Tschüs Kaufhaus Lüneburg

Verwaistes Geschäft in der Lüneburger Bäckerstraße. (Foto: jj)

Das „Kaufhaus Lüneburg“ ist Geschichte. Auch wenn das manche nicht glauben mögen. Es wäre besser gewesen, schon für den absehbaren gravierenden Wandel Weichen zu stellen, als noch am lautesten mit dem Slogan „Kaufhaus Lüneburg“ geworben wurde. Aber damals klingelte die Kasse, es lief blendend, der Brandbeschleuniger Corona war noch nicht aktiv. Wer achtet da schon auf den Webfehler einer Monokultur?

Als die Geschäfte gut liefen und die Mieten nur eine Richtung kannten, nach oben, weil Filialisten vor allem auch die letzten Ecken der Innenstadt eroberten, wurde an der monofunktionalen Struktur nur der Totentanz nach Ladenschluss bemängelt. Denn Wohnungen waren nicht lukrativ.

In Lüneburg stehen mittlerweile rund dreißig Geschäfte in der City leer. Der Versuch, leere Läden in den Fußgängerzonen mit Fördergeld, Zuschüssen, niedrigen Mietern und neuen Mietern wie Pop-up-Stores am Leben zu halten, ist lobenswert und verschafft Zeit. Und die Inthronisation von „Innenstadt-Kümmerer“ Christoph Steiner als Gesprächstherapeut für den Handel mit besten Kontakten war gut, aber als Kümmere ohne Kohle war sein Kraftfeld begrenzt.

Der Kobra-Effekt

Auf der anderen Seite erinnert der Ansatz aber an den Kobra-Effekt: Maßnahmen, die die Krise lösen sollen, verschleppen, ja verschärfen sie sogar. Allemal, wenn die Akteure glauben, alles wird wieder gut wie nach einem Gewitter. Das ist nicht der Fall, der Trend kehrt sich nicht um – nichts wird wie früher. Der Handelsverband Deutschland geht für 2022 von 16.000 Geschäften aus, die schließen. Eine teuflische Abwärtsspirale: weniger Läden, weniger Kunden in den Fußgängerzonen, das trifft dann auch vitale Geschäfte.

Warum ist das so? Natürlich ist der Online-Handel an allem schuld. Schuld aber ist vielmehr die falsche Einschätzung dessen, was mit dem Online-Handel seit Jahren auf die Innenstädte zukommt. Lange waren in Lüneburg nur eine Handvoll Einzelhändler gewappnet, die früh online aktiv waren. Verbunden mit einer umweltfreundlichen Transport-Logistik sind sie Konkurrenten heute weit voraus. Aber auch hier hat Corona zu einer kreativen Kehrwende geführt. Lokal bestellen, lokal und schadstofffrei liefern – das hat Zukunft.

Der Deutsche Städtetag hat die Parole ausgerufen: Die Innenstadt wird wieder zum Ort des Wohnens, der Kultur, der Vereine und Verbände, der Begegnung und des Handels. Das belebt und beatmet nicht nur eine sieche Infrastruktur. „Lebendige Zentren“ ist das Motto, unter dem Förderprogramme laufen.

Die große Hansestadt macht es vor

Was noch vielerorts fehlt, ist das Engagement der Städte auf dem Immobilienmarkt, wenn ehemalige Leuchttürme des Handels in der Innenstadt zappenduster sind. Zurück bleiben Schandflecken. In Lübeck zum Beispiel hat die Kommunen gehandelt und ist als Immobilienhändler eingestiegen, als ein großes Objekt in der Innenstadt zum Verkauf stand.

Lübeck schafft in einem verwaisten Innenstadt-Kaufhaus Platz für Gymnasien, der Schulhof kommt auf die Dachterrasse, Hochschulen präsentieren sich und im Keller Startups. Wohnen in der Innenstadt wird subventioniert.

In Bremerhaven schlug auch die Stadt zu, kaufte für 15 Millionen Euro einen verwaisten Konsum-Tempel und reißt ihn ab. Das wird noch mal so teuer. Beide Male bot in guten Zeiten Karstadt dort Waren an. Und gestandene Lüneburger erinnern sich: Früher reisten Leute vom Land aus der ganzen Region für einen Karstadt-Besuch an. Der Lüneburger Handel profitierte lange vom gepriesenen „Karstadt-Effekt“.

Das Baugesetzbuch im Rücken

Das Instrument als Immobilien-Entwickler haben die Städte mit dem Baugesetzbuch in der Hand: Es ist das Vorkaufsrecht zu Verkehrswerten und nicht zu spekulativ überhöhten Preisen von Immobilien-Haien. Das Signal ist klar: Die Stadt hat die Planungshoheit und redet mit.

