Lüneburg, 19. April
„Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.“ Der Spruch fehlt in keinem Statistikbuch. Bei Kommunalwahlen mit geringer Wahlbeteiligung verkehren Rabulisten die Siege von ihnen missliebigen Kandidaten so mühelos in Niederlagen. Ihre Spekulationsmasse ist die große Schar der Nicht-Wähler. Auch in den LZ-Leserforums-Spalten geschieht das, zum Beispiel, um die Legitimation des Oberbürgermeisters anzuzweifeln oder die unerwünschten Ergebnisse von Bürgerbefragungen. Immer die gleiche Leier: Hätte es auch die Schattenarmee an die Wahlurne geschafft, es wäre anders ausgegangen.
Aktuelles Beispiel ist das Referendum in der Türkei, bei dem auch die Lüneburger Türken aufgerufen waren abzustimmen, und zwar in Hannover. Rund 59 Prozent stimmten dort für Erdogans Präsidial-System, also auch für Todesstrafe und Journalisten-Verfolgung.
Während die einen sagen, die Auslands-Türken hätten dem Präsidenten zum knappen Sieg verholfen. Rechnen andere vor: Tatsächlich seien hierzulande gar nicht so viele für Erdogan gewesen. Denn von den rund drei Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland seien 1,4 Millionen wahlberechtigt gewesen, also mit türkischem Pass. Die Wahlbeteiligung lag bei 46 Prozent. Knapp 400 000 hätten für den Präsidenten gestimmt. Auf 1,4 Millionen gespiegelt doch beruhigend wenig, oder? Nein, erschreckend viele.
Die LZ hat Türken in Lüneburg gefragt, wie sie votiert haben. Eine Antwort gab es nicht. Aus Angst um ihre Familien.
Warum stimmen Menschen in einem freiheitlichen Land wie Deutschland für ein System in ihrer alten Heimat, vor dem sie warnen oder Angst haben und vor dem ihre Verwandten in der Türkei nach ihrer Einschätzung noch mehr Angst haben müssen?
Wer so leichtfertig mit demokratischen Werten umspringt, hat nichts von Freiheit verstanden und wacht auf – der Freiheit beraubt.
Hans-Herbert Jenckel
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