Melbeck hat genug gelitten

Ob die nächsten Abschnitte der A39 Richtung Braunschweig mit dem Infrastruktur-Booster der Bundesregierung nun schneller kommen, das ist für Melbeck wichtig. Kein Ort im Landkreis Lüneburg leidet dermaßen am Verkehr, hier, auf der B4 ist die Blechkarawane kein Bild, sondern täglich wahrer Wahnsinn. Wer gegen die A39 ist, sollte aber für eine Umgehung kämpfen.

Ich kann mich noch erinnern, als die Bundesstraße zwei Spuren hatte und ab und an ein Auto Richtung Lüneburg fuhr. Wohin es in die andere Richtung ging, das war für uns Knirpse terra incognita. Wir wussten nur, wenn der dicke Mercedes von Onkel Hermann Hahn aus der Floetstraße gemächlich auf die B4 einbog, dass er zum Regieren nach Hannover fuhr oder umgekehrt als Landrat nach Lüneburg. Heute würde er immer zu spät kommen, weil er gar nicht auf die Bundesstraße käme. 

Denn der Verkehr wuchs exponentiell. Die Straße wurde ausgebaut, die Anrainer wurden für ’nen Appel und ’n Ei entschädigt und Autos und Laster fuhren vierspurig durch Melbeck. Mit einem Planerhieb wurde das Dorf in zwei Teile zerschlagen, links und rechts dieser vierspurigen Straße. 

Dass es so kam, lag auch am Rat, der nicht den Mumm hatte, sich schon damals vorausschauend für eine Umgehungsstraße einzusetzen. Meine Tante Mauschi im Lindenhof, da tagte der Rat, fürchtete die Umgehung wie der Teufel das Weihwasser. Die B4 versprach viele Gäste.

Heute laboriert der Ort an Ideen, um den überbordenden Verkehrsfluss zu regulieren. Bürgermeister Christoph Kleineberg: „Wir haben uns als Gemeinde das erste Mal überhaupt hingesetzt und mit Expertinnen und Experten einen Plan entwickelt, wie der Verkehr durch Melbeck laufen soll, nachdem wir Jahrzehnte lang nur darüber diskutiert haben. Herausgekommen ist ein Konzept mit der ‚grünen Welle‘, die das Einbiegen auf die B4 erleichtert und den Verkehr flüssiger gestaltet sowie Änderungen der ÖPNV-Linien, um größere Gebiete an das Busnetz anzuschließen. Das Konzept ist mit Expertinnen vom Landesstraßenbauamt, der Polizei, dem Landkreis und anderen Akteuren diskutiert und soll umgesetzt werden. Der erste Schritt geschieht im Rahmen der Sanierung der Deckschicht der B4 nächstes Jahr.“

Umgehungen aber haben zwei Seiten: Der Durchgangsverkehrs wird aus dem Ort rausgehalten, die Umgehung verändert den Charakter eines Ortes. Kennen Sie noch Kirchweyhe vor Uelzen, nein, kein Wunder, heute fahren auch alle dran vorbei. Oder Dahlenburg? Mit der Umgehung drohte der Ortskern zu veröden. Leere Geschäfte, tote Hose. Mit viel Mühe ist Dahlenburg bis heute dabei, Leben in den Ortskern zu bekommen. Der Erfolg – noch nicht durchschlagend. 

Und in Melbeck? Da entwickelt sich gerade einiges: Bäcker Kruse hat ein neues Café samt Laden eröffnet, vis-à-vis das Eis-Cafe hat nun eine große Terrasse, im alten Ortskern wird das Hammeresche Ensemble nach und nach saniert, der Pferdehof Drewes gegenüber zeigt, was man aus einem alten Bauernhof machen kann (fünf Sterne), und in absehbarer Zeit wird neben dem großen Supermarkt auch noch Wohnen und Kleingewerbe angesiedelt, der alte Lindenhof samt verwaistem Hotel abgerissen. 


Wie sich das entwickelt, wenn die A39 weitergebaut wird und wie einst die B4 nur noch durch’s Dorf führt – darauf, genau darauf müssen sich die Melbecker vorbereiten, damit die Chance, dass wieder zusammenwächst, was zusammengehört, nicht vertan wird.

