Mehr Woodstock wäre schön

Lüneburg, 28. April 2022

Ich bin im Windschatten von Woodstock herangewachsen, wie ich heute sicher weiß, in einem Irrglauben.

 Das Festival auf Riesenleinwand sah ich bei einer Klassenfahrt in Köln Anfang der 70er-Jahre. Ich verliebte mich auf der Stelle in das Lebensgefühl. An der Deckenschräge über meinem Bett in unserem Bauernhaus in Melbeck hing nicht nur Jimi Hendrix, sondern auch das Plakat vom Fehmarn-Love-Peace-Festival, das an Woodstock andockte. Ein Urwald, und in jedem Blatt stand der Name eines Idols – Ten Years After mit Alven Lee, Canned Heat, Ginger Baker, Peter Green und natürlich Jimi Hendrix. 

Hätte ich gewusst, dass es der letzte Gig seines Lebens ist bei diesem Orkan-Festival im windigen Norden, ich wäre zuhause ausgebüxt. Mit meiner ersten Gitarre und einem Laney-Kofferverstärker, ich konnte keine drei Griffe, zersägte und quälte ich damals in Melbeck bei geöffnetem Fenster die deutsche Nationalhymne, sollten ja alle hören… wie Jimi bei „Star Spangled Banner“ die amerikanische. 

Ich trug damals eine US-Army-Jacke ähnlich wie Country Joe McDonald in Woodstock, als er gegen den Vietnam-Krieg ansang, oder wahlweise eine olle Öljacke. Und darunter manchmal auch ein Batik-Shirt. Andere Dorfjungs riefen mir Exi-Schwein hinterher. Das empfand ich als Auszeichnung. 

Auf der Sonnenseite viel ausgeblendet

Dass Love and Peace möglich wäre und über einen Sommer trägt, glaubte ich tatsächlich. Die grausamen Stellvertreter-Kriege in Afrika und Fernost blendeten wir aus wie die hungerschreiende Ungerechtigkeit in der Welt für unseren Wohlstand. Ich lebte auf der Sonnenseite, ließ die Haare wachsen und himmelte den verteufelten Rudi Dutschke klammheimlich in der Tagesschau an. 

In der Schule verirrten wir uns im Heimkehrer-Drama „Draußen vor der Tür“ und „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ von Heinar Kipphardt über den „Vater der Atombombe“. Wir diskutierten mit unserem phantastischen Lehrer Heinz Michaelis fast die ganze Schulzeit nur die deutsche Geschichte zwischen 1900 und 1945, oft zeitvergessen über Deutsch-, Gemeinschaftskunde- und Geo-Stunden hinweg. Und wir haben uns geschämt, wenn wir beim Trampen in Frankreich oder England immer noch auf Hitler angesprochen wurden. 

Ein Irrtum kommt selten alleine

Mit dem Fall der Mauer war das „Ende der Geschichte“ erreicht, hieß es später, das Ende des Gleichgewichts des Schreckens. Es war, das war mein mein zweiter Irrtum, es war nur ein Zwischenspiel. 

Die Militaristen haben wieder Oberwasser und ich kann ihnen nicht widersprechen. Der archaische wie bestialische Krieg ist zurück. Das ist unser ewiges Déjà-vu seit Urzeiten. Wir drehen uns im Kreis und kommen gar nicht voran.

Eine der großen Fridays-for-Future-Demo auf dem Marktplatz. (Foto: jj)

Ich bin niedergeschlagen, weil mein Verdacht, dass unsere Kulturdecke im Hirn immer noch dünner ist ein Blatt Pergamentpapier und wir seit den keulenschwingenden Neandertalern, heute sind es High-Tec-Keulen von ungeheurer Wucht, nur in einem Punkt wirklich weiter gekommen sind – diese Erde auszubeuten und zu verheeren und noch ein bisschen ungerechter zu machen.

