Podcast LG2120: Eine Stadt im Umbruch

Prof. Dr. Georg Klaus

Lüneburg, 24. Mai 2021

Die Zeit der Filialisten-Fußgängerzonen geht zu Ende, die Innenstädte stehen vor einem gravierenden Wandel, sagt der Lüneburger Architekt Prof. Dr. Georg Klaus. Doch die Städte sollten bei der Planung generell mehr darauf achten, was Identität stiftet für eine Stadtgesellschaft und nicht dem Drang zur Individualität am Bau nachgeben. Da könnte ein unabhängiger Experten-Beirat für Politik und Verwaltung gute Vorarbeit leisten. Der Podcast auf LG 2120

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Journalist, Dipl.-Kaufmann
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12 Antworten zu Podcast LG2120: Eine Stadt im Umbruch

  1. Andreas Janowitz sagt:

    Vielleicht führen Sie ein weiterführendes Interview? Es befasste sich (fast) ausschliesslich mit strukturellen Aspekten, wie eine Stadt aus europäischer Sicht funktional aufgebaut ist. Ich finde die Idee von Bauten als Baustofflager bestechend wie hier ausgeführt:

    https://www.empa.ch/de/web/nest/

    Mit dem sterben der Innenstädte als Konsumgüterlager könne man dem ohnehin notwendigen Umbau praktischen Nutzen beifügen. Wie beim Autobau wird fröhlich vor sich hin geklebt und gekittet was die Tube hergibt, was Recycling ohne Not verunmöglicht.

    Wird soetwas evtl. in Göttingen schon umgesetzt?

  2. Anne König sagt:

    Sehr geehrter Herr Professor Klaus,

    vor zwei Tagen, am Donnerstag, 27. Mai 2021 stand in der Landeszeitung auf Seite 5, dass Oberbürgermeister Ulrich Mädge und Ex-LZ-Chefredakteur Christoph Steiner „die Problembereiche in der Innenstadt angehen“ wollen. Und die Ladenleerstände dort sind nach Meinung dieser beiden Experten ein Problem. „Wir brauchen Frequenz in der Innenstadt“, weiß der Verwaltungschef, denn „am Ende des Tages muss Geld verdient werden – oder es muss subventioniert werden.“

    Ich frage Sie: Wieso „muss subventioniert“ werden? Haben die Herren die Signale denn nicht auch gehört? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Professor Klaus, dann ist „die Fußgängerzone“ als reine Einkaufsmeile ein Auslaufmodell, wie dies die öffentliche Telefonzelle um das Jahr 2000 herum ebenfalls gewesen ist.

    1997 gab es in Deutschland noch 165.000 öffentliche Telefonstellen (überwiegend als gelbe und graue Telefonhäuschen aus den Zeiten der Deutschen Bundespost). Nach Angaben der Telekom stand das letzte davon als Relikt zehn Jahre länger als die anderen in Bayern im Wallfahrtsort St. Bartholomä am südwestlichen Ufer des Königssees und wurde im Oktober 2018 abgebaut. Seit etwa 2011 werden ausrangierte Telefonzellen als öffentliche Schränke zum Tauschen von Büchern genutzt.

    Ich frage Sie, Herr Professor Klaus: Wieso sollen die Lüneburger Steuerzahler den Pächtern oder Inhabern der Läden in der Bäcker- und der Grapengießerstraße den Unterhalt ihrer nicht mehr benötigten Verkaufsflächen bezahlen? Ist das nicht so, als würden Handy-Benutzer gezwungen, für Telefonzellen zu bezahlen, die keinem Zweck mehr dienen?

    Wenn ich nun lese, dass Christoph Steiner als „Innenstadtkoordinator“, Jens Kullin als Digitallotse und Wenke Schwark für die Salzstadtpartner, sich ein neues Büro in der Kuhstraße einrichten, wo sie jeden Werktag vier Stunden lang „den Dialog fördern“, über „Möglichkeiten der Digitalisierung“ informieren und „weitere Geldgeber für das Stadtmarketing gewinnen“ wollen, dann frage ich mich wie verschnarcht eine Stadtverwaltung und die Lüneburger Einzelhändler beim Verschlafen eines irreversiblen, sich seit zwanzig Jahren ankündigenden Strukturwandels eigentlich sein können. Was halten Sie von den Auskünften des „Frequenz-Ankurbelteams“?