 
Hans-Herbert Jenckel

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11 Responses to Melbeck hat genug gelitten

  1. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    Ab dem kommenden WochenendeNiedrigwasser: Lkw-Fahrverbot wird weiter gelockert

    Und nichts wie hinein in den nächsten Stau.Schmunzel

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    • Avatar von A. Janowitz A. Janowitz sagt:

      Ist doch sowieso völlig Banane? Die Pozilei fühlt sich zurrecht verarscht? Der Wahl-o-mat Bürger natürlich auch? Wer erwartet noch geringste Hinraktivität? Oh ich vergass Klingbeil mit seinen semi angebrachten Steuervorschlägen, nur blöd das die Oligrachen mittlerweile überall das Sagen haben, was?

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  2. Avatar von Otto Berg Otto Berg sagt:

    Juli Zeh wird mancher Melbecker in manchen Hinsichten bestimmt Recht geben. Sie kommt nach meinem Geschmack aber streckenweise als eine etwas zu verständnissinnig aufgelegte Bescheidwisserin rüber. Vor allem, wenn sie persönliche Beobachtungen (über den Osten) über den großen Kamm pauschaler Gewissheiten (über den Westen) schert und behauptet, „dass die Politiker von einem Menschenbild ausgehen, das vollkommen irreal ist“. Den Einwand, das zweifellos traurige Wegschmelzen von Schulen und öffentlichem Nahverkehr, von Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäusern, sowie von Friseuren und Einkaufsmöglichkeiten „in Reichweite“ auf den Dörfern, aber auch schon der Ladenleerstand in Klein- und Vorstädten sei „eine logische Folge jahrzehntelanger Landflucht“ und digital induzierter Veränderungen, „will sie nicht gelten lassen“. Ihr Argument: In puncto „öffentlicher Daseinsvorsorge“ könne „es nicht nur darum gehen, was rentabel und effizient ist.“ Den „Unterschied zwischen Großstadt und Provinz hält sie für den eigentlichen clash of civilizations“ unserer Zeit. In „Politik und Medien werde häufig nur der eine, urbane Teil berücksichtigt“. Die selbsternannte „Anwältin der Landbevölkerung“ gibt sich außerdem überzeugt, „rassistische Einstellungen würden durch Verteilungskämpfe bedingt oder verstärkt“. Ist das so? Das Fehlen von Busverbindungen, Bankschaltern und Postämtern, nicht ein Übermaß an Denkfaulheit, Vorurteilen und Anspruchsmaulereien ist für das Entstehen, Intensivieren und sich Ausbreiten von Hass, Demagogensehnsucht und (verbale) Gewalt verantwortlich? Und der „durchschnittliche AfD-Wähler“ ist auch „kein Rechtsradikaler“, sondern „einfach extrem unzufrieden“? (Ist „extreme Unzufriedenheit“ denn eine Entschuldigung für extreme Destruktivität in Rede und Handeln?) Und Zehs (in meinen Augen verrücktes) Fazit: „Wenn es zum Bürgerkrieg [!] kommt, dann zwischen Zentrum und Peripherie“?

    Auch hier scheint mir Goethes Warnung aus den Wanderjahren angebracht:

    Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Wege, entsetzliches Unglück anzurichten.

    Was unsere modernen, Unheilvolles prognostizierenden Argwöhner gegen Wahlausschüsse und Gesetzesnovellen angeht, mal etwas ganz anderes:

    Die diesjährige parlamentarische Sommerpause des Deutschen Bundestages hat am 10. Juli 2026 begonnen und dauert bis Anfang September. Die nächste reguläre Sitzungswoche startet am 7. September 2026.

    Sachsen-Anhalt wählt am 6. September 2026 einen neuen Landtag.

    Heute vor 94 Jahren und 3 Tagen, am 31. Juli 1932 wurde die NSDAP mit 37,3 Prozent stärkste Partei bei den Reichstagswahlen.

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  3. Avatar von jj privat jj privat sagt:

    Wir (also ich) hier unten, die da oben. Am Gängelband dieser Devise räsonieren nicht nur Lüneburger OB-Kandidat*inn*en, sondern auch Brandenburger BPräs-Kandidat*inn*en:

    .

