
Lüneburg, 8. Oktober 2022
Auf dem Marienplatz steht ein älterer Herr mit seiner Frau und schaut sich missmutig um: „Warum sollte ich dich hierher einladen?“ Für ihn ist und bleibt das ein guter Parkplatz, der seit Monaten zweckentfremdet wird.
Nüchtern betrachtet, sieht der Platz tatsächlich gerade nicht einladend aus. Dabei hat er Potenzial, mehr zu sein als nur ein Parkplatz. Kaum ein Ort in Lüneburg hat mehr Platz-Charakter, kaum einer gibt den Blick so frei auf den Kämmereiflügel des historischen Rathauses und vor allem auf die Ratsbücherei, eine der ältesten Stadtbüchereien im Land im Speisesaal eines ehemaligen Franziskanerklosters. Dann geht der Blick von diesem prominenten Ort, leicht erhaben, auf die Westliche Altstadt und St. Michaelis, auf die alte Kreissparkasse, die hoffentlich noch wachgeküsst wird, und natürlich auf den ehemaligen Sitz des mittelalterlichen Justiziars der Hansestadt, für viele Millionen restauriert und heute eine der besten Hoteladressen der Stadt. Der Marienplatz hat, was andere Plätze wie zum bei Beispiel im Hanseviertel oder im Ilmenaugarten vermissen lassen, Proportionen, die stimmen.
Das Potenzial aber ist verborgen. Erst war der Marienplatz lange nur Parkplatz, dann zweimal über Monate Klima-Camp. Das sah auch nicht schön aus. Und jetzt ist er seit Monaten eine Versuchsfläche dafür, was auf dem Platz entstehen könnte. Das allerdings ist dem unbefangenen Betrachter nicht auf den ersten und auch nicht auf dem zweiten Blick zu vermitteln.
Statt zwei Wochen ein pralles Programm für diesen „Lieblingsplatz“ anzubieten mit Musik, Kunst und Info-Programm, um den Charme des Ortes zu entfalten, hat das Projekt Zukunftsstadt dort in meinen Augen eine Chance vertan. Der Platz ist meistems verweist. Und mit Chancen ist das wie auf dem Fußballplatz: verwandeln oder ärgern.
Mein Vorschlag zur Güte: Die Versuchsfläche abbauen, ein Drittel für Behinderten- und E-Parkplätze freigeben, bis an der Innenstadt Ersatz angeboten werden kann, und zwei Drittel unter den schattigen Bäumen entsiegeln, begrünen – mit einem kleinen Springbrunnen in der Mitte. Der Rest ergibt sich, wenn erst das Potenzial entfaltet wird.
Ach, ja, da wäre noch die Corona-Test-Station. Die hat natürlich erstmal Vorrang. Aber wenn Corona mal ganz Alltag ist und auch dem letzten klar ist, dass der Wandel der Innenstadt nicht aufzuhalten ist mit mehr Wohnen, mehr kleinen Geschäften, weniger Filialisten in den 1A-Lagen, mit bescheideneren Vermietern und vor allem mit mehr Schattenplätzen im Klimawandel, dann könnte man vielleicht doch einmal über eine zweiten Chance für den Marienplatz sprechen.
Hans-Herbert Jenckel






