Wahlkampf-Endspurt oder „Fake it till you make it“

Die Kette des Lüneburger Oberbürgermeisters wollen mittlerweile acht Kandidatinnen bei der Kommunalwahl im September für sich ergattern. Foto: jj

Lüneburg, 29. Juli 2021

Sommer-Endspurt im Wahlkampf, da sollten die Lokalmatadore nicht mit Vorschlägen hinterm Berg halten. Mein Tipp: Beherzigen Sie das Motto der Startup-Szene, um noch die letzte Stimme für sich zu mobilisieren. Jungunternehmer sammeln in den hippen Tech-Metropolen wie Berlin Millionen für ihre Ideen ein:  „Fake it till you make it“.

Die selbsterfüllende Prophezeiung heißt frei übersetzt und auf die Wahlen gemünzt: Mach auf dicke Hose, bis du gewonnen hast. Oder besser: Tu so lange als ob, bis du es geschafft hast. 

Lüneburg als Wundertüte
Also los: Die Hansestadt wird eine krasse Radfahrerstadt, der Primus inter Pares unter den Klimaschonern, grün bis zum Horizont, ein Spielplatz-Paradies,
eventuell noch Weltkulturerbe und leise, so verdammt leise. Der Verkehr wird elektrifiziert. Der Rest wird wegschwadroniert auf Flüsse und Kanäle und Schienen. Keine Scheu, Sie müssen nur standfest an Ihre Visionen glauben, dann tun es die Wähler auch – eventuell. Das Schöne ist in Lüneburg, dass es keinen Amtsinhaber im Kandidatenrennen um den Oberbürgermeister-Posten gibt, der übel nimmt und in Diskussionsrunden wettert: „Machen wir doch schon.“

Santiago als Lehrmeister
Dabei ist „Fake ist till  you make it“ im Grunde eine uralte Erfolgstaktik und gar nicht im Silicon Valley kreiert worden
, höchstens refresht. Ich denke an die Pilger-Polonaise nach Santiago de Compostela zum Heiligen Jakobus.

Dass der Apostel überhaupt in Spanien, geschweige denn in Galizien war, ist nicht mehr als Legende. Nichts ist belegt. Daraus ist eine gigantische Wanderbewegung geworden, und das seit Jahrhunderten. Auch ich bin schon die letzte Strecke gelaufen und habe die Kohorten gesehen, die Hunderte Kilometer mit Blasen und müden Knochen, aber innerer Einkehr marschieren und in Santiago ihren Glauben gefunden und ihr Geld gelassen haben. Es funktioniert. Der Glaube versetzt selbst so einen Apostel. Und das ist nur ein Beispiel.

Das leise Arena-Mantra
Es gibt natürlich auch Fehlschläge. Bei der Arena haben Lokalpolitiker im Landkreis früh auf dicke Hose gemacht, tatsächlich ist das für den Wahlkampf eher in die Hose gegangen. Lüneburg bekommt natürlich eine wahnsinnig geile Arena. Aber bis dahin ist die Wahl-Messe gelesen. Das Arena-Mantra wird zurzeit wegen der Bauverzögerungen leise zelebriert. Auch die Parole, alles im Kosten- und Zeitplan, habe ich schon länger nicht mehr vernommen.

Das Ungefähre als Kalkül
Diese unbeschwerte Eventhallen-Planung, Fakten nur als Appetithäppchen, erinnert mich an eine Szene aus der Filmsatire „Der König von Köln“ über den Klüngel am Rhein mit dem wunderbaren Joachim Król als korrupter Dezernent Stüssgen. Der wird, als der Skandal um einen Rathaus-Neubau auffliegt, von der Staatsanwältin gefragt, wie das alles „konkret“ angefangen habe. Und Stüssgen drukst auf Kölsch rum: „Was heißt konkret, wie soll man das definieren, so funktioniert Politik ja nicht. Politik heißt, alles so lange im Ungefähren zu lassen, bis es nicht mehr zu ändern ist.“

Das zumindest hat bei der Arena perfekt geklappt. Aber für den Wahlkampf sollten die Landkreis-Kandidaten jetzt doch ganz auf die Elbbrücke Neu Darchau umschwenken. Sie ist eine noch viel größere Versprechung als die Arena, und das seit dreißig Jahren. Sie könnte sogar noch für die nächste Wahl herhalten. Denn erste kommen höhere Deiche und Hochwasserschutz, dann die Brücke. „Fake it until you make it“ oder, liebe Wahlkämpfer, denkt an Santiago und Jakobus. Es funktioniert. Garantiert.

Hans-Herbert Jenckel

PS: Weil im Herbst ja immer Corona ist und die Wahllokale bestimmt nicht ohne Impfpass und/oder Test betreten werden dürfen, empfehle ich Briefwahl.

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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4 Antworten zu Wahlkampf-Endspurt oder „Fake it till you make it“

  1. Detlev Schulz-Hendel sagt:

    Die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler werden zur Wahl am 12.09.2021 sicherlich nicht vergessen haben, mit welcher Leichtfertigkeit Millionen an Steuergeldern für das Arena Desaster versenkt worden sind und das insbesondere durch den Arena Treiber SPD aber natürlich auch anderen. Und die Menschen im Amt Neuhaus werden nicht vergessen haben, wieviel Sand ihnen durch SPD und CDU in die Augen gestreut worden ist bezüglich einer Elbbrücke. Und erneut haben beide Parteien ein längst überfälliges neues Fährkonzept auf unbestimmte Zeit verschoben. Interessant aber, dass einige CDUler hinter vorgehaltener Hand die Elbbrücke auch schon beerdigt haben. Sie dürfen es nur offiziell nicht sagen, da man Angst hat, dass es danach zu einer Reihe von Parteiaustritten kommt. Was wir jetzt brauchen: 2 neue Fähren mit E-Antrieb, die innerhalb eines Jahres für ca. 6 Millionen Euro beschafft werden könnten und die bereits auf Binnenflüssen erprobt worden sind. Was wir jetzt brauchen ist ein kostenloser Fährbetrieb, um die Mobilität der Menschen im Amt Neuhaus zu verbessern und was wir vor allem brauchen: Gewählte Vertreterinnnen und Vertreter, die eine ehrliche und transparente Politik im Sinne der Menschen machen und nicht auf Kosten der Menschen.

  2. Ulf Reinhardt sagt:

    Was lernen wir aus diesem Beitrag wirklich inhaltlich, außer dass die CDU sich (völlig realitätsfern) vorgenommen hat, auf allen politischen Ebenen stärkste Kraft zu werden?

  3. OB sagt:

    OB Kandidaten-Figuren als „Give aways“ im Wahlkampf könnten auch aus Holz hergestellt werden. … z. B. Das Modell Elbbrücke als Standfuß….oder das Modell Arena, wie es sich die Kandidaten wünschen…. Und nach der Wahl blieben genug Holzköpfe übrig, die im kommenden Winter, für eine warme Stube daheim sorgen.. ..

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