Aber ich möchte auch nicht ohne Hoffnung und Illusionen leben. Die Fridays-for-Future-Demos waren ein bisschen wie Aufbruch, aber Protest alleine reicht eben nicht, zumindest nicht für mich, ein Lebensgefühl zu entfachen. Da geht, wenn auch berechtigt, für meinen Geschmack zu viele Sorge auf die Straße. 

Es fehlen für mich keine Friedens-Demos, keine Klima-Demos, keine Demos fürs Grundwasser oder Ostermärsche. Ich wünsche mir einfach mehr Hoffnung, mehr Illusion, ja nennen Sie es Naivität. Was mir fehlt, ist ein epochales Gefühl, ein Woodstock-Gefühl 2.0.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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19 Antworten zu Mehr Woodstock wäre schön

  1. Stefan schreibt:

    Einmal im Leben sollte jede*r sich die Frage stellen, wie‘s soweit hatte kommen können.

    Am Sonnabend (14. Mai) durfte wenigstens David Byrne, der Weltmusiker und Sänger der Talking Heads, seinen siebzigsten Geburtstag in dem beruhigenden Gefühl begehen, dass er zum Kanon der Musikgeschichte nicht nur gehört, vielmehr diesen aktiv mitgestaltet und ihm viele wichtige Abseiten hinzugefügt hat:

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    • Jill schreibt:

      Aus den vielen wichtigen Abseiten ergeben sich dann unweigerlich aber weitere

      Notwendige Fragen:
      (Erich Fried)

      Das Gewicht
      der Angst
      Die Länge und Breite
      der Liebe

      Die Farbe
      der Sehnsucht
      im Schatten
      und in der Sonne

      Wieviel Steine
      geschluckt werden müssen
      als Strafe
      für Glück

      und wie tief
      man graben muß

      bis der Acker
      Milch gibt und Honig

      Der geniale Udo Jürgens drückte sich darüber 1966 so aus: „Sag mir wie“- https://www.youtube.com/watch?v=kEs6UijLnh8

      Aber nicht auf jede Frage kann es eine evidente Antwort geben.
      Mehr Hoffnung, mehr Illusion und das Bewusstsein, sich seiner selbst nicht schämen zu müssen über diese und weitere Empfindungen, das allein könnte meiner Meinung nach schon ein Woodstock-Gefühl 2.0 entfachen.

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      • Jo schreibt:

        Ein Woodstock-Gefühl?

        „Ich bin nur einer deiner Ganzgeringen,
        der in das Leben aus der Zelle sieht
        und der, den Menschen ferner als den Dingen,
        nicht wagt zu wägen, was geschieht …“

        … hätte Rilke 1901 vielleicht intoniert.

        1977 war Udo Jürgens da pragmatischer:

        „Am Donnerstag, da ist sie, wie sie ist.“

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  2. Woodstock schreibt:

    Wie lange können wir den Ukrainern noch verzeihen, in welches moralische Dilemma sie uns mit ihrer hartnäckigen Selbstverteidigung stürzen?

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  3. Kurt C. Hose schreibt:

    Russland begeht den „Tag des Sieges“.

    „Es gibt große Worte, die so leer sind, dass man ganze Völker darin gefangen halten kann.“

    Stanislaw Jerzy Lec, polnischer Lyriker und Aphoristiker (1909-1966)

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  4. Tumultanten schreibt:

    Getrieben durch Hunger waren die Armen gezwungen, sich von Unkraut und Viehfutter zu ernähren. Brot wurde aus verdorbenem Getreide gebacken und Ersatznahrungsmittel, wie das aus der Queckenwurzel hergestellte „Queckenbrot“, wurden als Notnahrung angepriesen. Aus der Not heraus stahlen die Hungernden nachts Saatkartoffeln von den Äckern oder begannen zu betteln.