In Lüneburg werden mit den der Stabsstelle „Nachhaltige Stadtentwicklung“, Förderprogrammen wie „Resiliente Innenstädte“ und frischen Ideen aus dem Laboren der „Zukunftsstadt 2030+“, mit E-Warentransport, Depots und E-Ladestationen richtige Bausteine gesetzt auf dem Weg zu einer lebendigen Innenstadt, die aber radikal anders aussehen wird. Der Umbruch dauert. Ausruhen auf ersten Lorbeeren, das wäre fatal.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann, Moderator, Lünebug- und Elbtalaue-Liebhaber
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16 Antworten zu Tschüs Kaufhaus Lüneburg

  1. Mittelmacht schreibt:

    Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

    Generäle sind nun die neuen Virologen der Talkshows.
    10 Millionen in die Flucht geschlagen und 30 Millionen Gefangene genommen?

    Mittelmacht….

    Kaufhaus Lüneburg sei mal ausgenommen…

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  2. Ferdinand Müller Rommel schreibt:

    Sehr gute Analyse, JJ. Bin froh, dass wir jetzt eine OBerbürgermeisterin haben, mit der man diese neuen Ideen auch umsetzen kann. Das war in der Vergangenheit leider nicht so, ansonsten wäre die aktuelle Bewertung des ‚Kaufhaus Lüneburg’ anders ausgefallen. Ferdinand MR

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  3. .
    Grundsatzprogramm 2021 Grüne
    Mit Mut für die Freiheit
    Wofür wir kämpfen

    Ökologie, Soziales, Demokratie und Europa – lass uns gemeinsam die Zukunft anpacken.
    Kämpfe mit uns für ein starkes Europa, das unsere Werte weltweit verteidigt und für Frieden und Menschlichkeit einsteht

    Auf ihr Grünen Legionäre, das Geschichtliche Momentum ist da. Zeigt euren Mut im Kampf ihr Heldinnen und Helden Europas.
    „Ich wollte, es wäre Nacht, oder die Preußen kämen“

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  4. Krieg und Frieden schreibt:

    Wie herrlich würde es nicht um die Welt stehen, wenn die großen Herrn den Frieden wie eine Maitresse liebten, sie haben für ihre Person zu wenig vom Kriege zu fürchten.
    Was fürchten wir? Die Kerze im Fenster in der Nacht. Das Licht oder die Wärme die uns fehlt. Das halbe Brot, das zum satt werden den Preis eines ganzen trägt? Der Stahlhelm der statt des Kochtopfes nun zu nutzen ist?
    Der Patriotismus, Vaterlands-Liebe, ist das Kriegs-Genie der Nationen. Nationen, die ohne Patriotismus streiten, sind Mechaniker, zugestutzte, abgerichtete Krieger ohne das eigentliche Genie.
    100 Milliarden fürs Militär, wie viel Geld für Zivilschutz wurde benannt? Flüchtlinge, Frauen, Kinder, Alte.
    Stattdessen der erste Rang, Bewohnerparken in Lüneburg die Preise kräftig anheben. Grüner Patriotismus? Zu den Waffen ihr Grünen Legionäre, zeigt Mut in der Ukraine. Freiheit erkämpfen, Werte verteigen, anstatt in der Etappe zu verweilen und in Deckung bleiben.

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  5. Otto Berg schreibt:

    Tschüs, sehr geehrter Ratsherr Pauly,

    ich bin zur Zeit im europäischen Ausland unterwegs.

    Daher habe ich gerade eben erst Ihre Pressemitteilung gelesen: https://www.landeszeitung.de/lueneburg/495293-michel-pauly-kehrt-der-linken-den-ruecken/

    Für mich zählen Sie seit Jahren zu den eindrucksvollsten, fähigsten und integersten Kommunalpolitikern Niedersachsens.

    Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem ebenso mutigen wie notwendigen Schritt. Und ich bewundere Ihre klare, sachliche und überzeugende Begründung!

    Hochachtungsvoll

    Otto Berg

    PS: Finnische Demonstranten haben vorhin vor der russischen Botschaft in Helsinki die patriotische Finlandia-Hymne gesungen, die während der Russifizierung Finnlands von Jean Sibelius zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschrieben worden und 1941 in der bedrohlichen Situation Finnlands nach dem brutalen Angriff durch die Sowjetunion 1939 von Veikko Antero Koskenniemi mit einem Text zu dem gesanglichen Mittelteil versehen worden war. Der Landesname „Finnland“ wurde heute im Lied erstmals überhaupt durch einen anderen, — nämlich durch „Ukraine“ ersetzt.

    Geleitet vom „Ylioppilaskunnan Laulajat“ (YL Male Voice Choir ➝ @YLChoir): https://twitter.com/YLChoir/status/1499098128296857606

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    • Thomas Mitschke schreibt:

      Natürlich gilt es die Entscheidung zu respektieren, doch muss auch mehr als diese Höflichkeitsfloskel möglich sein, nämlich auch Kritik.

