In Lüneburg grassiert wieder das „Sande-Fieber“

Der Platz Am Sande war schon immer die Projektionsfläche für verkehrspolitische Phantasien.

6. August 2021


Das virulente „Sande-Fieber“ befällt nur Kommunalpolitiker. Es grassiert besonders vor Wahlen. Die letzten epidemischen Ausbrüche in Lüneburg sind 1991 und 1993 in den Annalen verzeichnet. Danach flackerte es immer wieder auf. Meistens erhitzen sich die Gemüter an der Sinnfrage: Bäume oder Busse?

Richtig in Fahrt kam das politische Hickhack um den schönsten Platz Norddeutschlands mit dem sogenannten Verkehrsentwicklungsplan, der 1991 verabschiedet wurde. Er hatte die Bezeichnung „Netzfall 5a min“, was schon zeigt, um wie viele Varianten gerungen wurde.

Der Platz dient schon seit Jahrzehnten als Projektionsfläche für verkehrspolitische Phantasien. Auf den Sande fokussieren sich die Politiker/innen am liebsten bei ihren virtuellen Ausflügen. Aktuell natürlich auch, LZ-Chef Marc Rath hat darüber gerade geschrieben.

Mit Verkehrswende Wahlen gewonnen
Und ich sage mal: nur Mut. Der amtierende Oberbürgermeister Ulrich Mädge hat 1991 gegen jeden Widerstand von Händlern und Autofahrer-Fraktion die Verkehrsberuhigung propagiert und damit Wahlen gewonnen. Dass es nie ganz so geworden ist wie im „Netzfall 5a min“, liegt einfach daran, dass Einsicht das eine ist, Handeln das andere. Und Autos als Status sind eben auch eine Hausmacht. Und wo die Einsicht fehlt, müssen eben doch Verbote her. 

Tatsächlich war der Sande immer ein Verkehrsdrehkreuz. Nur zu Wilhelminischer Zeit wurde in der Mitte eine Akazien-Allee gepflanzt. Sichtschutz für die Giebel sozusagen. Ein Ensemble-Desaster und nur eine Episode.

Die drei großen L
Man sollte den Platz, und das haben ja auch Polit-Protagonisten vor,  mit der viel besungenen Verkehrswende zu einem Mobilitäts-Hotspot unter Giebeln im Grünen aufblasen, mit den drei großen L: Ladestationen, Lasten- und Leihräder. Und vielleicht hier und da ´ne Linde. Vorher aber bitte, bitte den Denkmalschutz fragen. Lüneburg will schließlich gerade mit der Renaissance zum Weltkulturerbe aufsteigen. Und da spielt der Platz mit seinen Giebeln natürlich auch eine große Rolle. 

Der Denkmalschutz litt nämlich beim Umbau des Platzes Anfang de 90er-Jahre offensichtlich an lokaler Amnesie, anders lassen sich die kontrastierenden Buswartehäuschen aus Metall und Glas, die für die Ewigkeit gebaut wurden, zu den historischen Giebeln nicht erklären. Ich empfehle Efeu oder andere Klettergewächse als Begrünung.

Und zur Refinanzierung der Chose, Refinanzierung ist ganz wichtig in der Politik, werden die Ausnahmegenehmigungen fürs Fahren in der Innenstadt teurer. Und wer einmal mit seinem Schlitten über den Platz protzen oder seine Harley röhren lassen will – es hallt so schön laut zwischen den Giebeln – ,der zahlt für dieses Privileg 39.99 Euro. Die Korso-Schaustunden, Publikum ist willkommen, sind immer Freitagabend von 18–19 Uhr. Funktioniert garantiert.

Hans-Herbert Jenckel

Über jj

Journalist, Dipl.-Kaufmann
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4 Antworten zu In Lüneburg grassiert wieder das „Sande-Fieber“

  1. Klaus Bruns sagt:

    Wirklich lustig, alle wollen nur mein bestes. Was ist das wohl? Mein Geld natürlich, was sonst? Ich soll ins Stadtzentrum fahren um dort frische Luft zu atmen, oder was? Es geht eben nichts über Politik , die durchschaubar ist. Und ewig lockt das Weib, von einer Stadt, habe ich dabei noch nie was gehört.

  2. Sander Thomas sagt:

    Zum hundertsten Todesjahr von Johannes Reichenbach, dem zu Ehren 1908 Am Sande ein „Sülfmeisterbrunnen“ mit klarem Bezug auf die Lüneburger Geschichte errichtet wurde, kann ein kurzer beispielhafter Rückblick auf die Geschichte der Verunstaltung des Platzes nicht schaden. Zum Einzug der IHK (firmierte zu dieser Zeit als Gauwirtschaftskammer) 1943 in das dahinter liegende Gebäude (nachdem ein Neubau auf dem erworbenen Grundstück der abgerissenen Synagoge) an mangelnden finanziellen Mitteln gescheitert war, wurde der Brunnen unter Beteiligung von Zwangsarbeitern dort abgerissen. Es war angeblich zwingend notwendig exakt dort einen Löschwasserteich anzulegen, der tatsächlich aber dem privilegierten Schutz der dort (heute : Commerzbank) ebenfalls ansässigen NSDAP-Parteizentrale der Gauhauptstadt Lüneburg und seiner Funktionäre diente. Heute sprudeln dort im Teilbetrieb (warum nur ?) vier von acht Mini-Spritzdüsen, die mangels jeglicher Originalität das Zeug haben, Lüneburgs Bewerbung als „Weltkulturerbe“ allein ad absurdum zu führen.

  3. Detlev Schulz-Hendel sagt:

    Das „Am Sande“ Verkehrsfieber grassiert. Das stimmt wohl. Neu daran ist nur, dass die Kandidatinnen und Kandidaten Heiko Meyer, Pia Steinrücke und Monika Scherff einem längst gestellten Antrag der Grünen im Kreistag aus dem letzten Jahr(da war noch kein Wahlkampf) hinterherlaufen. Die Grünen haben im letzten Jahr bereits die Einrichtung eines Shuttle Service im Innenstadtkern mit kleineren Elektrobussen gefordert. Zunächst einmal ist es ja zu begrüßen, dass nun auch andere die Idee der Grünen toll finden und diese zu unterstützen. Bleibt abzuwarten, was davon nach der Kommunalwahl am 12.09.2021 bei den anderen über bleibt von dem Bekenntnis. Klar ist: Grüne haben mit einem Antrag gehandelt und reden nicht nur mal darüber. Soviel muss trotz aktuellem Wahlkampf gesagt werden dürfen, gehört es doch zur praktischen Wahrheit. Klar ist: der Platz am Sande braucht mehr Platz für Erlebnisräume, kulturellen Angeboten und mehr Platz auch für Familien mit Kindern zum Verweilen.

    • Klaus Bruns sagt:

      Klar ist: der Platz am Sande braucht mehr Platz für Erlebnisräume, kulturellen Angeboten und mehr Platz auch für Familien mit Kindern zum Verweilen.
      Ich lache später. Es geht um das geld , was die stadt , sprich den unternehmern fehlt , um den kängurus es gleich zu machen. nur diese können mit leerem beutel die größten sprünge machen . es wird alles versucht , es ihnen gleich zu machen. nur, es wird nicht gelingen. kängurus zahlen keine steuern.

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