die Gemeinde denkbar“, erläutert van den Berg den Vorschlag der beiden. „Wir sehen uns damit in unserem Vorgehen bestätigt, die Gemeinden des Landkreises finanziell zu unterstützen, anstatt bürokratische landkreiseigene Programme aufzusetzen“, betonen Petersen und van den Berg. Siehe: https://www.cdu-lueneburg.de/2020/07/12/der-dorfgasthof-ist-einer-der-wichtigsten-kontaktstellen-auf-dem-lande/

    Hätten Sie sich bei Klaus Hübner „um die Zahlung eines Zuschusses“ oder „um die Finanzierung einer Werbekampagne“ aus den Budget-Einsparungen bemüht, die sich aus der Senkung der Kreisumlage ergeben, um die Gaststätte zu retten, hätte nicht schon 2015 ein Unternehmen der Manzke-Gruppe das knapp 5.000 Quadratmeter große Areal des Hotels „Zum Lindenhof“ gekauft?

    • jj sagt:

      Liebe Frau Harms, mein Beitrag handelte von den 60er- und 70er-Jahren, nicht von der Gegenwart, nicht von der jüngsten Vergangenheit.

      Der Niedergang der Dorfgasthäuser ist allerdings in dem Beitrag, einem sehr persönlichen und ungewöhnlichen für diesen Blog, richtig beschrieben. Da können die Zuschüsse nichts, aber auch gar nichts dran ändern. Was heute geht, das wäre Gemeinschaft, das wären non-profit Initiativen.

      Schauen Sie zum Beispiel nach Barskamp, das Paradebneispiel, wie schon seit Jahren Dorfkultur erhalten wird. Namentlich durch die Gräfin und ihr Team. Schauen Sie nach Bleckede, dort geschieht zurzeit erstaunliches, die Revitalisierung des Ortskerns. Aber es gibt auch in anderen Dörfern eine Besinnung darauf, was einen Flecken ausmacht, das ist eben nicht der gestutzte Vorgarten, das ist nicht die Schlafsiedlungs-Kultur, nicht die schnelle Autobahn-Anbindung. Es ist nur die Frage, warum man dorthin zieht.

      Und nein, bei Bürgemeister Hübner, den ich schätze und der auch das Gasthaus geschätzt hat, haben und hätten wir keinen Antrag gestellt. Siehe oben.
      Lg jj

      • Klaus Bruns sagt:

        besonders bei ortskernen, die wie in reppenstedt sowas von marode sind. den bürgern musste das aber erst von der politik klar gemacht werden. sie haben es vorher einfach nicht bemerkt. ich finde, es hat was von volksverdummung.

      • jj sagt:

        Also gerade in Reppenstedt packt der SG-Bürgermeister viel an, mir nur etwas viel Versiegelung

  3. Johann S. Kirsche sagt:

    Genau genommen war Konni Dittmers dann wohl der erste behördliche Straßensozialarbeiter im Gemeindeverband an der Ilmenau.

    Als Post-Corona-Streetworker werden seine Nachfolger alle Hände voll zu tun haben, wenn sie ab dem kommenden Herbst damit beginnen, unter den Aluhüten im Landkreis durchzulüften und die intra-kommunale Wiedervereinigung von Vernunft und Normalität vorzubereiten. Ein bisschen Angst haben wir vor jenem Tag, voraussichtlich Mitte Mai 2022, an dem Landtagsoppositionsführer Bernd Althusmann, Oberbürgermeisterin Andrea Schröder-Ehlers und Landrat Jens Böther in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit anschließendem Dankesgottesdienst in Prof. Heike Düselders „Raum der stillen Weltkultur“ das Ende der Corona-Pandemie verkünden werden. Milliarden Vergnügungssüchtige aus aller Welt, seit vielen Monaten auf Spaß-Entzug, werden unmittelbar danach die Schröderstraßen unseres Oberzentrums stürmen und die größte Party in der Geschichte der Menschheit feiern. Es drohen Zustände, mit denen verglichen die Orgien des thailändischen Königs in Garmisch-Partenkirchen sich ausnehmen wie die digitale Weihnachtsfeier des Finanzamtes Hannover III. Dann werden Bürger mit Zivilcourage wie Klaus Bruns, Heiko Meyer und Alexander Schwake gebraucht: Die regeln als ehrenamtliche Streetworker den Shuttle-Verkehr an den Lüner-Rennbahnen in Dahlenburg und Scharnebeck, unter blühenden Elbbrücken in beiden Darchaus und vor Sportparkanlagen in Bardowick und Wendisch Evern. Außerdem unterweisen sie die aus der Übung geratenen Stint-Bridger im korrekten Gebrauch von Alkohol, Cannabis und Ecstasy. Und sie treiben, wenn die Lage völlig außer Kontrolle gerät, die Massen der E-Gamer in der Burger- and Craftbeer-Arena mit der Warnung auseinander, in Amelinghausen sei ein Lopau-Wolf ausgebrochen, der sich über Bluetooth verbreite und die befallenen Smartphones zwinge, ununterbrochen Siegesreden des „designierten Vorsitzenden des neuen Ausschusses für die Endlagersuche“ anzuhören.