      Der Austritt kommt aus meiner Sicht zu früh und für die Linken selbst zur Unzeit. Der innerparteiliche Diskurs in Sachen Ukraine hat doch nicht mit dem Krieg selbst eingesetzt, sondern schon seit der Besetzung der Regierung der Ukraine, und sich fortgesetzt mit dem eingeforderten Sicherheitsabstand von Russland, mit der NATO-Osterweiterung, mit NATO-Manövern und geht weiter mit den bisherigen Rüstungsexporten von Deutschland und nun um die zukünftig geplanten 100 Milliarden für neue Rüstung.

      Das Ganze kann doch in der Partei der Linken weder auf bundes- noch auf Kreisebene zu Ende diskutiert worden sein.

      Pauly moniert, dass in der Sache klare Worte fehlen.

      Für klare Worte hier auf kommunaler Ebene war er lange selbst zuständig, er war geradezu ein Meister der sachlichen Attacke. Lange Zeit hatte er auch die Meinungs- und Deutungshoheit in seinem Kreisverband inne und vertrat diese auch in der Öffentlichkeit, in Ratssitzungen. Offensichtlich fehlt ihm nun im Kreisverband mit gefühlt hoher Fluktuation in der Vergangenheit jetzt offensichtlich der gewohnte Rückhalt.

      In einer schon lang andauernden Phase, wo der Kreisverband im Zuge von Rücktritten, Neuaufstellungen und Personalwechseln ständig um Struktur, eigenes Profil und Inhalte ringt und auch mit sich selbst beschäftigt ist, muss man innerparteiliche Debatten mit dieser Dimension aber aushalten können.

      Sein Austritt schwächt den Kreisverband enorm, diese werden seine Routine, seine Erfahrung, seine strategischen und taktischen Fähigkeiten, seine Rhetorik in der Kommunalpolitik kaum ersetzen können.

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      • Peter Schrader schreibt:

        Wenn man’s genau nimmt, w a r e n Michèl Pauly und Rainer Petroll über viele Jahre der Lüneburger Kreisverband, der sich …Karlheinz Fahrenwaldt und Christoph Podstawa nur darum leisten konnte, weil es zu diesen das seriöse Gegengewicht jener beiden intelligenten kommunalpolitischen Arbeitstiere gab.

        ….
        Dagegen, dass Pauly den Lüneburger Kreisverband übereilt oder „zu früh“ verlassen haben könnte, sprechen seine durchdachten Darlegungen, die er per Pressemitteilung bekannt gemacht hat.
        (Gekürzt jj)

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  6. ezwoh schreibt:

    Für irgendwelche Ladenketten braucht man kein Lüneburg. Die findet man in nahezu jeder deutschen Mittel- oder Großstadt. Der nahezu vollständige Verlust inhabergeführter Fachgeschäfte wie Mummert, Baxmann… in den vergangenen Jahrzehnten rächt sich jetzt. Wer in Lüneburg nicht bekommt, was er sucht, kauft anderwo ein. Ob das online oder in Hamburg ist, ist für Lüneburgs Handel letztlich egal. Für den Kunden bequem ist beides nicht. Da hat man die Wahl zwischen Fahrtzeiten (Hamburg) und nicht zugestellten Paketen, die man sonstwo abholen soll, weil man tagsüber bei der Arbeit ist (online-Bestellung). Zu Karstadt ist zu sagen: Das Sortiment ist immer noch passabel und Beratung wegen der inzwischen recht geringen Mitarbeiterzahl zwar nicht so leicht zu bekommen, aber man trifft dort noch auf Fachpersonal. Das Problem ist das drumherum, das fast nur noch aus Filialen von Ladenketten besteht – besonders in der Bäckerstraße. Wir brauchen mehr kompetent geführte Fachgeschäfte. Ich kaufe da, wo ich gut beraten werde und bekomme, was ich Suche. Das ist aber bei einigen Dingen leider nicht mehr in Lüneburg. Zum Glück gibt es aber immer noch einige Fachhändler, die mehr zu bieten haben als Online-Shops. Die findet man aber eher nicht mehr in der Bäckerstraße.

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  7. warrel040 schreibt:

    Das belebt und beamtet nicht nur eine sieche Infrastruktur…
    „beamtet“ oder „beatmet“? Tippfehler oder Freudscher Fehler?

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  8. Üppige Landschaftsgestaltung, plätschernde Springbrunnen und Freiflächen treffen in den Lüneburg power Shops auf High Fashion, kreative Küche und „be seen“ Events. Dieses Einkaufs-, Ess- und Unterhaltungsstadtzentrum beherbergt über 50 feine Einzelhändler, darunter Boutiquen und Shopping-Favoriten wie Williams-Sonoma, Chico’s, White House | Black Market, Banana Republic und Talbots. Außergewöhnliche Einkaufsmöglichkeiten.

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