
Ob die nächsten Abschnitte der A39 Richtung Braunschweig mit dem Infrastruktur-Booster der Bundesregierung nun schneller kommen, das ist für Melbeck wichtig. Kein Ort im Landkreis Lüneburg leidet dermaßen am Verkehr, hier, auf der B4 ist die Blechkarawane kein Bild, sondern täglich wahrer Wahnsinn. Wer gegen die A39 ist, sollte aber für eine Umgehung kämpfen.
Ich kann mich noch erinnern, als die Bundesstraße zwei Spuren hatte und ab und an ein Auto Richtung Lüneburg fuhr. Wohin es in die andere Richtung ging, das war für uns Knirpse terra incognita. Wir wussten nur, wenn der dicke Mercedes von Onkel Hermann Hahn aus der Floetstraße gemächlich auf die B4 einbog, dass er zum Regieren nach Hannover fuhr oder umgekehrt als Landrat nach Lüneburg. Heute würde er immer zu spät kommen, weil er gar nicht auf die Bundesstraße käme.
Denn der Verkehr wuchs exponentiell. Die Straße wurde ausgebaut, die Anrainer wurden für ’nen Appel und ’n Ei entschädigt und Autos und Laster fuhren vierspurig durch Melbeck. Mit einem Planerhieb wurde das Dorf in zwei Teile zerschlagen, links und rechts dieser vierspurigen Straße.
Dass es so kam, lag auch am Rat, der nicht den Mumm hatte, sich schon damals vorausschauend für eine Umgehungsstraße einzusetzen. Meine Tante Mauschi im Lindenhof, da tagte der Rat, fürchtete die Umgehung wie der Teufel das Weihwasser. Die B4 versprach viele Gäste.
Heute lobriert der Ort an Ideen, um den überbordenden Verkehrsfluss zu regulieren. Bürgermeister Christoph Kleineberg: „Wir haben uns als Gemeinde das erste Mal überhaupt hingesetzt und mit Expertinnen und Experten einen Plan entwickelt, wie der Verkehr durch Melbeck laufen soll, nachdem wir Jahrzehnte lang nur darüber diskutiert haben. Herausgekommen ist ein Konzept mit der ‚grünen Welle‘, die das Einbiegen auf die B4 erleichtert und den Verkehr flüssiger gestaltet sowie Änderungen der ÖPNV-Linien, um größere Gebiete an das Busnetz anzuschließen. Das Konzept ist mit Expertinnen vom Landesstraßenbauamt, der Polizei, dem Landkreis und anderen Akteuren diskutiert und soll umgesetzt werden. Der erste Schritt geschieht im Rahmen der Sanierung der Deckschicht der B4 nächstes Jahr.“
Umgehungen aber haben zwei Seiten: Der Durchgangsverkehrs wird aus dem Ort rausgehalten, die Umgehung verändert den Charakter eines Ortes. Kennen Sie noch Kirchweyhe vor Uelzen, nein, kein Wunder, heute fahren auch alle dran vorbei. Oder Dahlenburg? Mit der Umgehung drohte der Ortskern zu veröden. Leere Geschäfte, tote Hose. Mit viel Mühe ist Dahlenburg bis heute dabei, Leben in den Ortskern zu bekommen. Der Erfolg – noch nicht durchschlagend.
Und in Melbeck? Da entwickelt sich gerade einiges: Bäcker Kruse hat ein neues Café samt Laden eröffnet, vis-à-vis das Eis-Cafe hat nun eine große Terrasse, im alten Ortskern wird das Hammeresche Ensemble nach und nach saniert, der Pferdehof Drewes gegenüber zeigt, was man aus einem alten Bauernhof machen kann (fünf Sterne), und in absehbarer Zeit wird neben dem großen Supermarkt auch noch Wohnen und Kleingewerbe angesiedelt, der alte Lindenhof samt verwaistem Hotel abgerissen.
Wie sich das entwickelt, wenn die A39 weitergebaut wird und wie einst die B4 nur noch durch’s Dorf führt – darauf, genau darauf müssen sich die Melbecker vorbereiten, damit die Chance, dass wieder zusammenwächst, was zusammengehört, nicht vertan wird.
Hans-Herbert Jenckel
Der Melbecker Gemeinderat Rat hatte nicht nur keinen Mumm, sich für eine Umgehungsstraße einzusetzen. Er hat Jahrzehnte lang im Westen und im Osten neue Bebauungsgebiete ausgewiesen, die eine Umgehungsstraße fast unmöglich machen. Sie wurde im wahrsten Sinn des Wortes verbaut.
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