Parkplatz-Patrone auf der letzten Patrouille

Umbau Haagestraße und Clamartpark – da fallen auch Parkplätze weg. (Foto; jj)

Lüneburg, 9. Dezember 2022

Ohne Frage, wir stecken mitten in einem Déjà-vu. Nicht, weil die Stadt wieder im Weihnachtslicht glänzt, nicht wegen der Glühwein-Seligkeit und der Frage, ob das Getränk zu teuer ist. Nein. Es ist ein Asphalt-Déjà-vu dank des letzten Gefechts der Parkplatz-Partrone im Rat.

Das Drehbuch der aktuellen Parkplatz-Dramödie ähnelt von A bis Z Scharmützeln vor und nach der Abstimmung um den Verkehrsentwicklungsplan Anfang der 90er-Jahre des letzte Jahrtausends. Und es war auch Winter.

Damals hieß es: Autos tabu in der City, Vorfahrt fürs Rad. Und alle Propheten, die deswegen den Untergang des Handels vorhersagten, lagen falsch. Lüneburg boomte und boomt.

Auch heute bläst die Retro-Garde die Panik-Posaune, wenn Parkplätze in Gefahr sind wie an der Haagestraße oder der Hindenburgstraße oder an den Sülzwiesen.

Dass große Teile der Maßnahmen unter dem Label Lüneburger Verkehrswende noch vom alten Rat beschlossen wurden, ja teils von den aktuellen Opponenten, das ist den Parkplatzwächtern egal. Politiker leiden gerne an partieller Amnesie, wenn es dem Populismus dient.

Allerdings ist in diesem Fall die Lunte ziemlich kurz. Noch im vergangenen Winter und im Frühling 22 hat der neue Rat beschlossen, sich den Zielen des Radentscheides und des Klimaentscheids anzuschließen. Er hat diese Ziele zu seinen Zielen erkoren und riskiert einen Vertrauensverlust, wenn er Entscheidungen blockiert oder auf die lange Bank abschiebt.

Monika Scherf, Fraktionschefin und ein Glücksfall für die CDU, hat es gestern Abend im Rat gesagt: Wenn es an die Umsetzung von verabschiedeten Plänen geht, beschleicht den Rat oft Mutlosigkeit. So riskiere Lüneburg ein ums andere Mal, abgehängt zu werden. Scherf setzte sich im Rat mit einem Änderungsantrag durch, die aktuelle Planung an der Hindenburgstraße in Sachen Radverkehr nicht zu stoppen. Das wollten SPD und FDP.

Auf meiner Prioritätenliste steht allerdings nicht der geplante Umbau der Hindenburgstraße oben, über den gestern der Rat stritt. Ich radel da jeden Wochentag entlang, und zwar mit Kinderanhänger. Gewöhnungsbedürftig, aber machbar.

Für mich zählen andere Prioritäten: Der versprochene Radring um die Innenstadt muss schneller kommen, auch der Ausbau Bleckeder Landstraße und weitere Abschnitte der Dahlenburger Landstraße zum Beispiel.

Und die Patchwork-Radwege müssen saniert werden, die 20 Meter vorbildlich ausgebaut sind, weil gerade wieder ein Bushaltestellen-Fördertopf abgeschöpft werden kann. Nach den 20 Metern mutiert der Radweg dann aber wieder zur rissigen Steinzeit-Asphaltpiste, weil für die letzten Meter bis zur nächsten Kreuzung das Geld fehlte, wie am Ochtmisser Kirchsteig nahe der Herderschule zu besichtigen.

Und natürlich ist die ReWe-Kreuzung Richtung Reppenstedt und Innenstadt ein Brennpunkt. Wenn es einen Gefahren-Hotspot in Lüneburg gibt, dann dort. Da teilen sich Radfahrer in beide Richtungen und Fußgänger den vielleicht einen Meter breiten Streifen stadteinwärts. Wenn die Verwaltung wie beim hässlichen Bauzaun am historischen Hafenkai die Rechtslage ins Feld führt, damit niemand in die Ilmenau radelt, dann frage ich mich: Wie ist die Rechtslage an dieser Kreuzung? In Teilen vermutlich ist es ein rechtsfreier Raum.