    Ein Besuch bei Juli Zeh:

    „Die Menschen hier kommen sich zunehmend verarscht vor“

    Juli Zeh in einem Waldstück nahe ihrem Wohnort
    Juli Zeh in einem Waldstück nahe ihrem Wohnort. – Foto: Andreas Pein

    Die Bestsellerautorin Juli Zeh lebt in einem Dorf in Brandenburg, in dem die AfD die absolute Mehrheit holt. Warum sie den Zorn der Provinz verteidigt und manchmal einen Bürgerkrieg befürchtet: Ein Besuch.

    Von Jannis Koltermann

    „Ein typisches ostdeutsches Straßendorf. In der Mitte eine Kirche mit Dorfplatz. Bushaltestelle, Feuerwehr, Briefkasten. 284 Einwohner.“ Das ist Bracken, der Schauplatz von Juli Zehs Roman „Über Menschen“. Es könnte freilich ebenso gut das Dorf im brandenburgischen Havelland sein, in dem die Autorin selbst lebt. Ganz wie in Bracken gibt es dort „keinen Laden, nicht einmal einen Bäcker“, und der Aushang an der Bushaltestelle liest sich „wie eine fahrplangewordene Absage an die Idee vom öffentlichen Nahverkehr“ (höchstens alle zwei Stunden ein Bus, am Wochenende gar keiner).

    Der erste Eindruck des Städters, nach anderthalbstündiger Anreise aus Berlin, ist dennoch positiv. Die meisten Häuser sind in bunten Farben gestrichen, und selbst die unrenovierten versprühen mit ihren bröckelnden Stuckfassaden noch einen gewissen Charme. Auf dem großen Dorfplatz prangt ein Abenteuerspielplatz, wie ihn sich viele Großstadtkinder nur wünschen können. Im Bücherschrank daneben stehen Klassikerausgaben aus der DDR: Goethe, Lessing, Tucholsky.

    Wovon viele Städter nur träumen können: Abenteuerspielplatz in Juli Zehs Dorf im Havelland
    Wovon viele Städter nur träumen können: Abenteuerspielplatz in Juli Zehs Dorf im Havelland. – Foto: Andreas Pein

    Eigentlich schön hier, oder? Juli Zeh ist nicht in Landlust-Stimmung. Gleich bei der Begrüßung am Dorfrand teilt sie dem Fotografen mit, dass sie heute am liebsten gar nicht fotografiert werden würde: Sie sei die Nacht über zum Feiern in Berlin gewesen und erst vor einer halben Stunde aufgestanden – es ist 16 Uhr. Lobt man den Spielplatz, erklärt sie, dass er „natürlich“ nur durch private Spenden zustande gekommen sei: „Der Staat tut nichts für die Leute hier, er macht ihr Leben immer nur schwerer. Kein Wunder, dass die Menschen auf dem Land sich zunehmend verarscht vorkommen.“ Manchmal glaube sie, das sei „die Vorstufe zu einem Bürgerkrieg“.Die Anwältin der Landbevölkerung ist aus der Stadt zugezogen

    Die Bestsellerautorin, die nach einer Tanznacht in Berlin durch brandenburgische Wälder spaziert und gegenüber einem Großstadtjournalisten die Wut der Landbevölkerung verteidigt: Damit ist Zehs Stellung in der deutschen Diskurslandschaft schon ziemlich gut bezeichnet. Mit so viel Nachdruck wie sonst kaum jemand setzt sie seit zehn Jahren die Unterschiede zwischen Stadt und Land auf die literarische und die politische Agenda.

    Das trifft offenbar einen Nerv. Ihre auf dem Land spielenden Romane wie „Unterleuten“ oder „Über Menschen“ verkauften sich millionenfach, fast wöchentlich tritt sie in den Medien in Erscheinung, zuletzt war sie sogar als künftige Bundespräsidentin im Gespräch. Was also sieht man vom Dorf aus anders als in der Stadt? Und warum scheint das die Menschen so zu faszinieren?

