Ich bin sauer, aber werde nicht zum Kamikaze-Wähler

Lünburg, 22. September 2017

Es wird in den Medien diskutiert, ob Zeitungen Wahlempfehlungen geben sollten. Machen wir nicht. Aber eine Bitte habe ich.Ich wähle seit Jahren im Wechsel  im Bundestag vertretene Parteien.  Und vor jeder Wahl ärgere ich mich generell über Parteiprogramme: Warum verspricht die CDU jetzt ein Baukindergeld, jetzt, wo ich doch längst gebaut habe? Warum ist die Kita bei der SPD künftig gebührenfrei, warum nicht schon in den vergangenen vier Jahren, sie war schließlich mit am Ruder?  Und dann dies „Online first, Bedenken second“. Wie lange reden wir noch über Breitband? Und ich ärgere mich über die Grünen, die vom Rad reden, aber zu wenig tun. Ganz eigentlich müsste ich die Linke wählen, weil ich dann endlich umsonst mit dem Bus fahre.

Ja, ich bin richtig sauer, aber das ist für mich kein Grund zum Nichtwähler oder Kamikaze-Wähler zu mutieren, weil die da in Berlin angeblich machen, was sie wollen.

Mein Schlüsselerlebnis fällt auf den 23. September 2001. Die Hamburg-Wahl war gelaufen. Ich war Augenzeuge im Kongresszentrum CCH. Richter Gnadenlos  Ronald Barnabas Schill hatte einen Sensationssieg eingefahren mit der Rechtsstaatlichen Offensive (19,4 Prozent) und er kam vor lauter Blitzlichtgewitter und Medienmeute keinen Schritt voran. Hinterher war ich auf einer Wahlparty an der Alster, wo sich Rechtsanwälte und Reeder als Schill-Fans brüsteten. Ich hoffe, sie schämen sich noch heute. Wählen mit dem einzige Ziel „Denen zeigen wir es mal“, kann mächtig in die Hose gehen wie in Hamburg. Denn bis zum nächsten Wahltermin  vergehen vier, fünf Jahre.

Warum ich hier so in privaten Wahlerinnerungen stochere? Weil ich mich freuen würde, wenn Sie sich in der Wahlkabine einfach mal fragen: Wofür steht mein Kreuz? Das ist wirklich bedeutsam und mächtig. Sie hätten da sogar die Freiheit, Freiheit und Demokratie abzuwählen. So weit geht das mit der Freiheit. Das aber nur einmal. Die Folgen erleben wir in der Welt. Und wenn es Sie für Deutschland interessiert. Steht alles in den Geschichtsbüchern. Wählen heißt: Verantwortung zeigen und übernehmen.

Hans-Herbert Jenckel

 

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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8 Antworten zu Ich bin sauer, aber werde nicht zum Kamikaze-Wähler

  1. Jo Bembel schreibt:

    Ich halse nichts von der Wahl und was ich davon halte, behalte ich für mich.

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  2. Klaus Bruns schreibt:

    jeder der mit der cdu koaliert, muss sich bis zur unkenntlichkeit verbiegen. die quittung dafür kommt vom wähler. die seeheimer der spd haben für dieses wahlergebnis die verantwortung zu tragen. sie sollten platz machen und lieber die partei wechseln. ein neuanfang geht nur ohne sie.

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  3. Olli Schmitt schreibt:

    Hallo Herr Pleschke, sind Sie immer noch auf Hochzeitsreise in Kenia? Sie schreiben so implosiv shengistisch, als würden Sie vom informellen Straßenslang aus Swahili, Englisch und anderen einheimischen Sprachen kommandiert, wie er in und um Nairobi genutzt wird. Hallo Herr Jenckel, es gibt zwei, drei Tippfehler in Ihrem Kamikaze-Artikel, die sollten Sie mal tilgen. Oder ist eh schon alles egal?

    Alle meckern über den angeblich stinklangweiligen Wahlkampf, zum Beispiel Jürgen Kern: https://jj12.wordpress.com/2017/09/01/der-vergiftete-lueneburger-rat/#comment-1236 . Ich aber nicht, ich beobachte und bestaune eine der aufregendsten Kampagnen, die wir jemals erleben durften. Erster Beweis: Die Bundeskanzlerin hat in eigener Person und auf Befragen ausdrücklich mitgeteilt, daß sie diesen Wahlkampf nicht langweilig findet. Na also! Außerdem war bis zuletzt völlig unklar, ob überhaupt gewählt werden, ob die Kanzlerin tatsächlich eine Wahl ansetzen würde. Wozu noch? Schließlich regiert Merkel schon seit 2005, gefühlt sogar seit 1985, und das auch noch ununterbrochen – so daß sich eine neuerliche und mit absehbarem Ergebnis veranstaltete Wahl, also praktisch eine Scheinwahl, ziemlich erübrigte. Vielleicht will die Kanzlerin ja einfach ganz gerne noch mal eine Amtszeit haben, in der sie wenigstens einen Berliner Großflughafen eröffnen kann. Das darf sie, die in ihrer erfreulich unaufgeregten Art die Verwaltung, wo nicht Verwesung der eigenen Dauerpräsenz längst zur eigentlichen Chefinnensache gemacht hat, jederzeit von uns verlangen.