    Wenn ich mir vorstelle, die Lüneburger „Innenstadtproblematik“ sei ein Kerl mit Dreitagebart, dann würde sich der „Dialog“ zwischen diesem und dem neuen „Innenstadtkoordinator“ in vier Bildern wohl ungefähr so darstellen lassen: https://pbs.twimg.com/media/E2DkmhWWUAM0p3Z?format=jpg&name=4096×4096

    Sehen Sie das ähnlich? Oder sind Sie der Meinung, ich liege falsch?

    • Arne Jäger sagt:

      Erschreckend ist, dass die Lüneburger Verwaltung wieder einmal nur auf Sicht fährt, also nicht mehr als vier bis fünf Wochen vorausschaut. Es gibt einen Zusammenhang zwischen verändertem Einkaufs- und Arbeitsverhalten. Tatsächlich geht es ja beim Homeoffice nun darum, wie die positiven Erfahrungen aus dem Lockdown, der Modernisierungs- und Digitalisierungsschub, in das Post-Corona-Berufsleben mitgenommen werden können. Denn ohne Zweifel ist auch den meisten Arbeitgeber*innen klar geworden, dass die so lang gehegte deutsche Präsenzkultur aus der Zeit gefallen ist.

      Unternehmen, die ihren Arbeitnehmer*innen schon länger mobiles Arbeiten ermöglichen, etwa die Online-Agentur „web-netz GmbH“, arbeiten mit Hybridmodellen. Für Prozesse, bei denen Austausch, Kreativität und Gruppendynamik gefragt sind, trifft man sich im Büro. Der Arbeitsplatz wird mehr als bisher zur Begegnungsstätte. Er ist kein Ort mehr, wo man sich an seinem Platz häuslich einrichtet. Für Arbeiten, die man allein erledigt, ist keine Anwesenheit im Büro nötig (aber möglich). Schreibtische werden je nach Bedarf gebucht.

      Auch die Leuphana hat die Vorteile längst erkannt: enorme Einsparpotenziale. Wenn nicht mehr jeden Tag alle Beschäftigten ins Büro kommen müssen, können die teuren Büroflächen im Audimax stark abgemietet werden. Auch die Anzahl der kostenintensiven und familienunfreundlichen Tagungs- und Kongressreisen kann mit Videokonferenzen drastisch reduziert werden. Für Räumlichkeiten in Hotels, Arena und Zentralgbäude, die einmal für analoge Veranstaltungen und Events vorgesehen waren, kann jetzt digital nach ganz neuen Zwecken gesucht werden. Zusätzlicher Effekt: zufriedenere Arbeitnehmer*innen, wie Befragungen und Studien zeigen.

      • Andreas Janowitz sagt:

        Herr Jäger, in der Realität gibt es nunmal einen nicht zu vernachlässigenden Anteil Arbeitnehmer, die nur unter Aufsicht das abliefern, für das sie bezahlt werden.

        Beinhalten diese „Hybridmodelle“ ein Ticketsystem, das Arbeitgebern eine gewisse Leitungskontrolle ermöglicht? Kann man überhaupt gewisse Arbeitsprozesse in dieser Art ausgestalten? Wie regelt man daraus resultierende Weisungsproblematiken? Daran krankten wohl schon die archaisch anmutenden „Telearbeitsplätze“ aus den 70ern des letzten Jahrtausends, also „nein“ das Rad wurde nicht neu erfunden.

        Und bitte: von einem „Arbeitsplatz als Begenungsstätte“ kann nur jemand schreiben, der sich noch nie an einem solchen befand. In der Realität wird es immer Kollegen geben, denen man freiwillig am Liebsten nie begegnet. ^^

        Der Lüneburger Verwaltung den Mangel an Reformwillen zum Vorwurf zu machen ist schlussendlich völlig abwegig. Wie andere Kommentatoren bereits anführten, befinden wir uns hier lediglich auf der untersten Stufe der Umsetzung von Weisungen und also ist die örtliche Verwaltung nicht berechtigt etwa über Verwendung von Software oder Neugliederung von Verfahrensabläufen zu entscheiden.