Die Verwaltung hat es aber auch nicht leicht mit der Rad-Lobby, die Ansätze bekrittelt wie den Ausbau des Radweges an der Soltauer Straße oder der Uelzener Straße stadteinwärts – für mich gelungen.

Und wenn Parkplätze jetzt für Geflüchtete wegfallen, dann ist das Gezeter in der Auto-Lobby groß. Dass die Pendler jetzt ihre Autos einen Steinwurf entfernt auf den Sülzwiesen parken, nenne ich unbürokratisches wie gutes Handeln. Durch die Frontscheibe eines SUV-Boliden mag das natürlich alles bedrohlich für den Einzelhandel aussehen.

Über den Tellerrand: Paris will bis 2026 zu hundert Prozent Radstadt werden, Barcelona hat beste Erfahrungen gemacht. Berlin will bis 2030 sage und schreibe 3000 Kilometer Radwege bauen. Und Hamburgs Verkehrssenator Anjes Tjarks lebt vor, was kommt. Er radelt durch die Elbmetropole. All diese Großstädte schicken sich an, zu Stockholm, Göteborg oder Amsterdam aufzuschließen. Und Lüneburg hadert.

Sichtwechsel: Warum zahlen Urlauber mehr für die Überfahrt nach Sylt als Insulaner, warum darf kein Auto in die Altstadt von Siena, und doch wollen in beiden Fällen alle dahin. Weil beides hoch attraktive Ziele sind. Genau das zählt für Lüneburg mit 1400 Baudenkmalen und einem lokalen Einzelhandel, der gerade mit gelben Leitern und warmen Lichtern zeigt, dass er lebt und den Unterschied macht zu Filialisten-Meilen.

Lüneburg hat die krasse Bipolarität zwischen Rad- und Autofahrer-Lobby selber verschuldet, weil die 1990 ausgegebene Devise: „Vorfahrt für Fußgänger und Radfahrer in der Innenstadt“, nicht konsequent gelebt wurde.

Am Ende, und das ist sicher, führt der Dialog, ja der Streit auch dieses Mal zu Lösungen, zu Kompromissen. So wie nach dem Verkehrsentwicklungsplan 1990 Parkflächen rund um die Innenstadt geschaffen wurden, so wird es dieses Mal auch einen Wandel durch Annährung geben. Wer im Weihnachtsverkehr nur oft genug auf dem Stadtring gestanden hat, fängt an zu überlegen: Was verplemper ich hier meine Zeit?

Nur die Stadt muss umgekehrt auch Angebote machen. Wo sind die Shuttle-Busse, wo sind die Leihräder an Parkhäusern an der Peripherie? Manchmal muss man erst aufs Rad steigen, um zu sehen, wie schön Lüneburg ohne Hupen und Stauen ist. 

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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14 Antworten zu Parkplatz-Patrone auf der letzten Patrouille

  1. Jo schreibt:

    Heute ist Marie-Luise Scherer gestorben. Das größte journalistische Talent nach Heinrich Heine, das jemals seinen Fuß auf Lüneburger Straßenpflaster setzte, wurde 84 Jahre alt. Scherer hat seit vielen Jahren in Damnatz an der Elbe gelebt.

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    • Mareike Sundermann schreibt:

      So wenig?

      In der Form kaum zu fassen und auch inhaltlich ist mir das entschieden zu dünne!

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      • Mareike Sundermann schreibt:

        Ah, jetzt haben Sie nachträglich einen Hüperlink eingefügt. Neues steht nicht in der Presseinformation. Frau Scherf will abwarten bis die Pläne vorliegen und dann mit ihrer Fraktion entscheiden. Das halte ich für vernünftig. Die SPD hat sich unter Mädge angewöhnt, auf Sachargumente zu verzichten und exklusiv den Machtworten ihres Chefs zu entsprechen. Das recht sich heute. Weil immer nur nörgeln, führt in politische Sackgassen und erfreut die Herzen der Bürgerinnen und Bürger nicht.