    Juli Zeh mit ihren beiden Hunden auf einem Feldweg nahe ihrem Wohnort
    Juli Zeh mit ihren beiden Hunden auf einem Feldweg nahe ihrem Wohnort. – Foto: Andreas Pein

    Eigentlich, das verschweigt sie nicht, ist Zeh selbst Städterin. Geboren 1974, wuchs sie zu Hauptstadtzeiten in Bonn auf, wo ihr Vater als Jurist in der Bundestagsverwaltung Karriere machte. Nach einem Jura- und Schreibstudium in Passau und Leipzig suchte sie 2007 nach einer Wohnung in Berlin. Nur zufällig, so erzählt sie, während sie den Fotografen dann doch ein paar Aufnahmen machen lässt, sei sie beim Durchforsten der Anzeigen auf jenes schöne, aber damals überaus renovierungsbedürftige alte Gutshaus gestoßen, in dem sie heute mit ihrem Mann, dem Schriftsteller David Finck, und ihren beiden Kindern wohnt.Die populärste Vertreterin des Dorfromans

    Bis das Dorfleben für sie zum Thema wurde, dauerte es dann noch einmal fast zehn Jahre. Ihre ersten Werke wie „Spieltrieb“ oder „Corpus Delicti“ behandelten juristische und philosophische Fragen in teils experimenteller Form. Den Feuilletons boten sie Gesprächsstoff, verkauften sich aber nicht so gut, dass Zeh nach eigener Aussage allein vom Schreiben hätte leben können.

    Erst „Unterleuten“ brachte 2016 den Durchbruch in die Bestsellerlisten. Mit der multiperspektivisch erzählten Geschichte von der Dorfgemeinschaft, die durch den geplanten Bau von Windrädern aus den Fugen gerät, kamen eine neue Agentin, ein neuer Verlag und schließlich ein ZDF-Mehrteiler. Zeh wurde die populärste Vertreterin jener Tendenz zum Dorfroman, die sich auch bei Autoren wie Saša Stanišić („Vor dem Fest“) oder Lola Randl („Der große Garten“) zeigte. Es war die Zeit, als immer mehr Berliner vor den steigenden Mieten und dem beschleunigten Leben der Hauptstadt aufs Land flohen.

    Doch nicht so schön hier? Ein aufgegebenes Gasthaus
    Doch nicht so schön hier? Ein aufgegebenes Gasthaus. – Foto: Andreas Pein

    Zu diesem sehnsüchtigen Interesse am Landleben kam allmählich ein sorgenvolles hinzu. Mit jedem Prozentpunkt für die lange vor allem im ländlichen Ostdeutschland verwurzelte AfD traten die Konflikte zwischen West und Ost, zwischen Stadt und Land stärker ins öffentliche Bewusstsein. Fast folgerichtig wurden diese Trennlinien auch in den beiden nächsten Teilen von Zehs inoffizieller Dorftrilogie schärfer und politischer.

    In „Über Menschen“ von 2021 löst sich die Hauptfigur Dora von ihrem großstädtischen und Corona-besessenen Lebensgefährten Robert, zieht ins kleine Bracken und freundet sich dort mit ihrem Nachbarn, dem „Dorf-Nazi“ Gote, an. Im Briefroman „Zwischen Welten“ von 2023 diskutiert eine Brandenburg-Rückkehrerin und Landwirtin mit einem progressiven Hamburger Kulturjournalisten. Nicht zuletzt von persönlichen Erfahrungen seien diese Romane inspiriert gewesen, meint Zeh, vor allem von ihrer überraschend unkomplizierten Aufnahme in die örtliche Dorfgemeinschaft. Zugleich, das zeigt ihr Erfolg, hatte sie beim Schreiben den Finger am Puls der Zeit.Ihre Bücher bieten Versuchsanordnungen

    Die Literaturkritik konnte ihren Werken zuletzt jedoch immer weniger abgewinnen. Ihre Metaphern seien entweder abgedroschen oder schief, heißt es. Vor allem aber mangele es ihren Charakteren an Tiefe: Weil sie stets einen bestimmten Standpunkt verkörpern sollten, wirkten sie konstruiert, und Zehs Szenarien angestrengt. Wie im Bemühen, ja kein einschlägiges Thema zu übergehen, lässt sie in „Zwischen Welten“ den progressiven Stefan mit seinen Kollegen über „Critical Race Theory, intersektionellen Feminismus, Klimawandel, White Supremacy, Gendersprache und die Bekämpfung der AfD“ diskutieren. Kann sie verstehen, dass das auf manche allzu schematisch wirkt?