        Dazu ist sie auch gar nicht in der Lage. Sollte man etwa ein notwendiges Datenbanksystem dauerhaft mieten, oder unter erheblichen Aufwendungen selber schreiben? Wer wartet dieses? Wie wird die Auslastung des heimischen Netzwerks für Arbeitsaufwendungen vergütet? Wird es überhaupt vergütet? Welchen Router muss ich verwenden? Wer ist über welchen Sicherheitsvorfall wann und wie zu benachrichtigen? Welche Zugangsberechtigung wird von wem vergeben? (u.v.a.!)

        Alles Fragen, die nicht in Lüneburg geklärt werden.

    • Georg Klaus sagt:

      Ich denke, man sollte folgendes bedenken

      – Die sich abzeichnenden Entwicklungen im stationären Einzelhandel sind sicher nicht neu – die Beschleunigung, die dieser Prozess pandemiebedingt erfährt, hat aber eine neue Qualität und ist sicher nicht so recht mit anderen, vorangegangenen Entwicklungen vergleichbar. Dieser Prozess ist vielschichtig und berührt nicht nur Aspekte der Stadtplanung, sondern ebenso weitere, beispielsweise soziale und ökonomische (Stichworte: Stadtentwicklung, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen usw.).

      – Die Entwicklungstendenzen sind eindeutig: der Bedarf an Einzelhandels- und Büroflächen wird zurückgehen und, diese Flächen werden sich in bestimmten Bereichen der Stadt konzentrieren. Die tatsächliche Entwicklung und deren Folgen werden sich erst in den kommenden Monaten vollends abzeichnen.

      – Nicht zu unterschätzen ist die Vielzahl der an diesem Prozess beteiligten Akteure: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Unternehmerinnen und Unternehmer, Investoren, Vermieter, Banken und letztlich alle Bürger, die sich eine attraktive Stadt wünschen. Es ist schon jetzt klar, dass es Gewinner und Verlierer in diesem Prozess geben wird.

      – Unter Berücksichtigung der vorgenannten Aspekte ist es aus meiner Sicht wenig zielführend, die weitere Stadtentwicklung ausschließlich den Gesetzen des Marktes zu überlassen. Ebenso wichtig wird es gerade in der augenblicklichen Phase sein, dass der Prozess moderiert und begleitet wird – letztlich auch, um die dabei gewonnenen Erkenntnisse für eine erfolgreiche und nachhaltige Stadtentwicklung zu nutzen.

      31/05/21 – GK

  3. Sander Thomas sagt:

    Interessante Gedanken von dem Architekten Prof.Dr. Klaus zum anstehenden gravierenden Wandel der Innenstadt und zukünftiger Stadtentwicklungsplanung. Zur Sprache kommen fast sämtliche Plätze Lünebrgs (Markt, Schrangenplatz, Lambertiplatz bis etc.). Es fehlt die Erwähnung eines der zentralen und bedeutendsten Plätze Lüneburgs, dem SAND. Ich vermisse eine entsprechende Frage des Bloggers/Podcasters JJ.
    Frage diesbezüglich an dich, mein lieber Hans-Herbert:
    Meinst du der von dir häufig als „Steinwüste“ titulierte Platz sei nun durch die mit deiner journalistischen Unterstützung letzten Freitag unter Teilnahme von ganzen fünf „Vertretern“ (von denen immerhin drei symbolträchtig gelbe Gummistiefel trugen) eingeweihten Rinne mit computergesteuerten Mini-Wasserfontänen ausreichend und zumindest einer Mehrheit der hiesigen Bevölkerung gefallenden Art ausgestaltet?