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  2. Ronald Orth schreibt:

    Den Ausführungen kann ich weitestgehend zustimmen. Das Rumkritteln des Radentscheid an der Baumaßnahme Soltauer Straße ist aber nachvollziehbar, weil anders als von Ihnen dargestellt und hier bereits kommentiert kein Radweg ausgebaut wurde. Das ist keine Lappalie a la „na dann ist es eben ein Kombiweg“. Auch das ist es nämlich nicht. Der Radweg ist verschwunden, wir haben dort jetzt einen Fußweg, auf dem Radfahrende geduldet sind – und sich den Fußgängern bitte anzupassen haben, indem sie bergab im Schrittempo fahren. Herrlich. So sieht keine Verkehrswende aus. Und ohne Fahrrad-Piktogramme auf der Straße wird man, wenn man dort ordnungsgemäß radelt, runtergehupt und -gedrängt. Bitte gehen Sie nicht nur von sich selbst aus, sondern versetzen sie Sich auch mal in die Lage von radelnden Kindern und SeniorInnen. Bei denen dürfte es mit der Zufriedenheit anders aussehen.
    Und darf ich Sie nochmal an unsere Wette vom 21.1.2021 erinnern?
    „Sollte das Bürgerbegehren scheitern, lade ich Sie persönlich in ein dann hoffentlich wieder geöffnetes Restaurant Ihrer Wahl zum Essen Ihrer Wahl ein. Wenn wir gewinnen, spenden Sie den theoretischen Rechnungsbetrag an den Radentscheid.
    Na, schlagen Sie ein?“
    „Lieber Herr Orth, die Wette nehme ich gerne an.“

    Wir freuen uns über die 100 Euro, lieber Herr Jenckel!

    viele Grüße und schönes Wochenende
    Ronald Orth
    Radentscheid Lüneburg

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  3. ezwoh schreibt:

    Hier riskiert nicht „der Rat“, sondern vor allem die SPD, dass sie nicht mehr ernst genommen wird.
    Vor genau fünf Jahren die „Radverkehrsstrategie 2025“ im Arbeitskreis Verkehr der Stadt Lüneburg mit erörtert, vor viereinhalb Jahren im Stadtrat nach einigen Änderungen öffentlich gemacht und vor dreieinhalb Jahren im Verkehrsausschuss der Stadt Lüneburg verabschiedet – das war die SPD vor der Kommunalwahl im Herbst 2021. Ein SPD-Oberbürgermeister, der – genauso wie der der SPD angehörende damalige Verkehrsausschussvorsitzende – dieses Projekt initiiert und vorangetrieben hat.
    Nach der Wahl vor einem Jahr wird jetzt von den teils gleichen Personen anscheinend systematisch fast alles bekämpft, was man vor der Wahl zum Radverkehr beschlossen und den Wählern versprochen hat.
    Im Kontrast dazu Frau Scherf, die Respekt vor der politischen Konkurrenz zeigte, als sie Herrn von Mansberg mit einem Blumenstrauß persönlich verabschiedete und später am Abend klar und deutlich auf die Folgen einer Blockadepolitik hingewiesen hat.
    Das ganze ist übrigens keine Altersfrage: Frau Bauseneick gehört als junge Politikerin genauso zur „Retro-Garde“ wie Frau Schröder-Ehlers und der frühere Vorsitzende des Verkehrsausschusses.
    Dass die Hälfte des Kfz-Verkehrs in Lüneburg innerstädtischer Verkehr ist – also Kurz- und Kürzeststrecken -, zeigt doch nur, wie schlecht bisher die Alternativen sind.
    Einfache Strecken von bis zu fünf Kilometer in die Innenstadt sind mit dem Fahrrad für die meisten kein Problem. Wenn nur die Kfz führen, die nicht anders können, hätten wir auf den Straßen im innerstädtischen Bereich nicht halb so viel Kraftfahrzeuge.
    Wo vorher an der Soltauer Straße ein kaputter (obendrein zu schmaler) Radweg war, hat man übrigens keinen neuen Radweg neu gebaut, sondern einen Fußweg. Auf dem dürfen Radfahrer nur Schrittgeschwindigkeit fahren. Wer normal radeln will muss jetzt auf die Fahrbahn. Die Stadtverwaltung hat leider versäumt, das zu kommunizieren. So wird dort jede der StVO entsprechende Radfahrt auf der Fahrbahn zum Spießrutenlauf. Aggressive Autofahrer bedrängen und pöbeln.
    Was ist daran Radverkehrsförderung?