    Quelle: Die Krisenjahre 1846/47

    https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/alltagsleben/die-krisenjahre-184647.html

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  5. a-janowitz schreibt:

    „Was mir fehlt, ist ein epochales Gefühl, ein Woodstock-Gefühl 2.0.“
    Echt jetzt?
    Ihre zahrte Stimme ? https://www.youtube.com/watch?v=-e7wiyNO2us
    Ihre zahrte Generation verdient ein wenig…. „Einsatz“…
    Sie dürfen den ersten Schimmer der kommenden Kardaschow I Zivilisation erhoffen?
    Jetzt sofort könnten wir 7% der Stromwiderstände aufheben?
    Jetzt sofort könnten wir Suprraleiterfernleitungen bauen?!

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  6. Else schreibt:

    „Mach alle Hetzer und Krieger
    nie mehr zum Sieger.
    Lass die Hoffnung am Leben.
    Lass uns aufrecht in neue Zeiten geh’n
    und das alles aus Liebe,
    lass alles aus Liebe gescheh’n!“

    Udo Jürgens, Alles aus Liebe

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  7. OB schreibt:

    Um Woodstock 2.0 zu erleben wäre eine Wöchentliche Lohn und Gehaltszahlung ein gutes Gefühl. Der Wert des Geldes zerschmilzt täglich. Kaufkraft dahin an jedem Tag höhere Preise. Wäschekörbe bald nötig?

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  8. Anne König schreibt:

    Ich hatte mein heiteres Woodstock-Erlebnis gestern Spätnachmittag in der Landeskrankenhilfe-Arena. Musi vom Feinsten. »What would you do if I played out of tune? / Would you stand up and walk out on me?« Joe Cocker and The Grease Band mit ihrer in mehr als einem Sinne bedeutsamen Frage am 17. August 1969 von 14:00 bis 15:25 Uhr nüscht dagegen. Überaus rot saß Frau Vossers unter den ergriffen atmenden Herren der Schöpfung. Sensationell – wie immer – waren die Funny Skippers aus der Abteilung Seilspringen des MTV Treubund Lüneburg. Wer das gesehen hat, weiß, dass Lüneburg tatsächlich Sport auf Weltniveau zu bieten hat.

    Der Landrat Jens Böther glänzte mit einer seiner wortwolkig verpackten Marathon-Fragen, die sich leicht kürzer und prägnanter auch so hätte fassen lassen:

    »Sagt! wie könnten wir das Wahre,
    Denn es ist uns ungelegen,
    Niederlegen auf die Bahre,
    Daß es nie sich möchte regen?«

    Die Antwort erhielt er vom gähnenden Publikum, das er zuvor nach allen Regeln quälender Kunst in die Schalensitze gequast hatte:

    Diese Mühe wird nicht groß sein
    Kultivierten deutschen Orten;
    Wollt ihr es auf ewig los sein,
    So erstickt es nur mit Worten.

    Dann rechnete Heiner Luhmann, Sprecher der hauptamtlichen Bürgermeister, den staunenden Steuerzahlern noch vor, was die Kommunen eine jährliche Erhöhung der Kreisumlage von künftig jeweils 6,5 Prozentpunkten über die nächsten dreißig Jahre kosten würde. Bloß sechzig Cent pro Haushaltsjahr!!! Denn den Rest würden Herr Bahlburg, Herr Dubber und Herr van den Berg aus dem Inneren ihrer Kreissparkassenschweinchen zuschießen.

    Im »Schlaglicht« dargestellt findet sich die ganze Sache in all ihren Aspekten noch einmal vom viertausend Jahre vorausschauenden Archäoastrologen Joachim Zießler unter der Überschrift »Ahnenkult und Kasten der alten Lüneburger« in der LZ von heute, Sonnabend, 30. April 2022 · Nr. 100 · auf Seite fünf.

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  9. Rita schreibt:

    Make Love, not War!