    • jj sagt:

      Lieber Thomas, ich habe mir nun einmal den Bericht über den Reichenbach-Brunnen durchgelesen, da ist also, hoch gelobt, von zwei Spezialisten für Monumentalbauten die Rede, die auch in Lüneburg am Werk waren und natürlich nichts anderes geschaffen haben als Monumentales, wie gleich eingangs zu lesen ist. Dem habe ich so gar nichts hinzuzufügen. LG jj

      • Sander Thomas sagt:

        Lieber H.-H.
        einmal mehr und diesmal ohne konkreten Anlass (bitte meinen Kommentar oben unvoreingenommen lesen!), betreibst du Reichenbach(-brunnen) -Bashing. Abschließend zu dem erbittert zwischen uns geführten Brunnen/Wasserspiel- Streit, nimm doch bitte endlich zur Kenntnis und vergiss es nicht ständig wieder :
        Zwar bin ich der Ansicht, dass der R.-Brunnen (eigentlich) an seinen ursprünglichen Standort GEHÖRT aber ich habe niemals gefordert, dass der Brunnen dort wieder errichtet werden MUSS.
        Auch habe ich zu keiner Zeit bestritten, dass der Brunnen dem seinerzeitigen Zeitgeist entsprechend (von mir aus sogar wie du meinst „wilhelminisch“) gestaltet wurde.

        Sowohl zur Entstehungsgeschichte des R.-Brunnens als auch von einer Bewertung des Brunnens in der Deutschen Bauzeitung (v.Dez.1908) habe ich dir Berichte zur Kenntnis gebracht. Welchen du auch immer gelesen hast, beide rechtfertigen deine oben gemachten pauschalen.Vorwürfe nicht. Eher im Gegenteil.
        Jedem auch dir ist unbenommen den R.-Brunnen als disproportional, überdimensioniert, fehl am Platze (Sand), wilhelminischem Größenwahn entsprungen, pompös etc, zu kritisieren. Du solltest dich aber nicht dazu hinreissen lassen deine Kritik an dem Brunnen, wider besseren Wissens, wahrheitswidrg mit Schmähkritik an dem NAMENSGEBER (und NICHT wie ich dir aufgezeigt habe AUFTRAGGEBER/PLATZBESTIMMER ) Johannes Reichenbach zu vermischen..
        Die Hintergründe der 40-jährigen „Verbannungsgeschichte“ des R,-Brunnens (1943-1983) interessieren dich schon so gar nicht..
        Freundschtl.Tip : Mehr und wenn sorgfälitig lesen. Selektive Wahrnehmung zur Bedienung entsprechenden Bewusstseins vermeiden.LG ts

  4. Andreas Janowitz sagt:

    Ein sehr geschicktes Lavieren des Herrn Architekten.

    Ich vermisste unter den von ihm gemachten Vorschlägen über unabhängige Experten-Beiräte für Politik und Verwaltung ein wenig die Realität aus EU Nachbarländern: dort werden meines wissens nach das teuerste und das billigste Angebot bei Ausschreibungen automatisch gestrichen, während in Deutschland per Gesetzt die öffentliche Hand gezwungen wird dem billigsten Angebot den Zuschlag zu erteilen. Was dann immer wieder zu (absehbaren) „Nachjustierungen“, somit Mehrkosten und Verzögerungen führt.

    Nach den Bränden in mehreren Schulsporthallen im LK sind die betroffenen Gemeinden nun gezwungen ihre Neubauten EU weit auszuschreiben und das billigste Angebot anzunehmen.

    Was würde nach seinem Dafürhalten zeitnahe und kostengünstige Lösungen befördern? Das wird doch wohl kein gordischer Knoten werden…

  5. Oliver Albrecht sagt:

    Mehr als eine Milliarde Euro für sieben Kilometer Asphalt: In Berlin prügelt die Bundesregierung die Autobahn 100 durch die Stadt – als gäbe es keine Klimakrise. Ein Parallelbeispiel für Lüneburgs vorgestrige Verkehrspolitik:

    https://www.spiegel.de/auto/berliner-stadtring-a100-kampf-um-die-autobahn-a-8015c2f3-615f-4683-97f6-1498a3065585

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