    Idealtypus oder Stereotyp? Juli Zeh in ihrem Atelier
    Idealtypus oder Stereotyp? Juli Zeh in ihrem Atelier. – Foto: Andreas Pein

    Mittlerweile haben wir den Spaziergang beendet und sitzen in einem kleinen, frisch renovierten Haus am Dorfrand, dem „Atelier“, wie die Autorin es nennt. Zeh spricht sicher und animiert, beginnt bisweilen mit der Antwort, bevor die Frage formuliert ist. Bei „Zwischen Welten“, sagt sie, sei es ihr und ihrem Mitautor Simon Urban um eine Art „Versuchsanordnung“ gegangen, wofür man die einzelnen Standpunkte dann eben etwas zuspitzen müsse. Dora und Gote in „Über Menschen“ aber seien Charaktere, wie sie sie selbst aus dem Leben kenne. Und überhaupt: „Ich sehe Stereotype nicht unbedingt als etwas Schlechtes.“

    Wer Zehs Wirken in Gänze betrachtet, fragt sich gleichwohl, ob die argumentative Klarheit, die ihr juristisches und politisches Denken eher auszeichnet, ihr literarisch nicht gelegentlich im Wege steht. Heuristisch kann es sicherlich sinnvoll sein, die Wirklichkeit in strenge Kategorien wie Stadt und Land einzuteilen. Die Kreativität aber leidet, wenn Kunst diese Kategorien lediglich reproduziert, ohne etwas Drittes, Neues daraus entstehen zu lassen. Was in der Wissenschaft ein Idealtypus ist, wird in der Literatur rasch zum Klischee.Sie ist eine der letzten öffentlichen Intellektuellen

    Dass Zeh eine bemerkenswerte Stimme im gesellschaftlichen Diskurs ist, erkennen hingegen häufig auch jene an, die ihren Romanen weniger abgewinnen können. Während allseits das Aussterben der öffentlichen Intellektuellen beklagt wird, hat sie keinerlei Scheu, ihre literarische Bekanntheit in die politische Arena zu werfen. Früher warnte sie vor digitaler Überwachung oder legte Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass ein, zuletzt forderte sie eine kritische Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen und mehr Offenheit für Verhandlungen mit Russland. Seit 2019 ist sie ehrenamtliche Verfassungsrichterin in Brandenburg.

    Gefragte Gesprächspartnerin der Politik: Juli Zeh mit dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz im Januar 2024
    Gefragte Gesprächspartnerin der Politik: Juli Zeh mit dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz im Januar 2024. – Foto: dpa

    Immer wieder wird Zeh zu Talkshows und Podiumsdiskussionen eingeladen, um bei solchen und anderen Themen die Perspektive der Landbevölkerung zu vertreten. Lieber wäre ihr, sagt sie, man fragte die alteingesessenen Dorfbewohner selbst. Doch auch ihr Blick auf das politische Geschehen habe sich durch den Umzug aufs Land um 180 Grad gedreht: „Ich hätte früher selbst nicht für möglich gehalten, was ich heute sage.“

    Den Unterschied zwischen Großstadt und Provinz hält sie für den eigentlichen „clash of civilizations“ unserer Zeit: „Jemand, der in Berlin lebt, hat mit jemandem in Tokio heute doch viel mehr gemeinsam als mit jemandem in einem ostdeutschen Dorf.“ In Politik und Medien werde aber häufig nur der eine, urbane Teil berücksichtigt.„Das Menschenbild der Politiker ist irreal“

    Ein jüngstes Beispiel, das Zeh sichtlich erbost: die Krankschreibung vom ersten Tag an. „Wo soll man hier auf dem Land denn bitte so schnell einen Arzt hernehmen?“ Die meisten Menschen hätten gar keinen Hausarzt mehr, weil die verbliebenen Praxen niemanden mehr annähmen. Und wenn doch, seien diese „scheiße weit weg“ und die Leute deshalb ein weiteres Mal auf das eigene Auto angewiesen. „Der Fall zeigt wieder einmal, dass die Politiker von einem Menschenbild ausgehen, das vollkommen irreal ist.“

    Hier kommt der Bus nur selten: Haltestelle in Zehs Dorf
    Hier kommt der Bus nur selten: Haltestelle in Zehs Dorf. – Foto: Andreas Pein

