
„Nobody’s perfect“, sagt Millionär Osgood Fielding III. in der letzten Einstellung von Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“ auf die Enthüllung seiner frischen Liebe Daphne (Jack Lemmon als Daphne), sie sei eigentlich ein Mann. Niemand ist vollkommen, das sollte auch Politiker trösten, die sich schwer damit tun, Ungenauigkeiten und Unwahrheiten einzugestehen und lieber drumherum schwurbeln. Das ist ein Fehler. Größere Fehler-Allergiker sind nur Journalisten.
Da weiß ich genau, wovon ich rede, ich gehöre auch zu der Kaste. Als Volo habe ich die Lüneburger Planckstraße einmal nur mit K geschrieben, das war fast schon das Ende meiner journalistischen Laufbahn. Der legendäre Chefredakteur Pleß grollte ,,Check your Facts.“ Und setzte nach: „Wenn nichts stimmt, die Namen müssen stimmen“. Schließlich stünden manche Leser außer mit der Todesanzeige nur einmal im Leben im Blatt.
Zu den Facts: Da haben wir damals schon mal das Waldsterben mit einer kahlen Lärche illustriert, die immer ihre Nadeln verliert, Bratislava zur Hauptstadt Rumäniens gemacht und ein Rotlicht-Etablissement an die Adresse einer Arztpraxis in Lüneburg verlegt. Schweiß. Angst. Wie haben wir uns um Korrekturen herumgedrückt und empfohlen: Man könne doch einen Leserbrief schreiben. Ein Fehler.
Als Zwischenspiel mal vors Rathaus: Das wird schon länger saniert, jetzt auch die instabile Fassade. Die Absperrungen sind mit Plakaten verziert, die uns die Geschichte des Rathauses näher bringen und Erstaunliches zu Tage fördern. Die erste, typisch gotische Fassade mit den zum Himmel aufstrebenden Türmchen, die einem Sturm zum Opfer fiel, wird als Renaissance-Fassade eingestuft, vermutlich wegen einiger späterer Applikationen und weil Lüneburg sich als Renaissance-Stadt fürs Welterbe bewirbt. Aber selbst die KI bei Google gibt mir recht: „Die Marktfassade des Lüneburger Rathauses war nie eine reine Renaissance-Fassade; sie war ursprünglich gotisch und wurde 1720 durch eine prunkvolle Barockfassade ersetzt.“
Kommen wir zu den Namen. In den vergangenen Tagen habe ich in der Lokalzeitung einen Artikel gelesen über die verstorbene Schauspielerin, Dschungelkönigin und Gefängnisinsassin Ingrid van Bergen. Sie hatte ihren Geliebten erschossen. Ihr Erbe vermachte sie ihrer ehemaligen Mitgefangenen und Pflegerin. In dem Artikel bekommt die Freundin gleich drei verschiedene Vornamen verpasst, mal Elfriede, mal Sieglinde, mal Gabriele. Offenbar stolperte niemand darüber. Wenige Tage später stand derselbe Artikel im Hamburger Abendblatt, wieder mit drei Namensvarianten. Und der getötete Geliebte hieß natürlich auch nicht Laus, wie es da stand, sondern Klaus.
Dass es heute keine Korrektoren mehr gibt, zu teuer, keine Zeit mehr ist, dass ein zweiter Redakteur über einen Artikel schaut, ist bedauerlich. Und gerade deswegen geht es für die Medien am Ende darum, Fehler – kleine und große – zu korrigieren. ‚Der ehemalige LZ-Chefredakteur Marc Rath hatte da so eine Rubrik „So ist es richtig“, die ziemlich oft gebucht wurde. Und der LZ-Redakteur Klaus Reschke macht es heute richtig: Dass er bei der Kommunalwahl Bürgermeisterkandidat Maik Peyko wegen eines ausgebliebenen Handschlags für den Sieger Karsten Johansson, ohne die Umstände zu beleuchten, als schlechten Verlierer kritisiert habe, da sei er über das Ziel hinausgeschossen.
Denn wenn von Glaubwürdigkeit die Rede ist, dann ist das die härteste Währung lokaler Medien in einer Welt, die von Fake News geflutet wird. Dann macht das den Unterschied – Fakten statt Fake. Und wenn doch wieder ein Patzer bis in den Druck durchrutscht – am nächsten Tag berichtigen. Das schafft Vertrauen, Nobody’s perfect.
Hans-Herbert Jenckel
Fotoillustration: ChatGPT