    Dennoch regt sich Widerstand im Land. Martin „Ich strebe an, Bundeskanzler zu werden“ Chulz ist ein erprobter Kämpfer, ein Fighter, ja im Prinzip ein Tier. Er hat sich von ganz unten nach ganz oben gerackert, von Würselen nach Brüssel (145 km), hat sich vom einfachen Buchhändler ohne Abitur, nur mit einem SPD-Parteibuch bewaffnet, bis zum Alkoholiker hochgearbeitet, vom Provinzbürgermeister bis zum (quasi) Weltenherrscher im Parlament unseres gemeinsamen Hauses Europa. Klar, daß so einer jederzeit Kanzler werden kann, wenn er das nur will. Und der Wähler nicht blöd dazwischenfunkt.

    Genialerweise ließ Chulz bis zuletzt offen, ob er nun, im tobenden Endkampf, eher der CDU/CSU Paroli bieten will – oder ob er in einen viel spannenderen und völlig offenen Kampf um Platz drei einsteigen wird, vulgo gegen Grüne, Linke, AfD, FDP und die als Geheimtip gehandelte Veganer-Vegetarierpartei V-Partei³.

    Bis zuletzt beschäftigte uns auch die Frage, ob sich der Posterboy der FDP irgendwann doch noch ganz ausziehen würde – ob Christian „Digital first“ Lindner uns also nicht nur im kleinen Weißen, sondern, bis auf die an höherer Stelle sprießenden Schamhaare, konsequent textilfrei gegenübertreten würde. Bedenken second! Alle elf Minuten verliebt sich der FDP-Chef in sich selbst, witzelt das Internet und verweist so augenzwinkernd auf die Tatsache, dass Lindners Botschaft auch in diesem Wahlkampf ganz er selbst ist. Falls er es mit seiner fortschrittlich-liberalen Trümmerpartei tatsächlich ins Parlament schafft, wird er Merkel (oder wem auch immer, Zwinkersmiley) ohne jeden Zweifel das Amt des Bundeslindnerministers abschwatzen können.

    Nächste Frage, die Wahllokale öffnen ja schon bald: Werden die Grünen, die FDP des kleinen dummen Mannes, erneut in die Opposition gehen? Oder wird die Fraktion geschlossen den Reichstag verlassen und ins gelobte grüne Ländle, nach Baden-Württemberg remigrieren, um sich von Papa Kretsche in genau die Vorstands- und Aufsichtsratsposten hieven zu lassen, in denen grüne Politik „wirklich gelebt“ (C. Roth) werden kann?

    Und wie viele Rechtsradikale werden im nächsten Bundestag sitzen, wenn man die CSU nicht mitzählt? Wird dieser dann auch wieder offiziell „Reichstag“ heißen, so wie das um ihn herumstehende Gebäude? Wird Gauland als Gauleiter entsorgt, wird Alice „Ich gehe jetzt“ Weidel im Falle einer AfD-Regierungsbeteiligung das Amt der Reichsaußenministerin erhalten? Doch selbst wenn sie es nur zur Reichspropagandistin im Range eines Staatssekretärs bringen sollte – ihr Amt will sie in jedem Fall vorzeitig verlassen, wahrscheinlich schon nach dreißig Minuten oder der ersten Fake-Frage eines Journalisten der linksversifften Lügenpresse.

    Die spannendsten Fragen werden sowieso erst nach der Schließung der Wahllokale gestellt werden: Wurde auch dieser Wahlkampf aus dem russischen Ausland gesteuert? Wie lange wird es dauern, bis rauskommt, daß der CDU-Paladin Jens Spahn in Wirklichkeit ein von den Russen gesteuerter Social Bot ist, der nur darauf programmiert wurde, auf die Hashtags #parallelgesellschaft, #talkgerman, und #muttimußweg zu reagieren?