    Für Zeh braucht es stattdessen ein „riesiges Infrastrukturprogramm“, nicht nur für Dörfer, sondern auch für Klein- und Vorstädte. Schulen und der öffentliche Nahverkehr müssten ausgebaut werden, Arztpraxen und Krankenhäuser wieder überall in Reichweite sein. Den Einwand, dass der Rückbau dieser Infrastruktur eine logische Folge jahrzehntelanger Landflucht sei, will sie nicht gelten lassen: „Das ist öffentliche Daseinsvorsorge! Da kann es nicht nur darum gehen, was rentabel und effizient ist.“

    Und die Finanzierung? „Wenn man Hunderte Milliarden für Verteidigung ausgibt, fragen die Leute erst recht, warum es hier keinen Schulbus gibt.“ Auch das beschlossene Sondervermögen Infrastruktur sei keine große Hilfe, da gehe es vor allem um Straßen- und Brückensanierung – wenn die Mittel nicht ohnehin verwendet würden, um Haushaltslöcher zu schließen.„Rassistische Einstellungen entstehen aus Verteilungskämpfen“

    Trotz solcher urlinker Forderungen ist Zeh, seit 2017 SPD-Mitglied, vielen Linken inzwischen ein Dorn im Auge. Schon seit der einfühlsamen Darstellung des „Dorf-Nazis“ Gote in „Über Menschen“ gilt sie manchen als „AfD-Versteherin“. Gegenüber der „taz“ bekundete sie vor ein paar Monaten, sie sei „kein Fan“ der Brandmauer, weil die AfD davon erwiesenermaßen nicht kleingehalten werde. „Anders, als immer mal wieder berichtet wird“, sei der durchschnittliche AfD-Wähler außerdem kein Rechtsradikaler, sondern einfach „extrem unzufrieden“. Sie muss es wissen, könnte man sagen: 54 Prozent erreichte die Partei bei der jüngsten Bundestagswahl in ihrem Dorf.

    Straße in Zehs Dorf: Hier erreichte die AfD zuletzt 54 Prozent.
    Straße in Zehs Dorf: Hier erreichte die AfD zuletzt 54 Prozent. – Foto: Andreas Pein

    An diesem Nachmittag möchte Zeh nicht allzu viel über die AfD sprechen, das hatte sie schon im Vorfeld geschrieben: Sie werde „inzwischen regelrecht wütend über die immergleichen Fragen, die meistens völlig falsche Annahmen“ voraussetzten. Als wir doch auf das Thema kommen, wehrt sie sich dagegen, die Wahl der AfD in erster Linie als charakterliche Fehlleistung zu betrachten, nach dem Motto: „Ihr seid ja alles Arschlöcher, man sollte euch zum Mond schießen, dann würde es dem Land wieder gut gehen.“ Rassistische Einstellungen würden durch Verteilungskämpfe bedingt oder verstärkt, moralische Überheblichkeit helfe da nicht weiter. Zugleich betont sie, dass sie die AfD für „Mist“ halte: „Jedem, der die wählt, würde ich sagen: ,Du hast ja gar nichts verstanden.‘“Auch als Bundespräsidentin schon im Gespräch

    Als ostdeutsche Landbewohnerin, die in der westdeutschen Großstadt sozialisiert wurde, und als Sozialdemokratin, die Verständnis für AfD-Wähler mitbringt, bewegt Zeh sich zwischen den gesamtgesellschaftlichen Lagern. Ob sie deshalb eine gute Bundespräsidentin wäre, wie zuletzt das „Hamburger Abendblatt“ meinte? Zeh macht keinen Hehl daraus, dass sie sich für geeignet hielte, auch wenn sie aus Rücksicht auf ihre Kinder derzeit nicht antreten will.

    Wenn sie beschreibt, welch eine Persönlichkeit es im Amt bräuchte, meint man fast, eine Selbstbeschreibung zu hören: „jemand, der zwischen den Stühlen sitzt; jemand, der überzeugter Demokrat ist, aber ungecoacht daherkommt; jemand, der komplett zum System steht, aber unter den Bedingungen der Gegenwart, nicht der Sechzigerjahre“.