    • Klaus Bruns sagt:

      Johann S. Kirsche
      Sie wissen, wie ,,gefährlich,, es ist, hier meinen Namen zu nennen? Herr Jenckel bekommt dann automatisch seine Krise. schmunzeln.

  4. OB sagt:

    Die Zeit so schnell vorüberzieht, daß Chaos ist geboren. Wir werden wieder aufstehen, mit Freudentränen vor Glück, weil wir eisern sind.

  5. Hermann Suhrmüller sagt:

    Könnte es sein, dass die von mir gemeinte Kneipe das frühere Gasthaus „Zur Eiche“ von Wilhelm Hahn gewesen ist?

  6. Hermann Suhrmüller sagt:

    „Der Duft der Bratkartoffeln“! Ich habe viele Jahre lang bei Scherers Wassereis gekauft, wenn ich die kräftezehrende Radtour ins Waldschwimmbad Bienenbüttel noch vor oder den Rückweg bereits hinter mir hatte, und habe danach oft und gerne Bauernfrühstück aus der „gutbürgerlichen Küche“ auf der späten Caféterrasse genossen. „Zum Lindenhof“ war ja eher was für die feineren Gaumen der örtlichen High Society. Wer während der großen Pause nur schnell ein Herrengedeck benötigte, um den Vormittag als Geographie-, als Kunst- oder Heimatkundelehrer unverzittert durchzustehen, der eilte aus dem Schultor kommend die Ebstorfer Straße nur wenige Meter nach links hinunter und huschte in die Beglückungstankstelle beim Wirt an der Ecke „Am Demel“. Wie hieß das Gasthaus noch? Diercks? — Jedenfalls ist Ihnen eine sehr schöne Recherche du temps perdu gelungen, Herr Jenckel. Sie sollten das alles ein wenig umständlicher ausführen und reich illustriert zwischen Buchdeckel bringen. Früher war Otto Dittmer Ortschronist und Lieferant der Bilder und Dokumente. Gibt’s den noch? Es brauchen ja nicht gleich Marcels 5.200 (Suhrkamp) bzw. 6.080 (Reclam) Dünndruckseiten zu werden. Der Umfang von Lars Gustafssons „Wollsachen“ (München 1973), Dörte Hansens „Mittagsstunde“ (München 2018) oder Johan Bargums „Nachsommer“ (Hamburg 2018) würde vollauf genügen.

    https://i.auto-bild.de/ir_img/6/3/5/2/1/0/VW-1200-729×486-8b0389b9d281c6ab.jpg
    Bild: http://www.polizeioldtimer.de

    Was ist eigentlich aus Konrad, „Conni“, „Conny“ oder „Konni“ Dittmer geworden, dem vollschlanken Gemütsmenschen, der sein Revier mit der fälschlich so genannten „Grünen Minna“ (VW 1200 · Bj. 54 · Vierzylinder-Boxermotor · 30 PS · Höchstgeschwindigkeit 112 km/h · Neupreis 3.950 DM) von Betzendorf über Barnstedt, Kolkhagen, Heinsen, Embsen und Melbeck immer im Kreise herum abfuhr und jeden seiner halbstarken Pappenheimer mit Vornamen ansprechen konnte? Wo hatte der sein Hauptquartier? War das nicht in Embsen, in dem geduckten alten Schulhaus an der Lindenstraße gegenüber dem ehemaligen Sägewerk Stein, in welchem der jetzige Samtgemeindebürgermeister Peter Rowohlt aufgewachsen ist?

    • jj sagt:

      Vielen Dank fürs Lob. Aber ich greife nicht nach der Taube auf dem Dach.
      Marcel hat mich Kraft und Zeit gekostet, es hat fast so lange gedauert, wie er für alle Kapitel verbraucht hat. Mein Lieblingssatz damals findet sich bei Swann: „„Wenn ich den­ke, dass ich mir Jah­re mei­nes Le­bens ver­dor­ben ha­be, dass ich ster­ben woll­te, dass ich ei­ne größ­te Lei­den­schaft er­lebt ha­be, al­les we­gen ei­ner Frau, die mir nicht ge­fiel, die nicht mein Gen­re war.“ lg jj

      • Hermann Suhrmüller sagt:

        „Als Aurelien Berenice zum erstenmal sah, fand er sie schlichtweg häßlich. Sie gefiel ihm einfach nicht“, lauten die ersten beiden Sätze des Romans „Aurélien“ von Louis Aragon (1944, dt. 1987). Eine deutliche Bezugnahme auf Charles leicht schnöselige Grübeleien am Schluß von Marcel Prousts „Eine Liebe von Swann“ (1913, dt. 1953). Berenice, die bereits Verheiratete, die Aureliens unerfüllte Lebenssehnsucht bleibt, heißt wiederum auch die Hauptfigur von Jean Racines gleichnamiger Tragödie aus dem Jahre 1670, die Aragon zu Beginn seiner Geschichte des Liebespaares zitiert, das keines werden wird. (Bei Racine darf der römische Kaiser Titus die syrischen Hasmonäerin Berenize aus Gründen der Staatsraison nicht ehelichen.) Welche Fragen stellt uns dieses Beziehungsgeflecht aus Jahrhunderte überbrückenden kulturellen Motiven und literarischen Allusionen?

        Was hätte einer zu denken, zu träumen, fertigzubringen, was wären die unverdorbenen Jahre eines Lebens im Vergleich zu den von einem Geschöpf verdorbenen, das einem nicht gefiel, das nicht dem für adäquat gehaltenen Genre entsprach wie Odette de Crécy, für das man aber dennoch hatte sterben wollen und mit dem man seine vermutlich größte Leidenschaft erlebte?

        Wenn Sie nichts draus machen, geht es verloren. Ein anderer kann es nicht.

      • Else sagt:

        Auf der Amazon-Seite findet sich zu dem Roman Aragons folgende Rezension:
        „…wenige bücher wurden einfühlsamer, ergreifender und poetischer geschrieben…es fasziniert durch eine
        dichte und leichtigkeit, die ihresgleichen weder sucht noch findet..aragons meisterwerk…sie sollten es lesen und wirken lassen wie einen sehr guten wein…bitte genießen und wenig darüber reden..es lädt zum monolog mit sich ein…merci bien monsieur aragon !!!

    • Peter Rowohlt sagt:

      https://jj12.files.wordpress.com/2021/01/503c5d5d-8a57-4f0f-9ded-53e13c55796d-e1609790789891.jpeg
      Peter Rowohlt. Foto: SG Ilmenau

      Hallo Herr Jenckel, hallo Herr Suhrmüller,
      zunächst: Ich bin begeistert von dem Bericht! Als Nachbar und kindlicher Stammgast bei Otto Tiedemann in Embsen war es ein komplettes Deja-Vu, ihn zu lesen. Nur das in Embsen eben die Tischtennispokale auf den Regalen standen und Tiedemann ganz klar den Arbeitern vorbehalten war. Bauern und Selbstständige gingen immer zu Schmaler an den Stammtisch. Vielen Dank !! Um auf Conny Dittmer zu kommen: Er lebte mit Frau und Rauhhaardackel „Lorbass“ über der Polizeiwache in der Lindenstraße 10, also neben uns. Der Dackel hatte die Angewohnheit, sofort in den Streifenwagen zu springen, wenn sich die Gelegenheit ergab und er biss sogar Herrchen die Hand blutig, wenn er ohne vorherige Fahrt aussteigen sollte. Das endete dann damit, dass bei einer Alamierung und unvorsichtigen Einsatzkräften der Dackel als erster im Auto saß und man erst einmal die kleine Runde um das Dorf (Lindenstraße /Ringstraße) fahren musste, damit Lorbass wieder ausstieg. Dann ging es zum EInsatz. Aus heutiger Sicht absolut pikant ist auch folgende Tatsache: Ich war mit Peter Hilsen sehr gut befreundet. Wir durften ab und an im Edeka-Markt der Familie „helfen“ oder was man so für helfen hält, wenn man fünf Jahre alt ist. Und dazu gehörte, dass uns Peter-Wilhelm Hilsen einen Rollcontainer mit drei oder vier Kisten Holsten fertig packte und wir die ganz gemütlich die Lindenstraße entlang zur Polizeiwache Embsen rollten, wo entweder Chef Conny selbst oder einer der durstigen Kollegen schon wartete. Da wurde gegen Leergut getauscht und wir rollten zurück. Jede Woche!! Mit voller Öffentlichkeitswirkung. Nach seiner Pensionierung sind die drei nach Lüneburg gezogen – ich meine Kreideberg. Meine Eltern haben sie noch ein paar Mal besucht aber wie das so ist – dann riss der Kontakt ab. Ja – über „Rüters Gasthaus“ der Familie Tiedemann könnte auch viel geschrieben werden. Man stelle sich vor: In der Embser Dorfmitte gab es drei Gaststätten: Tiedemann, Schmaler und das Jagdhotel. Dazu der Fasanenhof und die Bahnhofskniep. Das waren Zeiten…

      • jj sagt:

        Oh, vielen Dank Herr Rowohlt, für die schönen Zeilen.