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  4. Werner Mellentin schreibt:

    „Ausbau des Radweges an der Soltauer Straße“

    Kaum ist man zwei Wochen nicht mehhr in der Soltauer Straße unterwegs gewesen, schon geschieht dort Bahnbrechendes. Ein ausgebauter Radweg? Wo? Seit wann?

    Sie wissen, Herr Jenkel, dass die Benutzung der VR-Brille auf dem Fahrrad unzulässig ist.

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    • jj schreibt:

      Zwischen Hasenburger Berg und Bögel-Kreisel. Fahre da zweimal die Woche, immer allein. Ich denke, Sie spielen darauf an, dass es ein Kombi-Weg ist. Ich bin trotzdem zufrieden Lg jj

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      • ezwoh schreibt:

        Fahren Sie auch brav Schrittgeschwindigkeit?

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      • Werner Mellentin schreibt:

        Herr Jenkel.

        Nun, wenn Sie damit zufrieden sind, dass Etikettenschwindel zum Standard erhoben wird, dann will ich keinesfalls daran herummäkeln.

        Mit „Kombi-Weg“ bleiben Sie übrigens unterhalb Ihres sonst so prägnanten Sprachniveaus. Die Hansestadt hat für diesen Gehweg den Begriff „Mischverkehrsfläche“ kreiert. Das klingt um einige Nuancen gefälliger.

        Stellt sich mir nur noch die Frage, wie es aussähe, wenn die Soltauer Straße zur Radfahrstraße mit „KFZ frei“ umgewidmet würde. Wäre der autofahrende Mensch dann ebenso zufrieden wie Sie? Immerhin könnte er dort mit bis zu 30 km/h weiterhin unterwegs sein, sofern er seine Geschwindigkeit nicht einem vor ihm fahrenden Zweirad anpassen müsste.

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  5. A. E. schreibt:

    Danke, sehr guter Kommentar. Genau so ist es. Für viele ist Lüneburg gerade attraktiv, weil es immer mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger gibt. Genauso geht es mir! Lebe derzeit nicht in Lüneburg, aber aus beruflichen Gründen in einer sehr Fahrrad und Fußgängerfreundlichen Stadt in der Schweiz: Basel. Man kann die „Argumente“ der Autolobby kaum nachvollziehen, wenn man sieht, wie gut Städte funktioniert, die Autoverkehr konsequent einschränken und dem „langsamen Verkehr“ viel Raum geben . Allerdings ist der ÖPNV eine wichtige Säule, ich hoffe, in Zukunft wird das durch neue Mobilitätsangebote ( z. B. Flexible Shuttlebusse) verbessert, denn die hohe Bus/Bahn Dichte von Basel ist in Lüneburg sonst wohl unerreichbar.

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  6. Thomas Westerhoff schreibt:

    Parken oder nicht ist für den Einzelhandel nicht das Problem. Das Angebot ist zu schlecht. Ich habe versucht in Lüneburg für meinen Sohn Fußballschuhe zu kaufen. Es gab nur zwei Paar in seiner Größe. Also habe ich mir welche nach Hause kommen lassen.
    Ein großer amerikanischer Versandhandel freut sich nun. Schade eigentlich.

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