Was Lüneburg bei der Erinnerungskultur vom Bundespräsidenten lernen können

In Lünburg wird seit Monaten über die Erinnerungskultur gestritten, namentlich über den Stein der 110. Infanterie-Division am Springintgut, die Division war im Zweiten Weltkrieg an Kriegsverbrechen in der Sowjetunion beteiligt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat jetzt eine Rede zur deutschen Erinnerungskultur gehalten bei der Einweihung eines neuen Teils der Gedenkstätte „Malyj Trostenez“ nahe Minsk. Ein Gewinn auch für die Lüneburger Debatte.  Steinmeiers Rede:

„Der Schritt wird schwer und schwerer, je näher man diesem Ort kommt. Das Wissen um das, was an diesem Ort geschehen ist, wird zur tonnenschweren Last. Wer hierher kommt, der hat von den Verbrechen gelesen oder gehört, die hier von Deutschen an Belarussen, an ihren europäischen Nachbarn und an den eigenen Landsleuten begangen wurden. Er wird wissen, welche Spur der Verwüstung dieser letzte und grausame Krieg durch dieses Land gezogen hat. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung von Belarus hat die Zeit der deutschen Besatzung nicht überlebt.

Einige von Ihnen werden sich an einen Film erinnern, der vor vielen Jahren, 1985, in den Kinos lief: “Komm und sieh!“ von Elem Klimow. Es war das Jahr, in dem der Eiserne Vorhang begann, sich zu heben, und der Film dieses großartigen russischen Regisseurs wurde in ganz Europa gezeigt, im Osten wie im Westen.

Er ist eine Begegnung mit dem Krieg. Nicht mit einem Krieg, wie man ihn bis dahin kannte. Nein, mit einem Krieg, der die Erinnerung an alle vorangegangenen auslöschen würde, der Generationen traumatisiert und das Gesicht unseres Kontinents entstellt hat: dem Vernichtungsfeldzug der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion.

Für viele Westeuropäer war dieser Film eine erste Begegnung mit Ihrem Land: Belarus. Für die deutschen Zuschauer aber zugleich auch eine Konfrontation mit den eigenen Vätern und Großvätern, die der Krieg hierher geführt hatte, nicht irgendwo hin, an einem nicht näher bestimmten Ort im Osten, sondern hierher, in die Wälder von Belarus, einem Land, das einen Namen hat, auch wenn der Film uns das nur ahnen ließ.

Denn Klimow interessiert sich nicht für konkrete Orte oder Frontverläufe. Er interessiert sich nur für uns Menschen. Dafür, was dieser Krieg, diese Orgie der Vernichtung, aus uns gemacht hat. Er führt uns vor Augen, wie Kindheit, Jugend und Unschuld entweiht, wie Menschen, ihrer Menschlichkeit entledigt, zu Tötungsmaschinen werden und ein Niemandsland hinterlassen – entleert, ohne Namen, ohne Orientierung.

Vielleicht liegt in dieser Erkenntnis zugleich eine Erklärung dafür, warum wir so lange gebraucht haben, Orte wie diesen wiederzufinden. Warum wir erst heute hierher zurückgefunden haben, mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges, um an die Verbrechen zu erinnern, die hier verübt wurden – an abertausenden belarussischen, deutschen, österreichischen und tschechischen Juden, an sowjetischen Kriegsgefangenen, belarussischen Widerstandskämpfern und Zivilisten.

“Komm und sieh!“ Ja, dieser Aufforderung nachzukommen, ist schwer. Es bleibt schwer.

Wir erschrecken über hunderttausende Opfer, die dieses Inferno gefordert hat, die zu Namenlosen wurden, bevor man sie in Lager pferchte, vergaste oder gleich von der Rampe des Bahnsteigs in Malyj Trostenez an den Rand einer Grube führte, vor der man sie erschoss.

Wir erschrecken über einen Krieg, der als Vernichtungskrieg geplant, befohlen und ausgeführt wurde. Belarus musste erleben, was das bedeutete. Mehr als 600 Dörfer wurden – samt ihrer Bewohner – ausgelöscht.