    In in der deutschen Fassung des Musicals „Hair“ (zuerst am 24. Oktober 1968 in München unter dem Titel „Haare“) ließ der Drehbuchschreiber den Protagonisten seine Weigerung, am Vietnamkrieg teilzunehmen, mit dem Ausruf „Bumsen statt Bomben!“ ausdrücken.

    Im Jahr 1967 sorgte der damalige kalifornische Gouverneur Ronald Reagan für Aufregung, als er protestierende Kriegsgegner als „Leute“ bezeichnete, die „schreien ‚make love not war’, aber aussehen, als könnten sie keines von beidem.“

    Wer oder was erinnert sonst noch an die ganz großen Gefühle vergangener Aufbrüche?

    Im neuen SZ-Magazin steht ein langes Interview mit Gerhard Polt zu seinem 80. 😍

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  10. Du spieltest Cello schreibt:

    Melbeck ’72,
    Jungs war das gemütlich
    Da schien noch ein richtiger Mond in der Nacht
    Die Musik ha’m wir noch mit der Hand gemacht
    So was gibt es heute nicht mehr
    Is‘ verdammt lange her,
    Is‘ verdammt lange her

    Ja, wenn der Senator erzählt …

    Mit Malte Lühr (ungefähr so in der LZ von heute Seite 11) frage ich mich:

    Wollen wir weiter mit den Entscheidungen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft hadern oder doch lieber den Blick nach vorne richten?

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  11. Emmi Rothner schreibt:

    Lieber Herr Jenckel,
    Sie sprechen mir mit Ihrem schönen Beitrag ja so aus der Seele.

    Dieses von Ihnen wirklich treffend beschriebene Lebensgefühl aus Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre, ich erinnere mich genau an diese einzigartige und berührende Atmosphäre im Sommer 1969, war von Aufbruchstimmung, Veränderungswünschen, Herzenswärme und eigentlich unerklärlichem Optimismus geprägt.

    Starre Strukturen, Kriegstraumata unserer Eltern auch durch Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus (in unserer Schule konnte über diesen „leider“ wegen des „plötzlichen“ Schuljahresendes nicht mehr unterrichtet werden), rigide Sexualmoral und tägliche Schauermeldungen über die Vorgänge im Vietnamkrieg suchten sich ein Ventil bei uns Heranwachsenden.

    Woodstock artikulierte die Hoffnung auf Veränderung und mit dem Signal: Wir wollen Frieden! Wir meistern das mit Liebe.

    Und daher ist dieses Lebensgefühl – genauso wie Sie es beschrieben – untrennbar verbunden mit der Musikszene dieser Jahre.

    Ihr Beitrag hat mich dazu verleitet, bei Youtube zu stöbern.
    Ich habe einige schöne Lieder dieser Zeit von Woodstock-Interpreten ausfindig machen können (jedenfalls welche meiner Favoriten) und erlaube mir jetzt einfach, diese Links hier einzustellen.

    Vielleicht können einige Leser ebensolche Erinnerungen wachrufen, wie Sie, lieber Herr Jenckel, und ich sie haben. Übrigens: ich bekenne mich zu der Naivität, ein Woodstock-Gefühl 2.0 zu erträumen.
    Aber auch Jüngere könnten epochenunabhängig ihre Freude daran haben (Zeit ist relativ)

    Janis Joplin: https://www.youtube.com/watch?v=dBJnoMP1Uyc
    Und nicht zu vergessen: https://www.youtube.com/watch?v=5Cg-j0X09Ag
    Der legendäre Auftritt Joe Cockers: https://www.youtube.com/watch?v=rUVEFkjqiEE
    „Die Beatles haben den Rock in die Musik gebracht. Blood, Sweat & Tears haben die Musik in den Rock gebracht (Leonard Feather, Journalist): https://www.youtube.com/watch?v=tvnloWQAgnU

    Danke, lieber Herr Jenckel. Ihretwegen hatte ich einen schönen Tag heute.