        Rüter und Fasanenhof (War da nicht auch mal so ein Kriminalfall?) sind natürlich auch mir ein Begriff, bei Schmaler haben wir gerne gesessen, da waren diese ganzen historischen Waffen an den Wänden und Werkzeug, glaube ich.

        Aber natürlich wollen wir nicht unerwähnt lassen, dass zwischen Melbeck und Embsen auch eine gewissen Rivalität bestand. Da ging weit zurück ins 18. Jahrhundert und auf den Kirchgang. In Embsen wurde behauptet, die Melbecker säßen lieber im Wirtshaus als Sonntagmorgen in die Kirche zu gehen – die in Embsen war.

        Das hielt sich. Später dann, im Winter, wenn es richtig steif fror, wenn mein Vater mit seinen zwei Zentnern den Melbecker Mühlenteich betrat und nicht einbrach, dann luden wir die Embsener zum Eishockey ein. Und dann ging es zur Sache. Nicht nur mit dem Puck.

        Aber das Verhältnis wurde besser, als die Elite der Tischtennisspieler aus Embsen und Melbeckern in der Halle an der Schule beibrachte, wie wir besser spielen. Vor allem Reinhardt Knöll hat da viel Aufbauarbeit geleistet.
        Und die Schnurre mit den Rollcontainern, köstlich. Ihr Hans-Herbert Jenckel

  7. Peter Wagner sagt:

    Toller Bericht, authentisch, herzlich und heimatlich. Bin seit 1970 mit Melbeck verbunden. Verbleibe mit freundlichen Grüßen Peter Wagner

  8. Klaus Hübner sagt:

    Hallo JJ
    ein toller Bericht aus alter Zeiten in Melbeck.
    Bei Mauschi tobte das Leben. Sie war einfach eine tolle Wirtin voller Vertrauen gegenüber ihren Gästen.
    Schade, Schade … dass es sowas nicht mehr gibt.
    Liebe Grüße
    Klaus Hübner
    Bürgermeister

  9. Peter Schilling sagt:

    Hallo, heißt der Schlachter nicht Max Lübeck?? Paul Lübeck war meiner Meinung nach im damaligen Gemeindebüro tätig.

    • jj sagt:

      Lieber Herr Schilling, Sie haben so recht. Geändert.
      Paul Lübeck wohnte an der B4, der Bürgermeister hieß damals Harms und wohnteam Wiesenweg. Und Pauls Frau hatte eine Gabe: Besprechen. Darüber darf man aber nicht sprechen, sonst vergeht der Zauber. Lg jj

  10. Als ich den ersten flüchtigen Blick auf das zweite Foto warf (Frieda und Karl Scherer hinter der Theke des Lindenhofes), dachte ich für eine Sekunde, ich hätte meinen Großvater beim Fremdgehen erwischt. Aber die Ähnlichkeit ist wirklich nur flüchtig. Und wunderbare Bratkartoffeln verstand meine Großmutter auch zu mach – dafür hätte er nicht in den Lindenhof gemusst. – Danke für diesen tollen Bericht, der auch in mir manche Erinnerungen geweckt hat, denn auch in Berlin konnte man früher fast wie in einem Dorf leben – in seinem Kiez eben.

    • Manfred Schülke sagt:

      Hallo Hansi.
      Schöner Artikel. Da kommen die alten Erinnerungen aus Melbeck wieder hoch, wo die Familie Schülke viele Feste im Saal gefeiert hat. Bin jetzt seit 20 Jahren in Bayern.
      War schön als Kinder in der alten Mühle zu spielen.
      Gruß
      Manfred Schülke

      • jj sagt:

        Oh, das freut mich, danke. Und wenn du mich Hansi nennst, dann sind wir wieder in unserem alten Melbeck. Aber wie kommst du nach Bayern und wo da? LG Hansi

      • Manfred Schülke sagt:

        War von 1976 bis 2012 bei der Bundeswehr. Davon seit 2000 in Bayern stationiert. Seit 2012 im wohlverdienten Ruhestand. Wohne südlich vom Ammersee und München im Pfaffenwinkel. Direkt unterhalb des Hohen Peißenberg im Markt Peißenberg. Bin hier im Ort als Preuße integriert (Vorsitzender des Veteranen- und Reservistenverein und des Rehasportvereins, Mitglied im Knappenverein und Förderverein der evangelische Kirche, Naturschutzreferent im Alpenverein, ) . Gebe hier den Schülern Nachhilfe in Mathe und Physik und bin Übungsleiter im Rehasportverein. Also voll auf beschäftigt. Dazu noch Haus und Garten in Schuss halten und die Familie.
        Gruß Manfred

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