    Und wenn wir schon bei den unbequemen Fragen sind: Wird die Demokratie tatsächlich an der erschütternden Tatsache zugrunde gehen, dass auch Die PARTEI auf den Wahlzetteln steht – wie dies zuletzt von praktisch allen Wahlkommentatoren festgestellt wurde? Wobei die größte Gefahr für die Demokratie gar nicht der PARTEI- oder gar Nichtwähler ist, sondern der Wechselwähler. Diese Bestie in Demokratengestalt degradiert letztlich die postwestdeutsche Demokratie Merkelscher Prägung zum schieren Experiment, zum Vabanquespiel, ja zur – sprechen wir’s aus – zur Anarchie. Alle Statistiker hassen den Wechselwähler. Er ist undurchschaubar, unberechenbar, unsympathisch und eine fundamentale Bedrohung jeder ordentlichen Wahlprognose.

    Ohne Wahltrends und Umfragen jedoch bräche der Demokratiemarkt zusammen, die Statistiker könnten einpacken, Studios stünden leer, ganze Umfrageteams würden in die Wüste geschickt; Wahlbeobachter hätten nichts zum Angucken, ein Lumpenheer von Leitartiklern, Kommentatoren und Internettrollen irrte durch dieses unser Land, in dem wir doch alle „gut und gerne“ leben sollen.

    Wer ist dieser Wechselwähler überhaupt, diese stinkende Dieselversion des sauberen Nicht-, Protest- oder Dennochwählers? Helmut Kohl sprach in schlecht gespielter Ehrfurcht immer vom „obersten Souverän“ – einer mächtigen Institution, der man mit Respekt und Ehrlichkeit begegnen solle. An Ehrlichkeit zumindest ließ es Kohls politischer Großvater Konrad Adenauer nicht mangeln, als er nach der ersten Bundestagswahl 1949 das geheimnisvolle Wesen des Souveräns näher beschrieb: „Der Durchschnittswähler denkt primitiv, und er urteilt auch primitiv.“

    Der Wahlkampf ist ein zermürbender, aber heftiger Liebesakt der Politik mit dem Volk: Auf ein endloses Werben, Bezirzen und Umgarnen folgt ein kurzer, in seinem nüchternen mathematischen Resultat oft genug enttäuschender Höhepunkt. Jedenfalls ist der Orgasmus in Relation zu dem ziemlich langen und klebrigen Vorspiel von rund sechs Monaten erschütternd kurz. Er dauert von der ersten Prognose um zehn nach Sechs bis ca. 18.25 Uhr, dann steht meist schon alles fest. Bis dahin aber bleibt es spannend wie noch nie.

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    • Klaus Bruns schreibt:

      wähler ohne vereinsbrille sind mangelware. verteufelt mir nicht die wechselwähler. die haben nämlich die demokratie ,,verinnert-licht“.verinnerlicht haben politiker selten etwas.die partei hat eben immer recht.

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  4. Heinz-Georg Pleschke schreibt:

    Klartext Hans Herbert Jenckel… dein Kommentar erinnert mich fatal an den Wahlslogan der CDU unter Adenauer „KEINE EXPERIMENTE“ vor über 40 Jahren… Demokratie braucht aber den Wechsel und neue Ideenansätze um anstehende Probleme bewältigen zu können… ein statisches „weiter so“ fördert nur Elitedenken (das Volk ist zu dumm zu entscheiden Elmar Brok CDU EU Abgeordneter) und damit zum Niedergang von demokratischen Regeln… leider neigen Politiker selten dazu ihre eigenen politischen Entscheidungen für das Volk kritisch zu hinterfragen.. der Wahltag ist dann eben HIGH NOON.. für den Wähler und die bisherige Politik…

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    • jj schreibt:

      Als kurzzeitiger Bürgermeister von Melbeck hast du da ja Erfahrung gesammelt. Aber mir geht es um Populismus, der kein politisches Ziel hat.

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      • Heinz-Georg Pleschke schreibt:

        immerhin habe ich Ende der 70er Jahre als JUSO mit 27 Jahren eine volle Wahlperiode als Bürgermeister durchgehalten… von wegen „kurzzeitig“… und nach mehr als 15 Jahren Kommunalpolitik für mich persönlich mit Mitte 30 die Reissleine gezogen, da ich kein Berufspolitiker werden wollte..
        gestern war nun Wahltag HIGH NOON… meine noch aktiven Parteifreunde von der SPD haben das schlechteste Wahlergebnis seit 1949 eingefahren dank jahrelanger verfehlter Politikansätze (nicht Schröder oder die AGENDA 2010 war Schuld… bergab ging es als Funktionäre wie Müntefering und folgende die Parteilinie bestimmten ohne auf die wirklichen Probleme der Wählerschaft einzugehen…) und zählen nun die Leichen… ein weiter so nun in Opposition mit den alten Gesichtern verzögert nur das Siechtum der SPD… neue Leute, neue Gesichter, neue Programmansätze sind dringend notwendig um wieder Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu erreichen…

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