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  12. Forrest Gump schreibt:

    „Manchmal, wenn Leute nach Vietnam gehen, gehen sie ohne Beine zu ihren Müttern nach Hause. Manchmal gehen sie gar nicht nach Hause. Das ist eine schlechte Sache. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe.“

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  13. Otto Berg schreibt:

    Lieber Herr Jenckel,

    klasse beschrieben! Vom Feeling her hatte ich sofort ein super Gefühl beim Lesen.

    Die Jünger von Herrn Eggeling, der (wie jene) angeblich ja auch einmal jung und voller lustiger Einfälle gewesen sein soll, würden, wäre der Text von ihrem Meister, vermutlich rufen: »Auf den Punkt, Carlo!!!«. — Ich sage, Ihre – sympathische – Kernbotschaft lautet: „Music was my first love“! Mein Lektüreeindruck!

    »Love« selbst kommt m. E. allerdings ein wenig zu kurz. Das aufregende, herrlich unbeschwerte Herumpimpern der »langen 70er Dekade« endete am 5. Juni 1983 um 13:00 Uhr. Da erschien DER SPIEGEL 23/1983 und titelte: »Aids: Eine Epidemie, die erst beginnt«: https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/14021779

    Und auch mit »Peace« war das so eine Sache. Katastrophenpädagogisch sozialisiert wurden die »geburtenstarken« Nachkriegsjahrgänge viermal in zwölf Monaten mit dem Interpretieren von heulenden Sirenensignalen und genauen (»überlebenssichernden«) Instruktionen, wie die dünnen Schülerärmchen über den kurz geschorenen »Fassonkopf« zu legen waren, während man im Klassenzimmer unter dem Bretterpult zitternd den Einschlag von »sowjetischen« Atomraketen abwartete. – Weit mehr als eine Million Bürger ging am 22. Oktober 1983 auf die Straße, um gegen die Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses vom 12. Dezember 1979 und der damit einhergehenden Stationierung von Cruise Missiles und Pershing II-Raketen in der Bundesrepublik und anderen europäischen Ländern zu demonstrieren: https://www.spiegel.de/geschichte/25-jahre-proteste-gegen-nachruestung-a-947980.html

    Dann zu »Fridays for Future!« und den Enkeln von Dennis L. Meadows und Herbert Gruhl: »Die Grenzen des Wachstums«, die berühmte Schreckensvision des »Club of Rome«, die »Johannes-Offenbarung für die deutsche Umweltbewegung« war am 2. März 1972 in Washington vorgestellt worden. Bis zum Jahr 2.000 sind von diesem Buch über 30 Millionen Exemplare in 30 Sprachen verkauft worden: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Grenzen_des_Wachstums Dass Xi Jinping, Narendra Modi, Jair Messias Bolsonaro oder Elon Reeve Musk und Rainer Dittmers ihr Exemplar durchgemarkert und mit nachdenklichen Randglossen versehen hätten, ist mir nicht bekannt. »Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik«, ein Sachbuch des damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Gruhl, war im September 1975 erschienen. Es empfahl Verzicht und Maßhalten anstelle von Konsumorientierung, thematisierte das wichtige, heute kaum noch erwähnte Problem des weltweiten Bevölkerungswachstums und warnte, unser aller Überleben bedürfe einer »planetarischen Wende«, das heißt, der Mensch müsse »von den Grenzen der Erde ausgehend denken und handeln«: https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Planet_wird_gepl%C3%BCndert

    Am Abend des 8. Dezember 1980 arbeiteten John Lennon und Yoko Ono an ihrer (sicher nicht ohne Grund »Walking on Thin Ice« genannten) Komposition im Record Plant-East in New York. Sie kehrten um 22:48 Uhr zu ihrer Wohnung im Dakota Building zurück, wo der geistig verwirrte Mark David Chapman aus etwa sechs Metern Entfernung mit einem Revolver auf John Lennon schoss, welcher seinen schweren Verletzungen um 23:07 Uhr erlag.