    Zwischen den Lagern zu stehen, das wird hingegen auch deutlich, heißt für Zeh nicht, nach einem ausgiebigen „einerseits … andererseits“ eine versöhnliche Kompromissformel zu finden. Stattdessen tritt sie entschieden für diejenige Position ein, die sie jeweils für richtig oder für unterrepräsentiert hält. Wenn sie dabei die „Vorstufe eines Bürgerkriegs“ zu erkennen meint oder in drastischer Sprache den Neoliberalismus geißelt, fragt man sich bisweilen, ob ihre Emphase rhetorisches Mittel ist oder ob sie wirklich glaubt, dass nur scharfe und schärfste Worte die Gegenwart noch adäquat beschreiben.

    Die Warnung vor dem Bürgerkrieg zum Beispiel – hat sie die wirklich ernst gemeint? Es ist spät geworden, Zeh steht in der Terrassentür und zieht an ihrer Zigarette. Sie wolle immer optimistisch in die Zukunft blicken, sagt sie dann. Aber die USA seien bürgerkriegsähnlichen Zuständen jetzt schon ziemlich nahe. Was dort passiere, komme in Deutschland meist mit Verzögerung an. Und die Geschichte zeige: „Wenn es zum Bürgerkrieg kommt, dann zwischen Zentrum und Peripherie.“
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    Jannis Koltermann Jannis Koltermann ist Redakteur im Feuilleton der F.A.Z.

    Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, online am 28. Juli 2026 um 06:31 Uhr

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  4. Avatar von Kurt C. Hose Kurt C. Hose sagt:

    A u s · d e r · K r i e g s s c h u l e · d e s · L e b e n s . — Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

    Nietzsche, Friedrich (1889): „Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt“. In ders. (1980): Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden (KSA, zweite Auflage 1988). Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München / Berlin. Hier: „Sprüche und Pfeile“, KSA 6, S. 60, Nr. 8f.

    Eine ähnliche Verallgemeinerung des Grundgedankens der Homöopathie, Gleiches durch Gleiches zu kurieren, findet sich in einer Notiz von Friedrich Hebbel aus dem Jahr 1839: „Geister heilen sich am Ende auch homöopathisch; was Einen krank macht, muß ihn wieder gesund machen und die Krankheit ist nur ein Uebergang zur Gesundheit.“

    Hebbel, Friedrich (1903): Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, besorgt von Richard Maria Werner. Berlin. Zweite Abteilung: Tagebücher, Bd. 1: 1835–1839, S. 416, Nr. 1852.

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  5. Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

    straßen haben noch nie staus verhindert. neue straßen bringen zusätzlich immer mehr verkehr. wer will das? warum immer mehr lärm und gestank akzeptieren? kluge politik könnte es verhindern. lobbyisten werden es nicht tun.

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  6. Die dicke Autobahn, verstehe ich Sie richtig, lieber Herr Jenckel, nicht die schlanke Umgehungsstaße ist die Lösung? Hat hier der Pragmatismus zugunsten des Sozialen über die Bedenken zum Vorteil der Natur in Ihren Gedanken einen Sieg errungen? Ist das gleichsam eine Elbbrücke ins reale statt ins ideale Leben?

    À propos „du temps perdu“, ich bin neulich von Bienenbüttel kommend am Gasthof Scherer vorbeigefahren (➝ https://blog-jj.com/2020/12/22/mauschis-universum/). Dort haben Jürgen Sallier (∧), Felix und Max Manzke (M) sowie Stefan Gropp und Frank Möller (GMA) ihren Claim seit vier Jahren in Signalfarben plakatiert. Können Sie diese schwerreichen Männer nicht dazu bewegen, ein halbes Hundertstel ihres jährlichen Unternehmensgewinns (nach Steuern) in einen Stifterfonds zu überführen, dessen Erträge allein dem Erhalt und der Ausstattung von Lüneburgs Theatern dient? Vielleicht bieten Sie als gutmütige Gegenleistung an, sich am Startmorgen des Abrissbirnenschwingens vor dem wohl bekanntesten Wahrzeichen Melbecks aus dem 20. Jahrhundert als letzter Angehöriger, der zugleich Zeuge einer großen (einer schrecklichen und einer schönen) Zeit ist, fotografieren und das Lichtbildresultat zu Marketingzwecken ins Foyer des neuen, atemberaubend gestalteten, romantisch am Naturstrom der B4 gelegenen Gewerbe- und Wohnkomplexes hängen zu lassen?

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    • Avatar von Klaus Bruns Klaus Bruns sagt:

      weniger verkehr ist unsere zukunft und nicht mehr versiegelung durch straßen.

