
Die Souveränität und die Freiheit Kanadas stehen auf dem Spiel, und es vergeht kaum ein Monat ohne neue Provokationen der USA gegen den einst engsten Verbündeten Kanada. Das Hautnah bekommt das der Lüneburger Dr. Bernd Althusmann (Foto) in Ottawa mit, der ehemalige Kultus- und Wirtschaftsminister von Niedersachsen und stellvertretende Ministerpräsident leitet dort seit 2024 das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Herr Althusmann, wie ist das Stimmungsbild in Kanada nach den neuen Trump-Zoll-Eskapaden?
Anstatt einzuknicken, zeigt Premierminister Mark Carney Rückgrat. Er setzt auf den neu erweckten Patriotismus in nahezu allen Teilen der Gesellschaft Kanadas. Carney spricht bewusst von einem „Krieg“ und einem Angriff der USA auf die Souveränität Kanadas. Und die irrationale Attacke des US-Präsidenten durch die einseitige Umbenennung des Lake Ontario in Lake America schweißt die Kanadier noch mehr zusammen.
Stehen die Kanadier auch zum Abbruch der Verhandlungen über ein Handelsabkommen mit den USA und als Folge zu den erneuten Strafzöllen?
Laut jüngsten Umfragen stehen 70 Prozent der Bevölkerung hinter seinem Kurs. Wie lange dies anhält, ist fraglich. Bei Nachwahlen Ende August haben sich die Liberalen um Premierminister Mark Carney die parlamentarische Mehrheit weiterhin gesichert. Ob er allerdings den kanadischen Patriotismus auch dann noch entfachen kann, wenn in den kommenden Wochen die Auswirkungen der Strafzölle in der kanadischen Bevölkerung spürbar werden, ist ein schwer einschätzbares Risiko. Wirtschaftsverbände und die Gewerkschaften fordern eine schnelle Rückkehr an den Verhandlungstisch. Die Befürchtungen eines massiven Arbeitsplatzverlustes und eine Senkung der Kaufkraft auf beiden Seiten sind mehr als berechtigt, denn schon jetzt befindet sich Kanada in einer rezessiven Phase. In der Industrie steht der Verlust von 40.000 Jobs zur Disposition, die Arbeitslosigkeit ist auf 6,4 Prozent gestiegen.
Wie konnte es nur soweit kommen?
Die Eskalation dieses Handelsstreits ist nahezu unerklärlich, denn beide Länder Nordamerikas waren und sind bis heute – entgegen des oft vermittelten Eindrucks – aufeinander angewiesen, die Industrien stark miteinander vernetzt. Kanada und die USA sind weder unabhängig noch verfügen sie über einen autarken Währungsraum.
Eine maßgebliche Ursache für die harten US-Forderungen dürfte die Ankündigung Kanadas sein, den eigenen Markt für China stärker zu öffnen. Für den Herbst ist nach noch nicht bestätigten Informationen ein Besuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Kanada angekündigt, nachdem Premierminister Carney China im Januar 2026 besucht hatte. Kaum ein vergleichbares Land der G7 versucht derzeit, seine Wirtschafts- und Handelsabkommen derart stark zu diversifizieren.
Ein Beispiel
Der US-Dollar steht aufgrund einer explodierenden Staatsverschuldung der USA mittelfristig unter Druck, der US-Staatsanleihe-Markt ist dies bereits. Laut Energieministerium stammen rund 99 Prozent der importierten Gaslieferungen in die USA aus dem nördlichen Nachbarland Kanada. Neben Öl-Sanden aus Alberta und weiteren Produkten der chemischen Industrie, liegen auch die großen Kalium-Minen in Kanada und versorgen von dort unter anderem den nordamerikanischen Kontinent und auch Europa. Laut kanadischem Handelsministerium wurden in den vergangenen Jahren Waren und Dienstleistungen zwischen Kanada und den USA in einer Größenordnung von etwa 2,2 Milliarden Euro pro Tag ausgetauscht.
Wo geht die Reise für Kanada unter diesen Vorzeichen hin?
Ziel Kanadas ist seit Beginn der erneuten Drohungen der US-Administration Trump II einerseits eine stärkere Unabhängigkeit von den USA, aber andererseits eine stärkere Ausrichtung auf Europa und den Indo-Pazifikraum. Die vom kanadischen Premierminister Mark Carney noch im Januar 2026 in Davos angemahnte „neue Weltordnung“, geprägt von den Mittel-Mächten. sieht sich insofern aktuell neben den offenen Angriffen durch autokratische Staaten und Diktaturen, besonders der sogenannten CRINK-States (China, Russland, Iran und Nordkorea), immer neuen und willkürlichen Strafzoll-Drohungen Trumps ausgesetzt. Auf den ersten Blick ist das Auf und Ab der US- Drohungen gegenüber Kanada seit über einem Jahr fast Alltag und Routine im Verhältnis zu den USA geworden. Ein Überblick über deren Stand, Grund oder Inkraftsetzung gelingt kaum noch.
Und die USA?
US-Präsident Trump hat die Gegenwehr Kanadas eindeutig unterschätzt. Doch auch Premierminister Mark Carney kann nicht zaubern. Die Kanadier auf eine harte Antwort einzuschwören, ist das eine, das andere sind die Folgen harter Entscheidungen, wenn sie in den nächsten Monaten tatsächlich schmerzhaft in der Bevölkerung spürbar werden sollten. Die jetzt angekündigten Milliarden- Kompensationen müssen irgendwann wieder zurückgezahlt werden. Carney als Finanzexperte weiß darum.
Foto privat: Bernd Althusmann auf dem Major Hill am Ottawa River nahe dem Parlament.