    Sie vermissen den »Geist der Utopie«? Sie möchten auf den Arm? Wünschen sich »einfach mehr Hoffnung, mehr Illusion, ja, mehr Naivität«? So nach dem Dennoch-, Wohlfühl- und Schunkel-Motto: »You may say I’m a dreamer, but I’m not the only one«? Hier finden Sie all das (allein an dieser Stelle über 250 Millionen Male aufgerufen): https://www.youtube.com/watch?v=YkgkThdzX-8

    »Ein epochales Gefühl, ein Woodstock-Gefühl 2.0.« kann Ihnen vielleicht Herrn Klaus Hoppes Überraschungsperformer morgen Abend bei der Eröffnung der »Landeskrankenhilfe-Arena« vermitteln. (Ich nehme an, Sie gehören – wie ich – zu den »geladenen Gästen« und nicht (wie Carlo) zu den Vielen, die »leider draußen bleiben müssen«, weil das Losglück sie schnöde behandelte.) Wie ich »im Vorfeld« hörte, ohne dafür einstehen zu können, soll nämlich Holm Keller, der bekannte Audimax-Masterplaner, seine wochenlang im »Raum der Stille« aufgefrischten »Think-Big-and-Postive«-Moves noch einmal darbieten: https://www.youtube.com/watch?v=5BIttYVUMxc

    Sie gebrauchten oben das Adjektiv »wuchtig«.

    Wuchtig (im Sinne von mutig, geradeheraus, scharfsinnig, informativ und unbedingt lesenswert) ist der folgende Magazin-Artikel: https://www.republik.ch/2022/04/14/russisches-kriegsschiff-fick-dich

    In solcher zupackenden Analyse der systemischen Verkommenheit korrupter Verhältnisse scheint mir, was den erhofften Ausgang betrifft, fast ein wenig Wunschdenken zu stecken. Ich denke jedoch, diese (kontrafaktische) Art von Zuversicht ist derzeit das Äußerste an notwendiger, das Leben und das Weitermachen ermöglichender »Hoffnung« und/oder »Illusion«, welches für einen Journalisten, der seinen – sehr wichtigen – Beruf ernst nimmt, im Hinblick auf die von Ihnen angesprochenen planetarischen »Baustellen« zu haben ist.

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  14. ezwoh schreibt:

    Das „Love Peace“-Bild ist mehr Mercedes- als Woodstock-Logo… aber nicht nur Woodstock, sondern auch das Fehmarn-Festival war für mich ein paar Jahre zu früh. Ab Anfang der 70iger gab es wochentags auf NDR 2 (wenn ich mich nicht irre ab 14 Uhr) „Musik für Junge Leute nach der Schule“, wo man alle genannten und viele mehr zu hören bekam. … und langsam wurden auch die Haare länger, bis meine Naturkrause 1975 der Frisur von Jimi Hendrix auch bezüglich Haarlänge recht nahe kam. Die Anfeindungen im Dorf kenne ich auch – als einziger „Hippie“. Da wurde einem gleich Drogenkonsum unterstellt, obwohl die einzige „Droge“ Rotwein war.
    Die grausamen Stellvertreter-Kriege in Afrika und Fernost habe ich nicht ausgeblendet, sondern unter anderem Leutnant Calleys „Ich war gern in Vietnam“ gelesen. Ich wollte wissen, wie der Massenmörder von My Lai „tickt“. Das hat aber die Begeisterung für Veränderungen (Wahlkampagne „Willy wählen“ – mit dem Button bin ich rumgelaufen) nicht in Frage gestellt.
    Das Woodstock-Feeling fällt heute leider schwer, weil die heißen Kriege nicht mehr weit weg in Vietnam, Tschetschenien, Syrien oder sonstwo außerhalb Europas, sondern fast vor der eigenen Haustür stattfinden… und charismatische Politiker wie Willy Brandt momentan auch nicht zu sehen sind.

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