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    • JJ oben:

      Meine Tante Mauschi im Lindenhof, da tagte der Rat, fürchtete die Umgehung wie der Teufel das Weihwasser. Die B4 versprach viele Gäste.

      Müssten es dann heute nicht täglich Tausende sein? Wie erklärt sich der Niedergang der Melbecker Gast- und Bewirtungsbetriebsamkeit? Sollte das ertwas mit dem Unterschied von Quantität und Qualität zu tun haben? Können Lüneburgs Wahlkampfhelden, besonder die von der CDU, der SPD, der FDP und der von „Die Unabhängigen“ aus dieser Entwicklung etwas über ihre abergläubische Anbetung der Touristenzahlen in der Hansestadt lernen? Zu JottJotts mysteriöser Auskunft gibt es einen erläuternden Dialog aus dem Dezember 2020:

      Karsten Klüver
      Ein toller Bericht mit schönen Erinnerungen..!
      Sowas wird es nie wieder geben!

      Vor 5 Jahren

      Andree Werder
      Mauschi Scherer war eine charismatische Größe im Dorf. So groß, dass sie die Umgehungsstraße verhindern konnte. Natürlich dachte sie dabei an die Existenz ihres Gasthauses. Eine Entwicklung, an der die Einwohner noch Jahrzehnte später, bis heute leiden!

      Vor 5 Jahren

      Hans-Herbert Jenckel
      Andree Werder, ganz so groß war Tante Lilli auch wieder nicht und auch nicht so schuldig. Das war aus der kleinen Melbecker Brille erinnert. Am Ende war das eine Frage von anderem Kaliber, denn es ging nicht um einen Gemeindeverbindungsweg, sondern um eine Bundesstraße, also um den Bundesverkehrswegeplan, um die Stellungnahmen von Gemeinde, Landkreis und Land. Aber dass ihr die Umgehungsstraße schwer im Magen lag, daran kann ich mich gut erinnern. Damals allerdings wollten die Melbecker allgemein, also namentlich der Rat, dass die Straße weiter durch den Ort führt. Und die Entschädigungen wurden gerne genommen für ein paar Quadratmeter Land, die man abgab. Fahren Sie nach Dahlenburg oder Kirchweyhe, da können Sie Fluch und Segen einer Umgehungsstraße erforschen. Lg jj

      Vor 5 Jahren

      Andree Werder
      Hans-Herbert Jenckel, genau, der Rat entschied, dass die Bundesstraße weiter durch den Ort verläuft. Viele Bürger waren allerdings für die Ortsumgehung. Sie ahnten bereits, dass vom zunehmenden Verkehr, ebenso wie von den Entschädigungszahlungen nur ganz wenige profitieren. Einige Melbecker erzählten mir, dass Frau Scherer vor der besagten Ratssitzung einige Entscheidungsträger ganz schön unter Druck gesetzt haben soll, so dass sie zu Wendehälsen wurden. Das ist lange her, wir werden die ganze Wahrheit nicht mehr herausfinden. Zumindest hatte sie als Gastwirtin ein berechtigtes Interesse. Andere wünschten sich eine ruhigere Ortsmitte. Ob Fluch oder Segen, das ist immer Ansichtssache, geprägt von eigenen Interessen. An dieser Stelle, lieber Herr Jenckel, ein großes Lob für Ihren lesenswerten Bericht! LG

      Vor 5 Jahren

      Quelle: facebook, Dezember 2020

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      • Avatar von jj jj sagt:

        Liebe Mareike, mir scheint, du kommst nicht viel rum an der B4, in Jelmstorf, Kirchweyhe und hinter UE in fast jedem Ort an der Strecke nach Braunschweig sind die Dorfkrüge verschwunden. Vielleicht, weil sie nicht mit der Zeit gegangen sind oder weil Döner mal Abwechslung war 😉

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  7. Avatar von Erwin Habisch Erwin Habisch sagt:

    Der Melbecker Gemeinderat Rat hatte nicht nur keinen Mumm, sich für eine Umgehungsstraße einzusetzen. Er hat Jahrzehnte lang im Westen und im Osten neue Bebauungsgebiete ausgewiesen, die eine Umgehungsstraße fast unmöglich machen. Sie wurde im wahrsten Sinn des Wortes verbaut.

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