Wir verstehen: Was damals über dieses Land und seine Nachbarn kam, war Menschenwerk. Es trug deutsche Namen wie Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich, Erich von dem Bach-Zelewski oder Oskar Dirlewanger.

Der millionenfache Tod, den diese Männer brachten, war kein schicksalhafter. Er war organisiert und effizient, erdacht in Amtssitzen mit Berliner Adressen: Wilhelmstraße 101, Prinz-Albrecht-Straße 8, Rauchstraße 18, Wilhelmstraße 72.

Das Mordkomplott erstreckte sich über die Geschäftsverteilungspläne von Ministerien, gliederte sich in Organisationseinheiten, in Einsatzgruppen von SS und SD, in Erschießungskommandos von Sicherheitspolizei, Ordnungspolizei und, ja, auch der Wehrmacht. Jeder Einzelne ein Rädchen im Getriebe, eins vom anderen abhängig, eins ins andere greifend, jedes seinen Beitrag leistend, bis der todbringende Schuss fiel.

Dieser bürokratisierte Krieg, gestützt auf einen Apparat und seine Arbeitsteilung, atomisierte die Verantwortung eines jeden Einzelnen. Am Ende werden alle Beteiligten erklären, ihr Beitrag sei gering gewesen, nicht von Gewicht und nur auf Befehl von oben erfolgt.

Malyj Trostenez erreichten die Mordkommandos im Frühjahr 1942. Es war ein abgelegener Flecken, damals noch vor der Stadtgrenze von Minsk. Auf Reinhard Heydrichs Befehl wird aus diesem Ort eine Mordstätte, die ehemalige “Kolchose Karl Marx“ zu einem Arbeits- und Vernichtungslager. Ein wieder in Betrieb genommener Gleisanschluss und ein schwer einsehbares Gelände als Ort für Exekutionen – mehr brauchte es nicht.

Abertausende wurden im Wald von Blagowschtschina erschossen oder in eigens dafür gebauten LKW vergast – doch nur an Werktagen. Züge, die an arbeitsfreien Tagen in Malyj Trostenez ankamen, wurden nicht abgefertigt. Die Todgeweihten mussten warten, bis die Erschießungskommandos ihren Dienst am Montag wieder aufnahmen. Die Schamlosigkeit der Täter entsprach der Mechanik des Tötens. Hier sollte jede menschliche Spur, auch jeder Rest von Menschlichkeit getilgt werden.

Der Ort, Malyj Trostenez, von der deutschen Wehrmacht in Besitz genommen als “Lebensraum im Osten“, war ein Ort des Todes. Er lag am äußersten Ende einer Befehlskette, verzeichnet auf keiner Landkarte, aber auf einem Plan zur Endlösung der Judenfrage. Ihn in das historische Bewusstsein Europas zurückzuholen, ist ein lange überfälliger Schritt.

Was hier geschehen ist, hat tiefe Wunden geschlagen. Sie sind sichtbar für alle, die sie sehen wollen. Komm und sieh! Diese Aufforderung – so schmerzhaft sie ist – gilt uns, den nachgeborenen Generationen.

Was nun an diesem Ort entstanden ist, ist deshalb von unschätzbarem Wert, weil das Wissen um Orte wie diesen und die Erinnerung an das, was hier geschah, unabdingbar sind für ein Verständnis von uns selbst. Das 20. Jahrhundert lässt sich nicht denken ohne dieses Wissen.

Die gemeinsame europäische Verantwortung für das “Nie wieder Krieg!“ gründet auf dem Wissen um das, was Menschen – hier an diesem Ort – ihren Mitmenschen angetan haben.

Wenn wir uns auch fortan, ohne die Hilfe von Zeitzeugen, daran erinnern wollen, warum uns dieses auf Menschlichkeit gegründete Europa so wichtig ist, müssen wir seine Geschichte lehren und lernen und sie jeder Generation neu vermitteln.

