Klingt das Lamento aus Lüneburgs Gastro-Küchen zu Recht?

Lüneburg ist ein Gastro-Hotspot über Deutschland hinaus. Einheimische und Touristen füllen die Lokale. Nun haben die Kneipiers direkt nach der Kommunalwahl ein Thesenpapier aufgesetzt. Ein Kessel Buntes mit Forderungen an OB Claudia Kalisch und den neuen Rat. Ob Bürokratie-Abbau, ob Sicherheit, ob Mobilität inklusive Shuttle-Service und kostenlosen Nahverkehrstickets oder das schon abgenutzte Stichwort vom Erlebnisraum Innenstadt, es wird an nichts gespart. Es wird Optimismus eingefordert, aber aus der Küche klingt das Lamento.

Ich gehe da einmal ins Detail zum Dauerthema Sicherheit und Kriminalität. An den Drogen-Brennpunkten soll ein stationärer Ordnungsdienst installiert werden. Wandert die genervte Dealer-Szene weiter, folgt der Ordnungsdienst auf dem Fuße, koste es, was es wolle. Unter Wölfen würde man von vergrämen sprechen, unter Menschen Vertreibung aus dem Paradies.

Die Gastronomen könnten sich statt mit der Sorge um Wachstum einmal mit dem Schweinezyklus befassen, dem Auf und Ab von Nachfrage und Angebot und von Preisen. Wenn dann aber stattdessen das Marketing in dem Forderungskatalog auch noch in die Pflicht genommen wird, obwohl Lüneburg in der Saison schon einen Touristen-Tsunami erlebt, dann ist das in meinen Augen schwere Kost. Lüneburg eilt seit Jahren von Rekord zu Rekord, die Übernachtungen lagen 2025 bei knapp 440.000. Zum Vergleich der ewige Konkurrent Celle: knapp 288.000 Übernachtungen.

Wie heißt es bei Google KI: „Lüneburg verfügt über eine der höchsten Gastronomie- und Kneipendichten in Deutschland und Europa.“ Und wie schreiben die Gasronomen in ihrem Offenen Brief eingangs: „Lüneburg ist eine lebens- und liebenswerte Stadt, die eine hervorragende Basis für Wachstum und Wandel hat. Allerdings haben die letzten Jahre gezeigt, dass wir uns nicht in einem ausreichenden Maße diesem Wandel stellen.“ Kene Ahnung, ob das „wir“ als Selbstkritik verstanden werden will. An Neueröffnungen fehlt nicht, wohl aber am Geschmack. Und die Preise: Oh, là là.

Ein Bekannter aus Frankfurt, immerhin eine Banker-Metropole, traute seinen Augen nicht, als er die Speisekarten in Lüneburg studierte. „Was für Preise!“ Ich bin diesen Sommer rumgekommen, da sticht Lüneburg hervor. Der Preis und was serviert wird, da fehlt mancherorts die Schnittmenge. Wenn mich einer fragt, wo er denn in Lüneburg hingehen könne, dann fällt mir spontan ein Restaurant am Ende der Heiligengeiststraße ein, das bietet sogar einen Mittagstisch zu einem Preis-Gusto-Verhältnis, das in Lüneburg beispielhaft ist.  Natürlich gibt es mehr, aber eben nicht so viel mehr.

Wir leben mitten in einem Strukturwandel der Innenstädte, der ist nicht Lüneburg-spezifisch, der ist landauf, landab zu besichtigen. Ich jedenfalls habe Städte gesehen, zum Weinen. Und dann Lüneburg, die Perle an der Ilmenau. Optimismus ist angezeigt.

Aber mit solchen offenen Briefen nach oder vor der Wahl ist es wie mit dem Rasenmäher in Vorstadtgärten. Einer fängt an, schon geht der nächste Rasenmäher auf Tour. PS: Jetzt liegt ein offener Brief für den neuen Landrat zum Thema „unser Wasser“ im Briefkasten. Dabei wird es nicht bleiben.

Hans-Herbert Jenckel

Foto: jj – gut gefüllt Cafés am Sand.

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Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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