In dieses historische Gedächtnis der Europäer, vor allem aber in das deutsche, gehört zwingend auch die Geschichte von Belarus. Nach fast drei Jahrzehnten Unabhängigkeit ist es an der Zeit, dass das Land in unserem Bewusstsein und Verständnis aus dem Schatten der Sowjetunion tritt, vor allem aber, dass Belarus wahrgenommen wird als ein Staat mit einer eigenen Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

Dieser Ort, Malyj Trostenez, ist ein Schreckensort in dieser belarussischen Geschichte. Aber er steht heute auch für ein gemeinsames Erinnern. Dieser Gedenkort, ebenso wie die gemeinsame Geschichtswerkstatt in Minsk ist das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen von belarussischen und deutschen Historikern und von zivilgesellschaftlichen Gruppen, wie dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk in Belarus und in Deutschland.

Ohne die Bereitschaft Weißrusslands zur Versöhnung wäre diese Zusammenarbeit undenkbar.

Wir dürfen niemals vergessen: Der deutsche Vernichtungskrieg hatte zum Ziel, dieses Land und die Menschen, die in ihm lebten, auszulöschen. Umso tiefer ist meine Demut, umso dankbarer bin ich den Menschen in Weißrussland für die Bereitschaft zur Versöhnung.

Es hat in Deutschland lange, viel zu lange gedauert, sich an diese Verbrechen zu erinnern. Lange, zu lange haben wir gebraucht, uns zur Verantwortung zu bekennen. Heute besteht die Verantwortung darin, das Wissen um das, was hier geschah, lebendig zu halten. Ich versichere Ihnen, wir werden diese Verantwortung auch gegen jene verteidigen, die sagen, sie werde abgegolten durch verstrichene Zeit.

“Komm und sieh!“ ist eine Verpflichtung, die niemals erlischt. Und so stehe ich heute vor Ihnen – als Bundespräsident, als Deutscher und als Mensch – dankbar für die Zeichen der Versöhnung und voll Scham und Trauer über das Leid, das Deutsche über Ihr Land gebracht haben.“

Quelle: http://www.bundespraesident.de

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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3 Antworten zu Was Lüneburg bei der Erinnerungskultur vom Bundespräsidenten lernen können

  1. Andreas Janowitz schreibt:

    Ich bin dafür dem ursprünglichen Stein einen zweiten zur Seite zu stellen. Auch in Stein gemeisselt sollte dort in etwa stehen:
    „Geblendet vom Stolz mit Hochmut zum Geleit schrieben wir deutschen uns mit erbarmungslosen Zeilen ins Buch der Geschichte ein. So sollten wir zur Überzeugung gelangt sein:
    Für 1000 Jahre reicht der Schmerz.
    Denn es sind Überzeugungstäter, die im Guten wie im Schlechten, Geschichte schreiben. “

    Natürlich würde ich Sütterlin als Schriftsatz wählen und den zweiten den ursprünglichen Stein einfassend, möglichst untrennbar arrangieren.

    Aber das sind meine Vorstellungen. Wie steht es mit der offiziellen Variante?

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  2. Klaus Bruns schreibt:

    Bundesverfassungsgericht (BVG) hat am 08.11.1995 bekräftigt, daß die Verwendung des umstrittenen Tucholsky-Zitats „Alle Soldaten sind Mörder“ unter bestimmten Voraussetzungen keine Beleidigung darstellt und deshalb auch nicht bestraft werden darf. Der Erste Senat betonte in seinem zweiten Urteil binnen eines Jahres, das Tucholsky-Zitat sei so lange vom Grundrecht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, wie es sich um eine allgemeinpolitische Aussage handele. Dies sei aber kein Freibrief für die Beleidigung einzelner Soldaten oder der Bundeswehr. Politiker von Union und FDP reagierten empört auf das Urteil und forderten Konsequenzen des Gesetzgebers.
    was erwartet man da von der cdu? konservative stehen auf kriegsdenkmäler. dr scharf ist da doch nur ein beispiel von vielen. das menschen dabei umgebracht werden , wird in kauf genommen. es wird sich über pazifisten aufgeregt und nicht über mord und totschlag.

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  3. Otto Berg schreibt:

    Sehr wichtig, sehr mutig, sehr gut!

    Sie sollten den Text auch in die Print-Ausgabe der Landeszeitung setzen – und eine Kopie davon per Einschreiben mit Rückschein an Herrn Dr. Gerhard Scharf, Bürgermeister der Hansestadt Lüneburg, senden.

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